Caspary vs. Lachmann (betrifft Helene Fischer)


DOSORDIE

Gesperrter Benutzer
#55
So ein Unfug.

Ich habe schon genau erklärt, was für mich der Unterschied zwischen Musikjournalismus, Musikgeschmack und Imagepflege ist. Den Slogan „Nur für Erwachsene“ find ich eigentlich ganz gut. Aber ich mags halt nicht, wenn Jemand sich dafür schämt, dass er einen bestimmten Song mag und das einem bestimmten Menschen nicht sagen will, aber wenn er dann sagt, dass das ok ist und ihn sogar Performt, weiß man plötzlich, dass man das ruhig darf und das nicht gegen seine urbanen Musikgesetze verstößt.

Ganz ehrlich: Wenn Ich bei einem ach so hippen Radiosender arbeite, der für ein gehaltvolles Programm steht, muss ich doch so selbstsicher sein, dass es mir nicht peinlich ist, zuzugeben, dass ich einen Song von Loverboy gut finde. Und genau das ist das warum ich die ganze Zeit die Spex als repräsentatives Beispiel benutze.

Mich nervt dieses beinah esoterische abgehobene Getue, dass man zu irgendeiner Elite gehört, die nur eine bestimmte Sparte von Musik akzeptieren und zwar, wenn sie in ihr intellektuelles Umfeld passen und man sich bloß nicht von seinem geilen Image losreißen muss um das zu mögen.

Das ist Alles so ein Getue. Ein bestimmter Typ Mensch, der sich versucht durch einen antrainierten Musikgeschmack von der Masse abzusetzen und dann aus Prinzip Alles Scheisse zu finden, was nicht zu seinem Image passt und das nervt.

Deshalb habe ich auch diese HiFi Gurus als Beispiel benutzt, die DJ Plattenspieler verteufeln, weil sie ja fürs Grobe gemacht sind und jeder der Ahnung hat, weiß, dass so ein günstiger 300 Euro Hanpin Direktantrieb, wenn man ihn mit einem Feinschliff System ausrüstet jedem 20.000 Euro Fat Bob Transrotor Riemenantrieb überlegen ist und das hat ganz einfache physikalische Gründe, die man mit Zahlenwerten nachweisen kann, da nützt auch keine Religion und trotzdem sind die Leute so bescheuert und kaufen das Zeug weil sie „hören“, dass es besser ist, dabei gehts nur um Exklusivität und Elite und nicht um das was man tatsächlich hört oder nicht hört.

Wenn ich schon dieses Gefasel über warmen Klang von CD Playern höre... ein CD Player klingt im Normalfall nicht, es sei denn das ist so gewollt. Er gibt das linear wieder, was man rein gibt. Wenn mir dann einer erzählt, dass er massive Unterschiede zwischen CD Playern hört, hat nicht verstanden, dass eine CD ein reiner Datenträger ist und nur die darauf enthaltenen Daten abspielt, wenn ich das 1 zu 1 auf ein anderes Medium oder auf die Festplatte kopiere kommt da - wenn der D/A Wandler nicht total schlecht ist - auch genau das Gleiche raus... aber dann wird man belächelt, wenn man das genau so kundtut.

Und bei solchen Musikgurus ist das genau so. Die weisen so eine gewisse Art von Faschismus auf und das mag ich nicht. Ein Beispiel in dem Interview ist auch, dass sie die Texte von Helene Fischer als inhaltsleer beschreibt und das als Grund benutzt, die Musik scheisse zu finden.

Aber es gibt auch genug intellektuelle inhaltsleere Musik. Man muss nicht für jeden Song ein Studium in Interpretation abgeschlossen haben um ihn zu verstehen und nicht hinter jedem Song steht eine Wahnsinns Message, nur weil er gut ist.

LG Tobi
 
#57
wenn das gegen mich ging, dann schau noch einmal, in welchem Zusammenhang ich das gesagt habe. Danke!
Es stimmt ja auch nicht. Für niemanden.
noch einmal: Das solltest du den Hörern überlassen. Aber okay, es stimmt auch nicht, dass das Programm "nur für Erwachsene" sei, um junge Studenten an Fritz abschieben zu können. Oder die "Alten" zu radioeins zu zwingen. Dieser Claim ist einfach nur überheblich und bescheuert. Radioeins könnte auf diesen Slogan komplett verzichten, die Formatradio-Hasser...
 
