Aus Spiegel Online von heute:
Debatte um Radioquote
Mey motzt gegen "angloamerikanische Meterware"
Der Liedermacher Reinhard Mey hat sich in den Chor der Künstler eingereiht, die vehement die Einführung einer Radioquote für deutschsprachige Musik fordern. Der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft befürwortet den Vorschlag aus Sorge um den heimischen Markt
Berlin - "Es führt kein Weg an einer Quote vorbei, wenn wir nicht einen ganzen Kultur- und Wirtschaftszweig an unterlassener Hilfeleistung eingehen lassen wollen", sagte Mey am Freitag in Berlin. Die Quote solle bei 40 Prozent liegen. Der Anteil deutschsprachiger Titel in den Radioprogrammen liegt den Angaben zufolge momentan bei rund 1,5 Prozent.
Mey kritisierte, wenn er Radio höre, fliege ihm die "angloamerikanische Meterware" nur so um die Ohren. Selbst bei Sendern, die "ein biederes Publikum" bedienen wollten, würden fast ausschließlich englischsprachige Songs gespielt. Dabei gebe es eine breite Palette von sehr guten deutschsprachigen Künstlern. Heute gebe es nur noch eine Art von Musik. Daran gewöhnten sich die meisten und bestellten nur noch diese Sorte. "Das ist die Verarmung", sagte Mey. Der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, sagte, die mittelständisch strukturierte Musikwirtschaft brauche Chancengleichheit gegenüber den internationalen Medienmultis. In Deutschland stünden die kleineren Musikproduzenten am Abgrund, im Ausland drohe der Verlust großer Marktanteile. Deshalb halte er eine 40-Prozent-Quote nach französischem Vorbild für geboten.
Die Einführung der Quote habe der Musikbranche im Nachbarland kräftige Impulse verliehen, erklärte Ohoven. Heute sei Frankreich der einzige unter den weltweit führenden Musikmärkten, der Zuwachsraten verzeichnen könne. In der gleichen Zeit habe die deutsche Musikindustrie ein Viertel ihres Umsatzes eingebüßt. Ohne Quote würde die Chancenungleichheit auf dem Musikmarkt zementiert. Faire Wettbewerbsbedingungen seien in Ausnahmefällen nicht ohne Eingriffe zu schaffen.
Der Verein Deutscher Sprache erklärte, die Mehrheit der Bevölkerung sei auch für eine Quote. Nach einer von dem Verein zitierten Umfrage von April 2003 wollten 62 Prozent der Bevölkerung mehr Musik mit deutschen Texten hören. Der Anteil deutscher Produktionen an den meistverkauften CD-Singles in Deutschland habe in den vergangenen zehn Jahren fast durchgängig bei 40 Prozent gelegen.
Für eine Quote deutschsprachiger Musik im Radio sprach sich bereits 1996 Heinz-Rudolf Kunze aus. In diesem Jahr, angesichts der nachhaltigen Krise der Musikindustrie, wurde die Forderung nach einer Regulierung wieder lauter. Weitere Befürworter sind unter anderem Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sowie die Künstler Udo Lindenberg und Konstantin Wecker.
Man fragt sich ja, mit welchem der zahlreichen Threads man diesen hier verlinken soll...
Ganz persönlich schalte ich bei den englischen Titel im übrigen immer mehr ab/weg und bleibe bei deutschsprachigen da. Ergo, ich höre kaum noch Musiksender. Danke, Trash-Deutschland. Ist aber eh egal.
db
Aus der Sächsischen Zeitung von heute:
Was will der Hörer?
Der Medienexperte und Bundespolitiker Steffen Kampeter lehnt eine Radio-Quote ab
Vergangene Woche wollten wir von unseren Lesern wissen, ob auch sie sich eine Radioquote für neuere deutsche Musik wünschen. Alle eingesandten Antworten lauteten: Ja. Wir fragten Steffen Kampeter (40), Medienexperte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, warum er zu den Quotengegnern gehört.
Herr Kampeter, Sie halten die Idee einer Radioquote zu Gunsten jüngerer deutscher Musik für problematisch. Warum?
Zunächst mal freue ich mich sehr, dass auch die Leser der Sächsischen Zeitung in Deutschland produzierte Musik gerne hören. Das zeigt ja, dass hier zu Lande nicht nur angelsächsisches oder französisches oder weltmusikalisches Musikkulturgut eine hohe Bedeutung hat, sondern auch das nationale. Vor diesem Hintergrund bewerte ich die Forderung nach einer Quote als Ausdruck des berechtigten Wunsches vieler Menschen nach mehr deutscher Musik im Radio.
Teilen Sie diesen Wunsch?
Schon. Aber der Wunsch nach einer Quote ist in meinen Augen vor allem ein Versuch der kriselnden Plattenindustrie, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für ihre Werbezwecke zu instrumentalisieren, um ihren zurückgehenden Absatz wieder anzukurbeln.
Es geht aber doch auch um die Förderung des eigenen Nachwuchses. Warum sollten sich die Plattenfirmen um neue Talente aus Deutschland kümmern, wenn niemand sie über das Radio kennen lernen kann?
Gutes setzt sich immer durch. Wenn viele deutsche Bands und Solisten keine Verkaufsschlager werden, liegt das vielleicht auch daran, dass sie in den Augen der Käufer einfach nicht gut genug sind.
Nicht so gut wie die erfolgreichen neuen Superstars Alexander und Daniel Küblböck?
Der Kunde entscheidet, was gut und schlecht ist, nicht der Politiker. Sie können Qualität nicht regulieren, schon gar nicht über eine Quote. Käme sie, dann befürchte ich eine Zwangseindeutschung mit schlimmen Folgen. Das Beispiel Frankreich zeigt, dass die Quote für französische Musik dort zwar zu deren Anwachsen in den Programmen geführt hat, zugleich aber auch zum Qualitätsverfall. Mit der Masse ist also nicht auch die Klasse gewachsen, eher im Gegenteil.
Wäre eine Quote in Deutschland überhaupt rechtlich durchsetzbar?
Wir haben insgesamt 16 öffentlich-rechtliche Sendeanstalten in Deutschland. Ich glaube kaum, dass wir für die Quote 16 Rundfunkstaatsverträge ändern können.
Ließe es sich Ihrer Meinung nach auch auf anderem Wege erreichen, dass deutsche Musik im Radio stärker präsent ist?
Für mich gilt vor allem: Was der Hörer hören will, soll er selbst entscheiden. Zum Beispiel über das Einschalten bestimmter Sender.
Ist das nicht einseitig gedacht?
Natürlich muss die Politik Anreize und Voraussetzungen dafür schaffen, dass auch ausreichend Sendeplätze für deutsche und deutschsprachige Musik vorhanden sind. Das kann man aber auf anderen Wegen besser erreichen als mit einer Zwangsquote, zum Beispiel über eine Selbstverpflichtung der Sender in diese Richtung.
Die meisten Sender kaufen ihre Musik im Billig-Paket, und darin sind meist die ewig gleichen älteren englischen Lieder. Außerdem finanzieren sich die Privaten über Werbung, und ihre Kunden wollen ihre Produkte lieber in gefällige, bekannte Hits eingebettet haben. Warum also sollten sich Privatsender selbst verpflichten, mehr Deutsches zu spielen – und sich dadurch in Finanznot begeben?
Natürlich nicht. Aber bei den Privatsendern könnte ohnehin keine Quote greifen, weil die Politik diesen privatwirtschaftlichen Unternehmen meiner Ansicht nach aus verfassungsrechtlichen Gründen so etwas gar nicht vorschreiben darf.
Ließe sich über das Urheberrecht etwas ausrichten?
Ja, durchaus. Bisher können die Sender jede CD ohne Genehmigung des Rechte-Inhabers spielen; das so genannte Sendeprivileg. Würde man dies ändern, dann müssten die Plattenfirmen und die Sender miteinander über die zu spielende Musik verhandeln. Dadurch ließe sich mit Sicherheit das Repertoire so gestalten, dass man den tatsächlichen jeweiligen Bedürfnissen der Hörer und dem Qualitätsanspruch gerechter wird als bisher. Im besten Falle kämen wir darüber auch zu mehr junger deutscher Musik im Radio.
Was würde der Lieblingssender von Steffen Kampeter spielen?
Vor allem Classic-Rock aus den Siebzigern und Achtzigern. Dazu neuere deutsche Songs, zum Beispiel von Rolf Stahlhofen oder Leslie Mandoki. Die Neue von den Strokes finde ich auch sehr gut.
Das Gespräch führte Oliver Reinhard.
Schon seltsam, daß Kampeter es nicht für durchsetzbar hält, für die öffentlich-rechtlichen Programme eine Deutsch-Quote festzulegen, aber offenbar kein Problem damit hat, das Sendeprivileg anzutasten, und das, obwohl er in der Quote einen Versuch der Instrumentalisierung des Rundfunks durch die Musikindustrie sieht...
