Fälscherskandal beim SPIEGEL


#1
Der SPIEGEL legt in einem sehr langen Artikel dar, wie ein Autor offenbar über Jahre bei seinen Reportagen gelinde gesagt "nachgeholfen" hat:

http://www.spiegel.de/kultur/gesell...t-betrug-im-eigenen-haus-offen-a-1244579.html

So schlimm wie es ist, ich bin sehr beeindruckt, in welcher Tiefe der SPIEGEL nun von sich aus das transparent macht und in die Details geht.

Mit eigenen FAQs (http://www.spiegel.de/kultur/gesell...ten-auf-die-wichtigsten-fragen-a-1244568.html) und einem eigenen Artikel über Konsequenzen inklusive unabhängiger Untersuchungskommission (http://www.spiegel.de/kultur/gesell...-auf-die-faelschungen-reagiert-a-1244569.html).
 
#3
[...]All das ist gelogen, einfach alles, es ist ausgedachter Mist.

Glaubt Relotius am Ende seinen eigenen Erfindungen? Das verneint er. Er weiß, dass er fabriziert, dass er täuscht, sagt er, und dafür hat einer wie er heute die größte vorstellbare Bastelkiste aller Zeiten zur Verfügung, das sagt er nicht. Aber mithilfe von Facebook, YouTube, Google, Wikipedia lassen sich heute Welten und Gemeinschaften entwerfen, die auch deshalb so wirklich und wahr wirken, weil sie aus Schnipseln bestehen, die irgendwo auf diesem Planeten tatsächlich wirklich sind und wahr. Relotius arrangiert dieses Material, gruppiert es um ein Thema, um eine Figur, und er fährt ja auch hin zu den Orten, sieht manchmal Menschen, und sei es nur flüchtig, und all diese Elemente werden zu Farben wie auf der Palette eines Malers, aus denen er dann sein Bild des Lebens mischt. [...]
Eine bittere Lehre, nicht ganz unerwartet, aber bemerkenswert gut auf den Punkt gebracht.
Die Erschütterung über den Fall und die Leichtigkeit, mit der man die hausinterne Qualitätskontrolle aushebeln kann, sitzt augenscheinlich tief.

Gruß
Skywise
 
#4
Na sowas.
Ich hätte erwartet, dass nach einem gewissen unangenehmen Vorfall bei einem anderen Hamburger Printmagazin vor vielen Jahren eine Art Grundsensibilität auch bei anderen vorhanden ist.
Oder ist das womöglich schon zu lang her?
 
#6
Ich hätte erwartet, dass nach einem gewissen unangenehmen Vorfall bei einem anderen Hamburger Printmagazin vor vielen Jahren eine Art Grundsensibilität auch bei anderen vorhanden ist.
Nun ja, wenn wir an denselben Vorfall denken, halte ich es schon für einen Unterschied, ob ein Mitarbeiter des Hauses verladen wurde und es aus irgendwelchen Gründen nicht gemerkt hat (Schlampigkeit, fehlerhafte Quellen beim Check etc.) oder ob der Mitarbeiter selbst das Haus verladen hat. Oder anders gesagt: die Frage, inwieweit ich dem reinkommenden Material vertraue, ist eine andere als die, inwieweit ich dem verarbeitenden oder kontrollierenden Mitarbeiter vertraue.
Bin mal gespannt, wie die Lösung aussehen soll ...

Gruß
Skywise
 
#7
So neu sind Ereignisse wie diese ja nun nicht. Ich erinnere da nur mal an die causa Michael Born, der damals nicht nur SternTV mit seinen Fälschungen blamierte. Insofern kommt sowas immer mal wieder vor. Klar, schön isses nicht. Und es ist vor allem eines, peinlich. Vermutlich wird es niemals einen absoluten Schutz vor solchen Fakestorys geben. Wie sollte das auch gehen? Gerade in der heutigen Zeit, wo es meistens nur noch darum geht, wer welche Story zuerst ausschlachtet.... Das sich der Spiegel jetzt quasi nackig macht deswegen, ist zumindest wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen. Von der BILD, welche jeden Tag Halbwahrheiten und verdrehte Tatsachen veröffentlicht, wird man sowas wohl nie lesen können.
 
#9
Nun ja, wenn wir an denselben Vorfall denken, halte ich es schon für einen Unterschied, ob ein Mitarbeiter des Hauses verladen wurde und es aus irgendwelchen Gründen nicht gemerkt hat (Schlampigkeit, fehlerhafte Quellen beim Check etc.) oder ob der Mitarbeiter selbst das Haus verladen hat.
Wenn Du auch Stern/Tagebücher/Kunstfälscher meintest - da hat doch auch ein Redakteur gut mitgemacht und daran verdient...
 
