Funkhaus historisch: Nalepastraße


Helga Hahnemann hat mal erzählt,
dass Sie ein Monatsgehalt von 1500 Ostmark bekommen hat.
Ist das ein gutes Gehalt gewesen?
Da wäre die Frage, ob Brutto oder Netto. Ich habe auch keine Ahnung, wie das bei Künstlern damals war hinsichtlich Krankenversicherung etc.

Mein Vater kam aus chaotischen, armen Verhältnissen (seine Großeltern hatten aber ein Haus) und startete mit null Mark Guthaben irgendwelcher Herkunft in sein Berufsleben. Meine Mutter kam vom Dorf, ihre Mutter arbeitete als Versand-Chefin in einer DDR-weit liefernden Lebensmittelfabrik und bekam (frühe 1960er Jahre!) wohl um die 350 Mark Brutto plus 2 mal 45 Mark Halbwaisenrente für ihre Kinder - ihr Mann war 1945 in Polen gefallen. Meine Mutter begann in der gleichen Fabrik zu arbeiten und hatte dann auch ca. 350 Mark Brutto. Später überstieg ihr Gehalt das ihrer Mutter, dann brach meine Mutter den Job ab und ging zum Studium.

Später wechselte sie in die Stadt und begann als junge, studierte, unverheiratete, kinderlose Frau in einer Elektronik-Firma mit 400 Mark Brutto (!). Nach etlichen Schritten "nach oben" dann in einer eher schon außergewöhnlichen Stelle (Außenhandel mit Reisetätigkeit) bekam sie dann am Ende 1200 Mark Brutto - verheiratet, aber noch kinderlos. Wieviel Netto das war, weiß sie spontan nicht mehr. Mein Vater begann einst als Lehrling in dem gleichen Unternehmen und lernte später meine Mutter dort auch kennen.

In den Zeiten, in denen ich "da war", brachte mein Vater dann maximal ca. 750 Mark Netto nach Hause.

Als ich unterwegs war, beendete meine Mutter ihren phantastischen Job aus gesundheitlichen Gründen. Und als ich dann da war, arbeitete sie 7 Jahre lang gar nicht, weil ich ziemlich krank war. Da waren Vaters 750 Mark plus das Kindergeld also das einzige Einkommen.

Man konnte damit leben, sogar gut leben. Meine Eltern und ich lebten sogar besonder kostspielig, denn Vater hatte das Haus seiner Großmutter in übel schlechtem Zustand geerbt und ein Einfamilienhaus war zu DDR-Zeiten in mancherlei Hinsicht benachteiligt: alle Reparaturen und Sanierungen mussten selbst bezahlt werden. Es gab einen Wasserzähler, der kubikmetergenau abrechnete und die Heizung musste man auch komplett zahlen, in Form von Braunkohlenbriketts oder wenn man Glück hatte BHT-Koks (Braunkohlenhochtemperatur-Koks, war Mangelware). Zum Vergleich: wer in einer Neubauwohnung wohnte, hatte heizungstechnisch "Flatrate" (die Temperatureinstellung erfolgte oft via Fenster...), Heizkostenzähler gab es nicht, Wasserzähler oft auch nicht (nichtmal Warmwasserzähler), so dass in der DDR 400 Liter Trinkwasser pro Tag und Person in manchen Umfeldern durchaus üblich waren. Im Einfamilienhaus wurde das alles einzeln abgerechnet.

Ich kenne weder verwarloste Wohnverhältnisse noch gar Hunger oder so etwas. Das Haus war bestens intakt (wenngleich natürlich nicht auf Neubau-"Weststandard", das hätte niemand gekonnt). Vater baute manches selbst, vieles wurde immer wieder repariert, selbst eine Waschmaschine, die nach Hochwasser komplett im Schlamm stand, wurde komplett zerlegt, die Motoren bekamen neue Lager, das Schrittschaltwerk wurde restauriert, ...

Dazu kam - und das war durchaus wichtig: wir hatten nie ein Auto. Autos und alles drumherum waren teuer. Wir hatten Fahrräder und lange Strecken fuhren wir mit der Eisenbahn. Da kostete der Kilometer 8 Pfennig, ggf. zzgl. D-Zug-Zuschlag. Es war eine Urlaubsreise pro Jahr an die Ostsee (Camping) drin, Anreise mit allem Gepäck und Zelt per Bahn. Es waren mehrere Fahrten zur Großmutter mütterlicherseits drin (ich letztlich in allen Schulferien), per Bahn und das letzte Stück per Taxi (!).