Das verstehe, wer will.
Steffen Kampeter hat es verstanden:
der Wunsch nach einer Quote ist in meinen Augen vor allem ein Versuch der kriselnden Plattenindustrie, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für ihre Werbezwecke zu instrumentalisieren, um ihren zurückgehenden Absatz wieder anzukurbeln.Der Kunde entscheidet, was gut und schlecht ist, nicht der Politiker. Sie können Qualität nicht regulieren, schon gar nicht über eine Quote.Der Interviewer dagegen hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Er verwechselt die durch Marktforschung sehr aufwändige und teure Musikauswahl von Radiosendern mit dem für Kino-/Spielfilme üblichen Blockbuchungsverfahren:bei den Privatsendern könnte ohnehin keine Quote greifen, weil die Politik diesen privatwirtschaftlichen Unternehmen meiner Ansicht nach aus verfassungsrechtlichen Gründen so etwas gar nicht vorschreiben darf.
Sein aus dem Interview herausschreiender Versuch, nur Argumente für eine Quote zu finden [size=1](den legitimiert er sich das durch die Leserumfrage, welche unter außer Achtlassung aller Regeln von sozialer Erwünschtheit, Repräsentativität usw. ein Stimmungsbild pro Quote gezeichnet hat und deshalb glaubt er, als Journalist auf den vermeintlichen Wunsch des Lesers aufspringen zu müssen, dabei gilt immer noch Hajo Friedrich: "Man darf sich als Journalist nicht mit einer Sache gemein machen. Auch nicht mit einer guten Sache!") [/size]kulminiert schließlich in der genialen Erkenntnis:Die meisten Sender kaufen ihre Musik im Billig-Paket, und darin sind meist die ewig gleichen älteren englischen Lieder.Leider verschließt er sich, dem für ihn schmerzlichen Schluss, dass bis auf die Gruppe der musikinteressierten Menschen und Spartenfans praktisch ALLE "lieber (...) gefällige, bekannte Hits" hören möchten.Außerdem finanzieren sich die Privaten über Werbung, und ihre Kunden wollen ihre Produkte lieber in gefällige, bekannte Hits eingebettet haben.
Gerade als Journalist sollte man, auch wenn man selbst eine Meinung hat und musikinteressiert oder Spartenfan ist, vorsichtig bei einem Thema sein, bei dem es um die Medienfreiheit geht.
Ganz offen Freunde: DIE WIRD IN DEUTSCHLAND NICHT GEOPFERT für die sobehauptete Förderung des deutschen Musiknachwuchses.
Die Gegenfrage auf diese hierlautet: Warum sollte das Radio die Hausaufgaben der Plattenindustrie machen? Sollen sie schön Werbung schalten und ihren Kram bekannt machen, empfiehlt die Jasemine.Warum sollten sich die Plattenfirmen um neue Talente aus Deutschland kümmern, wenn niemand sie über das Radio kennen lernen kann?
PS: Vielleicht möchte die Jasemine auch gerne mehr gute nationale Künstler hören. Aber die Jasemine würde sich nie erdreisten, ihren Privatwünschen mit Hilfe herbeiargumentierter staatlicher Maßnahmen zum Sieg zu verhelfen.
Geändert von Jasemine (06.12.2003 um 11:04 Uhr)
Wie wär's statt dessen mit einer beruflichen Neuorientierung?
hat reinhard mey nicht mal auf sylt seine nachbarn als gartennazis beschimpft? der soll fein die klappe halten
Rein persönlich gesprochen: Ich bin froh, den nirgends hören zu müssen.
Selbst WDR 2 spielt ihn schon lange nicht mehr.
Für mich ist er der Inbegriff des selbstherrlischen Moralisten.
Regeln, Quoten, Gesetze: Typisch deutsches Spiesserverhalten ist das.
Und wie so oft hat die Jasemine schon wieder alles dazu gesagt.![]()
Genau!
So ist es..... Jasemine hat dazu fast alles gesagt.
Faktisch geht May damit schon lange der Medienwelt auf den Zeiger. Ich halte das im eigentliche Sinne für einen letzten Versuch sich als Künstler ins Licht zusetzen. Es geht ihm wohl auch mehr darum seinen Geldbeutel wieder etwas gefüllt zu sehen als um das eigentliche Thema.
Es ist richtig das deutsche Künstler es schwer haben, jedoch liegt es doch oftmals an den von ihnen gebotenen Ware.
Was ich bei einer Quote am meisten zu meckern habe, st das dies wohl auch hinsichtlich der EU wohl nicht ganz im Sinne des Erfinders ist. Quote hin oder her die privaten zumindest (Jasemine sagte dies bereits) sind da eh außen vor.
Ergo wenn ich die öffentlichen auch noch dahingehend einer Quote unterwerfe dürfte das Mistreiten auf dem Markt in Zukunft für diese noch schwieriger werden und die Folgen kann sich wohl jeder ausrechnen.
Deshalb "Quote" nein danke, aber auch der Aufruf ... Es gibt gute deutsche Musik man muss nur wollen das diese auch auf dem eigenen Sender läuft.
Gruß
Steve Wilson
"Na wenn das mal ins Format passt"
P.S.
Wie hoch ist eigentlich der Anteil in euerem Sender derzeit?
Geändert von Steve Wilson (06.12.2003 um 15:22 Uhr)
Jawohl, so etabliert man sich im Club der Verweigerer. Richtig abschreiben kann ja jeder!Original geschrieben von Steve Wilson
Faktisch geht May damit schon lange der Medienwelt auf den Zeiger
Komische Angelegenheit. Quote ist doch sonst auch immer gut!
db
Erstmal besten Dank für die treffende Analyse von Jasemine.
Ein paar Anmerkungen möchte ich dann doch noch dazu machen.
Deutsch-Rocker wie Kunze oder Liedermacher wie Mey haben nichts verstanden. Erfolgreichen längst vergangenen Zeiten hinterhertrauernd sind sie offensichtlich so verbittert, dass ihnen der logische Sachverstand abhanden kommt. In ihren Shows spielen sie allzu gerne die Moralapostel und Ehrlichkeitsfanatiker. Mit ihrer Forderung nach einer Deutsch-Quote im Radio entlarven sie sich auf verblüffende Weise als ganz normale Menschen, die Angst darum haben, dass sie ihren Lebensstandard nicht mehr halten können, weil die Einnahmen immer geringer werden. Und wer von Angst geleitet ist läuft oft Gefahr sich auf Irrwege zu begeben. Das ist keine neue Erkenntnis. Ein Spendenkonto für alternde verarmte Musiker hätte wohl größere Chancen auf Durchführung als diese bescheuerte Forderung nach Quote. Ganz klare Ansage: ab damit in den Müll!
Zum Thema Förderung von Nachwuchskünstlern rate ich Mey & Co. dazu ihre Plattenfirmen in die Pflicht zu nehmen. Da ist Eure Baustelle, da gibt es genug zu tun.
"Mit ihrer Forderung nach einer Deutsch-Quote im Radio entlarven sie sich auf verblüffende Weise als ganz normale Menschen, die Angst darum haben, dass sie ihren Lebensstandard nicht mehr halten können, weil die Einnahmen immer geringer werden."
Entschuldigung, aber welche Polemik ist eigentlich dümmer und unsachlicher? Die hier oder die von Herrn Mey? Meiner Meynung nach... aber lassen wir das.
db
Dafür, daß Du nichts verstanden hast, war das aber ziemlich viel Text.Original geschrieben von Der Ex-RADIOSPION
Ein Spendenkonto für alternde verarmte Musiker hätte wohl größere Chancen auf Durchführung als diese bescheuerte Forderung nach Quote. Ganz klare Ansage: ab damit in den Müll!
Mey & Co müssen ganz sicher nicht am Hungertuch nagen; worum es ihm und den anderen Befürwortern der Quote geht ist, daß es eigentlich eine Unmöglichkeit ist, daß im Lande der Dichter und Denker, in einem Land mit 80 Millionen Einwohnern, es inzwischen fast ausgeschlossen ist, im Radio etwas in der eigenen Sprache zu hören.
In keinem anderen Land wird die eigene Sprache so boykottiert wie bei uns. Italien, Frankreich, Großbritannien, Spanien, Griechenland, Türkei, kein anderes Land außer Deutschland käme auf die Idee, seine eigene Sprache fast vollständig zugunsten eines pseudo anglo-amerikanischen Kauderwelschs aufzugeben.
PISA war ein Vorbote dessen, was wir in 20 Jahren zu erwarten haben: Ein Land, in dem niemand unter 30 mehr die eigene Muttersprache versteht.
Mit "verarmten" deutschsprachigen Künstlern hat das nichts, aber auch überhaupt rein gar nichts zu tun!
