Deutsche Jugendsender-Szene


#79
"der heutige Gouvernantensender SWR1 herausploppte, wo man jetzt 24/7 vor allem damit beschäftigt ist, keine Hörergefühle zu verletzen."

Eigenzitat - körzestes Zitat. - Habe ja wirklich warme Gefühle (no homo) für SWR1. Kann nichts dafür, kenne seinen Vor-Vorgänger Radio 3 schon aus der Zeit, als Moderatoren noch Superhelden waren, die aber sowas von direkt nach den eigenen Lieblingsrockstars kamen, die wiederum den Status von Halbgöttern genossen. - Und ja, auch Michael Branik war damals einer von ihnen. Sogar mit einer von den coolsten. Und Peter Kreglinger hätte für seine damaligen scharfen Plattenkritiken heute sogar unausgesprochenes Berufsverbot. Ungefähr so ein scharfer Hund wie zur selben Zeit Elmi Hörig vom anderen, mindestens genauso guten, Sender.

Meinereiner hatte mit dem Pommesgabel-Griff am Cassettenrecorder vor allem auch die Moderationen mitgeschnitten und fand es toll, dass und wie die Moderatoren "die Ramp vollgequatscht" hatten. Aber das geht hier im Nerdforum wohl vielen so. Die coolen Moderatoren waren Gesprächsthema Nummer, naja, vier (?) bei uns Jungs, jedenfalls den nerdigeren unter uns, also den/den ehemaligen YPS-Lesern. Nicht den Marvel-Comic-Lesern.

Dieser Wolfgang Heim hatte (wie wohl die meisten seiner Kollegen) auch damals schon eine dezidiert linke Meinung (heute Mainstream), wurde praktisch ungefiltert von Hörern - männlichen Hörern - auch, nicht nur, dafür kritisiert. Man war im besten Sinne tolerant und gab den Hörern zu verstehen, dass die einen eben diese, die anderen eben jene Meinung haben und man selbst eben seine eigene Meinung zu bestimmten Themen sagen würde. Also: "Wir dürfen. Aber ihr dürft auch!" - Ein Traum! Und gegen eine linksliberale Meinung ist ja auch nichts zu sagen - erkenne mich selbst in diesem linksliberal-wertekonservativen Wesen zum Teil wieder. Natürlich ist auch alles immer eine Frage des Alters.

Es wurden Interviews auf der Straße zum Thema "Nena" geführt (die Leute auf der Straße fanden Nena meistens doof "und die Musik: schalala"). Heute gelten SPD-Künstler (also Udo L. und alle, die schon mal auf die eine oder/und andere Weise mit ihm geschlafen haben) als unantastbar, genießen im Radio einen Sonderstatus, ähnlich wie Gewerkschaftler mit dicken Backen und Plastiktüten-Pullundern - während unsereiner seelenruhig den Hungertod sterben darf und keinerlei öffentlich-rechtliche Solidarität genießt.

Okay, die Unantastbarkeit ist sicherlich auch der Lebensleistung dieser Künstler geschuldet, die mit ihrer Kunst schon auch aus koscheren Gründen immer noch da stehen wo sie heute stehen. Gilt nur für die alten. Diese sind dann aber in jedem Falle anzuhimmeln, so man sich nicht verdächtig machen will. Der eigene Name ist schnell markiert (siehe auch: "Das Leben der Anderen").

Es war die Zeit von "Birne" (nicht diskriminierend) und "Militärischer Abschmierdienst". Theo gegen den Rest der Welt rotzte dafür ungehindert seinen Hit "Dicke" durch den Äther.

Es war einfach okay. Kantig, bisweilen schrullig, originell und immer sehr lebendig. Man fühlte sich auch als Hörer frei, keinem Zeitgeist unterworfen, nicht von der Gouvernante mit Babypuder ins Gesicht gepudert. Radio 3, das war Levis-Jeansjacke und verknautschte Camel-Zigaretten in der Jacken-Brusttasche! Oder auch Alltags-"Yellow-Submarine - der Film". Bin mir beinahe sicher, dass der Funkturm in Stuttgart auch im Yellow Submarine Film mitgespielt hatte - irgendwie. Oder liegt das nur an diesen herrlich-kitschig-bunten Radio-3-Buttons mit Funkturm, die damals großzügig als Give-Away verteilt und nicht nur von mir sender-patriotisch an der Levis-Jeansjacke getragen worden sind?

