Alte Sendetechnik


#1
Hallo Leute,

Ich weiss nicht ob ich hier richtig bin, wollte es aber auch nicht unbedingt in die Studio- Sendetechnik packen. Mich interessiert folgendes: In den 70er und frühen 80er Jahren sahen die Studios in den öffentlich Rechtlichen Radios fast überall gleich aus. Die nannten sich glaube ich "Sprecherplatz mit Discothek". Neben den EMT 948 gab es ja so kein richtiges Mischpult, sondern nur Fadermodule. Welche Firma hatte die damals hergestellt?
 
#2
Da gab es mehrere: Telefunken, Siemens und Neumann (von dort z. B. der W444STA), später auch Monitora, Lawo, TAB usw. Neben den Pegelstellern gab es noch alle möglichen anderen Module wie Mikrofonverstärker, Entzerrer, Regelverstärker und was nicht alles. Das geniale an dem System war, daß diese Module Schnittstellen mit Studiopegel aufwiesen, und so konnten auch von unterschiedlichen Herstellern mittel- und ganz große Regien zusammengestellt werden, immer nach den Anforderungen maßgeschneidert. Insofern ist das Wort „nur“ eher fehl am Platz wie es auch eben doch ein „richtiges“ Mischpult war. Es fehlte nur alles überflüssige daran.
 
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#3
Interessant, habe gerade mal gegoogelt. Es scheint sich wohl um die Nemuann W444STA zu handeln. Die Ausgänge wurden dann mit der Sende-Regie verbunden?
 
#5
Der „Diskplatz“, wie er auch hieß, stellte eine eigene kleine Senderegie dar. (Tatsächlich besteht er aus weit mehr Innereien als nur den sichtbaren Reglern, siehe den Beitrag von @lg74.) In der Regel lief der Ausgang auf einen Koppelpunkt im Schaltraum auf, so daß er von dort den einzelnen Senderegien der Programme zugeordnet werden konnte.
 
#6
Auch Privatsender haben sich teilweise aus solchen Modulen schöne funktionale Selbstfahrplätze bauen lassen. Nur mit dem Unterschied, dass da vermutlich keine fette Regie dahinterhing. Hier ein Beispiel von FFN:

https://www.ffn-history.de/fileadmin/ffn-history/autogramm/1990_Andreas_Kuhnt.jpg

Das geniale an dem System war, daß diese Module Schnittstellen mit Studiopegel aufwiesen, und so konnten auch von unterschiedlichen Herstellern mittel- und ganz große Regien zusammengestellt werden, immer nach den Anforderungen maßgeschneidert.
Was noch genial war: die Ein- und Ausgänge waren erdfrei symmetrisch, also mit Übertrager. So konnte man problemlos brummfrei zusammenschalten.

Im wunderschönen Studio 12 beim BR (im Frühjahr 2012 ersatzlos ausgeräumt) stand noch ein Diskplatz, an dem der Zündfunk gemacht wurde. Hier S12 bei einer Sendung für BR Klassik ("taktlos"):

https://www.nmz.de/taktlos/2008/120/dis2.jpg

Das waren aber keine Neumann W444.

In der Regie waren es aber W444:
https://www.nmz.de/taktlos/wp-content/gallery/taktlos-120/studio2.jpg
https://www.nmz.de/taktlos/wp-content/gallery/taktlos-120/studio4.jpg

Und im großen Studio 9 stand ein großes Pult aus solchen Modulen wohl noch bis ca. 2014 im Einsatz:
https://www.nmz.de/taktlos/wp-content/uploads/2014/03/taktlos173-4030105.jpg

Dürfte damit wohl fast 24 Jahre gelaufen sein. Flog dann raus und wurde durch ein Stagetec ersetzt.
 
#7
Hier ein Beispiel von FFN:
Fein! Einige W444 sind schon mit Kunststoffknöpfen versehen (würg!). Daneben gibt es drei Studer A725- oder A727-CD-Spieler, (vermutlich) zwei EMT 938 und (mindestens) drei Sonifexe. Gesprochen wurde damals noch in ein Neumann KM. Ein NTP 177-400 zeigt den Pegel an, daneben noch ein Neumann U472-2B-Pegelmesser, fürs Vorhören oder so. Die Spieldauer für die zwei Plattenspieler wird mittels zweier Neumann-PSU-Uhren angezeigt, so kann man es natürlich auch machen. Zwei weitere für den Mikrofonkanal und … Cart 1? Kann ich schlecht erkennen.
 
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#9
Nachtrag: Ein anderes Foto bestätigt die Anzahl der Sonifexe mit drei, man erkennt, daß es sich um A727 handelt, und daß noch eine (?) A807 im Raum steht. Mikrofonverstärker sind V476, die ich allerdings nicht so in den Tisch gebaut hätte.
 