@exhörer
"In keinem anderen Land wird die eigene Sprache so boykottiert wie bei uns."
Wer boykottiert die Musiker?
Die Plattenfirmen?
Die Hörer?
Die Musiker "sich selbst", da sie zu wenig qualitative und zugleich massentaugliche Titel liefern?
Wer hat warum ein Interesse am Boykott?
Tom2000, hast du verstanden, was du zitiert hast?
Es geht um einen "Boykott" der deutschen Sprache, nicht der Musiker, die in dieser singen! Letzteres ist nur eine sehr späte Konsequenz.
Natürlich verbietet niemand einem Musiker, deutsche Texte zu verfassen. Aber exhörers Zustandsbeschreibung anderer Länder ist sehr treffend. In anderen Ländern ist Musik in eigener Sprache selbstverständlich und deshalb kaum ein Thema. Frankreichs Quote ist ein Sonderfall, bei dem man unbedingt beachten muss, dass dort auch vor der/ohne Quote schon mehr französischsprachige Musik gelaufen ist als deutsche hier.
Folglich kommt eine Diskusion zu diesem Thema hier in Deutschland nicht deshalb auf, weil wir alle kleine verspiesserte Musikbeamten von Sonys oder Thierses Gnaden sind, sondern weil das Problem woanders schlicht nicht existiert.
db
Geändert von der beobachter (07.12.2003 um 15:15 Uhr)
Hallo Exhörer,
Gewagte These, die ich nicht unterschreiben möchte.Ein Land, in dem niemand unter 30 mehr die eigene Muttersprache versteht.
Zugegebenermaßen finden sich aber Indizien dafür in diesem Forum. In einem Nachbarthread versteht ein Teilnehmer den übertragenen Sinn der Redewendung auf Sand bauen nicht und möchte mit mir eine Diskussion über adäquaten Baugrund beginnen.
Ein anderer Teilnehmer versucht zu helfen und mutmaßt, auf Sand bauen sei ein seemännischer Begriff, der in seichtem Gewässer schippern, mit der Gefahr auf Grund zu laufen, bedeute.
Wahrscheinlich versteh ich soviel Ironie auf einmal nicht, hofft die Jasemine.
Geändert von Jasemine (07.12.2003 um 15:55 Uhr)
Nein, ich wollte für den Begriff nur ein seemännisch adäquates Sprichwort finden, da ich in dem Teilnehmer Captain einen Kapitän vermutete.
Tschuldigung!
Geändert von RayShapes (07.12.2003 um 16:17 Uhr)
Ich finde die deutsche Regelung sehr angenehm, so wie sie ist:
Wer was mit seiner Musik zu sagen hat, singt deutsch, egal ob Grönemeyer, Curse oder Wir sind Helden.
All die vielen anderen belästigen mich gottseidank mit ihrem Versmüll kaum, da er es schwerer hat, über die Sprachbarriere ins Bewusstsein vorzudringen. Man stelle sich z.B. den Song Killer Bee von Itchyco mal auf Deutsch gesungen vor und weiß, was ich meine.
an "der beobachter":
Kleiner Tipp von mir: Nicht alles so ernst nehmen.
Ansonsten würde mich schon interessieren, ob Du eine Meinung zum Thema hast.
Ich möchte gerne noch etwas nachlegen in meiner Kritik an der geforderten Radioquote. Vielleicht wird meine "Polemik" damit verständlicher. Reinhard Mey ist durchaus ein Künstler dessen Texten ich gelegentlich etwas abgewinnen kann, weil er sich darum bemüht unabhängig zu sein. Der Song "Einhandsegler" zum Beispiel spricht mir aus der Seele. Um so mehr verwundert es mich, dass er sich plötzlich für so eine völlig einseitige Sicht der Dinge mißbrauchen lässt. Ich widerspreche ganz klar der Behauptung, dass es die deutsche Sprache im heutigen Radio schwer hat. Noch nie wurden so viel deutschsprachige Titel gespielt wie heute. Da haben wir schon schlimmere Zeiten erlebt. Kritikwürdig finde ich indes die Art und Weise, wie es Newcomern erschwert wird den Einstieg ins Radio zu schaffen. Da haben es aber englischsprachige Künstler ebenso schwer wie die, die sich auf ihrer Heimatsprache ausdrücken wollen. Das ist aber eher ein hausgemachtes Problem der Plattenfirmen. Mit millionenschweren Marketingkampagnen werden Pseudo-Künstler wie Alexander u.ä. Schrott gehypt mit der verherrenden Folge, dass Künstler die versuchen mit Qualität zu überzeugen kaum noch wahrnehmbar sind, obwohl sie ganz ohne Zweifel vorhanden sind. Dazu passend habe ich ein Statement von Tim Renner gefunden, aus dem Tagesspiegel vom vergangenen Freitag: "Der Musikwirtschaft ging es lange zu gut. 1986 kam die CD als neuer Tonträger, der doppelt so teuer wie die Vorgänger war. 1989 kam die deutsche Einheit und die riesige Nachfrage aus dem Osten. Dann kamen der Boom der Zweitverwertung und der Techno-Hype. Eine Erfolgsgeschichte, die die Industrie aber leider träge gemacht hat." Hier setzt meine Forderung an Mey & Co. an. Setzt Euch mit Euren Plattenfirmen auseinander. Da ist der Ansatz für die Lösung des Problems. Die Forderung nach Eingriff in die Programmhoheit der Sender erinnert mich an unsägliche Zeiten der deutschen Radiogeschichte. Wie sagte doch 1933 Joseph Goebbels: “Der Lautsprecher ist ein Instrument der Massenpropaganda, das man in seiner Wirksamkeit heute noch gar nicht abschätzen kann. Jedenfalls haben doch unsere Gegner nichts damit anzufangen gewußt. Um so besser müssen wir lernen, damit umzugehen”. Wollen wir da wieder hin?
Ich finde diese Diskussion recht spannend, stets wird hier der Einfluss auf die Programmgestaltung kritisiert. Aber nach meiner Ansicht, wird bereits erheblich die Programmrichtung beinflusst - zum einen durch die Vergabe der Lizenzen (hier haben vor allem Zeitungsverlegen den Schutz Ihrer Märkte gesichert bekommen)
und zum anderen durch die Auflagen der Landesmedienanstalten. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sorgen die Parteien durch die Einfluss in den Gremien für die entsprechende politische Färbung. Ich gehe davon aus das Reinhard Mey - er hat kein aktuelles Album in den nächsten Wochen - möchte hier einen Denkanstoss geben und nutzt dies sicherlich nicht als PR. Aber das Beispiel Reinhard Mey finde ich sehr gelungen - DER deutsche Liedermacher findet bis auf wenige Außnahmen im deutschen Radio nicht statt. Seine Alben sind für EMI im Longplaybereich mit top 10-Garantie ausgestattet, seine Tourneen sind innerhalb weniger Tage ausverkauft, seine Mitschnitte der Konzerte als Doppel-CD und DVD erreichen nach der Tournee wieder schnell die Charts. Es gibt ein Millionenpublikum das ihn hören möchte, trotzdem findet er im Radio kaum statt. Das ein klar formatierter Privatsender Reinhard Mey nicht in seiner Playlist hat, ist für mich absolut in Ordnung. Ich spiele die Quote jetzt ganz klar in das öffentlich-rechtliche System das neben dem Grundversorgungsauftrag (das wäre ja dann Radio für viele und auch in verschiedenen Stilrichtungen) auch eine klare kulturelle Aufgabe hat. Deutsche Liedermacher zähle ich zum jüngsten deutschen Kulturgut, also sollten diese auch bei der ARD ihren Platz haben. Wie alles im Leben unterliegt auch das Radio einer ständigen Veränderungen, aber sind Karrieren wie von Reinhard Mey, Hannes Wader, Udo Jürgens, Herbert Grönemeyer, Konstantin Wecker, Peter Maffay, etc. heute überhaupt noch möglich? Natürlich würden von einer Quote die großen Plattenfirmen vermutlich profitieren, aber rein wirtschaftlich hängen da auch eine Studioszene und diverse Unternehmen rund um das Produkt dran und auch für das Radio sehe ich auch eine Chance, es könnte vielleicht die Funktion des "Hitmachens" wieder bekommen und die heute oftmals erreichte funktionale Aufgabe des Playlistabspielen überwinden. Auch für uns Radiomacher steckt darin ein Chance, zum "Hitmachen" werden Profis gebraucht, zum Playlist abspielen ist der qualifizierte Moderator nicht notwendig. Kündigungen aus der letzten Zeit zeigen das die Reduzierung von Personal zum Teil ohne Konsequenzen für Quote möglich ist.
