2022 schaltet SRG UKW ab, Privatradio folgt 2023


Spaceman

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Ich erinnere mich an zahlreiche Fahrten durch die Schweiz, UKW war eine einzige Zumutung. Durch die Reflexionen an den Bergen war ein ungetrübter Hörgenuss unmöglich. DAB dagegen ist für Mobilempfang konzipiert und UKW um Welten überlegen was das anbelangt. UKW wurde für Dachempfang konzipiert und als analoges Einträgersystem kann es gar nicht wirklich mobiltauglich sein.
Also, die Schweizer machen alles richtig und wir machen seit über 10 Jahren alles falsch, was DAB angeht.
 

lg74

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Da der Thread immer wieder mal hochkommt, halte ich eine Korrektur / Aktualisierung für angebracht.

Da die SRG soweit mir bekannt auf Hotbird auch auf 192 kbps reduzieren wird, reduziert sich die Qualität auch via DVB-S2, vermutlich dann auch im Kabel via DVB-C.

Die Entscheidung, die SRG-Hörfunkprogramme von 256 auf 192 kBit/s zurückzunehmen bei der Transponderumstellung auf Hotbird, wurde nicht umgesetzt. Es blieb bei den bekannten 256 kBit/s MPEG 1 Layer II - und damit bei einer hochwertigen Verbreitung. Das ist besonders bemerkenswert, weil SSR SRG ja 7 TV-Services und 25 Radio-Services auf einen Transponder quetschen mussten - auch, wenn das ein 57-MBit/s-Transponder ist und nicht wie bei der ARD üblicherweise 42-MBit/s-Transponder ist das eine heftige Anzahl. Aber die Schweizer haben das genau richtig gemacht. Und sind damit weiterhin zu den Empfangsgeräten kompatibel. Auch der IP-MPTS für die versorgung der Kabelnetze behielt die kompatible hochqualitative Lösung.

Also, die Schweizer machen alles richtig und wir machen seit über 10 Jahren alles falsch, was DAB angeht.
Wieso machen wir "alles falsch"? Die ARD-Wellen sind doch überall in ihren Bestimmungsgebieten auf DAB+ und die Empfangslöcher werden zunehmend gestopft. Wie es klingt, ist Dir ja offenbar egal (und selbst da liegt die ARD in Hessen weit vorn und zeigt auch in anderen Regionen, vor allem Bremen, Saarland, partiell beim BR und im NDR-Gebiet eine formal höhere technische Qualität).

Dass die Privaten in manchen Regionen in Deutschland an UKW klammern, weil das derzeit die einzig sinnvolle wirtschaftliche Variante ist und eben nicht vergleichbar mit der Empfangsrealität der Schweiz... nun., meinetwegen.
 

Spaceman

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Ich verfolge das Thema DAB seit rund 25 Jahren und glaube mir, schlechter hätte man es nicht machen können, um DAB in Deutschland zum Erfolg zu führen. Andere Länder waren da wesentlich schlauer. Ein Beispiel gefällig? Immer noch kann ich in Deutschland rein analoge Empfänger beim Discounter kaufen - ein Unding! Noch eine Beispiel: Mein neues Auto (3 Jahre alt), das ich morgen bekomme, hat kein DAB und keine Erweiterungsmöglichkeit! DAS meine ich - alles falsch gemacht! Technisch könnte man schon lange DAB-Empfänger einbauen, es war politisch aber nicht gewollt. Es lebe UKW bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag...
 

lg74

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Ich verfolge das Thema DAB seit rund 25 Jahren und glaube mir, schlechter hätte man es nicht machen können, um DAB in Deutschland zum Erfolg zu führen.
DAB+ gibt es erst seit ca. 11 Jahren. Mit allem, was man vorher hätte kaufen oder pflichtweise in Autos einbauen können, wäre ohnehin Funkstille außerhalb UK und wohl partiell noch Schweden.