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DOSORDIE

Gesperrter Benutzer
#58
Nein war es nicht, aber ich finde man sollte auch Claims nicht zu ernst nehmen. Da ist schon ne Menge Ironie mit drin und wenn man als Formatradio immer die Dudelsender sieht, sollte man nicht vergessen, dass Radio eins auch ein Formatradio ist, eben nur ein Anderes Format als Hot AC.
 
#59
Ich habe hier auch Platten von den Flippers, Roger Whittaker, Andy Borg, Ibo und sonstwas für in solchen Kreisen aus Prinzip verachteten Interpreten, aber ich mag das und ich kann auch erklären warum ich es mag.
Mach doch mal bitte. Ich bin selbst eher einer derjenigen, die bestenfalls mit einer gewissen Faszination des Schreckens auf den Schlager schauen, und wundere mich gelegentlich - ganz aufrichtig! - wie Apologeten des Genres zu ihrer Haltung kommen. Es gibt reichlich Musikrichtungen, die ich persönlich nicht ausstehen kann - Funk beispielsweise - deren Qualität sich mir dennoch im Einzelfall erschließt. Beim Schlager ist das bisher weitgehend nicht der Fall. Da Du anführst, auch mit dem, was man sonst so "Auskenner-Musik" nennt, vertraut zu sein, hielte ich einige Ausführungen Deinerseits zur Qualität der genannten Interpreten tatsächlich für gewinnbringend.

Zum Eingangsthema: Grundsätzlich kann ich Casparys Haltung in der Sache gut nachvollziehen. Was beide Diskutanten offenbar nicht wahrnehmen, ist eine gewisse Einigkeit in der Beurteilung. Caspary sagt, das sei Musik für Leute, die sich mit Musik nicht wirklich beschäftigten und Lachmann sagt, von einem Fischer-Konzert erwarte er noch ganz andere Dinge, als dass es sich nur um gute Songs handle - große Show, Tanz, Akrobatik, Möglichkeit zum Abschalten etc. Im Grunde ist das doch die gleiche Aussage: Die Qualitätsansprüche, die an Fischers Kunst gestellt werden, sind nicht im engeren Sinne musikalische. Wirkliche Musik-Aficionados werden daher mit ihrer Musik eher nicht glücklich werden.

Ein vernünftiges Gegenargument habe ich auch hier in der Forumsdiskussion noch nicht gefunden. Als ziemlich dünnhäutig empfinde ich die Skandalisierungsbereitschaft, wenn eine These mal mit etwas Schärfe formuliert wird. Das bessere Argument in der Tasche zu haben, fänd' ich irgendwie gewinnbringender, als "Wie kann sie nur?" auszurufen (scheint aber ein Zeichen unserer Zeit zu sein).
Die Beobachtung, es gebe Leute, die sich ausschließlich zum Distinktionsgewinn einen elitären Geschmack draufschaffen, teile ich. Ich glaube aber, dass nicht jeder, dem Qualität beim Musikgenuss wichtig ist, automatisch in diese Kategorie fällt. Und angesichts der großen Hörerzahl aus der gegenteiligen Gruppe, die buchstäblich jeden Scheiß hört, solange er nicht zu viel Aufmerksamkeit erfordert, und damit dank hoher Nachfrage auch ganz maßgeblich das musikalische Angebot prägt, fällt es mir schwer, mich vornehmlich über erstere aufzuregen.
 

DOSORDIE

Gesperrter Benutzer
#60
Ich bin eben mit den alten Schlagern aufgewachsen und der Schläger verändert sich ja über die Zeit auch und wird immer durch die restliche populäre Musik beeinflusst. In den 50er und 60er Jahren haben wir da Einflüsse von Swing, Volksmusik, Dixieland, Musical bishin zu Rock‘n‘Roll und später Beat. In den 70ern kommen dann weitere Einflüsse wie Bubblegum, Hard Rock Punk und Disco hinzu usw. Man erkennt am Sounddesign meist sehr deutlich aus welcher Epoche das Ganze stammt.

In den 70er Jahren gibt es allerdings eine Wende, denn bis in die 70er gibt es eigentlich zu jedem internationalen Hit eine Deutsche Version und in den 50er und 60er Jahren sind fast 90% der großen Hits eigentlich Coverversionen von internationalen Titeln mit deutschem Text, die hier populärer sind, als die Originale. Häufig wissen die Leute gar nicht, was im Original eigentlich nicht deutsch ist.

In den späten 60ern nimmt das schon ab und in den 70ern wird es noch weniger. In den 80ern sind dann nur noch vereinzelte Covertitel auch in deutscher Sprache Hits, meist parallel zum Original.