Zitate von exhörer und Jasemine: „Ein Land, in dem niemand unter 30 mehr die eigene Muttersprache versteht.“ – „Gewagte These, die ich nicht unterschreiben möchte. Zugegebenermaßen finden sich aber Indizien dafür in diesem Forum.“
Wenn ich sehe, welche Sprachfähigkeit manche Praktikanten und teilweise auch Redakteure besitzen, erstere mit Abitur und zT in den ersten Semestern eines geisteswissenschaftlichen Studienfaches - dann darf man schon in Frage stellen, dass die eigene Muttersprache sicher beherrscht und verstanden wird.
db
Ich denke, zu diesem Thema ist schon alles Sinnvolle und -lose gesagt worden.
Ich frage mich lediglich, warum Rechtschreibschwächen oder sonstige Bildungslücken an der Art bzw. Herkunft der gehörten Musik festgemacht werden. Ich denke, da sind andere Instanzen gefordert als das Radio und/oder Plattenindustrie.
Ich weiß, Kulturverfall etc. pp.. [COLOR=crimson](ACHTUNG: Jetzt hört der ernsthafte Teil meines Postings auf!!!)[/COLOR] Aber auch, wenn ich DJ Bobo eine Menge zutraue, Schuld an robbyugo ist er sicherlich nicht...
Und soweit ich mich erinnere, sangen nicht mal der Mey oder Kunze vom Phytagoras, höchstens Costa Cordalis von Ikarus![]()
Hallo Polla,
einige Anmerkungen zu Deinem Statement.
Weißt Du's? Vielleicht wird Reinhard Mey von Schlager- und Kulturwellen abseits Deines Wohngebiets gespielt und Du hast es nicht bemerkt. Beweise, Watson!DER deutsche Liedermacher findet bis auf wenige Außnahmen im deutschen Radio nicht statt.
Beweise? Kennst Du entsprechende Musiktests oder leitest Du das nur aus Verkaufserfolgen ab?Es gibt ein Millionenpublikum das ihn hören möchte.
Was hätte das Radio davon Hits zu machen? Ich dachte Dir geht's um Kulturgut?für das Radio sehe ich auch eine Chance, es könnte vielleicht die Funktion des "Hitmachens" wieder bekommen und die heute oftmals erreichte funktionale Aufgabe des Playlistabspielen überwinden.
Ein Schlag ins Gesicht der hochqualifizierten Mitarbeiter, die man braucht, um ein zielgruppenspezifisches Musikprogramm zu planen: Ein Callcenter für die Musiktests, Marktforscher zur Auswertung der Ergebnisse, selektor-kundige Musikplaner, die entsprechende Ergebnisse in eine adäquate Rotation umsetzen und neue Titel für den nächsten Test vorschlagen können usw.Auch für uns Radiomacher steckt darin ein Chance, zum "Hitmachen" werden Profis gebraucht, zum Playlist abspielen st der qualifizierte Moderator nicht notwendig.
Schluss mit dem Irrglauben hochformatiertes Radio wäre NUR mit Praktikanten und Hilfsarbeitern zu machen. Das ist Quatsch. Die Journalisten werden zwar leider immer entbehrlicher (und zugegebenermaßen entsprechend ersetzt), dafür gibt es immer mehr der oben genannten Mitarbeiter und außerdem PR-Strategen, Mediaberater, Produzenten, On-Air-Promoter usw. Ich werte das nicht, ich stelle nur fest, dass Du Radiomitarbeit auf Moderation einzuschränken scheinst.
Ich bitte Dich, sag mir das Fazit Deines Beitrags, das erkenne ich (ehrlich, nicht zynisch gemeint) nicht, beteuert die Jasemine
PS: Ich geb noch eine Denkanstoß mit auf den Weg. Es wird ja gern gesagt, dass TV die Hits macht. Hier ein Artikel , der vermittelt, wie es zur Auswahl der zu machenden Hits kommt. Bitte lesen und mal selbst fragen, warum die Plattenindustrie sich als armes Opfer des Formatradios gibt, statt wie im TV ganz freiwillig gutes Geld für Ausstrahlung abzudrücken. Werden hier womöglich nachplappernde Kulturwächter und Radio-von-früher-Fans vor den Karren der Industrie gespannt? Huch?! Uuups, Du meine Güte....
Geändert von Jasemine (09.12.2003 um 00:05 Uhr)
Und wer die Muße hat, möchte den von Jasemine erwähnten Spiegel-Artikel vielleicht auch noch lesen:Ein unmoralisches Angebot
Viva hat Teile seiner heiß begehrten Clip-Rotation heimlich exklusiv für die Plattenfirma Universal reserviert. Die Musikbranche tobt, der Sender muss medienrechtliche Konsequenzen fürchten.
Mittwochmittag ist High Noon in der deutschen Musikbranche: Jede Woche entscheidet eine Hand voll Redakteure und Programmexperten in Köln, ob aus Sternchen Stars und aus Ladenhütern Hits werden.
60 bis 80 Musikvideos bekommen die Teilnehmer der so genannten Musik AG bei Viva jede Woche zu sehen. Nur 6 bis 8 werden für das Programm ausgewählt und bekommen einen Platz in der "Newcomer"-Rotation des Musiksenders. Wer es hier nicht schafft, muss entweder in den Charts schon ganz oben stehen - oder findet im deutschen Musikfernsehen schlicht nicht statt.
So zittern jede Woche nicht nur gestandene Popstars und Nachwuchsbands gemeinsam um die so wichtige Fernsehpräsenz, sondern auch die Plattenfirmen, die bereits viel Geld in ein Video und die Produktion des erhofften Hits gesteckt haben.
Nur der Marktführer Universal Music konnte in den vergangenen zwölf Monaten ganz ruhig bleiben. Seine Plattenmanager mussten nicht fürchten, dass ein Großteil ihrer teuren Videos keine Abspielstation findet. In einem im Herbst 2002 verabredeten geheimen Deal mit dem Kölner Musikkanal hatte sich der Plattenkonzern einen Teil der heiß begehrten Rotationsplätze exklusiv vorab gesichert.
Bis zu 50 verschiedenen Musikvideos aus dem Hause Universal räumte Viva über ein Jahr verteilt einen sicheren Programmplatz ein - und ließ sich dafür eine ordentliche finanzielle Gegenleistung zusichern: Annähernd 18 000 Euro pro Video als Garantiesumme, also eine knappe Million Euro, plus eine Gewinnbeteiligung von etwas mehr als 20 Cent an jeder verkauften Platte der 50 Musiktitel. Universal sparte sich damit die Produktionskosten für etliche Videos und bekam pro forma Werbezeiten bei Viva für knapp ein Drittel des Marktpreises zur Verfügung gestellt.
Viva steht schon seit einiger Zeit unter enormem Druck, sich neue Erlösformen zu erschließen. Zwar konnte der Sender den Anteil der klassischen Werbung am Umsatz in den vergangenen Jahren deutlich erhöhen. Trotzdem lebte Viva zuletzt noch immer zu fast einem Drittel von den Werbeausgaben der Musikindustrie - die tief in der Krise steckt und ihre Marketing-ausgaben radikal zusammengestrichen hat. Gleichzeitig leidet der Sender stark unter der Rezession auf dem Werbemarkt und rutschte im dritten Quartal erneut deutlich in die roten Zahlen. Von einem Jahresgewinn ist schon lange keine Rede mehr.
Der Deal wurde in einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Viva-Chef Dieter Gorny und Universal-Chef Tim Renner im September 2002 geboren. Wenige Wochen später trafen sich je vier Topmanager von beiden Seiten im Konferenzraum der Berliner Universal-Zentrale, um bei einem "Kickoff-Meeting" die Details auszuhandeln: Gorny brachte seinen Finanzvorstand Christian Gisy und zwei weitere Spitzenmanager mit, Renner seinen Marketing-Chef Joachim Kirschstein und die Geschäftsführer der Labels Polydor und Motor.
Noch im Oktober fanden erste Arbeitstreffen zwischen Viva-Redakteuren und Universal-Managern statt. Ihr Ziel: die von Viva zu spielenden Universal-Titel für die nächsten Monate mit entsprechendem Vorlauf festzulegen, damit Universal rechtzeitig mit der Videoproduktion fertig wird.
Fast ein halbes Jahr konnten Universal und Viva die Verabredung geheim halten, die nicht vertraglich fixiert, sondern nur in einem Memo mit den wichtigsten Eckdaten zusammengefasst wurde - und das wollte dann auch lieber keiner der Beteiligten unterschreiben.
Universal will in einer Stellungnahme nichts von "geheimen Absprachen" wissen und spricht stattdessen von "einer vorgezogenen redaktionellen Auswahl zum Nutzen beider Seiten". Die Musikwirtschaft könne Kosten sparen, und "Viva profitiert, indem der zeitliche Mehraufwand durch gezielte Werbebuchungen ausgeglichen wird." Eine Viva-Sprecherin bestätigt dagegen nur allgemeine Gespräche "mit der Tonträgerindustrie" über die "Newcomer-Förderung", sagt aber: "Es ist nie zu einer konkreten Vereinbarung gekommen, weil sich erwartungsgemäß schon die Redaktion dagegen ausgesprochen hat." Detaillierte Fragen zu dem Vorgang wollten beide Seiten nicht beantworten.