Ich betrachte schon den Wechsel von DAB auf DAB+ als Fehler. Es sind dabei auch sehr hochwertige Heimgeräte zu Elektroschrott gemacht worden. Man hätte stattdessen die Zahl der Bedeckungen massiv ausbauen müssen, um mit MPEG 1 Layer II und 192 kBit/s Mindest-Datenrate einen qualitativ gleichwertigen UKW-Ersatz anbieten zu können.

Stattdessen hat man erst die Datenrate gedrückt auf 128 kBit/s Layer II (nicht nur in Deutschland) und das System damit akustisch unbrauchbar gemacht. Dann der Wechsel auf DAB+, aber statt nun wenigstens UKW-vergleichbare Qualität anzubieten, hat man wieder die Datenraten deutlich reduziert, teils sogar halbiert. Dabei weiß zumindest die EBU seit 2009 (großer europaweiter Hörtest), was dabei rauskommt: Müll. Selbst die damals höchste im Test verwendete Datenrate, 128 kBit/s Subchannel Size mit minimaler non-Audio-Datenrate, ohne Slideshow und mit 113,3 kBit/s netto-Audio LC-AAC erreichte nicht die Qualität von 192 kBit/s MPEG 1 Layer II. Die EBU schrieb damals in der Zusammenfassung:

„However, because the highest bit rate in the tests was 128 kbit/s for the new DAB+ codec, it cannot be said which bit rate is really required to fulfil the “Broadcast Quality” requirement for full Transparency.“
(EBU BPN-094 „EBU Subjective Assessment and Objective measurements of DAB+“)

Und was wird in der Praxis gemacht? 96 kBit/s HE-AAC oft maximal, teils bis runter zu 64 kBit/s. So beschissen hat Radio seit dem Wechsel von Mittelwelle auf UKW in den 1950er/1960er Jahren nicht mehr geklungen. Und die Schweiz ist da ganz "vorne" mit dabei. Die EBU sitzt in Genf. Die Schweiz war an diesem Hörtest beteiligt, ignoriert aber die Ergebnisse und bewirbt schamlos das resultat

Immer noch kann ich in Deutschland rein analoge Empfänger beim Discounter kaufen - ein Unding!
Und? Für die ortsüblichen Dudler reicht das noch so lange hin, wie die Billiggeräte vermutlich kaum leben werden. Warum sollte man den Mehrheitswillen der Bevölkerung, die immer noch meist öffentlich-rechtliche oder private Dudler mit starken Ortsfrequenzen hört, hier zwangsregulieren? Wozu braucht es zum Hören von MDR Jump oder NDR 2 ein DAB-Radio, wenns mit der billigsten UKW-Gurke auch geht? Am Betonmischer oder im Treppenhaus beim Malern macht das doch keinen Unterschied. Nur die Batterien halten ggf. länger - bei UKW.

Wir haben halt keinen breit angenommenen Ausstiegstermin aus UKW. Ich hielte einen solchen auch für reine Regulierungwut. UKW nimmt zumindest nach meinem derzeitigen Kenntnisstand keine Funkbandbreite für irgendwelche anderen geplanten Dienste weg. Warum sollte man dann nicht senden, solange das aufgrund der Hörer-Akzeptanz wirtschaftlich ist?

Unwirtschaftlich ist UKW in Deutschland vor allem für das D-Radio und seine ca. 300 UKW-Sender, von denen viele so schwach sind, dass sie kaum für den Ort reichen, an dem sie stehen. Hier bietet sich DAB+ auch zur flächendeckenden Versorgung an - ich sähe aber da gerne 3 mal 128 kBit/s LC-AAC. Dann wäre es auch anhörbar.

Mein neues Auto (3 Jahre alt), das ich morgen bekomme, hat kein DAB und keine Erweiterungsmöglichkeit!

Ich habe keine Ahnung, ob das in der Schweiz anders ist. Gab es dort in den vergangenen Jahren bereits eine Einbaupflicht für DAB+-taugliche Autoradios für die Hersteller? Oder musste man sein neues Auto auch entsprechend ordern, wenn man es mit DAB+ haben wollte (zu Mondpreisen wie in Deutschland)?

