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Mangel an Leidenschaft

Dieses Thema im Forum "Radioszene Deutschland" wurde erstellt von DaNixChecka, 19. Februar 2004.

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  1. DaNixChecka

    DaNixChecka Benutzer

    Zufällig bin ich auf diesen Beitrag gestoßen. In der Hoffnung, einigen von Euch noch längere Info-Häppchen zumuten zu können, hier der Text und Link:

    Mangel an Leidenschaft
    ________________________________________

    Martin Böttger

    Mangel an Leidenschaft

    Format-, Info- und Kulturwellen: Die Reform der Radio-Sender soll Hörer am Abschalten hindern

    Was haben die ARD-Kulturprogramme und die Deutsche Bahn gemeinsam? Beide verärgern ihre Stammkunden. So könnte man die aktuell durch die ARD-Radiosender rollende Modernisierungswelle zusammenfassen. Zunächst wurden unter dem Eindruck der Quotenerfolge privater Veranstalter die populären Wellen "formatisiert". Unter diesem Begriff ist zu verstehen, dass jede Welle direkt nach dem Einschalten an der klanglichen "Anmutung" erkennbar sein soll. Dem dienen neben einem verengten Musikkanon, der nicht mehr "aufgelegt", sondern von vorprogrammierten Computerfestplatten automatisch abgespielt wird, regelmäßig eingespielte "Jingles", die gerne auch nervtötend über das laufende Programm geblendet werden. Oberste Regel: es darf keinen Aus- oder Umschaltimpuls geben, also keine extravaganten polarisierenden Stücke oder Stimmen.

    Nach diesen Richtlinien sind mittlerweile in fast jedem ARD-Sender Wellen für die Älteren (Volksmusik und Schlager), die Jüngeren (aktueller Pop) und den Mainstream (aktuelle Infos, weichgespülter Pop, Verkehrsfunk) formatisiert worden. Interessant dabei ist, dass zum Beispiel ein Programm wie die WDR-Jugendwelle 1live, die bei ihrer Gründung radikal verjüngt und aus dem Senderapparat ausgegliedert wurde, sogar die Marktführerschaft in ihrem Sendegebiet eroberte.

    Neuerdings haben alle diese Formatwellen jedoch Identitätsprobleme. Die Älteren von Heute sind mit den Rolling Stones aufgewachsen. Ob die noch Karel Gott hören wollen? Die Gründungsfans der Jugendwellen aus den neunziger Jahren altern ebenfalls, die ganz Jungen dagegen bleiben weg, weil sie andere Medien nutzen. Je belangloser die Radioprogramme werden, umso leichter sind sie austauschbar. In vielen anderen Ländern hat das Fernsehen längst das Radio als Hintergrundrauschen abgelöst.

    Neben den Formatwellen gibt es noch Informationswellen (in der Regel billige Deutschlandfunk-Kopien) und Kulturwellen (Klassik und Information). Die sind in vielen Sendegebieten jüngst unters Messer gekommen. Dabei standen sich in den Sendern meistens folgende Parteien gegenüber: auf der einen Seite Intendanten, Hörfunkdirektoren und Wellenmanager, denen es um ein gut verkaufbares Corporate Design, höhere Einschaltquoten und eine Verjüngung des Publikums geht. Dagegen stehen oft altgediente Redakteure, die einstmals mit inhaltlichen Ansprüchen in ihren Beruf eingestiegen sind, aus den oben beschriebenen Formatwellen abgeschoben wurden (störendes Wortprogramm) und nun verzweifelt und defensiv ihre letzten Reservate zu verteidigen suchten.

    Diese Reservate sind durchaus verteidigenswert. Nur in den Kulturwellen wird Musik noch moderiert und erklärt. Nur hier durften noch für den Inhalt verantwortliche Redakteure ans Mikrofon, mit vielleicht weniger "mikrofontauglichen" Stimmen, aber dafür mehr inhaltlicher Empathie. Nur hier gibt es noch Wortstrecken, die länger als 2:30 sein dürfen und Themen behandeln, die über das Spektrum von Zeitungstitelseiten hinausreichen.