Musikalisch und Arrangement-technisch würde ich die hochwertigsten Schlager eigentlich bis in die frühen 70er ansiedeln, denn bis dahin sind Produktionen viel aufwändiger, man braucht Leute, die ihr Handwerk verstehen, Orchester und häufig sind das da auch noch sogenannte One Takes, also wo Alles auf einmal aufgenommen werden muss, weil man nicht die Möglichkeit hat so viele Spuren einzeln aufzunehmen.

In den 80ern zur Neue Deutsche Welle Ära gibt es dann erstaunlich moderne Schlager, die aber von klassischen Schlagerleuten gesungen werden. So kommt es, dass ich jede Menge aus dieser Zeit eigentlich eher Richtung Synthipop einordnen würde.

Spätestens in den frühen 90ern nach Mathias Reim und Co. Verkommt der Schlager dann allgemein zu absolut unnötiger und nichtssagender Müllmusik, Alles klingt furchtbar billig und öde, es gibt kaum noch gute Hooks und den Höhepunkt des schlechten Geschmacks erreicht das mit dem Aufkommen dieser Ballermann Musik. Und genau so ist es auch mit der kommerziellen Popmusik, mit dem Ende der Eurodancewelle ist es Ende 96 so, als hätte jemand einen Schalter gedrückt und plötzlich gibts nur noch R‘n‘B und so lahme House Nummern und das schreitet bis heute fort... mal besser, mal schlechter, aber einen Großteil der Musik in den Charts ist für mich unerträglich.

Im Vergleich dazu finde ich in den Top 100 der Jahre vor 97 und vor Allem in der Zeit vor den 90ern jedes Jahr jede Menge Musik, die mir zusagt. Ab 1997 sind es dann urplötzlich nur noch vereinzelte Titel. Dabei bin ich erst 1986 geboren.

Im Schlager ist es eben so, dass es selten gute Alben gibt, es sind einzelne Perlen und letztendlich kommt es immer auf den Producer an. So hat ab Mitte der 80er Dieter Bohlen viele Künstler übernommen, die vorher andere Produzenten hatten. Das ist dann natürlich von gut weit entfernt. Und so gibt es eben viele Ausnahmetitel von Leuten, die eigentlich was ganz Anderes gemacht haben.

Gute Beispiele für schöne Und gut arrangierte Schlager:

60er: Peggy March - Romeo und Julia
Marion Maerz - Er ist wieder da
Paul Kuhn - Die Farbe der Liebe

70er: Maggie Mae - Dieses ist mein Land
Joy Flemming - Ein Lied kann eine Brücke sein
Die Flippers - Was hast du am Sonntag allein gemacht

80er: Nicole - Lass mich nicht allein
Juliane Werding - Das Würfelspiel
Roger Whittaker - Leben mit dir

Ich weiß nicht, warum man Kitsch immer gleich mit Niveaulosigkeit beurteilen muss. Ich glaube eher es geht hier um ein Losreißen davon, dass man das selbe hört wie die spiessigen Eltern oder Großeltern. Außerdem wird schnell gerne Alles in einen Topf geworfen. Schlager ist nämlich nicht Volksmusik und das was allgemein als Volksmusik gilt ist auch keine Volksmusik sondern volkstümlicher Schlager.

Ich weiß auch nicht, wie viele Leute das musikalische Niveau beurteilen. Ich glaube viele verwechseln das mit dem Empfinden, was sie beim Hören haben. Ich höre nämlich oft von Leuten, die keine Ahnung von Musik als Handwerk haben und sich dann darüber profilieren indem sie sagen „musikalisch finde ich das sehr gut...“ und dann frag ich die warum und die sagen dann sowas wie „hör mal jetzt die Gitarre.“ und dann sind das einfach nur durchgeschlagene Powerchords und ich warte auf ein Mördersolo oder voll so die Akkordakrobatik, aber es kommt dann nix mehr.

In der Zeit wo ich jeden Tag radioeins gehört habe kam sowas öfter vor, wo dann fundierte Kritiker Platten hochlobten, die ich irgendwie nur so mittelmäßig fand und dann auch die musikalische Offenbarung gesucht habe.

Nehmen wir hier mal die Black Keys und Fever. Nun: Es ist ein netter Popsong, aber rein musikalisch verstehe ich nicht, was den Song zu einem guten Song macht, während Schlager grundsätzlich Müll sein Soll.

Fever ist ja so eine halbe Neuinterpretation eines Klassikers von Peggy Lee, der meiner Ansicht nach mehr Substanz hat.