Radios (Forenbezug!) baute mein Vater selbst bzw. aus vorhandenen Chassis für seine Zwecke passend um. Einen Fernseher hatten wir bis 1984 nicht. Auch Fernseher waren derbe teuer. Da gingen für einen brauchbaren Farbfernseher in den 1980er Jahren durchaus 5 oder 6 Ingenieurs-Monatsgehälter drauf.

Es reichte bei uns selbst für so einen Luxus wie eine Modelleisenbahnanlage für mich, beginnend ab einem Alter von 6 Jahren, ich pflegte das Hobby bis ich ca. 14 Jahre alt war.

Also: 1500 Ostmark bei Frau Hahnemann war, schon wenn es Brutto war, sehr viel, von "normalen" Menschen kaum zu erreichen. Wenn es Netto gewesen sein sollte, dann erst recht. Gegenüber heutigen Intendantengehältern natürlich ein Witz.
 
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Ob Du es glaubst oder nicht: Das war in der BRD genauso! Und es kam sogar noch die (Forenbezug!) Rundfunkgebühr hinzu.
Die es in der DDR aber genauso gab. Ab 1986 lag sie bei 10 DDR-Mark pro Monat (Radio + TV).

@lg74
Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass DDR-Künstler in der Regel mehrere Einkommen hatten.
1500 DDR-(Mark)-Einzel-Einkommen waren übrigens nicht sonderlich viel, je nach dem wie bzw. wann man es betrachtet. Ab Mitte der 80er Jahre gab es dazu umfassende Statistiken. Im Schnitt 1100 DDR-Mark Einkommen waren ab Mitte der 80er Jahre jetzt nicht so ungewöhnlich. Damit kam man an sich auch gut hin, denn sogenannte Grundnahrungsmittel, Mieten, Wasser etc. waren ja spottbillig. Die Abzüge lagen damals glaube ich pauschal bei etwa 20% für Sozial- und Unfallversicherungen. Je nach Branche gab es da aber Unterschiede. Im Bergbau war der Abzug glaube ich etwas höher.
 
Ich sprach von Einfamilienhäusern. Und ja und nein: Es kam auf das Baujahr an.
Das kann man wohl ganz grob an den Jahren der Ölkrise(n) festmachen.
Wobei die Wohnung in der ich die ersten 11 Jahre lebte (Baujahr 1979, also damals™ neu) auch nur Heizungswärmezähler hatte, aber keine Wasseruhren.
Bis Anfang der 1970er Jahre war Einfachverglasung bei Neubauten durchaus normal, und die Heizungs- und Warmwasserleitungen innerhalb des Gebäudes zu isolieren wurde auch selten für notwendig gehalten. Ich hatte mal eine Freundin mit so einer Wohnung, man brauchte quasi nicht heizen - aber der Grundverbrauch Heizwärme war absurd...
 
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Wir sind zwar nun völlig off-topic, aber der muß noch sein: in den P2-Hochäusern (üblicherweise Aufzug mit Halt in EG, 3, 6 und 9, auf diesen Etagen Verbindergänge zwischen beiden treppenhäusern am Aufzug vorbei, in den anderen Etagen keine Verbindergänge, dafür größere Mittelwohnungen), gab es im winzigen, fensterlosen Bad (ein schwenkbarer Wasserhahn reichte für Wanne und Waschbecken) ein Steigrohr der Heizung. Das Rohr hatte aus der Erinnerung heraus etwa den Durchmesser einer CD und war fast glühend heiß.

-> Im Bad wars immer mollig warm im Winter und wenn man die Badezimmertür offen ließ, war die ganze Wohnung geheizt.

--> Nach der "Wende" sah ich dann schnell auch solche Badezimmer mit Heizkostenzähler an diesem Rohr. ;)

Und um den Smalltalk mit was Substanziellem anzureichern: lesenswert. Ich sehe gerade Rundfunkbezug: Mitautor Harald Engler und seine Truppe vom Leibniz-Institut in Erkner interessieren sich auch für den Nachlass der Akustikerin des Funkhauses Nalepastraße. Bzw. für Teile des Nachlasses. Und verzweifeln seit einigen Jahren an der resoluten rüstigen Dame, die "noch nicht so weit" ist und noch aufbereiten muss. Sie ist ja auch erst 94 Jahre alt...
 
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Tini und Jan
Kann es sein, dass wir bei Minute 9 auch einen Teil der Räumlichkeiten in der Nalepastraße sehen?
Der Saal ist identifiziert!

Es handelt sich um den Aufnahmesaal des Rundfunks in Dresden. Standort: Hygienemuseum. Dieser Saal aus dem internen Bereich des Rundfunks wurde 1990 entkernt.

