1. Diese Seite verwendet Cookies. Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies. Weitere Informationen

Röslers Taz-Interview

Dieses Thema im Forum "Auszeit" wurde erstellt von Mannis Fan, 11. September 2013.

Status des Themas:
Es sind keine weiteren Antworten möglich.
  1. Mannis Fan

    Mannis Fan Benutzer

    Philip Rösler hat der TAZ ein Interview gegeben und dann keine einzige seiner Antworten zum Abdruck freigegeben. Die Taz hat daraufhin nur die Fragen abgedruckt und statt der fehlenden Antworten nur Pünktchen.
    Jetzt wird gestritten: Ein Affront von Rösler oder ein Regelverstoß dert Taz.

    Die taz selbst hat einen Blog dazu geschaltet. Hier:

    http://blogs.taz.de/hausblog/2013/09/09/philipp-roesler-fragen-und-keine-antworten/

    Schöne Gelegenheit, um mal hier über Interviewspielregeln und Freigabe- bzw. Autorisierungsansprüche von Interviewten zu diskutieren. Ist ja auch fürs Radio ein Thema, wenns darum geht, Interviews zu schneiden.
     
    Zuletzt bearbeitet: 11. September 2013
  2. McCavity

    McCavity Benutzer

    Dieses Schwert ist m.E. nicht nur zwei- sondern vielschneidig. Zunächste einmal gefällt mir sehr gut, wie die TAZ mit der Kritik umgeht: sie rechtfertigt ihre Sichtweise, veröffentlicht aber aber auch sehr kritische Kommentare und arbeitet das Thema in mehreren weiterführenden Beiträgen auf (einfach mal den Links folgen und - wo frei geschaltet - die kommentare zu den Beiträgen lesen.

    Die Schwierigkeit der Sache an sich ist in meinen Augen, daß es hier sehr viele - passend neoliberal und neudeutsch - "Stakeholder" gibt, die in einen Interessenkonflikt geraten. Herr Rösler, die FDP, die interviewenden Journalisten, die TAZ und nicht zuletzt die vielschichtige Öffentlichkeit haben ganz eigene Interessen an diesem Interview. Das ist ein gutes Beispiel dafür, daß ein "Interessenausgleich" eben nicht immer herbeiführbar ist, denn bei dieser Fülle von Partikulariniteressen wird es am Schluß keinen Konsens geben können.

    Deshalb halte ich die Frage nach den Regeln für sehr bedeutsam. In der Stellungnahme der Chefredakteurin der TAZ, Ines Pohl, steht zum Beispiel:

    Im verlinkte Artikel noch konkreter:

    Ich bin journalistischer Laie, deshalb sei mir hier die Frage gestattet: gibt es da tatsächlich verbindliche Regeln? Das Schlüsselwort "Usus" läßt eigentlich eher auf eine de facto als auf eine de jure Regelung schließen und auch die weiteren Ausführungen legen nahe, daß diese Spielregelung durchaus einigen Interpretationsraum lassen.

    Das wäre für mich dann auch des Pudels Kern, den ich am Anfang bereits erwähnte: Kann man überhaupt eine verbindliche Übereinkunft treffen, wie man mit so einem komplexen und emotionalen Themenfeld umgehen kann? Mir zeigt diese Episode vor allem eines: daß auch der Versuch, mit Fingerspitzengefühl an eine kontroverse Sache heranzugehen, völlig anders verstanden werden kann. Das positivste für mich ist an der Geschichte der offene Umgang damit seitens der TAZ: sie stellt sich der Diskussion und nimmt hauch heftige Kritik darin in Kauf. Daß die FDP nicht so offen damit umgeht, kann ich allerdings ebenso verstehen, weil es für sie - im Gegensatz zur TAZ - zu diesem Zeitpunkt um richtig etwas geht, nämlich letztlich um Wählerstimmen und die Frage ob sie es in die Parlamente schaffen, oder nicht.

    Insofern lautet mein Fazit: ich halte das Interview der TAZ für legitim, aber angesichts des Wahlkampfes den Termin für unglücklich gewählt. Alltagsrassismus ist kein alleiniges Problem der FDP, sondern durchdringt die gesamte Gesellschaft. Daß man das thematisieren kann und muß steht für mich außer Frage, aber an kontroversen Themen hätte es für den Wirtschaftsminister zu diesem Zeitpunkt sicherlich nicht gefehlt, wie zum Beispiel Fracking oder Fragen zum Euro. Das Rassismus Thema hätte man - Herrn Röslers Zustimmung vorausgesetzt - zu einem Zeitpunkt nach der Wahl sicherlich aufgreifen können, eingebettet in eine breitere Diskussion, die sich nicht allein um eine Person dreht.

    Allerdings muß sich die FDP fragen lassen, weshalb sie einem Interview zu diesem Thema zunächst zustimmt, um später einen kompletten Rückzieher zu machen. Noch einmal: ich weiß nicht, ob es hier tatsächlich nachprüfbare Spielregeln gibt und / oder wie verbindlich diese sind. Rein von meinem Gefühl her sage ich, daß die FDP wahrscheinlich besser daran getan hätte, auf das Interview von vornherein zu verzichten oder es zumindest auf einen Zeitpunkt nach den Wahlen zu verschieben, da ich meine, daß die Verantwortlichen dort durchaus hätten ahnen können, in welche Richtung das gehen würde. Ich halte ihnen zugute, daß sie vermutlich die konkreten Fragen vorher nicht kannten, aber das Risiko, daß solche Fragen kommen werden, hätten sie m.E. durchaus erkennen können. Insofern bleibt ein ungutes "Geschmäckle", daß man seitens der Verantwortlichen der FDP auf positive Werbung für sich hoffte, dies nicht bestätigt fand und daher die nunmehr unliebsame Mitteilung zu unterdrücken sucht.

