Der Moderator geht baden


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#1
Ein Beitrag aus der Wochenendausgabe der "Berliner Zeitung:
Der Moderator geht baden
Einst war der "Sturmwellensender" ein Piratenradio. Heute sendet er legal - dank einer Gesetzeslücke
Hans Wille
Die blonden Haare flattern im Wind und die Trainingsjacke mit der Aufschrift "SWS Radio Norderney" bläht sich. Holger Karow steht am Spielfeldrand und moderiert für den Sturmwellensender das Testspiel des Deutschen Meisters Werder Bremen gegen Kickers Emden. Die Sonne brezelt über Norderney, als habe die Insel in diesem Sommer noch nie Regenwolken gesehen. Die Möwen segeln in Festtagslaune über die Köpfe der rund 1000 Zuschauer am Sportplatz. Auf Höhe der Mittellinie steht ein gelber Autoanhänger mit aufgeklappter Seite. Keine Würstchenbude, sondern ein Ü-Wagen mit Sendeantenne auf dem Dach.

Drachenfest und Surfturnier

Diese Veranstaltung ist ein Muss für den kleinen Lokalsender. Wieder ist ein Sendetag gerettet. Denn nur ein Tag mit einer Veranstaltung ist ein guter Tag für SWS Radio. Norderney liegt in Niedersachsen, und hier gilt ein kurioses Landesmediengesetz: Während überall sonst in der Republik Lokalradios erlaubt sind, dürfen im Nordwesten Privatradios nur on Air gehen, wenn sie landesweit senden. Eine Ausnahme sind Veranstaltungen vor Ort. Dann darf ein Lokalradio wie SWS Radio die Anwohner zeitlich begrenzt informieren.

Also berichten die Radiomacher live vom Beachvolleyball auf der beliebten Badeinsel, vom Surfturnier, Drachenfest, Kurplatzfest und zur Not vom täglichen Kurkonzert. "In der Hauptsaison sind wir täglich on Air, weil jeden Tag Veranstaltungen stattfinden", sagt der 41-jährige Holger Karow. Der hauptberufliche Elektrotechniker ist seit 1988 dabei.

Die Geschichte vom Sturmwellensender ist noch zwei Jahre älter. 1986 will der waschechte Norderneyer Michael Wurpts das Lokalradioverbot nicht akzeptieren und erinnert sich an die Freibeuterei seiner Vorfahren. Zu Klaus Störtebekers Zeiten war Ostfriesland eine Hochburg der Piraterie. Auf Norderney entflammten Seeräuber nächtens ein Feuerzeichen, um prall gefüllte Handelsschiffe in die Irre zu führen. Die so gestrandeten Segelschiffe waren leichte Beute für die verschworene Inselgemeinschaft. Noch immer erinnert das falsche Seezeichen an die mittelalterlichen Piraten.

Michael Wurpts trachtete 1986 freilich nicht mehr nach Schiffen auf der Nordsee; er wurde zum Freibeuter der Radiowellen. Sein kleines Piratenradio "Sturmwellensender" spielte mit der Deutschen Bundespost Katz und Maus: Sobald SWS Radio auf Sendung ging, rollte der gelbe Wagen mit der großen Antenne an, um die illegalen Sender zu orten. Das Problem der Postler: Sobald ihr Auto auf der Fähre nach Norderney stand, fuhren die Funkpiraten auf für Festlandsdeutsche undurchsichtigen Kanälen davon und packten ihren Sender zusammen. 18 Monate führten die Funkwellenreiter die Postbeamten vor, ehe sie den verbotenen Lokalsender zu Strecke gebracht hatten.

Seit 1994 sind die ehemaligen Funkpiraten wieder auf Sendung; nun lokal und legal dank der Veranstaltungslücke im Landesmediengesetz. Michael Wurpts und Holger Karow, die beiden gleichberechtigten Gesellschafter der GmbH, haben im Lauf der Jahre einen veritablen Radiosender auf die Beine gestellt mit einem Hauptstudio, eigenem Sendemast und dem Prachtstück, dem Strandstudio auf der Promenade am Hauptbadestrand mit freiem Blick auf das Geschehen. Von hier zu senden wäre wohl der Traum eines jeden Radiomachers: Während zwei Musikstücke über den Äther gehen, kann der Moderator sich mal eben im Meer abkühlen.

Die Technik einschließlich Transporter und Ü-Wagen finanzieren sie komplett über Werbung. Der Rest ist Hobby. "Geld zum Leben bleibt da nicht übrig", sagt der 42-jährige Fischhändler Michael Wurpts. Acht Insulaner und mehrere Praktikanten vom Festland halten den Sendebetrieb ehrenamtlich aufrecht. Ein großes Handicap sieht Michael Wurpts darin, dass die Leute seinen Sender nicht dauerhaft hören können. "Das Landesmediengesetz ist doch Hühnerkram", schimpft der Hobby-Radiomacher, der daraus gerne seinen Beruf machen würde. "Wer in Niedersachsen einen Lokalsender mit kontinuierlichem Sendebetrieb aufbauen möchte, kann nur das Bundesland wechseln. Dabei könnten wir ohne weiteres zehn Leute einstellen, wenn der lokale Privatfunk erlaubt würde."
 
#3
AW: Der Moderator geht baden

Unterwassermikrofone nehmen. Horchpeilung!

Es ist übrigens nicht richtig, daß nur in Niedersachsen lokale Privatsender nicht zugelassen werden könnten. Das ist auch in Hessen der Fall.
 
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