Im Video sehen wir auch die Regie aus dem Jan-und-Tini-Film, sie hatte zwischenzeitlich einen Akustik-Ausbau bekommen, der mich sehr an "Handschrift Gisela Herzog" (Raumakustikerin des RFZ, hat auch die Säle und Studios in Block B Nalepastraße gemacht) erinnert. Das wurde inzwischen bestätigt.

Die Schalttafel ist die gleiche geblieben:

schalttafel 1974.jpg
(1974)

schalttafel 1990.jpg
(1990)

Der Regieraum hat 2 Fenster, an der linken Seite gab es noch ein Sprecherstudio.

Der Kinderchor ist ein "echter" Chor, das ist der philharmonische Kinderchor Dresden, er gehörte zur Dresdner Philharmonie. Dirigent ist hier Herr Berger. Später leitete eine Frau Sebastian den Chor.

Der Chor war hier in diesem Film sogar etwas komplexer, nämlich zweistimmig. Mit dem Chor wurden für viele Jan-und-Tini-Filme die entsprechenden Musiken gemacht, die waren wohl meist einstimmig. Die Töne für alle Filme der Reihe wurden sonst in Dresden Gittersee produziert bei der DEFA, in der Karlsruher Straße 85, einem einstigen Gasthof, dessen Tanzsaal man dafür nutzte. Im dortigen Regieraum stand auch eines der wenigen Exemplare des Subharchord.

Im Regieraum des Rundfunks im Hygienemuseum sehen wir im Film Rainer Unger (gehörte dorthin, echter Techniker dort) und Rolf Rippberger (Schauspieler, musste halt für den Kinderfilm bissl mehr "Personal" herumstehen). Wer die Assistentin an den Maschinen ist, blieb unklar.

Bei den Musikern sieht man neben Siegfried Ludwig und H. Spiller auch den Komponisten des Stückes, Henry Kaufmann, der steht im Hintergrund.

Auffällig ist 1974 im Film die steinalte Technik in der Regie. W244 als Regler - "200er Serie", Röhrentechnik. 1990 beim Abriss sieht man ein zerlegtes 700er Pult.

Hier die gleiche Ecke im Saal:

saalecke 1974.jpg
(1974)

saalecke 1990.jpg
(1990)


Die Filmaufnahmen kommen aus dem Dresdner rundfunktechnischen Umfeld. Genauen Videoautor müsste ich erfragen, habe ich gerade nicht griffbereit. Der Film lag eigentlich schon jahrelang bei mir herum, ich hätte einfach mal schauen und erkennen müssen...

Diesmal war ein 85-jähriger Tonmensch hilfreich.
 

Anhänge

Und wieder gibt es eine Ergänzung, diesmal vom legendären Gerhard Steinke: (93)

Tatsächlich ist es Saal 2 im LS Dresden - im linken Anbau neben dem Hygiene-Musuem; der Haupteingang war ja vom Museum am Anfang des Filmes sichtbar, lediglich die Schilder VEB DS irritierten.

Stimmt - das ist der Haupteingang von Hygienemuseum, für den Film mit einem ärmlichen "VEB Schallplatte"-Schild ausgestattet:

Ja+Tini - Eingang Hygienemuseum.jpg
(man beachte den zufällig gerade ins Haus getragenen ORWO-Bandkarton...)

Zur Geschichte des Gebäudes und für Vergleichsfotos bitte hier entlang: https://www.dhmd.de/ueber-uns/das-museum/architektur/ . Da ist auch ein Foto des "Kongressaales" drin, für dessen Akustik, soweit ich mich dunkel erinnere, auch Gisela Herzog verantwortlich war. Der Saal ist aber komplett umgebaut und nicht wiederzuerkennen. Es gab also den "Steinsaal" (Foyer), später den Kongressaal und diesen "Saal 2", in dem Jan + Tini gedreht wurde.

Gerhard Steinke weiter;

Ich hatte vergessen, dass nach meinem Weggang 1949 vom LS Dresden, der Saal 2 ausgegraben und tiefer gelegt wurde. Dabei fand sich unter dem alten Regieraum-Ort ein Blindgänger, auf dem ich also bald 2 Jahre lang bei Aufnahmen und live-Sendungen gesessen hatte. Der Hausmeister vom Museum hat sich dann sogar an die Einschläge (es gab damals noch einen zweiten Blindgänger gegenüber im Museumsteil) erinnert, aber uns nie davon erzählt - wir hatten also nochmal Glück gehabt!.