#11
Wieviele Radiosendungen, bzw. ihre Programmelemente sind getürkt? Vorgebliche Live-Reportagen? Angeblich spontane und authentische O-Töne? Einspieler, die Vor-Ort-Präsenz suggerieren, in Wahrheit aber Studioproduktionen sind? Ganz ehrlich: Das Radio sollte sich tunlichst heraushalten bei der Bewertung oder gar Verurteilung dieses Journalisten-Skandals, denn es hat mit Journalismus selbst schon lange nichts mehr zu tun.
 
#15
Alle Sender, alle Journalisten?
Du wirst immer die Ausnahmen von der Regel finden. Aber jetzt kommt wirklich der Punkt, wo es sich lohnt, die Programme der 1970er und 80er mit den heutigen zu vergleichen. Wer diese Entwicklung miterlebt hat, der wird nicht so empört aufmucken wie du, denn der weiß, was ich meine. Ich will gar nicht bestreiten, dass es heute noch Perlen in den Programmen gibt. Aber das ändert nichts an der Feststellung, dass die ganz überwiegende Mehrheit der heutigen Radioprogramme mit Journalismus nichts oder nicht mehr viel zu tun hat.
 
#16
Die ersten Artikel vom SPIEGEL fand ich noch gut, darum habe ich ja den Thread eröffnet. Allmählich geht mir deren selbstgerechte Aufarbeitung aber auf die Nerven. Zum einen finde ich, gibt man mit diesem Dauerfeuer den Autoren nun wirklich zum Abschuss frei, was mir zu weit geht, zum anderen ist es nun ganz offensichtlich, dass der SPIEGEL aus Vermarktungsgründen nun eine eigene Geschichte aus dem Fall macht. Die Aufklärung erscheint mir mehr und mehr als Nebensache.
 
#17
Dennoch ist diese Selbstkritik (selbst wenn sie jetzt in Eigenvermarktung umschlägt) eine Rarität bei unseren sogenannten Qualitätsmedien. Ich erinnere mich an einen Fall vor einigen Jahren bei der hiesigen Badischen Zeitung. Dort wurde eine Redakteurin, die zu den selbsternannten "Edelfedern" des Blattes zählte, beim großflächigen und jahrelangen Abschreiben und Abkupfern erwischt. Die Leser erfuhren nichts davon. Die Redakteurin bekam einen vorübergehenden Posten hinter den Kulissen, ehe sie nach einigen Jahren wieder als Verfasserin ganzer Reportageserien in Erscheinung treten dürfte - zwei Jahre später war wieder Schluss, denn sie hatte das Schmücken mit fremden Federn nicht lassen können. Wieder erfuhren die Leser mit keinem Wort, was sich da hinter den Kulissen für ein Skandal abgespielt hatte.
 
#18
@Mannis Fan

Mit der BeZett ging's politisch so richtig bergab mit dem neuen Chefredakteur Thomas Fricker. Seither kann ich dieses Blatt kaum noch lesen. Ich krieg einen dicken Hals, wenn ich seine Kommentare lese, die vor Systemtreue nur so triefen. Pfui Deibel.

Gruß, Nobby
 
Zuletzt bearbeitet:
#21
Der Niedergang der BZ hat schon lange vor Thomas Fricker begonnen. Die Berufung Frickers auf den Chefredakteursposten ist lediglich ein (weiteres) Symptom für den konsequenten Abstieg dieser Zeitung in die Belanglosigkeit. Anstatt der Printausgabe das dringend nötige Leben einzuhauchen, japsen die BZ-Bosse hinter ihren diversen online-Auftritten her, verbraten dort fleißig Geld und Talente und lassen die gedruckte Ausgabe verkommen.
 
#23
Ich krieg einen dicken Hals, wenn ich seine Kommentare lese, die vor Systemtreue nur so triefen. Pfui Deibel.
@BeymeLies die Badische Zeitung selbst online und bilde Dir Deine eigene Meinung.
Ich habe jetzt einige Kommentare von Thomas Fricker gelesen und glaube, Du meinst, dass er sehr regierungsfreundlich kommentiert.

"Systemtreue" ist zumindest in meinem Verständnis etwas anderes und beeinhaltet die Unterstützung eines politischen Systems, bei Deutschland der Bundesstaat mit repräsentativer Demokratie.
 
Zuletzt bearbeitet:
#25
In irgendeinem Artikel zum Relotius-Skandal, den ich in der letzten Zeit gelesen habe, hat dessen Autor ein (offenbar schon deutlich älteres) Zitat eines anderen Autors erwähnt, das mir aktuell wieder im Kopf herumschwirt, aber ich finde es leider nicht mehr. Das Zitat geht meiner Erinnerung nach ungefähr so:

Alles, was ich sage, ist wahr.
Das meiste davon habe ich selbst erlebt.
Manches von dem, was ich erlebt habe, ist wirklich passiert.

Kennt irgendjemand dieses Zitat und weiß, von wem es ist?
 
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