Ich meine wir sprechen hier von einem Song, der vom Ablauf eigentlich 3 1/2 Minuten im Loop läuft. Da passiert so gut wie gar nix und es gibt keine Dynamik zwischen Refrain und Strophe, keine Bridge, es sind dauerhaft sie selben Akkorde und trotzdem ist der Song eingeschlagen wie eine Bombe, bei den Kritikern und beim Publikum. Musikalisch hmm könnte das irgendwie auch von ner Schulband stammen.

Als Gegenbeispiel nehmen wir mal „Dieses ist mein Land“ von Maggie Mae. Das fängt ganz leise an mit einem Streicher Intro und dann fängt Maggie Mae mit Backgroundchor an zu singen. Das Ganze ist hier noch sehr leise, Musik nur im Hintergrund, die Streicher werden getragen von... könnten Pauken sein. Dann sind die Strophen zu Ende und die Bridge baut eine Dramatik auf, dazu kommen jetzt Akkorde leicht versetzt von einem Klavier, dann ist die Bridge zu Ende, die Begleitung verstummt fast ganz und Alles wird in einem wunderschönen Refrain aufgelöst... erst mit Xylophon und dezentem Arrangement begleitet, dann kommt eine E Gitarre dazu, die eine Line spielt, dann setzt das Schlagzeug ein und ballert los und das Orchester spielt eine wunderschöne Streicherbegleitung.

Irres, liebevolles Arrangement mit erstaunlich vielen Überraschungen (also jetzt auch die Bridge, das sind ziemlich untypische Akkorde, die keine Kadenz mehr sind), das ist musikalisch gekonnt umgesetzt, mit einem enormen Aufwand an Arrangement, das klingt, als habe da wirklich Jemand viel Liebe reingesetzt. Hervorragendes Songwriting und besonders ist hier auch der Text, weil sie darüber singt, wie es ist fremd zu sein und wie wichtig ein Zuhause ist und dass sie Leute, die nicht von hier sind und ihre Heimat vermissen verstehen kann, ohne dass es auf eine faschistische oder Patriotische Ebene abdriftet und der Titel ist von 78, wo „Der Kümmeltürke“ noch schief angeguckt würde.

Wenn ich so ein Werk nun mit Helene Fischer, Andrea Berg, Beatrice Egli oder sonst wem vergleiche finde ich da keine Parallelen in der Qualität der Musik und das ist das, was jetzt als Schlager bezeichnet wird.

Und wenn du jetzt einwirfst: die sind doch alle nicht true und die Musik ist nur dafür gemacht um verkauft zu werden, das ist lieblose Scheisse in Kitsch verpackt kann ich nur sagen: Was ist schon true?

Vor ein paar Jahren haben Indie Bands es komplett abgelehnt mit elektronischen Instrumenten in Verbindung gebracht zu werden. Nur E Gitarren waren erlaubt, weil Keyboards sind ja nicht true. Dann kamen Bands wie die Editors und haben plötzlich Alben aufgenommen, die Klangen wie aus den 80s und plötzlich sind Alle diese Indiebands auf den Zug aufgesprungen und seitdem gibt es total viel, was sich so anhört. Komisch, wenn die alle so true sind, warum machen dann plötzlich alle genau den gleichen Zug und holen den DX7 wieder raus? Ich finde das super, weil ich die 80er liebe und die Musik bevor es diese Welle gab irgendwie nicht besser für mich klang, aber warum alle gleichzeitig, die vorher Kollektiv behauptet haben dass Keyboards scheisse sind?

Und das ist bei so vielen Leuten und Bands so, dass ich mir halt denke es geht doch gar nicht um musikalische Qualitäten sondern immer nur um Image. Sich von irgendwas abzuheben und sei es von der Masse. Aber das grundsätzlich immer der Schlager als Müllmusik bezeichnet wird - mehr als diese fürchterliche neue Autotune Popmusik oder andere Genres und dann Helene Fischer als Maßstab genommen wird nervt irgendwie tierisch.

Und es gibt genug Bands wo ich mir manchmal denke, dass das musikalisch Alles nicht so Bombe ist, die immer hochgelobt werden. Jean Michelle Jarre ist ja so ein Electro Pionier, aber wenn ich mir so ne Platte von dem anhöre frage ich mich, was außer bis auf die Sounds so besonders und toll daran sein soll. Musikalisch ist das eigentlich ganz schön lahm und öde. Sphärische Klänge minutenlang auf dem gleichen Akkord zu erzeugen ist echt keine Kunst und war es auch in den 70ern nicht, wenn man genug Geld für so teure Hardware hatte.