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#10
Sonifex hatte ich auch mal 3 Stück, später dann Otari und in den 90 Akaii DD-1000 mit DL-500 (hat mir am meisten Spaß gemacht). Heute wo alles nur noch digital ist, ist es sehr langweilig geworden wie ich finde. Es müssen weder Platten aufgelegt, noch CDs eingelegt werden. Liegt das nun am Alter oder ist es wirklich langweilig geworden? Aber ich bedanke mich für alle Antworten. Es ist spannend das alles wieder mal zu erleben. Solltet ihr noch mehr Bilder aus der guten Zeit haben, immer ran damit :)
 
#12
Persönlich durfte ich am Hamburger Rothenbaum den DJ-Platz in Studio 12 kennenlernen, ein verhältnismässig neues analoges Studio von Anfang der 1980er Jahre mit Neumann 400 Regietechnik, NDR-üblich in schwarz mit 444er Reglern (abgewrackt 2004, ein paar Artefakte wohnen jetzt bei mir).
Der DJ-Platz wohnte in dem ca. 200qm (!) großen Studio etwas vereinzelt in der Ecke, bestand aus je 2 948 und 981 von EMT und einem Schoeps Kleinmembraner, bedienbar über eine kleine Reglerwanne bestückt mit versenkten Danner-Reglern (die Staubsammler). In Regie 12 lief das ganze summiert auf einem Stereoregler auf.
 
#13
Hier wurde ja auch schonmal dieses Video verlinkt:


NDR 2 - war das das reguläre Studio oder hatte man es nur für diesen Anlass verwendet?

Bei 1:19 sieht man rechts neben der "2" auf dem Board zwei Philips LHH2000 CD-Player. Bei 1:59 sieht man sie nochmal in voller Schönheit. Aber was waren das für Plattenspieler und woher kamen Jingles etc.?
 
#16
Grundsätzlich kannst Du jeden Tonarm an jedem Laufwerk betreiben, wenn Du ihn an die richtige Stelle montierst (gewisse Mindestgrößen vorausgesetzt). Dieser spezielle Tonarm ist mir jetzt nicht bekannt, der Typ müßte mit diesem charakteristischen Vertikallager aber herauszufinden sein.

Edit: Schon gefunden:

1584371168806.png

Das Bild ist geklaut bei http://www.soundfountain.com. Dazu heißt es:

Technics EPA-100P Tonearm

Japanese brochures often show images of the black version of the EPA-100 tonearm. There is yet another black version of the EPA-100 and that is the EPA-100P. It is a tonearm specifically made for broadcasting sound studios and radio stations where a more sturdy use of the equipment is inevitable. Thomas Kiefer from Germany wrote to me about this tonearm. The EPA-100-P has no facility to adjust VTA. The arm in his possession does not have a lift either. But the image he sent me of the total broadcast SP-10Mk2 shows that the arm support is obviously lowered and raised by means of the switch at right in the front of the plinth. Furthermore it has a safety bracket so the arm cannot sway and drop when accidentally touched.
 
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#17
Besten Dank!

Interessant an diesem Bild ist, dass man vergleichbar zu den EMT-Geräten Markierungen ergänzt hat, bis zu der bei 33 bzw. 45 der Teller zurückzudrehen war, um jaulfreien Start zu bekommen. Da es sich hier um eine modulare Lösung handelt, wäre nun noch interessant, ob der SP-10MkII einen Schaltausgang besitzt, mit dem man eine Hochlaufstummschaltung ansteuern kann.

Und noch viel interessanter wäre, warum der NDR diesen Weg gegangen ist, statt einfach EMTs hinzustellen.
 
#18
[Es] wäre nun noch interessant, ob der SP-10MkII einen Schaltausgang besitzt, mit dem man eine Hochlaufstummschaltung ansteuern kann.
Natürlich nicht! Das einzige, was man da anschließen kann, ist die Fernbedienung mit einem Taster parallel zum Start-/Stop-Taster im Gerät.

Und noch viel interessanter wäre, warum der NDR diesen Weg gegangen ist, statt einfach EMTs hinzustellen.
Ich gehe davon aus, daß Laufwerk und Tonarm trotz des damals recht hohen Preises (1978 laut der Zeitschrift HiFi Choice 1.000 GBP – rechne selbst) immer noch günstiger war als die 7.000 DM, die EMT für einen 948 aufgerufen hatte.
 
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#19
Der DJ-Platz wohnte in dem ca. 200qm (!) großen Studio etwas vereinzelt in der Ecke, bestand aus je 2 948 und 981 von EMT und einem Schoeps Kleinmembraner, bedienbar über eine kleine Reglerwanne bestückt mit versenkten Danner-Reglern (die Staubsammler). In Regie 12 lief das ganze summiert auf einem Stereoregler auf.
Irre, das klingt fast exakt so wie eine Bescheibung von Studio 12 (!!!) des BR, das ich weiter oben schon erwähnt habe, das aber doch deutlich kleiner ist:









alle Fotos (c) https://www.nmz.de/taktlos/

Ich hätte das zu gerne mal selbst gesehen, gerochen und angefasst. Schade, keine Chance dazu gehabt. Ist seit Jahren nicht mehr existent.
 