Ich finde spontan die Aussage, dass Ende 2019 in der Schweiz bereits 96% der Neuwagen DAB+ hatten:


Warum? Weil es die Käufer so geordert haben oder weil es eine administrative Regelung gab?

Und ich kenne das Wehklagen eines in der Schweiz lebenden Sachsen, in dessen Kleinwagen eben kein DAB-Gerät drin ist. Das Märchen, das er erzählt, ist das gleiche wie das, das mir schon mehrfach in Deutschland erzählt wurde (auch von Rundfunkhändlern!): man hätte die UKW-Sendeleistung herabgesetzt, so dass man UKW nicht mehr gut empfangen könne.

Dass er gerne Rockmusik hört, die er auf UKW in der Schweiz nicht findet (ist in Deutschland ja auch fast überall so), kommt noch hinzu. Daheim hört er irgendwas über seinen Swisscom-Anschluss (offenbar IP-basiert). Im Auto geht nichts. Eine Nachrüstung wäre nicht möglich, das Autoradio habe keinen Line-In und die UKW-Adapter-Lösung will er nicht.

Technisch könnte man schon lange DAB-Empfänger einbauen, es war politisch aber nicht gewollt.
Was hindert einen Automobilhersteller daran, DAB+ einzubauen? Nur der Kunde, der es nicht haben will - oder der es nicht zu den aufgerufenen Konditionen haben will. Oder gab es ein Vebrot zum Einbau von DAB+-Geräten in deutsche Autos. Das verstünde ich unter "politisch nicht gewollt".

Hat die deutsche Privatfunk-Lobby (die sich verständlicherweise schon wegen der Simulcast-Finanzierung mit DAB+ schwer tut) die Politik bedrängt, dem DAB+-Einbau in Neuwagen einen Riegel vorzuschieben?


Der Unterschied, den ich erkennen kann, ist, dass man in der Schweiz massiv auf einen UKW-Ausstieg gedrängt hat seitens der Politik. Dazu kann man gewiss unterschiedliche Haltungen haben, aber die Radiolandschaft ist dort auch anders als in Deutschland (und die Topographie oft auch).

In der Schweiz wird DAB+ genauso verlogen beworben wie in Deutschland. Es heißt dort "Mehr Freude am Klang" - dabei ist HE-AAC ein klanglich lausiger Notfall-Codec für Situationen, in denen man keine ausreichende Bitrate für sendewürdige Qualität hat. Wenn die Privaten in Klingeltonqualität herumplärren, ist das ja noch als wirtschaftliche Entscheidung nachzuvollziehen - für ihre Klientel reicht es offenbar. Wenn die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Programme dem nicht nachstehen, wird es aus meiner Sicht heikel.

Offenbar sind die qualitativen Errungenschaften der gesamten Hörfunkentwicklung von 1950 bis ca. 1992 (Serienreife DAB) heute völlig wurscht.
 

DerMaier

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Mich würde mal interessieren, wann Deutschland UKW abschalten wird. Weiß da jemand etwas genaueres? Habe mir erst neulich ein kleines UKW Radio gekauft. Lohnt sich hoffentlich noch.
 

lg74

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Habe ich das behauptet? Habe ich nicht.

Für meinen Bekannten ist DAB+ im Auto somit gescheitert, weil er die Frickel-Lösung mit dem UKW-Umweg nicht will. Ich hatte mal so einen Adapter zu Hause zum Testen - der letzte Dreck. Was da raus kam, was schon via Line-Out eine Zumutung, weit, weit unter der ohnehin oft miesen DAB-Qualität. Der UKW-Modulator schoss den Vogel dann komplett ab. Wie mir ein Szenekenner sagte, wären zig solcher Adapter in exakt dieser "Qualität" am Markt. Vielleicht gibt es ja aber auch einen, der wenigstens nur so kaputt weiterleitet, wie es via DAB+ meist schon ankommt.
 
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