LG Tobi
 
#61
Um eines vorweg klarzustellen: mir gefällt die Musik von Helene Fischer nicht. Ich tanze trotzdem auf "Atemlos durch die Nacht", wenn es auf einer Party läuft. Weil es ein guter Partysong ist. Deswegen kaufe ich aber keine ihrer Alben und mich interessiert auch kein Konzertbesuch.

Ich finde die Aussagen von Frau Caspary im höchsten Maße unprofessionell. Sie kann ja gerne ihre private Ansicht zu bestimmten Künstlern und ihren Arbeiten haben. Von mir aus kann sie dann auch Helene Fischer schlecht und ihre Musik doof finden. Das ist mir vollkommen egal. Als Radiojournalistin gehört das aber in keinem Falle so verurteilend in die Welt geworfen. Und es ist empörend, sich so verächtlich über die Hörer und Fans von Helene Fischer zu äußern. Das geht wirklich nicht.
Das hat für mich so etwas davon, als würde z.B. ein Journalist sagen, dass er Taubenzüchtervereine Mist findet und alle Leute, die Tauben züchten, nicht alle Sinne beisammen haben. Das kann er gerne privat denken. In seinem beruflichen Zusammenhang hat das nichts zu suchen. Ich erwarte nämlich, dass er trotzdem seinen Job macht und über Taubenzüchtervereine genauso vernünftig berichtet wie über Themen, die er liebt. Ich erwarte auch von Tagesschausprechern, dass sie ihre politische Ansicht hinter dem Zaun halten, wenn sie die Nachrichten verlesen.

Ich verstehe, dass ein Radiosender sich mit der Musikfarbe an seine Vorgaben hält und im Klassikradio deswegen auch kein Hardrock zu hören ist. Das ist geschenkt und nachvollziehbar. Aburteilen jedoch ist eine andere Hausnummer. Und arrogant.
 

DOSORDIE

Gesperrter Benutzer
#62
Zumal das, was Helene Fischer handwerklich leistet schon beeindruckend ist. Ich will mal wen anders dabei sehen, wie er sich akrobatisch so verbiegt und dabei noch scheinbar unangestrengt jeden Ton so singt, als käme er vom Band.

Dazu kommt, dass die ja beim Konzert auch eine aufwändige Liveband und teilweise auch Orchester dabei hat. Da kann man halt zumindest von der Seite der Arrangements eben nicht sagen, dass das billig ist.

Ich finde eben die Songs an sich billig und nichtssagend, ich mag ihren Singstil nicht ich finde auf ihren CDs keinen einzigen Song, der mich wirklich mitnimmt, und Helene Fischer wirkt auf mich wie ein ausführender Roboter ohne richtige Emotion. Trotzdem: rein objektiv beherrscht sie ihr Handwerk perfekt, wo andere bei den Anforderungen versagen würden und das muss man eben auch mal sehen, bevor man das so verurteilt, warum Leute da hin gehen.

LG Tobi
 
#63
Radioeins kann ruhig etwas arrogant sein, sind sie es doch, die deutschlandweit das interessanteste und abwechslungsreichste Programm auf die Beine stellen.
[...]
Vll ist daher Arroganz das falsche Wort, Stolz und etwas Angeberei, dass man beim interessantesten deutschen Radiosender arbeiten kann und darf!
Zwischen Stolz und Arroganz ist aber ein gar nicht so schmaler Grat, den zu beschreiten es nicht mal "nur für Erwachsene" zu meistern sein dürfte. Genauso sind der eigene, persönliche Geschmack und die fachkundige Beurteilung der Musikchefin eines öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramms zwei Paar Stiefel, die auch Anja Caspary ein Stück weit trennen müsste. (Sofern sich der Privatgeschmack in dem Musikprogramm niederschlagen darf, dass man beruflich zu gestalten hat, umso besser.) Gleichwohl war im Inforadio in erster Linie die Musikchefin gefragt und nicht die Privatperson. Und als erstere düpiert Anja Caspary mit ihrer "keine Ahnung von Musik"-Aussage all jene, die das mit Helene Fischer etwas anders sehen als sie - z.B. auch solche (Radio-)Größen wie einen Werner Reinke (Beweisstück von vor gut einem Jahr hier), dem doch hoffentlich keiner mangelndes Musikverständnis unterstellen möchte?
Und genau diese Verallgemeinerung erachte ich - ohne jegliche Anflüge hysterisch-planfreier Fassungslosigkeit zu verspüren - für einer Musikjournalistin diesen Ranges nicht würdig.

