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Warum gibt es keine Quotenbox fürs Radio?

Dieses Thema im Forum "Radioszene Deutschland" wurde erstellt von SH1977, 04. August 2012.

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  1. SH1977

    SH1977 Benutzer

    Warum begründet dich der Wert einer ganzen Branche auf so einer ungenauen, statistischen Erhebung wie der MA?
    Ich finde alleine, dass ist schon Grund genug warum UKW ausstirbt (lang lang langfristig).
    Der Erfolg lässt sich nicht messen.
    Online sieht das Ganze schon wieder anders aus.

    Was meint ihr?
     
  2. TS2010

    TS2010 Benutzer

    Das erschließt sich mir nicht, vor allem, weil derzeit nichts darauf hinweist, dass es so kommen wird.

    Warum gibt es keine Quotenbox fürs Radio?

    Weil die 60.000 CATI-Interviews anscheinend immer noch genau und günstig genug sind. In den USA und in der Schweiz werden ja die PPMs (passive people meters) und Mediawatch-Systeme verwendet, die die Umgebungsgeräusche aufzeichnen. Sicherlich wären die Zahlen noch genauer und man könnte angesichts einer minutengenauen Messung möglicherweise ganz neue Erkentnisse über den Radiokonsum gewinnen. Andererseits ist eine tagesaktuelle Messung nicht unbedingt notwendig, denn im Programmschema tut sich bei den meisten Radiosendern ohnehin recht wenig.

    Das PPM-System hat durchaus seine Tücken, um hier mal auf ein paar Dinge einzugehen:

    1. Das Gerät muss bewegt und getragen (außen an der Kleidung befestigt) werden, damit eine Messung stattfindet (es gibt genügend Jobs, bei denen das Tragen eines solchen Gerätes nicht praktikabel ist).

    2. Der Proband muss daran denken, dass Gerät nachts einzudocken, damit die Daten gesendet werden.

    3. Die Messung greift stark in den Lebensalltag der Probanden ein (das Gerät muss jeden Tag mindestens acht Stunden aktiv sein) – jeder, der schon mal regelmäßiger Teilnehmer an einer solchen Mafo-Studie war, weiß, wie lästig und wie ungenau die Messungen mit der Zeit werden. Einige Probanden hängen ihre Geräte einfach an einen Ventilator und Mütter tragen die Geräte ihrer Kinder, damit sie die Belohnung (bis zu $ 1000 pro Monat!) für die Teilnahme erhalten. In Großbritannien verabschiedete man sich von der Methodik: "Ultimately, we had to concede that the methodology was measuring people’s interaction with the methodology itself, and not with the media we were supposed to be measuring."

    Dieser Blogbeitrag fasst es gut zusammen:

    4. Mit einem PPM wird nicht aufgezeichnet, ob ein Hörer bloß in Kontakt mit einer Audioquelle gekommen ist oder ob er sie auch tatsächlich bewusst gehört hat. In den USA war zu beobachten, dass in vielen Märkten nach der Einführung von PPM die Hörerzahlen gestiegen sind. Hey, das ist ja wie bei der MA: Es gibt nur Gewinner!

    5. Auch bei der PPM-Messung sind weiterhin kurzfristige Ausschläge nach unten und nach oben möglich, Trends lassen sich auch bei Arbitron erst nach vielen Erhebungswellen feststellen und können sich auch dort ebenso schnell verflüchtigen wie wir das bei der deutschen Radio-MA kennen. Die PPM-Messungen sind mitnichten zuverlässiger als die Tagebucheinträge, die vor allem in kleineren Märkten auch heute noch durchgeführt werden (Beitrag hier):


    Ich denke, das sollten Gründe genug sein, warum diese passive Erhebungsmethode in Deutschland nicht eingeführt wird.
     
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  3. Cart

    Cart Benutzer

    @TS2010: Danke! Das war doch mal ein vernünftiger und fundierter Beitrag.
     
