AFN aus der Gastherme


#1
Ich habe mal eine Frage, die vielleicht etwas abwegig erscheinen mag:

Wir haben in den 70ern in Frankfurt gewohnt und hatten im Bad einen Gas-Durchlauferhitzer. Und ich habe mir oft eingebildet, aus diesem Gerät ab und zu leise AFN gehört zu haben.
Einbildung oder durchaus möglich?
 
#2
Durchaus möglich. Quasi vor der Haustür bei Weißkirchen (nicht Weiskirchen!) blies deren Mittelwellensender mit 150 kW auf 873 kHz das Programm in die Welt. Das war mit dem sprichwörtlichen nassen Handtuch zu empfangen. Oder eben mit dem Durchlauferhitzer.
 
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#5
Dass irgendwelche Elektronik auf elektrische Signale reagiert, die eigentlich nicht für sie vorgesehen sind, ist nichts besonderes. Mit meinem Dual Entzerrer-Vorverstärker habe ich jahrelang abends unfreiwillig Radio Moskau gehört.

Für den Laien sehr viel beeindruckender ist es in der Tat, wenn Gasthermen, Küchenherde und anderes zu Empfängern mutieren. Bei einem befreundeten Funkamateur stand irgendwann die Mutter kreidebleich in der Zimmertür: "Er spricht!"

Wer sprach? Ihr Backofen. Zwar leise aber verständlich... CQ... CQ... :)
 
#8
Und wo wir gerade dabei sind:

Wir haben in den 70ern jahrelang an einer örtlichen Frittenbude aus dem Auto heraus per Funk über die Musikbox im Vorbeifahren die Fritten bestellt und auf dem Rückweg abgeholt.

Da kursierten die wildesten Gerüchte, bei welchem Geheimdienst wir wären.
 
#9
Vielen Dank für Eure Antworten! Sie sind ebenso erhellend wie erheiternd.
Nur kommt jetzt die unvermeidlich frage des absoluten Laien: Wie funktioniert das? Was geht im Backofen oder im Gasboiler vor sich, daß er zum Radio wird? Aus welchem nicht vorhandenen Lautsprecher kommen die Töne?
Und: ist das in unseren digitalen Zeiten auch noch möglich oder hat das nichts miteinander zu tun?
 
#10
Das funktioniert dann, wenn die Feldstärke hoch genug ist, dass sie in den Metallteilen des Geräts eine ausreichend hohe Spannung induziert, und am oder im Gerät eine Grenzschicht, z.B. ein dünner Ruß- oder Fettfilm ist, der ähnlich wie eine Diode im Detektorempfänger das Signal gleichrichtet. Im Grunde der simpelst denkbare nicht abgestimmte Detektorempfänger. Die Umwandlung in Schall erfolgt dadurch, dass durch die elektrischen Ströme wiederum Metallteile des Geräts in Schwingungen versetzt werden oder es an der Grenzschicht im Rhythmus der Modulation hörbar 'britzelt'.

Das funktioniert alles nur mit analogen Signalen. Bei digitalen Signalen wäre bestenfalls ein Rauschen zu hören.
 
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#11
Ich suche händeringend nach einem kleinen Video, welches ich vor, na ja, zwanzig Jahren wohl, mal im Netz gesehen hatte. (Von wegen, das Netz vergißt nichts …) Es zeigt den Sender Holzkirchen (Radio Free Europe/Radio Liberty) mit einer Funktionsstörung in der Zuführung zur Antenne. Es ist ein enormer Lichtbogen zu sehen, genau so wie im Deutschen Museum immer um 14 Uhr, aus dem lauthals das Programm schallt. Plasmalautsprecher. Eindrucksvoll.
 
#12
Wilsdruff 1993 (1044 kHz, 150 kW):


Ein in den 1950er Jahren gebauter Sender auf faktisch Vorkriegs-Stand, der Krieg hatte die Weiterentwicklung unterbrochen. Man hört das Programm, es ist aber kein Lautsprecher an. Vgl. ab 1:18 - Erklärung für den Ton.

Und auch außerhalb der Sendeanlage gab es Effekte - bis zu den ca. 500 m entfernten Wohnhäusern, bei denen zeitweise die Dachrinnen musizierten, vgl. Anhang, Herr Günther vom Senderteam berichtet.

...dazu fand ich nur diesen Zeitungsartikel, der weitere Effekte aufzählt: https://www.merkur.de/lokales/region-holzkirchen/stimme-ofen-verstummte-zwei-3297291.html

und noch mehr

http://www.ralf-woelfle.de/elektros...lfle.de/elektrosmog/allgemein/holzkirchen.htm

Und Schwarzenburg in der Schweiz mit eindrucksvollen Akustik-Vorführungen:


Man wundert sich in solchen Umgebungen eigentlich nur noch, dass die Aufnahmetechnik noch funktioniert.
 

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#14
Und dann gab es noch die Kleingärten im Umfeld von Sendeanlagen, die kabellose Beleuchtung hatten: Drähte von λ/2-Länge am Glühobst angelötet, und es leuchtete ;) ob auch etwas zu hören war, ist mir nicht überliefert.
 
#16
Gehen aber dafür recht energieeffizient ihrer eigentlichen Bestimmung nach ;)
Da fällt mir ein (leider nicht vorliegendes) Foto eines Messingenieurs vom Sender Moorfleet vor's innere Auge, der auf einer Plattform eines großen Sendemasten steht. Eine leuchtende Leuchtstoffröhre in der Hand.
 
#18
Es gab im Deutschen Fernsehen mal die Sendung „Wer dreimal lügt“. Dort wurde das Thema Leuchtstoffröhren – für mich gleichermaßen unglaublich wie faszinierend – auch schon mal aufgearbeitet.
 
#22
Zuletzt bearbeitet:
#23
Das Stichwort "Phono-Entzerrervorverstärker" bringt ein generelles Drama in meine Erinnerung zurück. Vor allem japanische HiFi-Hersteller haben einst die Phono-MM-Eingänge ihrer Geräte mit derben Lastkapazitäten gegen Masse kurzgeschlossen, um genau solche Einsteuungen auf diesem Wege zu verhindern. Da waren dann gerne mal 300 pF oder mehr drin. Dazu das Anschluskabel vom Plattenspieler und die Tonarm-Innenverkabelung - zack hatte man 500 pF Lastkapazität.

Blöd nur, dass MM-Tonabnehmer mit ihren Generatorspulen nunmal eine Induktivität + ohmschen Widerstand darstellen. Und die Induktivität bildet zusammen mit der Lastkapazität ein hübsches Filter, das gerne im Bereich der Mitten eine Überhöhung und danach einen radikalen Frequenzgangabfall zeigte.

Hier kann man sich das ausrechnen: http://www.hagtech.com/loading.html und hier finden sich für einige Systeme auch die Induktivitäten: https://aaanalog.de/media/downloads/TA-Daten.pdf

Da sind die MC-Systeme fein raus. Ihre bewegten Spulen müssen so leicht sein, dass kaum Draht drauf ist. Die Folge ist zwar etwa 20 dB weniger Ausgangsspannung, aber auch eine weitgehende Immunität gegen solche elektrischen Resonanzen. Man betreibt sie mit riesiger Bandbreite und dämpft den sinnlosen Bereich durch entsprechend heftigen Lastwiderstand.

So gesehen sind MC-Systeme unkritischer im Frequenzgang, brauchen aber eine rauscharme Vorverstärkung oder einen passenden Aufwärtstransformator. Es kann also auch nicht verwundern, dass die EMT-Tondosen MC sind.
 
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