Ich behaupte sogar, so manche Schlagerproduktion, auch von Fischer, mangelt es nicht an musikalischer Kreativität. Ob diese allen Titeln zugesprochen werden kann, die bei radioEins laufen, wage ich vorsichtig zu bezweifeln.
Und da stellt sich wieder die Frage, wann ein Musikstück kreativ genug ist bzw. wie viel Kreativität überhaupt sein soll. Und ohnehin wird jeder hier etwas andere Ansprüche an Musik legen, ihre Kreativität einzuordnen. Besteht etwa das höchste Kreativ-Level ausschließlich aus möglichst schräger Zwölftonmusik, bei der kein Takt dem anderen gleicht, sofern überhaupt noch so etwas wie ein nachvollziehbarer Takt existiert? Oder liegt die Kunst nicht eher in einem Mittelweg dahingehend, einerseits eingängige Musik zu komponieren, die den Zuhörer aber andererseits auch bei mehrmaligem Konsum nicht so schnell langweilt, weil es für ihn vieles zu "entdecken" gibt?

Und wie steht es mit dem gesungenen Wort: Ist ein Liedermacher kreativ, wenn er in einem gehaltvollen Text das Elend dieser Welt besingt, sich dabei jedoch mit nichts als ein paar einfachen Gitarrenakkorden begleitet? Steckt reziprok in einem Song mit seichtem Allerweltstext nicht ein ähnliches Maß an Kreativität, wenn die musikalische Ausarbeitung entsprechend interessant ist?
(Älteres Schlager-Beispiel dazu: "Junger Tag" von Gitte Haenning. Inhaltlich zwar nicht besonders anspruchsvoll, aber toll orchestriert und mit einem gewissen dramaturgischen Konstrukt in seiner Harmonik.)

Fragen über Fragen. Das musikalische Optimum, wie es erfüllt werden kann, worauf man selbst dabei Wert legt, jeder wird diese Fragen etwas anders beantworten. Ich z.B. sehe den Optimalfall in handwerklich sauber produzierter und nicht zu synthetisch klingender Musik, nach Möglichkeit mit halbwegs intelligentem Songtext, wenn es denn überhaupt stets mit Gesang sein muss. Und da findet sich auch im zeitgenössischen Schlager noch einiges, das diesen Erwartungen entspricht, beispielsweise in den späteren Werken des Udo Jürgens oder so mancher Produktion von Dirk Busch, um exemplarisch mal zwei Künstler aufzuzählen. Auch Helene Fischer schließe ich dabei nicht kategorisch aus: Gerade ihre Live-Auftritte haben es durchaus in sich - angesichts der zum Einsatz kommenden Musiker und deren Orchesterleistung. (Die viele Akrobatik- und sonstige Show ist mir hingegen relativ "wurschd", ich will schließlich Musik hören...)

Letztlich dürfte Musik (egal welcher Couleur) kaum auf eine rein intellektuelle Funktion zu reduzieren sein. Und das hat zumindest Holger Lachmann offenkundig verinnerlicht, obschon auch er an manchen Stellen etwas mehr aus seiner Argumentation herausholen könnte.
 

DOSORDIE

Gesperrter Benutzer
#64
Popmusik funktioniert eben in erster Linie durch Ästhetik im Sound. Das ist über die 80er und die elektronischen Instrumente immer wichtiger geworden. Viele Songs wären echt lahm, wenn sie nicht dieses Sounddesign hätten und das Sounddesign gefällt mir in sehr vielen Fällen seit den 90ern persönlich nicht mehr. Ich ertrage z.B. Autotune nur sehr schwer und es macht eigentlich jedes Lied kaputt und beim Schlager ist das auch sehr drastisch.

Da haben sich bestimmte Singstile etabliert (Vanessa Mai, Helene Fischer...) die haben so eine speziell-gekünstelte Art, die ich nicht beschreiben kann. Von Vanessa Mai gefällt mir absolut GAR NIX, aber Regenbogen finde ich super, trotzdem nervt ihre Stimme und ihre künstlichen Emotions, wenn die das Overacting mal weg lassen und einfach ganz normal singen würde, wäre der Song viel geiler, aber ich mag das Arrangenemt, das klingt irgendwie nicht so scheisse wie der Rest der sich seit fast 30 Jahren Schlager schimpft, da sind geile Synthies drin und der Beat ist auch gut. Der Arpeggiator gefällt mir besonders und es ist schon wirklich lange her, dass ich einen neuen Schlager mochte.