Man musste die (durch meine Phantasie hinzugefügten) Camels ja nicht rauchen - aber das Lebensgefühl! - Heim war damals noch bemüht, Vorurteile gegen die DDR abzubauen (General-Amnesie bei ÖR-Moderator_Innen direkt dann nach dem Mauerfall - wir haben doch von alldem nichts gewusst) - aber wir wussten es damals schon verdammt nochmal besser, allein weil wir regelmäßig Care-Pakete in die DDR schickten und zumindest meine Mutter auch mehrmals drüben war - auch während der Ehemann ihrer DDR-Freundin wegen einer Lapalie gerade als politischer Häftling im DDR-Knast hockte und durch nächtlichen Deckenlampen-Terror und Schlafentzug und nächtliche Verhöre und schlechte Ernährung duch die Schergen der später mehrfach umbenannten SED fröhlich gefoltert wurde.

Okay war das, weil Gegenmeinung im (Noch-)Jugendradio toleriert und sogar durch entsprechende Foren gefördert wurde. - Unter der Voraussetzung eben, dass auch Moderatoren denkende Menschen sind, die ihre Meinung haben, die sie auch vertreten dürfen. SOWAS von okay war das! Voll ausdiskutieren und so. - Und sie waren meine Helden. Wahrscheinlich auch darum.

Schön, mein Gehirn ist keine Festplatte, und vielleicht raffe ich vereinfacht auch alles nur zusammen, um für mich zu einem befriedigenden Fazit zu kommen und die Vergangenheit sicher abschließen und dieser das - ins Gerede gekommene - "Früher-alles-besser"-Siegel verpassen zu können. Ein gnädiger Trick des Gehirns, wie heute jeder weiß, um an der Lebenswirklichkeit nicht zu verzweifeln.

Für mich war Thomas Schmid ganz allgemein (also das Thomas Schmidige in uns allen) der archivierte Vibe jener vermeintlich "guten alten Radiozeit" - so wie ein Vintage- oder Retro-Effektgerät für handgewickelte Single-Coils-E-Gitarre. Wahrscheinlich sitzt der knuddelige Moderator jetzt - ohne jeglichen selbstgemachten Stress - in einer Zeitblase genau damals vor dem Mikro und haut seine trockenen Kalauer raus. Glaube, er stand über jedem Zeitgeist. Daher klappt es "posthum" (der gute Geist des Radios ist wahrhaftig unsterblich) auch so gut mit der eben beschriebenen speziellen Form der Transzendenz. Daher die durch frühen Tod auf psychosomatische Weise demonstrierte Unvereinbarkeit mit dem immer rauher werdenden Ton in der Gesellschaft. Daher die gelegentliche Flucht in die Berge.

Ich liebe SWR1 Leute. Und der Weggang des durch Reuigkeit und Biolebensmittelkauf quasi klimaneutral vielfliegenden Moderators Stefan Siller war ein Schlag für mich, war dieser doch auch Teil jener ganz alten Mannschaft, die in meinen Ohren einst Heroen-Status genossen hatte.

Und ich bin froh, dass Wolfgang Heim es noch eine Weile zu machen scheint. - Und die andere macht es ja auch nicht schlecht - hat halt einen schweren Stand bei alten Hörerknochen wie Mannis Fan und mir, in deren Kindertagen die Röhren noch vorglühen mussten, bevor langsam der satt-warme Ton aus dem von Küchenfettdampfstaub verklebten und vergilbten Küchenradio drang, während Papas ganzer Stolz die Echtholzfurnier-Musiktruhe im Wohnzimmer (in Stereo!) war. - Wunderbare Jahre.