  4. ricochet

    ricochet Benutzer

    Sicher hat auch die PPM-Messung ihre Schwächen, doch liefert sie zumindest objektivierbare Daten, die man nicht ohne weiteres manipulieren kann. Die PPM-Methode war als Versuch einer möglichst exakten Datenerhebung konzipiert, die möglichst wirklichkeitsnahe Zahlen liefern soll und wurde anfangs zu Verifikationszwecken ergänzend zur ohnehin schon sehr aussagekräftigen Tagebuchmethode eingesetzt. Alle Erfahrungen lehren, dass die tägliche Nutzungsdauer bei den PPM-Erhebungen gegenüber der Diary-Methode erheblich sank, was ein wesentlicher Grund dafür sein dürfte, weshalb sich die deutschen Radiogesellschafter nicht so recht dafür erwärmen können. Die Marktanteile glichen sich aber bei beiden Verfahren so stark, dass man nach und nach zur PPM-Methode überging.

    In Deutschland hält man lieber an einem mängelbehafteten System fest, obwohl man z.B. genausogut die Diary-Methode einsetzen könnte, die sich an streng soziologischen Vorauswahlkriterien orientiert. Doch die Radiowerbung scheint für die Wirtschaft nicht mehr wichtig genug zu sein, um eine stringente Methode mit einem wirklich nachvollziehbaren Prozedere einzufordern. Die Markenartikler verteilen ihr Werbebudget vor allem auf die wenigen reichweitenstarken Sender, die schon aufgrund ihrer technischen Verfügbarkeit "unentrinnbar" sind. Die weitere Aufteilung des Werbekuchens ist letztlich eine Domäne der Mediaagenturen, sodass kaum noch ein Außenstehender nach der Relevanz der MA-Ergebnisse fragen wird.
     
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  5. TS2010

    TS2010 Benutzer

    Richtig, die Hördauer ging in den USA um 30 % in den Keller, wobei Arbitron selbst darauf hinweist, dass sich nur die Erhebungsmethode geändert habe, nicht jedoch die tatsächliche Hördauer. Arbitron tut so, als ob PPM und Tagebüchern verschiedene Einheiten wären, die aber die gleiche Nutzung ausdrücken, d. h. 70 Meter Rating Points sind ebenso viel wert wie 100 Diary Rating Points. Dazu gibt es von Arbitron für jeden PPM-Markt umständliche Konvertierungstabellen, zusammen mit diesem schönen Hinweis: "PPM ratings are based on audience estimates and are the opinion of Arbitron and should not be relied on for precise accuracy or precise representativeness of a demographic or radio market.". Daraus schließe ich, dass die PPM-Methode auch nicht akkurater ist als die aktive Abfrage über Tagebücher oder Telefoninterviews. Es wundert mich auch nicht, dass die Hördauer nachlässt, wenn man das Gerät die ganze Zeit mit sich herumtragen muss. Das wird niemand machen und erklärt auch, warum die TSL-Zahlen derart fallen (TSL = time spent listening). Das pagerähnliche PPM aus den USA ist echt unpraktisch, da ist die Armbanduhr in der Schweiz schon besser. Generell frage ich mich bei den passiven Messgeräten auch, ob die Identifizierung der Stationen vs. andere Audioquellen wirklich funktioniert und wie man vom Gerät wahrgenommene Audioquellen von bewusstem Zuhören trennen will. Laut der RAJAR (der Verband, der in Großbritannien für die Nutzungserfassung zuständig ist) konnten die PPM gerade einmal 59 % der Audioquellen zuordnen.
    Das PPM-System kann man selbstverständlich bestens manipulieren, sofern man Menschen mit einem solchen Gerät kennt und sie ausreichend für die Nutzung eines bestimmten Senders belohnt. So etwas ist bei den zufällig ausgewählten Probanden in der CATI-Befragung nicht möglich.