Und dann gibts aber auch so Bands, die waren früher klar definiert Rock oder Pop und sind dann aber trotzdem immer in Schlagersendungen aufgetreten, Münchener Freiheit z.B., am Anfang waren die fast punkig, dann haben sie einfach nur gerockt als dann ohne dich oder Herzschlag ist der Takt kam und zum Ende der 80er wurden sie immer softer.

Und die alten Titel sind jetzt mit neuem Sänger auch alle neu arrangiert worden und das klingt für mich einfach total kraftlos. In den 80ern ist das ein Feuerwerk von Effekten und Synthesizern und die Drums ballern voll rein mit viel Hall, Flächen, Stereospielereien und Harmonizern auf den Stimmen die eine Art riesigen Backgroundchor schaffen. Nicht zuletzt ist Zauners Stimme nicht zu ersetzen und auch sein Songwriting nicht, aber wenn „Ohne Dich“ schon immer so geklungen hätte, wie es in der neuen Fassung klingt, wäre es wohl nie bei mir angekommen.

Das fällt mir bei total vielen Songs auf. Meistens sind moderne Coverversionen deutlich seichter und kraftloser als deren Originale aus den 80ern und trotzdem bevorzugt der Mainstream immer die neuen Fassungen mit der Begründung „Das hat mehr Pepp“, ich empfinde das genau andersrum.

Manchmal denke ich, mit mir stimmt irgendwas nicht.
 
#66
Das fällt mir bei total vielen Songs auf. Meistens sind moderne Coverversionen deutlich seichter und kraftloser als deren Originale aus den 80ern und trotzdem bevorzugt der Mainstream immer die neuen Fassungen mit der Begründung „Das hat mehr Pepp“, ich empfinde das genau andersrum.
Das Lasche, Charakterlose, Ausdruckslose gehört einfach zum (musikalischen?*) Zeitgeist - es ist nicht nur beiläufig oder minimalistisch, was eine Qualität für sich sein kann.

Ich denke da an Felix Jaehns Cover von "Ain't Nobody", das bei weitem nicht die Güte, Dringlichkeit und Körperlichkeit des Originals besitzt. Auch hat Jaehn nicht den Wahnwitz eines Richard X, der den Song vor fünfzehn Jahren mit dem Human-League-Song "Being Boiled" gekreuzt hat.

Ich kann mir nicht erklären, aus welchem "künstlerischen" Ausdrucksdrang heraus Felix Jaehn unbedingt diesen Song covern musste. Als um 2003 herum Songs wie "Because the Night" und "Moonlight Shadow" von irgendwelchen DJs gecovert wurden, war wenigstens klar: Die Songs mussten ballern. Aber selbst das passiert nicht mehr.

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* Hier wäre Radiowaves mit seiner Beobachtungsgabe gefragt, der sich aber länger nicht mehr hat blicken lassen. Schade.
 

DOSORDIE

Gesperrter Benutzer
#67
Lustig: Ain‘t Nobody wäre mir auch als erstes Beispiel eingefallen. Genau so ging es mir aber auch mit dem Gerry Haliwell Cover von it‘s Raining Men und unzähligen anderen Covers seit den späten 90ern. Klar: gerade zur Eurodance Zeit gabs auch extrem viel billigen Mist, aber wenigstens auch ein paar Perlen, die bis heute Spaß machen. Die Suche ich im Moment zumindest im kommerziellen Sektor vergebens.

Aber auch insgesamt gefällt mir das Sounddesign schon seit langem nicht mehr. Es ist tatsächlich so, als hätte Ende der 90er Jemand die Ästhetik für sämtliche Musikrichtungen festgelegt und seitdem klingt das halt so. Ich empfinde das auch bei Rockmusik so, selbst wenn mir die Songs gefallen, finde ich den Sound meistens zum Kotzen.

Heavy Metal in den 80ern klingt teilweise auch zum Kotzen, Echo in der Stimme passt da irgendwie nicht und diese dünnen Drums gepaart mit den überbrillianten Höhen hören sich für mich nicht gut an, aber ich habe z.b. Die R.I.P. Von Megadeth und verglichen mit Allem was in die Richtung die letzten 20 Jahre so kam finde ich die klanglich überragend.

Ich halte es für einen Trugschluss, die Musik durch Dynamikkompression so laut zu machen, dass die Drums bei jedem Schlag ein Pumpen in der Gitarrensosse erzeugen.