Kein Wunder - schließlich wirft der Deal für Viva existenzielle medienrechtliche Fragen auf: Gelten Musikclips nur deswegen nicht als Werbung und Musikfernsehen nicht als Dauerwerbesendung, weil eine unabhängige Redaktion vorgeschaltet ist?
Und gerade bei Viva war die publizistische Unabhängigkeit schon seit der Sendergründung vor fast genau zehn Jahren am 1. Dezember 1993 ein heikles Thema. Den Sendestart hatte die Landesanstalt für Rundfunk in Düsseldorf verzögert, weil die Medienwächter Zweifel an der redaktionellen Unabhängigkeit des Programms hegten. Würde Viva, so die zentrale Frage bei der Vergabe der Sendelizenz, bei der Auswahl der Videos unabhängig operieren können, oder setzen sich die beteiligten Musikkonzerne bei der Programmgestaltung durch?
Für den Medienrechtler Professor Karl-Heinz Ladeur ist klar: "Allein dass eine finanzielle Gegenleistung für Programmgestaltung erbracht wird, die nichts mit den im Rundfunkrecht verankerten Werbeformen zu tun hat, ist nicht mit der redaktionellen Unabhängigkeit vereinbar." Schon die Tatsache, dass für eine Programmleistung gezahlt wird, sei "ein Indiz dafür, dass eine Form von Abhängigkeit besteht". Abseits der rechtlichen Fragen musste den Beteiligten bei Viva und Universal aber zumindest eines klar sein: In der Musikindustrie würde ein Entrüstungssturm losbrechen, sobald das Geschäft branchenintern ruchbar würde - was auch prompt im Frühsommer geschah.
Damals gingen einige Universal-Produktmanager bei Nachwuchsbands mit einer eindeutigen Botschaft hausieren: Unterschreibt euren Plattenvertrag bei uns, und wir garantieren, dass ihr bei Viva gespielt werdet. Auf Dauer konnte das den vier anderen großen Plattenkonzernen nicht verborgen bleiben.
"Unmoralisch" sei dieses Geschäft und "nicht statthaft", donnert Udo Lange, bis vor kurzem EMI-Chef. Sony-Music-Chef Balthasar Schramm spricht von "krasser Wettbewerbsverzerrung", und BMG-Chef Thomas Stein erregt sich: "Wenn es so sein sollte, würde es einer einzigen Dauerwerbesendung für Universal entsprechen."
Öffentlich hielten sich die Musikbosse allerdings zurück. "Viva ist nur ein wichtiges Medium für die Musikindustrie, solange es glaubwürdig ist", sagt Schramm. Und Stein betont: "Die Musikindustrie hat schon mit genügend Problemen zu kämpfen. So ein Vorgang sollte nicht noch zusätzlich schlechtes Licht auf die Branche werfen." Warner-Music-Chef Bernd Dopp hüllt sich lieber ganz in Schweigen.
Die nach außen demonstrierte Solidarität hat noch andere Gründe. Die Musikbranche leidet sei Jahren unter drastischen Umsatzeinbrüchen. Schon lange wird deshalb diskutiert, wie zu vermeiden ist, dass die meisten der auch mal hunderttausend Euro teuren Videos nicht umsonst produziert werden müssen - sondern wirklich nur die, die dann auch gespielt werden. Grundsätzlich sei es nicht falsch, vorher miteinander zu reden, ob ein Video überhaupt eine Chance habe, sagt Lange.
Deswegen sahen die ursprünglichen Pläne bei Viva vor, alle Plattenkonzerne in den Deal einzubeziehen: Die umkämpften Rotationsplätze sollten entsprechend den Marktanteilen der Musikunternehmen aufgeteilt werden. Doch das geschah nie.
Stattdessen kam es am 2. Juli zum Eklat: Viva-Chef Gorny sah sich in der eigenen Senderzentrale einer Reihe aufgebrachter Plattenbosse gegenüber, die eine Vorstandssitzung des Phonoverbandes, in dem die Musikindustrie organisiert ist, eigens zu Viva nach Köln verlegt hatten. Ihre Forderung an den Senderchef: Gorny solle ein Angebot vorlegen, wie die Videoproduktion künftig auf medienrechtlich unbedenkliche Weise abgestimmt werden könne.
Als Gegenleistung wollten die Konzerne dem gebeutelten Sender eine gewisse Werbeleistung garantieren. Herausgekommen sei aber bislang nichts, berichten Top-Musikmanager.
Lange bestätigt, dass Gorny später die Universal-Vereinbarung in ähnlicher Form auch EMI angeboten habe. Er habe jedoch abgelehnt, betont Lange: "Das wäre nichts anderes, als das Programm zu kaufen."
THOMAS SCHULZ
Nee, ich bin beileibe kein Mey-Fan. Und eine Quote , wie er sie fordert, find ich abartig. Aber Fragen stellen sich mir mehr denn je :
-Warum dudeln auf den gängigen Massenwellen fast nur englischsprachige Dudelware ? Weil es die Hörer so wollen.
Wollen es die Hörer so ? Wer bestimmt das ?
-Wer bestimmt, was in den Rotationen landet ? Researchergebnisse , werdet Ihr sagen. Wie kommen die überhaupt zustande , wer wählt die "Hör-Häppchen" aus???
-Warum werden die Backstreet-Boy´s als anspruchsvoller eingestuft als Peter Maffay, Udo Jürgens, Mathias Reim oder Rosenstolz ???
-Ist es nicht so, daß gerade durch die Dudelprogramme der Durchschnittshörer regelrecht musikalisch "verarmt" ? Das der Hörer irgendwie fast bevormundet wird, was "gut" oder "geschmackvoll" ist ?
-Und ist es nicht so, daß man sich manchmal schon schämt, wenn man mal einen (gutgemachten) "Schlager" gut findet ? Zugebenermaßen gibt es nicht allzuviel davon, aber doch wesentlich mehr, als der in den Radios zu hörende Anteil.
Wie gesagt, ich will keine Quote, aber ich glaube, daß mittlerweile fast ein "Teufelskreis" entstanden ist, aus dem sich kein Massensender mehr heraustraut, weil es sich einfach nicht gehört, so etwas rotieren zu lassen.
Und das is schade.
Dann sollten Sie, verehrter Herr Renner, vielleicht, wie sich das eigentlich gehört, das unternehmerische Risiko selber tragen und nicht auf die Künstler abwälzen.Aus unserer Verantwortung heraus wollen wir einen Künstler zu einem frühen Zeitpunkt seiner möglichen Karriere nicht überschulden.
Zu diesem Thema habe ich schon alles geschrieben. Aber auffällig ist auf jeden Fall:
Dieses Thema polarisiert und sorgt in kürzesten Abständen für viele Beiträge. Jasemine hat mit ihren Analysen wohl recht, auch wenn man es bedauern kann.
Schön wäre es, wenn deutschsprachige Pop-und Rockmusik neben englischsprachiger Musik ihren Stellenwert hätte, einfach 2-3 Titel pro Stunde. Und wenn man die Hitparaden anschaut gibt es diese Titel, bei denen ich mich nicht vorstellen kann, dass alle erschrocken den Sender wechseln.
Bei öffentlich-rechtlichen Sendern sollte dies selbstverständlich sein, bei privaten sei gesagt DIE BESTEN HITS DER 80er, 90er UND VON HEUTE gibt es auch in deutscher Sprache.
Und für alle, die sich für die deutschsprachige Szene interessieren, habe ich eine Internetseite gefunden:
www.irgendwo-in-deutschland.de (bzw. www.smago.de)
Grüße von
German
Hallo Jasemine,
ich war 1998/1999 an einer Umstruktierung einer öffentlich-rechtlichen Massenwelle (keine Servicewelle) beteiltigt. Dort wurde im Vorfeld auch nach alternativen Musikformaten gesucht, einige der deutschen Liedermacher bekamen bei den Umfragen Werte wie z. B. Elton John. In Verbindung mit dem Verkauf der Tonträger und den ausverkauften Tourneen (das ganze ohne Radio- und TV-Unterstützung) lässt das schon ein Rückschluss auf eine große Zielgruppe zu.
Wenn ich Mey auf "Über den Wolken" reduziere, findet er auch im Südwesten statt. Das ist aber so, wenn Grönemeyer auf "Männer" reduziert wird.