Wolfgang Heim ist ganz der alte. Vielleicht in seiner eigenen Grundhaltung sogar offener als früher, was der Alterseinsicht und des Umgangs mit Menschen unterschiedlicher Altersstufen geschuldet sein dürfte. Um ihn herum hat sich eine Blase gebildet, die sich langsam verdickt und verfestigt hat. Gegenmeinung kann da nur noch durch Spezialwerkzeug wie Spitzhacke und Presslufthammer zu ihm durchdringen und wird, mir ginge es genauso an seiner Stelle, auch ich liebe die Ruhe und die vollkommene Harmonie und das gute Auskommen, als störend empfunden.

Edit: Moment, der Verglich hinkt! "offener" und "Blase" sind unvereinbar. Aber Wolfgang Heim selbst ist irgendwie unvereinbar für mich. Eigentlich sollte ich dagegen sein - tatsächlich ist er für mich der unangefochtene King.

Und wer es sich gleich zu Beginn so richtig bei Heim verkacken will, mehr noch als ein Rechter mit halbwegs guten Manieren, der muss sich nur so richtig aufspielen und sich wichtigtun, ganz so als könnte ein altgedienter Edel-Moderator wie Heim noch immer nicht unterscheiden zwischen Prominent und Prolet.

Was maße ich mir an, einen wie Heim beurteilen zu wollen! Er ist mein Lieblingsmoderator! Er selbst hat es mich gelehrt, das kritische Hinterfragen, als ich ein Teenager war. Auch Holtmann ist mein Lieblingsmoderator - aber ich habe meinerseits nicht vor, das Binsenschwein zu füttern. Darum erwähne ich Holtmann erst gar nicht. Sie müssen einfach damit klarkommen, dass sie auch von menschlichen Kotzbrocken wie mir mit immerhin noch funktionierendem Resturteilsvermögen gut gefunden werden.

Ausgerechnet dem menschlichen Kotzbrocken in mir (Anteil mit dem Alter stetig zunehmend) aber fällt auf, dass heute eine unausgesprochene Harmonievereinbarung zu bestehen scheint zwischen Talkgästen und dem Moderator und der hinter ihm stehenden Redaktion.

Diese, von mir als "eilos vorauseilende Unterwürfigkeit" fehlinterpretierte, Bereitschaft zum totalen Konsens mit allenfalls kosmetischem Dissens aber führt meiner reinen Selbstbeobachtung nach beim Hörer zum beklemmenden Gefühl der DDR-isierung der Gesellschaft durch Einheitsmeinung. Mache mir als Hörer schon lange einen makaberen Spaß daraus, darauf zu achten, ob der Talkgast im letzten Drittel des Interviews noch das, imho unvermeidliche, Anti-AfD-Sprücherl raushaut und ob dies im vorauseilenden Gefallenwollen geschieht oder ob diese Phase durch eine mehr oder minder offene Frage vonseiten des Moderators eingeleitet wird.

Selbstverständlich sind auch meine Filter gesetzt und auch ich reagiere wie ein Schießhund auf bestimmte Reize.

Aber ich meine, dass früher, viel früher, in den 80ern nämlich, "alles besser" war. Links ja, aber nicht auf solch subtile, sublime und raffinierte Art und Weise wie dies heute geschieht.

Besonders allergisch reagiere ich ja auf die Vereinheitlichung und Schrumpfung des Allgemein-Wortschatzes bei Politikern und deren Angehörigen (gemeint sind "die Medien").

Von SWR1 Leute können eher gering gebildete Menschen wie ich viel lernen. Und ich laber ab jetzt auch nicht mehr soviel.
 
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#82
Aber echt, eh!

Ich glaube, ich habe auch fertig. Im Alter passiert einfach nicht mehr so viel bezüglich Jugendradio, außer dass man als ehemaliger Jugendlicher beim Pipimachen mehr drücken muss als früher. Dafür häufiger. Oder dass man schlicht bereits an Altersschwäche verstorben und das Grab verwittert ist. Fazit: Radio 3 Südfunk Stuttgart war ein sehr gutes Jugendradio, gilt als solches heute aber als antiquiert.

How time flies.
 
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