    Die Angreifer von oben haben andere Kriterien: Nachdem sie ihre Formatwellen von inhaltlichem Ballast befreit hatten, waren die Kulturreservate die Wellen mit den wenigsten und ältesten Zuhörern zu den höchsten Kosten. Natürlich wollten sie daran "im Prinzip" nichts ändern, aber ein bisschen eben doch. Dabei könnten sie keine Rücksicht auf Partikularinteressen nehmen, wenn sich zum Beispiel Jazzfans über das Verschwinden von Spezialsendungen beschwerten. Weltmusikfans müssen sich in Berlin, Bremen und NRW mit Funkhaus Europa (das in NRW nur in der Hälfte des Landes empfangbar ist) als abgefunden betrachten. Ganz beiläufig wurde durch scheinbar kosmetische Maßnahmen ein Kostensenkungsprogramm durchgeführt. Der WDR zum Beispiel kürzte mehrere Wortsendungen um kosmetische fünf Minuten, die in der Summe eines Tages aber 30 Minuten, im Monat also eine Honorarsumme von 15 Stunden ausmachen können.

    Wenige Erfolgsprogramme haben die Wellenmanager zu Magazinen aufgebläht. Das kann an der WDR-3-Sendung Mosaik verdeutlicht werden. Sie lief bisher als Kulturmagazin von acht bis neun. Die Spätaufsteher der Kulturszene hatten die Sendung als Pflichtprogramm im Tagesablauf, ein kompaktes gebrauchsfreundliches Angebot. Nun wurde die Sendung, weil ihr Name als Erfolgsmarke gilt, auf ein 3-Stunden-Magazin von 6 bis 9 Uhr ausgedehnt. Damit fällt sie als Pflichtprogramm für Profis aus, denn die haben keine Zeit für drei Stunden Aufmerksamkeit. Das verärgert die Stammkunden. Sie finden keinen "Einschaltpunkt" mehr, weil der Sender "Ausschaltpunkte" (so der Fachjargon) vermeiden will.

    Dennoch sind Plädoyers für das Alte keine Hilfe. Natürlich müssen sich die Programmmacher die Frage stellen, wie sie nicht nur ihre Gemeinde pflegen, sondern auch neue und jüngere Hörer erreichen können. Richtig ist auch, von ihnen ressortübergreifendes Denken und Kooperation über enge Redaktionsgrenzen hinaus zu verlangen. Relativ schnell hätte ein Konsens darüber herstellbar sein müssen, dass kulturelle Information im Wortprogramm nicht zwingend über den ganzen Tag mit einer klassischen Musikfarbe verbunden sein muss. Denn das dürfte der eigentliche Grund ein, warum die Kundschaft solcher Programme schneller alterte als jede Stadttheatergemeinde. Ein Problem ist sicher auch, dass die Inhaber fester Planstellen in den Senderredaktionen selbst mittlerweile ein reifes Alter erreicht haben, eine Verjüngung mangels freier Stellen aber nicht möglich ist.

    Diese Mitarbeiter zu neuem Denken zu veranlassen, das wäre die Managementaufgabe für Intendanten und Hörfunkdirektoren gewesen. Dafür hätten sie ihnen jedoch zuerst die Angst nehmen müssen, ihnen gehe etwas verloren. Das scheint nicht nur nicht gelungen zu sein, das war leider auch nicht gemeint. So ist bei dieser Reform so manches Kind mit dem Bade ausgeschüttet worden. Während das in Berlin immerhin noch für ein leichtes Rauschen und den einen oder anderen "Wutanfall" im Blätterwald gut war, ist es im Westen beim großen WDR unter leisem Grummeln in der Kulturszene einstimmig durch den Rundfunkrat gegangen. Dieser Mangel an Leidenschaft ist vielleicht das ernsteste Alarmzeichen.
     
  2. RayShapes

    RayShapes Gesperrter Benutzer

    Nach erstem Überfliegen des Artikels kann ich sagen, dass Absatz 5 schlichtweg falsch ist. Vielleicht trifft das nur auf die, hier oft zitierten WDR-Programme zu?
     
  3. Radiokult

    Radiokult Benutzer

    Nach einem kurzem überfliegen des Artikels stelle ich mir mal wieder die Frage warum hier in aller Regel der Begriff "Kultur" auf Klassik und Wortprogramme reduziert wird ? ....