Ich arbeite zur Zeit im Umfeld der Hörfunkwerbung und muss erleben, welcher Mehraufwand an Werbegeldern für eine erfolgreiche Rundfunkkampagne notwendig geworden ist (das 4-5fache mehr als Mitte der 90er). Früher kamen Werbebotschaften im Radio sehr schnell und kostengünstig an, heute geht die Werbung im Programmfluss unter - sicherlich auch eine Konsequenz der Formatierung. Als ich anfing bewußt Radio zu hören, gab es noch den Effekt "zuerst gehört bei..." oder es gab regionale Radiohits, die nur in dem jeweiligen Programm erfolgreich waren. Ein Privatsender im Südwesten hat Anfang der 90er Jahre das Hitmachen noch gepflegt und konnte so eigene Events veranstalten mit Top-Acts die er selbst aufgebaut hatte, führte dazu das mit den Events mehr Geld als mit Werbung verdient wurde. Das "Hitmachen" ist für mich aber nur ein Beispiel was Radio alles kann.
Du hast natürlich Recht - Radio ist mehr als Moderation. Aber "Formatradio" sollte aus meiner Sicht auch von "Leuten mit Format" gemacht. Ein musikalisches Format sollte von Fachleuten, die sich mit dem Format auskennen (nicht mögen müssen) präsentiert werden. Wenn sich die Qualität der Präsentation verschlechtern kann, ohne das die Quote merklich sinkt - hat der Nutzer das Produkt tatsächlich auf ein Merkmal beschränkt.
Das Wichtigste mag die Playlist sein, Radio hat jedoch einen erheblich höheren Mehrwert.
Du hast mich ertappt, ich habe tatsächlich nicht wirklich ein Fazit für die Quote. Radio ist Kommerz und Radio ist Kultur, im privaten Hörfunk bin ich komplett gegen eine Quote. Bei der ARD vermisse ich jedoch viele Genres, durch die klare Ausrichtung der Programme fallen viele Nischen einfach weg. Regionale Popkultur wäre zum Beispiel etwas für das sich die ARD verantwortlich fühlen sollte. Und das die deutsche Musik mit Einführung des privaten Hörfunks an Bedeutung verloren hat, mag ein Zufall sein - ich bin mir aber nicht Sicher!
KORREKTUR:
www.irgendwo-in.de
Das Anliegen die deutsche Musik zu fördern hat an und für sich ja etwas für sich, aaaaaabbber
Ich persönlich finde es ja immer höchst amüsant, wenn sich Leute wie der halbseidene Düssi-Ohoven (legendär geworden durch seinen Auftritt vor laufender Kamera "Ähhh - ich muß weg...") für den (Musik)Mittelstand in die Bresche werfen wollen. Der Mann mit der betörenden Aura eines Kirmesboxers gerät doch selbst immer wieder in die Schlagzeilen (wegen angeblichen Wahlbetrugs in seinem Verband, wegen angeblich krummer Geschäfte zwischen seiner Firma und UNESCO Ute, wegen angeblichen Kundenbetrugs etc... )
Denke mal der hat soviel Ahnung von deutscher Musik wie die sprichwörtliche Kuh vom Tango tanzen... da hat Reinhard wohl echt mehr Ahnung und Grund sich zu beschweren.
Der Bundesverband der mittelständischen Industrie ist für staatliche Regulierung, "Neues Deutschland" ist dagegen.
Verkehrte Welt...![]()
Hier noch ein Artikel aus der Page von Deutsche Welle:
Deutsch-Quote fürs Radio als Wirtschaftsmotor
Sprache fördert Kreativität und damit letztendlich die Wirtschaft
Aus deutschen Radios tönt meist englische Musik. Schluss damit!, fordert der Bundesverband mittelständische Wirtschaft. Grund: Ohne Sprache keine Innovationen.
Mit der Musik in deutschen Hörfunkprogrammen ist das so eine Sache. Denn egal, welchen Radiosender man einschaltet: In aller Regel trällert es englisch aus den Boxen. Der Anteil deutschsprachiger Musik im deutschen Radio liegt im Popbereich gerade mal bei 1,2 Prozent.
Seit langem wird in Kultur-Kreisen über diesen Missstand geklagt. Neben deutschsprachigen Künstlern und ihren Fan-Gemeinden plädieren nun jedoch auch der Bundesverband mittelständische Wirtschaft und der mit Abstand größte Sprachverein Deutschlands, der Verein Deutsche Sprache für eine stärkere Berücksichtigung der einheimischen Musikkultur in privaten wie öffentlich-rechtlichen Sendern.
Quote als Notbremse
Die mittelständisch strukturierte Musikwirtschaft in Deutschland braucht Chancengleichheit gegenüber den internationalen Medienmultis! Das fordert Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft. In Deutschland stünden bereits die kleineren Musikproduzenten am Abgrund, und im Ausland drohe der Verlust großer Marktanteile.
Deshalb, so Ohoven, müsse nun eine Notbremse gezogen werden. Denn manchmal müsse man den fairen Wettbewerbsbedingungen einfach nachhelfen: "Frankreich hat eigentlich ganz deutlich vorgemacht, wie es geht. Dort hat seit Einführung der 40-Prozent-Quote im Jahr 1995 der Umsatz der heimischen Musikindustrie ganz kräftig zugenommen, in der gleichen Zeit hat die deutsche Musikindustrie ein Viertel ihres Marktes eingebüßt."
Gekauft wird nur das, was man kennt. Aber weil die deutschen Radiosender vorrangig englischsprachige Popmusik spielen, finden junge deutsche Musiker kaum Gehör und ihre CD's keinen Absatz. Es sind also wirtschaftliche Interessen, die die verschiedenen Lobbyisten leiten, die sich nun für eine 40-Prozent-Quote deutschsprachiger Musik im Radio aussprechen.
Sprache als Voraussetzung für Kreativität
"Unsere Sprache soll wieder deutscher werden", fordert ganz grundsätzlich der Politiker Oskar Lafontaine. Und dass mit der "Verdinglishing" des Deutschen weitere Verluste einhergehen, fürchtet auch der weltweit agierende Unternehmer Walter Terschüren: "Sprache ist ein Vehikel für Kreativität. Für Innovationen. Unsere Jugend ist heute nicht mehr in der Lage, sich musikalisch mit Gefühlen in der eigenen Sprache auszudrücken. Darüber hinaus bin ich felsenfest überzeugt, dass sie nur in ihrer eigenen Muttersprache bis in die feinen Nuancen denken können. Sie sind nur damit in der Lage, kreativ zu sein. Und wenn sie muttersprachlich nicht mehr auf der Höhe sind, sind sie auch nicht mehr in der Lage, richtige Innovationen, Erfindungen zu bringen."
Die erschreckenden Ergebnisse der Pisa-Studie haben laut Terschüren das muttersprachliche Defizit junger Menschen verdeutlicht. Auch die Musik könne ihren Beitrag zum feinfühligen Spracherwerb und -gebrauch leisten. Schließlich gehe es um ein kulturelles Gut und nicht um ein missverständliches nationales Anliegen, sagt Mario Ohoven: "Die deutsche Sprachgemeinschaft ist die mit Abstand größte und stärkste innerhalb der Europäischen Union. Rund 130 Millionen Menschen innerhalb der EU beherrschen die deutsche Sprache. Und 92 Millionen davon haben Deutsch sogar als Muttersprache. Englisch oder französisch sprechen nur 62 Millionen Menschen als Muttersprache."
Handelshemmnis ohne Quote?
Aber obwohl die deutsche Sprache auch in den osteuropäischen EU-Beitrittsländern weit verbreitet ist, in Brüssel ist Englisch längst als Amtssprache etabliert. Dabei könnte vieles leichter verhandelt werden, besänne man sich nur auf die verbreiteten deutschen Sprachkenntnisse. Doch wenn die Sprache in ihrem eigenen Land nicht die nötige Pflege erfährt, wenn sie sich sogar hier zunehmend vom Englischen vereinnahmen lässt, kann sie innerhalb Europas nur schwer die ihr gebührende Rolle spielen, sagen die Herren aus der Wirtschaft. Sie sehen gerade im Handel mit den Beitrittsländern Nachteile auf sich zukommen.
Silke Bartlick
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Dass sich in die Diskussion um eine Radioquote nun auch noch Oskar Lafontaine einmischt, macht die Sache noch unappetitlicher.
Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft sagt in dem Artikel, in Deutschland stünden bereits die kleineren Musikproduzenten am Abgrund, und im Ausland drohe der Verlust großer Marktanteile.
Deshalb, so Ohoven, müsse nun eine Notbremse gezogen werden. Denn manchmal müsse man den fairen Wettbewerbsbedingungen einfach nachhelfen.
Pfui, Herr Ohoven !!! Was hat denn dass mit Fairness zu tun, wenn sie die Radiosender per Gesetz dazu verdonnern wollen die Hausaufgaben der Plattenindustrie zu machen? Setzen, Fünf !