Auf der anderen Seite wirkt dann die Stimme wieder viel zu laut und das lässt die komplette Musik dann kraftlos erscheinen, da kann der weichgespülte digitale Overdrive noch weit aufgedreht sein, das hört sich zum Kotzen an und mittlerweile ist ja auch in solchen Rock Sachen Autotune drin, was es dann völlig zerstört. Wobei ich will fair sein: Van Halen kann ich mir - obwohl die Musik echt gut ist - teilweise auch nicht anhören, weil das so miserabel gemischt ist.

Auch ganz schlimm finde ich so Grind und Shoutcore, wo die Drums dann so in der Soundsuppe untergehen, dass die Kicks zum Zerren gebracht werden um eine Art Click zu erzeugen.

Ich finde ja, wenn die Drums so untergehen, dann wird’s erst recht kraftlos, weil eben der Beat fehlt...

Ja das stimmt, mittlerweile ist sogar die Future Trance mit so öden Covers voll. Früher war das zwar auch schön billig, aber zumindest knallig und manche Sachen sogar ganz schön.

Mit Radiowaves habe ich schon lange darüber diskutiert. Zu einem richtigen Schluss sind wir aber Beide nicht gekommen.

Dann höre ich wieder so andere Sachen, wo ich mich frage, wie es in Zeiten von 96 Bit Aufnahmen möglich sein kann, wie Sachen so scheisse klingen können und dann trotzdem ein Hit werden. Es gibt Titel, die habe ich mir zu P2P Zeiten noch gezogen und dachte dann die mp3 wäre schlecht, darauf hin habe ich den selben Song bei iTunes gekauft und er klang genau so miserabel, das ist schon echt bitter.

Es liegt auch nicht primär an der Dynamikkompression sondern eben insgesamt am Sounddesign. Wenn die üblichen 80er Aufm Oldiesender dudeln klingen die trotz Optimod immernoch amtlich.
 
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DOSORDIE

Gesperrter Benutzer
#72
Das Eine schließt das Andere ja nicht aus, aber indirekt sagt es eben das Übliche aus, nämlich, dass Schlager Schrott sind. Wer Herr von Keil noch aus der Show Royale kennt - die mir übrigens fehlt, das war immer großes Kino - kennt seinen Humor.
 
#73
Schlager? Nun ja, die Rubrik nennt sich ganz explizit "Raritäten des Grauens" und nicht Schlager des Grauens. Könnte daran liegen, dass das mitnichten alles Schlager ist, was da so ausgegraben wird. Die Rubrik an sich ist ganz unterhaltsam, auch wenn man da manches manchmal nicht so genau nimmt. Die Anzahl der gepressten Platten mit dem Dr-Oetker-Pizza-Werbeliedchen von Mary Roos dürfte zum Beispiel überschaubar sein. Derartige Werbelieder waren in den 70er und 80er Jahren nichts ungewöhnliches. Sowas gabs sogar in der DDR. Man denke da nur mal an die damals wie heute gruselig anmutende "Hymne" auf die Interflug oder das DT64-Lied der Gruppe Prinzz. Explizit für irgendwelche Charts wurde das Zeug aber weder im Osten noch im Westen produziert. Es waren schlichte Werbeliedchen, weiter nichts.
Was die ganzen Eindeutschungen angeht, war es bis in die 90er hinein nicht ungewöhnlich von größeren internationalen Hits deutschsprachige Versionen zu veröffentlichen. Und andersrum wurden erfolgreiche deutschsprachige Hits auch in englisch und französisch eingesungen. So ist zum Beispiel die Behauptung, "Liberation day" von Jürgen Marcus wäre ein einmaliger Ausflug von ihm in die englische Popmusik nicht so ganz richtig. Der Mann hat schon in den 70ern seine damaligen Hits auch in englisch gesungen. Belege dafür findet man bei Youtube. Etwas skurill mutet in dieser Beziehung übrigens auch die erste englischsprachige Platte von Herbert Grönemeyer Ende der 80er Jahre an, wo er einen Großteil seiner erfolgreichen Songs textlich mehr oder weniger eins zu eins ins Englische übertrug.
Summa summarum gibts an der Rubrik von Radio1 eigentlich nicht viel zu meckern, denn da kommt so mancher Schmunzler zum Vorschein, der mehr oder weniger oft zu Recht vergessen wurde. Man könnte dort höchstens noch den einen oder anderen englischsprachigen Song einbauen. Denn da würde mir auch genug einfallen, was durchaus erfolgreich war und unterm Strich nichts weiter als Trash.
 
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