    Es stimmt zwar, dass man eine bessere Vorauswahl treffen kann, aber wenn man bei der Tagebuchmethode dann ein Panel hat, führt das letztlich auch zu Ungenauigkeiten bei der Erfassung. Die Leute füllen diese Fragebögen auf Dauer einfach nicht sorgfältig aus, vor allem nicht hier in Deutschland, wo die Mafo-Institute eher knauserig mit ihren Prämien sind. Nun könnte man den Erhebungszeitraum begrenzen, aber dann haben wir immer noch das gleiche Spiel wie bei den jetzigen MA-Erhebungswellen, in denen die Radiosender dann ihre Major Promotions fahren. Oder wir tauschen die Panel-Teilnehmer regelmäßig aus, aber dann hätten wir wieder das gleiche Problem wie bei der CATI-Befragung, bei der die Teilnehmer ja auch jedes Mal neu ausgewählt werden. Letztlich ist die Tagebuchmethode auch mit einem gewissen Aufwand verbunden, insbesondere bei der Auswertung und ggf. durch Stichproben mit einem Interviewer. Die CATI-Befragung wurde auch nicht ohne Grund ausgewählt und sicherlich wird man diese auch einmal auf den Prüfstand stellen müssen (angesichts der geringen Anzahl an Nur-Mobilfunk-Haushalten in Deutschland ist das aber _noch_ kein dringendes Problem). Um mal eben aus den Gründen zur Umstellung von Face-to-Face- auf CATI-Befragungen zu zitieren:

    Es kann gut sein, dass man in ein paar Jahren auf die Tagebuch- oder (ich hoffe nicht) Online-Befragung umsteigen wird. Alle Erhebungsmethoden haben ihre Vor- und Nachteile und wenn man diese kennt, dann ist man auch in der Lage, die Zahlen mit der gegebenen Vorsicht zu analysieren und zu interpretieren. Ein Wechsel der Erhebungsmethode wird an den grundsätzlichen Ergebnissen nichts ändern, auch wenn manche hier meinen, das gesamte Formatradio-System in Deutschland wird allein durch die MA Radio noch am Leben erhalten. Nein, auch mit der Tagebuchmethode oder den passiven Messgeräten werden FluxFM und Deutschlandfunk keine Marktführer und ebenso werden die Deutschen nicht urplötzlich auf obskure Internet-Streams umspringen, sondern weiter den etablierten Radiomarken treu bleiben.
     
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  6. laser558

    laser558 Benutzer

    So isses, haargenau beschrieben.

    Und dies ganz besonders dick unterstrichen!
     
  7. Mannis Fan

    Mannis Fan Benutzer

    An den Kräfteverhältnissen zwischen den einzelnen Sendern wird sich sicher wenig ändern, möglicherweise - ja nach Inhalt der Abfrage - werden aber bestimmte Interpretationen ("wir sind spitze, alle lieben uns") nicht mehr so leicht möglich sein, wenn Hörer die Möglichkeit hätten, inhaltlich zu differenzieren.
    Im Übrigen empfinde ich den Verweis auf die technischen und operativen Schwierigkeiten einer Quotenbox-Erhebung als eine hochwillkommene Ausrede der Branche ("ist alles viel zu kompliziert"), um bei der manipulativen und schönfärberischen MA bleiben zu können.
     
  8. W-NBC

    W-NBC Benutzer

    Bemerkenswert ist nur das Rundfunkangebot, insbesondere das öffentlich-rechtliche, in der Schweiz verglichen zum deutschen … Und es soll bitte keiner erzählen, dass das nicht zumindest teilweise auf die Erhebungsmethode der Quoten zurückzuführen ist.
     
  9. TS2010

    TS2010 Benutzer

    Diese Art der Interpretationen finden ja ohnehin nur in den PR-Abteilungen der jeweiligen Sender statt und haben mit der Realität wenig zu tun. Eine inhaltliche Differenzierung durch den Hörer wäre bei einem PPM noch viel weniger möglich als bei einer aktiven Abfrage. Dann doch lieber die Tagebuchmethode.

    Sie sollen also auf ein System, das nur 60 % der tatsächlichen Radionutzung aufzeichnet, umsteigen und dafür – höchstwahrscheinlich – auch noch mehr bezahlen!? Das ergibt keinen Sinn.
     
  10. Mannis Fan

    Mannis Fan Benutzer

    Wieviel Prozent der tatsächlichen Radionutzung wird denn durch das Stichprobenverfahren der MA erfasst?
     
  11. ricochet

    ricochet Benutzer

    Vor allem würde die Diary-Methode endlich eine saubere Ermittlung der Marktanteile ermöglichen, wie man das vom Fernsehen her gewohnt ist. Ein unschätzbarer Vorteil, der in Werbekreisen Vertrauen schafft. Die Reichweitenermittlung allein ist, sofern sie halbwegs glaubwürdig über die Bühne geht, nur eine untergeordnete Größe (im Arbitron-Jargon spricht man von "Cume", was soviel heißt wie "cumulative audience", zu deutsch "maximal erreichbare Nutzerschaft").