Renner verlässt Universal Music
Wechsel an der Spitze von Universal Music Deutschland: Chairman und CEO Tim Renner (39) verlässt nach Informationen von text intern das Unternehmen. Grund sollen Streitigkeiten mit der Mutter in den USA über die Behandlung deutscher Künstler sein. Das Unternehmen wollte dazu keine Stellung beziehen und verwies auf eine offizielle Mitteilung im Laufe des Tages.
Renner steht seit Anfang 2001 an der Spitze von Universal Music Deutschland. Ein Jahr später zog er mit dem Unternehmen von Hamburg nach Berlin. In der Medienbranche machte Renner mit seiner wiederholten Forderung nach einer Radioquote für deutsche Künstler auf sich aufmerksam. Zuletzt wurde eine informelle Absprache mit dem Musiksender Viva bekannt. Viva hatte sich bereit erklärt, Musik neuer Künstler vor dem kostspieligen Videodreh abzuhören und zu entscheiden, ob diese Künstler eine Chance haben, in das Programm aufgenommen zu werden. Universal stritt aber ab, Einfluss auf die Rotation der Videos im Viva-Programm zu haben.
Zu den deutschen Künstlern, die Universal unter Vertrag hat, gehören unter anderem Absolute Beginners, Die Ärzte, No Angels und Rammstein. Das Unternehmen beschäftigt in Deutschland über 1.700 Mitarbeiter und ist mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent Marktführer.
---> http://www.textintern.de
Ein sehr ausführlicher Artikel zum Abgang von Tim Renner bei Universal Music ist zu finden unter: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0...281913,00.html
Eben wieder ein Prophet in eigener Sache.
Wobei er mit der angloamerikanischen Massenware nicht ganz Unrecht hat.
Aber zum Teil wird die ja auch in nicht angloamerikanischen Ländern (Deutschland?) produziert.
Diese Diskusion würdevoll zu beenden ist doch ganz einfach: sendet einfach freiwillig mehr deutsche Musik!
Das man auch damit Erfolg haben kann, zeigt zum Bsp. HR3 jeden zweiten Freitag von 22.00 - 24.00 Uhr.
Gut, dass sind nur zwei Stunden, in denen "Musik aus deutschen Landen" gespielt wird. Verteilt diese 2 Stunden auf den Rest der Woche und (fast) alle sind zufrieden!
worin zeigt sich denn der angebliche erfolg von hr 3 jede zweite freitagnacht?
haben die dann ne megaquote?
Ich will nicht ein uraltes, schon 100 mal durchgekautes Thema neu aufwärmen, aber man sollte nicht immer alles so genau nehmen, selbst wenns im Spiegel steht ...
Der Wortlaut von Reinhard Meys Plädoyer auf der Pressekonferenz des Vereins Deutsche Sprache vom 5.12.03 im Berliner Tränenpalast
Sie können sich tagtäglich auf den Radiowellen dieses, unseres Landes davon überzeugen: Es wird fast ausschließlich englischsprachige Musik gespielt, zumindest auf den Sendern, deren Nachrichten und Textbeiträge einigermaßen erträglich sind und dem IQ eines durchschnittlich vernunftbegabten deutschen Otto Normalverbraucher entsprechen. Natürlich gibt es auch vereinzelt ein paar verirrte Spartensender, die ausschließlich auf deutsche Schlager spezialisiert sind, aber das ist das andere, keinesfalls wünschenswerte Extrem von einem Dudelfunk, der den ganzen Tag diesen grenzdebilen, reaktionären Schlagerschrott spielt und diese unsägliche, ewig gestrige sogenannte Volksmusik (die nichts, aber auch gar nichts mit Volksmusik zu tun hat).
Den Normalfall erlebe ich, wenn ich in dieser Stadt das Radio anmache: Da fliegt mir die anglo-amerikanische Meterware nur so um die Ohren, nicht nur bei den Sendern, die meine Kinder hören (wo die Meterware dann noch am frischesten ist!), sondern bei den ganz biederen und gesetzten Wellen, die auch ein Seniorenpublikum wie mich ansprechen wollen. Vielleicht um dieser Altersschicht gerecht zu werden, gibt es dann die Uralt-Hits, bei denen ich damals im vorigen Jahrhundert schon beim ersten Hören die ungute Vorahnung hatte, daß ich mir diesen Scheiß mein ganzes Leben lang werde anhören müssen „I’m your yesterday man“ sang ein seherisch veranlagter Barde in den 60ern, „I’m your yesterday man“ singt eine Kartei Leiche immer noch! Warum? Und gibt es einen Grund „Chirpy-chirpy-cheap-cheap“ auszukuhlen? Nein, aber egal, englisch muß es sein.
Den anderen Ferien-Sonderfall erlebe ich wenn ich an die Nordsee auf des Berliners liebste Ferieninsel fahre: Am Dreieck Havelland schalte ich den NDR2 ein, wegen des Verkehrsfunks – nicht wegen der Musik. Die Musikauswahl wird mir zwar gebetsmühlenartig als „die größte Vielfalt“ angepriesen, besteht aber ausschließlich aus den englischen Top 100 und ein paar immergleichen Oldies. Wenn ich nach 5 1/2 Stunden Fahrt in Westerland ankomme, hätte ich 5 1/2 Stunden rein englisches Programm gehört, wären da nicht die Nachrichten in deutscher Sprache und der Verkehrsfunk, wirklich! Also ich will bei der Wahrheit bleiben, ich geb’s zu, einmal hab ich auch Grönemeyer gehört! Auf der Konkurrenzwelle RSH das gleiche Drama „Die größte Abwechslung“ heißt es da und es gibt noch mehr Werbung. Es gibt einfach keine Alternative.
All das hat dazu geführt, daß viele junge Leute, die singen wollen und die Aussichtslosigkeit erkannt haben, das in ihrer Muttersprache tun zu können, darauf ausgewichen sind, in englisch zu schreiben und zu singen. Ein verzweifeltes Unterfangen, was sich mir nicht nur subjektiv als extra peinlich darstellt, sondern was auch oft objektiv an so einfachen Kriterien wie Sprachkenntnissen und Akzent scheitert. In England oder Amerika kriegen unsere englisch singenden Deutschen keinen Fuß in die Tür, da sind sie Lachnummern, die höchstens mal einen Erfolg dort verbuchen können, wo man noch schlechter Englisch versteht und mit mehr Akzent spricht als in Deutschland, also Froonkreisch, Rußland und Südkorea...
Wie ist es dazu gekommen? Ich glaube die Wurzeln liegen in einer Identitätskrise. Nach dem zweiten Weltkrieg war uns alles Deutsche suspekt, vieles davon zu Recht. Unsere größten Wortkünstler, unsere besten Musiker, unsere Kulturschaffenden hatten wir ermordet oder ins Exil getrieben. Deutschland lag kulturell – von unseren Klassikern mal abgesehen – genauso zerstört am Boden wie die Städte. In diese Wüste kamen AFN und BFN mit neuer, herbeigesehnter, langentbehrter Musik, mit Jazz, Swing und später Rock’n Roll. Und der Erfolg dieser Musik hat natürlich die Nachahmer beflügelt und damit begann das ganze Elend! Nichts ist schlimmer als nachmachen, nichts peinlicher als der Versuch, ein Original zu kopieren, das man gar nicht erreichen kann. Das war die Geburtsstunde der Verachtung für den deutschen Schlager. Denn wenn er vor dem Krieg oder in der unmittelbaren Nachkriegszeit oft von großer Originalität und Witz geprägt war, entstanden nun wirklich miese, lausige Imitationen und unsägliche Nachzieher. Deutsch war abgehalftert und zwar zu recht. Diese Nachzieher haben den Boden so nachhaltig verbrannt und versaut, daß sich der deutsche Schlager davon bis heute nicht erholt hat, von ein paar ganz wenige Ausnahmen abgesehen. Denn noch immer kopiert er, noch immer klaut er, und solange er nichts eigenes, originelles erschafft, wird er immer schlechter sein als das Original auf dessen Schleimspur er hinterhersabbert.
Die Rundfunkredakteure, die einen gewissen Anspruch haben wollten, haben einen Bogen um alles Deutsche gemacht. Wer was auf sich hielt spielte nur englisch. In den 60er und 70er Jahren platzten wir Liedermacher in dieses Deutsch-Vakuum und als Alternative (manchmal auch als Alibi) freudig begrüßt, fanden wir offene Studiotüren. Es gab eine richtige Liedermacherwelle, aber wie alle Wellen spülte auch diese manch hole Muschel hervor und wie alle Wellen ebbte sie auch wieder ab, alles blieb beim alten: Deutscher Schlager und englischer Pop. Es folgte die neue deutsche Welle, mit dem bekannten auf und ab, alles blieb beim alten: Deutscher Schlager und englischer Pop.