#21
NDR 2 - war das das reguläre Studio oder hatte man es nur für diesen Anlass verwendet?
Das war das reguläre Studio zu der Zeit, bis Anfang der 90er die Wellen in andere Gebäude auf dem Gelände auswanderten, um näher an die Redaktionsräume zu rücken. NDR Kultur war der letzte Bewohner bis etwa 2004/2005.
"Fun fact" am Rande: der Blick (im Video) übers Sendepult hinweg durchs Studiofenster auf das Nachbargebäude zeigt genau das Haus, in das NDR 2 dann zog. Zwischen den Gebäuden liegt die Werderstraße - zur Orientierung auf dem elektrischen Stadtplan.

ASZ nannte sich der Bau, Abwicklungs- und Sendezentrale. Auf einer Etage waren HSR und drei Sendestudios versammelt, die Regien alle nebeneinander mit Fenstern zum Durchblick verbunden. Entworfen wurde das für die damals existierenden drei Programme.
Bei 1'52 im Video sieht man Engholm auf dem L-förmigen Gang, die Raumkante hinter ihm gehört zum HSR. Der Ü-Raum war den Gang entlang und dann auf der rechten Seite.
In der Etage darüber gab es noch die Studios 14 und 15 für ganz aktuelle Vorproduktion, Produktionshilfe und soweit mir erzählt wurde, wurde aus einem der beiden auch der Nachtexpress gesendet.
Long time ago… viele KollegInnen sind nicht mehr im Dienst, die von dort noch gesendet haben.
Selbst den HSR gibt es an der Stelle nicht mehr, ist nach Lokstedt gezogen und in den HSR Fernsehen integriert.
(…)und woher kamen Jingles etc.?
Kann ich nicht mit Sicherheit sagen, aber ich denke von Senkel. So viele Jingles gab es zu der Zeit nicht im Programm, dass man mit dem Auflegen nicht mehr hinterhergekommen wäre.

Nochmal Studio 12:
Die Raumgröße ist in der Tat erstaunlich (erst recht für ein Studio, in dem seit Anfang der 80er keine Musik mehr produziert wurde) und rührt daher, dass es in einem Seitenflügel der ehemaligen Synagoge in der Oberstrasse eingerichtet wurde, deren Hauptteil bis heute das Rolf-Liebermann-Studio (früher Studio 10) einnimmt. Der Studioraum war einmal der Wochentempel.
Auf der anderen Gebäudeseite existierte Studio 11, leider viel früher schon außer Betrieb gegangen. Der Aufnahmeraum wird gelegentlich als Musikproberaum genutzt und ist noch im Zustand von vermutlich Ende der 60er Jahre. Er riecht jedenfalls so ;)
Gelegentlich kann man im Fernsehen Aufnahmen vom NDR Jazzworkshop aus den 60er/70er Jahren sehen, die dort entstanden sind.
Studio 12 hatte interessanterweise auf der der Regie gegenüberliegenden Seite noch einen M-Raum, dort standen vier M15A, zwei EMT Plattenspieler, zwei CD-Player und ein kleines Pult bestückt mit Telefunken W690ST Reglerkassetten (die liegen warm und trocken in meinem Regal...).
Der Pultausgang lag in Regie 12 auf Regler, es gab Kommandoverbindung, Lichtzeichen und eine per Taster bedienbare Glocke.
In der Regie selbst standen nur zwei Bandmaschinen.

Der "Reisswolf" wurde dort zuletzt bis zu seiner Einstellung noch produziert, fällt mir gerade ein. Als Lehrling durfte ich einmal einer Produktion beiwohnen.
 
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#23
Ein Nachtrag zu:

Aber was waren das für Plattenspieler
Inzwischen sind mir mehr Bilder begegnet. Die Maschine wurde von Technics selbst in einer professionellen Variante unter dem Namen SL-1000 MkIIP vertrieben, mit allem dran, was sich für den Studiobetrieb gehört, unter anderem einem vernünftigen Fernsteueranschluß. Finnland hatte sich wohl mit diesen eingedeckt, auch in Schweden sollen ein paar gelandet sein.

Technics SL-1000MkIIP_1.jpg

Technics SL-1000MkIIP_2.jpg
 
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#24
Oh was für ein bildhübsches Möbel!
Eindeutig 1000% höherer W.A.F. als ein 930 oder 950 in der artgerechten Truhe ;)

Nachtrag: wenn die Gebrauchtverkaufspreise von 16.000 NOK (~1400€) noch aktuell sind, auch erschwinglicher als der preiswerteste EMT.
 
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