    In Wahrheit interessiert die Werbetreibenden die Intensität der Nutzung eines Hörfunkprogramms und die damit einhergehenden Werbeeffekte (steter Tropfen höhlt den Stein), und die lässt sich mit den Mitteln der Media-Analyse nun mal nicht effizient darstellen. Im Gegenteil: Die Media-Analyse hat nicht die geeigneten Werkzeuge, um verlässliche Marktanteile auszuweisen.

    Die Loyalität der Hörerschaft ist vielleicht eine der wesentlichsten Konstanten im Radiogeschäft, und da die deutsche Radiowirtschaft keine nennenswerte Zielgruppendifferenzierung vornimmt, wurde das Radio zum Verlegenheitsmedium ohne verlässliche Anhängerschaft degradiert. Dem gilt es entgegenzuwirken, denn das wenig erfolgsträchtige Zielgruppen-Kompensationsgeschäft hat keine große Zukunft mehr.
     
  12. empire1970

    empire1970 Benutzer

    Ach. Das hatten wir schon mal diskutiert und abgelehnt, oder?

    Es geht aber nichts über das mobile Quotenbox-Implantat vom Weltmarktführer Ricco&Söhne aus Niederbayern:
    Einmal unter der Haut wird alles registriert, notfalls per automatisch ausgelöstem Bandscan und Stimmerkennung.
    Datenübertragung problemlos per bluetooth, das Gerät kann auch aus größerer Distanz abgefragt werden.
    :cool:

    :D
     
  13. ricochet

    ricochet Benutzer

    Gehören sie etwa zu den Entscheidern?
     
  14. empire1970

    empire1970 Benutzer

    Mehr als Sie vielleicht....
    who knows.
     
  15. ricochet

    ricochet Benutzer

    Na, dann entscheiden sie mal richtig.
     
  16. TS2010

    TS2010 Benutzer

    Und die wird auch mit den PPM oder der Face-to-Face- bzw. Tagebuchmethode nicht besser abgebildet. Bei den CATI-Interviews werden meines Wissens die Begleitaktivitäten beim Radiohören abgefragt, das findet bei den PPM nicht statt. Zumindest ist mir nicht klar, wie das besser funktionieren soll, als bei der CATI-Befragung. Roger Schawinski hat in seinem Buch "Die TV-Falle" zur Intensität der Fernsehnutzung was sehr Interessantes geschrieben zum Unterschied zwischen "akustisch-visueller Wahrnehmung" vs. "mentaler Wahrnehmung":



    Ist das so? Warum? Die Diary-Methode basiert auch nur auf den Erinnerungen der Befragten, es werden ebenfalls 15-minütige Zeitabschnitte abgefragt. Und dadurch, dass der Interviewer bei ungenauen Angaben nicht sofort nachhaken kann, werden doch die Ergebnisse eher ungenauer.
     
  17. ricochet

    ricochet Benutzer

    Ja, aber bei der MA wird lediglich auf ein kurzes Zeitintervall Bezug genommen und auch hier wird nur auf das Gedächtnisprotokoll zurückgegriffen, die tatsächliche langfristige Radionutzung kann so nicht abgebildet werden.
     
  18. Mannis Fan

    Mannis Fan Benutzer

    @TS2010

    Vielen Dank für das erfrischende Zitat. Die zusammenfassende Analyse darf (möglicherweise potenziert) ganz sicher auch für die Radionutzer gelten:

    Aber, jetzt kommt`s: Will das wirklich jemand von den Betroffenen (Programmgestaltern, Geschäftsführern, Werbetreibenden) wissen? Und will er es gar veröffentlicht sehen? Warum auch? Es würde doch nur eine schön gebastelte Scheinwelt zerstören. Also bleiben wir bei der MA, in die man alles und auch das Gegenteil davon hineininterpretieren kann, - wie es uns ja auch zweimal im Jahr professionell vorexerziert wird.
     

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