Und dann folgte die Privatisierung des Rundfunks, von der wir uns alle diese herrliche, überwältigende Vielfalt erhofften, diese Öffnung, diese Abwechslung. Aber statt dessen kam die totale Verarmung, die Vereinheitlichung, der überall gleiche Dudelfunk, das Elend: Das Spartenradio! Ein Radio, bei dem der Marketing Chef mit Schielen auf die Aktionäre die Musik bestimmt und ein Computer bestimmt wann sie gespielt wird.
Kein Redakteur, der mehr mit liebender Hand und Sachverstand die Auswahl trifft, der vielleicht auch mal daneben haut, nein, kein Risiko, es geht nur noch auf Nummer sicher, das was Quote bringt wird gespielt, das was angeblich gewünscht wird. Aber wenn nur eine Sorte Musik gespielt wird, dann gewöhnt sich der Mensch daran und schließlich dressiert und domestiziert, bestellt er sie sich sogar.
Ich denke immer an den Vergleich mit dem Schuhgeschäft, in dem es braune, weiße, schwarze und blaue Schuhe gibt. Wenn aber immer nur die braunen ins Fenster gestellt werden, kaufen die Leute irgendwann auch nur noch braune und nach und nach wird die Produktion der anderen Farben eingestellt werden. Und der Musikredakteur kennt nur noch die enge Auswahl, dessen, was er zu spielen hat. Und auch die nicht mehr wirklich: Er sieht auf seinem Monitor im Studio den nächsten Titel, er kann ihn nicht ändern oder verschieben, er braucht ihn nicht zu kennen, er sieht an farbigen Balken wie lange das Instrumentalvorspiel ist, damit er rüberquatschen kann, er sieht wie lang das Nachspiel ist, damit er Werbung anhängen kann. Jegliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Liedes ist unnötig und unerwünscht – könnte ja vielleicht nicht in die Meinungsschablone des Senders passen - und da ist es natürlich am besten, wenn man nicht wirklich versteht worum es in einem Lied geht. Was eignet sich da besser als ein Stück anglo-amerikanische Meterware?
Früher wurde zu einem aktuellen Anlaß vom Musikredakteur gern ein Lied genommen, das dessen Thema aufgriff – längst Vergangenheit: 1. macht es zusätzliche Arbeit, 2. könnte man sich den Mund verbrennen, also liber ein Stück unverfängliche Pop-Musik in englisch.
Mir könnte das alles wurscht sein, ich habe die schönsten Cds im Auto, von Klaus Hoffmann, Kevin Johnson, Judith Holofernes, Händel, Aznavour und Gerhard Gundermann, die größte Vielfalt und die schönste Abwechslung und der Verkehrsfunk blendet sich ja durch. Mir ist es wurscht, daß ich im Radio nicht gespielt werde, ich bin ein alter Knochen und mein Publikum kennt mich und beschert nach wie vor jeder meiner Platten Gold-Status und findet auch trotz strengster Geheimhaltung den Weg in meine Konzerte. Mir ist es aber nicht wurscht, daß die jungen Künstler, die es in diesem Land so reichlich gibt, nicht gespielt werden, daß die sich in unserer Sprache ausdrücken wollen, kein Podium haben, um sich uns vorzustellen. So viel geht uns da verloren, so viel gutes hören wir nicht, so viele Talente blühen, warten und verzweifeln und müssen irgendwann kläglich aufgeben, weil unsere Medien sie diskriminieren. Kein Rundfunk, kein Fernsehen, keine Zeitung gibt ihnen eine Chance: Kein „Liederzirkus“, kein „Café Intakt“ vorbei, nur noch die Charts einerseits und die Volksmusik andererseits, man kann sich als junger Künstler nur noch überlegen, an welchem dieser beiden Fensterkreuze man sich aufhängen will.
Ich bin kein Freund von Dirigismus und ich habe immer auf die selbstheilenden Kräfte des Marktes gehofft, aber sie können es nicht schaffen: Bei dem massiven Einsatz der Schallplattenkonzerne, die lieber ihre fertigen amerikanischen und englischen Produkte in die Läden reindrücken, als mühsam und risikoreich neue Talente aufzubauen, sind die selbstheilenden Kräfte aus gutem Geschmack, Neugier und Freude an der Sprache zum Scheitern verurteilt. Ich sehe es ungern, aber ich sehe es ein: Es führt bei dem Verhalten unserer Medien kein Weg an einer Quote für deutschsprachige Musik vorbei, wenn wir nicht einen wichtigen Zweig unserer Kultur – und Wirtschaftszweig, meine Damen und Herren Nationalökonomen! - an unterlassener Hilfeleistung sterben lassen wollen. Ja, ich plädiere für die Quote!
Quelle: www.reinhard-mey.de
So ganz Unrecht hat er nicht, auch wenn da einiges ein wenig übertrieben ist. Zum anderen sollte (wie hier schon erwähnt) auch seiner eigenen Plattenfirma mal diesbezüglich auf die Finger hauen !
@ Radiokult:
Also, ich finde, er hat keinesfalls übertrieben, sondern die Lage des Radiomarktes äußerst zutreffend beschrieben.
Geändert von Makeitso (06.02.2004 um 14:35 Uhr)
Besser kann man es nicht ausdrücken!Und dann folgte die Privatisierung des Rundfunks, von der wir uns alle diese herrliche, überwältigende Vielfalt erhofften, diese Öffnung, diese Abwechslung. Aber statt dessen kam die totale Verarmung, die Vereinheitlichung, der überall gleiche Dudelfunk, das Elend: Das Spartenradio! Ein Radio, bei dem der Marketing Chef mit Schielen auf die Aktionäre die Musik bestimmt und ein Computer bestimmt wann sie gespielt wird.
"Aber statt dessen kam die totale Verarmung, die Vereinheitlichung, der überall gleiche Dudelfunk, das Elend: Das Spartenradio!"
Da erzählt der Mey groben Unfug.
Spartenradio ist nicht gleich Dudelfunk. Hätten wir in Deutschland überall Spartenradio, gäbe es überall diverse Hit-, Oldie-, Rock-, R&B-, Jazz- Talk- und Newssender.
Er meint wohl das "Formatradio" im verarmten, deutschen Sinne.
Hi Alqi,
hatte heute mittag beim Hören von Veronica mal wieder ein AHA-Erlebnis.
Da lief ein Titel, den ich vor Urzeiten schon mal gehört habe, megageil, aber danach nie wieder: Von The Robert Cray Band "Right next door". Ein total melodischer Blues Rock-Titel.
Das sind neben den Hits die Raritäten bzw. weitesgehend eher unbekannten Titel, die ich hören will und nicht das unbekante Zeug, was bspw. Radio Eins abends spielt. Bei Radio Eins heisst oft die Devise "hauptsache exotisch".
Liebe Grüsse
Tom
@ Tom2000
QUOTE]Hätten wir in Deutschland überall Spartenradio, gäbe es überall diverse Hit-, Oldie-, Rock-, R&B-, Jazz- Talk- und Newssender.[/QUOTE]Bei Radio Eins heisst oft die Devise "hauptsache exotisch".
...die Raritäten bzw. weitesgehend eher unbekannten Titel, die ich hören will und nicht das unbekante Zeug, was bspw. Radio Eins abends spielt.
Ja was denn nun? Irgendwie wiedersprichst Du Dich mal wieder.
PS. Zum Glück haben nicht alle Deinen Geschmack.
Solange es (hier) immer noch massenhaft diese (privaten) „Formatsender“ gibt, bin ich sehr froh, radio EINS empfangen zu können. Bei denen geht es eben nicht nur um "Hauptsache exotisch", sondern um Gefühl, dass es bei den Privaten hier gar nicht mehr gibt. Zum Mitschreiben: Hier gar nicht mehr gibt!
Man prangere auch mal die Sender an, die jeden Tag, jede Stunde, das selbe senden. Das ist auch in meinen Augen Frequenzverstopfung.
Radio Eins ist kein Spartenradio, sondern ein Vollprogramm, weil es so viele Spartensendungen unter einem Dach vereint. Gerade hier findet sich, meiner Meinung nach, genau das, was man immer wieder vom ö.-r. als Sendeauftrag erwartet, nämlich eine Runduminformation mit entsprechender Musik. Wem es nicht passt, der kann aus etlichen anderen, gleichklingenden, sich selbst abwechslungstreichst nennenden privaten Sendern wählen!!! Kein privater Sender im Raum Berlin-Brandenburg kommt auch nur annähernd an diese Leistung von Radio EINS heran. Das ist (leider) so!
Szenario: Und kein privater Sender, würde nach Abschaffung aller ö-r Sender an dieses Niveau kommen!
Is natürlich leicht, ö-r Sender nach belieben zu kritisieren: Entweder sind sie zu privat (=einfach, dumpf, pateiisch...)oder zu individuell (=arrogant, hochtrabend, intelligent...) Ja, was denn nu?
Geändert von RayShapes (08.02.2004 um 01:52 Uhr)
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