    Wie Ray schon sagte, absoluter Blödsinn !
    Gegenbeweis: Radio Eins (rbb) hören ! Das Programm gilt ja nun nicht unbedingt als Kulturprogramm.
    Mich würde vielmehr interessieren wie wir überhaupt dieses (grauenhafte) Wort "Kulturradio" in Zukunft definieren wollen (und wie wir es bisher definiert haben). Was ist denn nun alles Kultur und was ist "billiger Schund" ?
    Wenn diverse Betreiber solcher Kultur-/Klassikwellen ihre Definitionen des Programmmes mal nicht ganz so eng sehen würden könnte man vermutlich auch mehr Zuhörer gewinnen.
    Ein Programm "aufpeppen" (im Sinne von mehr Vielfalt verpassen) muß nicht immer heißen das man es "verjüngt".
     
  4. berlinreporter

    berlinreporter Benutzer

    In der Tat nimmt es der Autor mit einigen Fakten nicht so genau - warum man beispielsweise auf Multikulti in Berlin keine Weltmusik hören soll, ist mir jedenfalls nicht ganz klar.

    Aber eins hat der Autor sehr interessant herausgearbeitet - dass nämlich die Chefetagen zu selten auf die Idee kommen, ihre vorhandenen Ressourcen (sprich Fachleute) auf den Weg zur Weiterentwicklung zu komplimentieren. Austauschen ist eben einfacher - führt aber im Endeffekt zu einem Verlust an Wissen und Fähigkeit und damit an Qualität.
     
  5. Sachsenradio2

    Sachsenradio2 Benutzer

    Definition "Kultur"

    Nachdem hier schon zum 2. Mal das Thema Kulturradio zur Sprache kommt, möchte ich einmal präsentieren, was der Duden (ja St.Reutlinger, der DUDEN!:D ) dazu schreibt:

    Kultur: 1. Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes
    2. feine Lebensart, Erziehung und Bildung


    Sucht euch eine der beiden Definitionen aus und spiegelt das auf das Radio wieder. Meiner Meinung nach wäre daraus resultierend, vor allem aus Punkt 1, Radio 1 ein Kulturradio. Ob Programme wie NDR Kultur dies erfüllen, dazu möchte ich mich mangels Eindrücken nicht äußern.
     
  6. berlinreporter

    berlinreporter Benutzer

    Re: Definition "Kultur"

    Das ist der Beweis: Auch Kübelbröckchen ist Kultur! [SIZE=1](bin kurz weg - muss ein paar Bröckchen in den Kübel tun)[/SIZE]
     
  7. Sachsenradio2

    Sachsenradio2 Benutzer

    Tja, das Leben ist manchmal hart... :rolleyes:
     
  8. der beobachter

    der beobachter Benutzer

    Entweder lehnen wir es ab, Kübis Produkte als "geistige und künstlerische Lebensäußerungen" zu verstehen oder Trash wird Kultur weil, die Gemeinschaft es hören will. Zu der ich dann aber nicht gehöre... db
     
  9. Ashdown

    Ashdown Gesperrter Benutzer

    leidenschaft und radio? bis wann das denn?
     
  10. Radiokult

    Radiokult Benutzer

    vielleicht könnte man sich ja darauf einigen, das die Kübelböckschen Ergüsse eine Form von Kultur sind, wenn auch eine eher reichlich minderwertige ... unterm Strich hat auch er eine Anhängerschaft und damit seine Berechtigung, ob das nun gut oder schlecht ist laße ich mal dahingestellt, da ich davon ausgehe, das nach Kübelböck in spätestens einem halben Jahr sowieso keiner mehr kräht (siehe Slatko)

    Und damit nochmal: Wo setzen wir die Messlatte an ? Was gehört (radiotechnisch betrachtet) in ein "Kulturprogramm" ? Klassikwelle im weitesten Sinne oder doch eher Programme wie Radio Eins, welches im Grunde eigentlich nichts weiter ist als eine Mischung zwischen "Dudelfunk" und dem herkömmlichen Kulturradio, sich dabei aber einen Anspruch an sich selbst und an die Hörerschaft bewahrt hat.
     

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