    Wie ich das letztlich werte, kann ich in diesem konkreten Fall gar nicht sagen, da ich von keiner Seite die wahren Beweggründe kenne. Ich kann mich daher auf die bequeme Position zurückziehen, daß ich den Vorgang nach beiden Seiten hin mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis nehme und mich bestätigt sehe, daß zwischen zwei Extremen (TAZ hat recht und FDP hat recht) unheimlich viele Abstufungen existieren... denn in diesem Punkt möchte Herrn Brüderle (wird in den Artikeln irgendwo erwähnt) gerne widersprechen: Die Frage nach der Eiche und dem Bambus sehe ich keinesfalls als für eine Seite entschieden, sondern beide haben ihre Berechtigung und ihre ganz eigenen Vor- und Nachteile. Deshalb sind ja auch beide Pflanzen sehr erfolgreich. Was auf den ersten Blick wie ein Gegensatz aussieht, entpuppt sich öfter als man denkt als zwei unterschiedliche, aber doch gleichwertige Aspekte derselben Sache. Und genau das trifft, in meinen Augen, auf die diesem Faden zugrunde liegende Geschichte zu: Es gibt durchaus "harte" Fakten (die man mit der Eiche symbolisieren könnte) wie die Notwendigkeit, Alltagsrassismus zu thematisieren (noch einmal: man kann die Person Röslers hier zwar als Einstieg nutzen, die eigentliche Debatte muß aber viel breiter sein). Es gibt aber genauso "flexible" Fakten (der sich im Wind biegende Bambus), wie den gewählten Zeitpunkt. Beide haben meiner Meinung nach durchaus gleichwertige Berechtigung.

    LG

    McCavity
     
    OnkelOtto gefällt das.
  3. Hinhörer

    Hinhörer Benutzer

    Gute Idee! Ich halte den Usus der nachträglichen Autorisierung in Deutschland (und nur hier!) für eine Seuche. Hin und wieder führte das schon zu Konflikten, wenn ausländische Journalisten sich daran nicht hielten und die deutschen Politiker dann pikiert waren. Aufschlußreich finde ich den entsprechenden Abschnitt auf der Website des Vereins der ausländischen Presse in Deutschland (unter Beitritt und Tips):

    Auf deutsch:
    Auf englisch:
     
  4. Mannis Fan

    Mannis Fan Benutzer

    Sinn und Zweck das "Autorisierens" ist es ja, sicherzustellen, dass ein abgedrucktes oder gesendetes Interview nicht anschließend dementiert werden kann.
    Der Prozess ist hingegen nicht dazu gedacht, es sich nach dem Gespräch noch mal anders zu überlegen und Dinge nicht gesagt haben zu wollen.
    Das haben nur die meisten deutschen Politiker und (erst Recht) Wirtschaftsbosse und (ganz peinlich) Showstars/Künstler bis heute nicht begriffen.
    Da sind wir dann sofort wieder beim genialen Medium Radio: Mach ein Life-Interview und Du hast den Gesprächspartner an der Angel. Das ist die Königsdisziplin für den Journalisten, das ist die Herausforderung und Chance für den Gesprächspartner und das ist das ehrlichste Angebot für den Hörer. Er kann sich nämlich anschließend selbst seine Meinung bilden.
     
    stefan kramerowski und Radiokult gefällt das.
  5. Hinhörer

    Hinhörer Benutzer

    Das kann man aber auch anders hinbekommen, am einfachsten durch eine Aufzeichnung des Gesagten, mit der man bei Bedarf klären kann, ob das Gedruckte dem Gesagten entsprach. So sichern sich meines Wissens die Journalisten im englischsprachigen Raum ab, wo es, wie gesagt, den Usus des Autorisierens nicht gibt. Insofern überzeugt mich das Argument nicht.
    Das Procedere lädt aber, so, wie es ist, genau dazu ein. Daher meine Ablehnung.

    Dem letzten Absatz aber kann ich zu 100 Prozent zustimmen.
     
    stefan kramerowski gefällt das.
  6. HeavyRotation25

    HeavyRotation25 Benutzer

  7. Mannis Fan

    Mannis Fan Benutzer

    Was die taz wollte oder nicht wollte, interessiert mich nicht wirklich. Es ist davon auszugehen, dass sie ein vorgefertigtes Bild hatte und das Interview tendenziös werden würde, so wie wir es von der taz gewohnt sind. Das hätten aber auch Rösler und seine Leute wissen müssen, denn man weiß ja wer die taz ist und wo sie steht.
    Mich interessiert an dem Vorgang lediglich der Prozess des Autorisierens bzw. Nichtautorisierens. Ist es wirklich "fairer Umgang", wenn man einem Interviwpartner das Interview zur Autorisierung vorlegt? Und erst Recht, ist es "fair", wenn ein Interviewpartner dann im Nachgang ganze Passagen streicht oder nicht freigibt, weil er die Wirkung erkennt? Ich meine nein. Da sind die angelsächsischen Medien in der Tat ein ganzes Stück souveräner als unsere hiesigen katzbuckelnden, kniefälligen Schönwetterjournalisten im Investigativ-Mäntelchen.
    Und die hiesigen Politiker? Denen würde ich keinen Vorwurf machen. Die machen sich die Medien nun mal so handzahm, wie diese es sich gefallen lassen, bzw. freiwillig anbieten. Da würde ich als Politiker auch Gebrauch davon machen.
     
    Zuletzt bearbeitet: 13. September 2013
    stefan kramerowski gefällt das.

Status des Themas:
Es sind keine weiteren Antworten möglich.

Diese Seite empfehlen