In der internen Technikgeschichts-Publikation der Studiotechnik Rundfunk der Deutschen Post findet sich dazu auch etwas. Das mit dem Blindgänger hatte ich also auch vor Jahren schon gelesen und wieder vergessen. Es betrifft tatsächlich diesen Saal.

Einige Auszüge aus der Publikation habe ich mal zusammengestellt, die sind ganz interessant:

Rundfunk-Technikgeschichte - Hygienemuseum Dresden.jpg

Da ist die Rolle des Hausmeisters etwas anders dargestellt, aber diese Geschichten sind auch erst um 1988 zusammengetragen und aufgeschrieben worden. Und Herr Steinke berichtete mir heute über etwas, das er vor 70 Jahren erlebt hat!

Ich bin immer wieder beeindruckt, wie geistig fit die damaligen Aktiven teils heute noch sind.
 
Zuletzt bearbeitet:
Saß nicht auch Anfang der 90er das Radio, das heute in der Königsbrücker Straße beheimatet ist, im Hygienemuseum? Oder wo saß das "Studio Dresden" zu Erichs Zeiten?? Mir ist so, finde aber keine Hinweise.
 
Im Hygienemuseum saßen die, wohl bis mindestens Ende 1991 war da was, denn ich erinnere mich an Reportage-Aktivitäten rings um den Erhalt von DT64, die wohl aus dem Hygienemuseum gelaufen sind. Später gab es dann den MDR-Hörfunk Dresden aus dem einstigen Robotron-Bürokomplex in der St. Petersburger Straße 15. 1999 zog man Königsbrücker Straße. Ohne Gewähr. Weit weg von mir...
 
Oh vielen Dank! Das ist ja ganz in der Nähe vom Hygienemuseum. Vielleicht bringe ich da etwas durcheinander. Ich erinnere nur schemenhaft einen barackenähnlichen Gebäudekomplex.

Zu Nalepastraße: Wo war denn dort das "Schallarchiv"? Dort war ich einige Male, um von dort zu den Studios nach Leipzig, Dresden und anderswo zu telefonieren - ohne eine Rufnummer zu wählen, nur Knopfdruck.
 
@lg74

Mensch also vielen lieben Dank für deine tolle Rechersche!
Hast Du nicht mal überlegt ein Buch über das Funkhaus zu machen?
Ich glaube das würde richtig gut werden.

Bzw. wenn ich es richtig gelesen hab, ist ein Buch eh schon in Arbeit?

Also nochmal, vielen Dank für diese viele Arbeit, die Du dir gemacht hast. :)

Ob die alten Akustiker wohl noch Tipps für die junge Podcaster-Radiomacher Generation
in Sachen Akustik für zu Hause haben?

Ich frage mich gerade, was aus den ganzen UM70 Mikrofonen geworden ist,
ich würde ja gerne mal eines ausprobieren.
Also ja was ist aus der ganzen Technik geworden, ist das wirklich alles in die Tonne gewandert?
Das kann ich gar nicht glauben.
 
Bzw. wenn ich es richtig gelesen hab, ist ein Buch eh schon in Arbeit?
Es gibt ein Buch, das ist aber kein Nostalgie-Buch und kein Geschichts-Buch, sondern ein Buch zur Hälfte der Raumakustik und zur anderen Hälfte der elektronischen Studiotechnik gewidmet:

https://www.fktg.org/node/5232/raum_daskleid_dermusik

Ruf mal in Johannisthal in der Druckerei an und frage, ob eins vorrätig ist und Du mal reinschauen darfst: https://www.kopie-druck-berlin.de/weg.html - von S-Schöneweide aus bissl den Groß-Berliner Damm in Richtung Adlershof rein, dann nach rechts in den Segelfliegerdamm abbiegen und ein ganzes Stück weit hinter, fast bis ans Ende. Die Druckerei befindet sich in einem hinteren Gebäude im Obergeschoss. Bissl verwinkelt, aber zu finden.

Ob die alten Akustiker wohl noch Tipps für die junge Podcaster-Radiomacher Generation in Sachen Akustik für zu Hause haben?
Die bekannten Tips für die "Notfall-Hilfe": schwere Vorhänge zum Regulieren der Nachhallzeit, Bücherregale mit nicht bündig abgeschlossenen Reihen von Buchrücken, Schranktüren während Aufnahmen "wild" in unterschiedliche Richtungen öffnen, ...

Kann ja niemand erwarten, dass Du Dein Wohnzimmer abreißt und mit nicht-parallelen Wänden neu aufbaust oder einen kompletten Raum in den Raum baust, der auf Spiralfedern steht. :D

Ich frage mich gerade, was aus den ganzen UM70 Mikrofonen geworden ist, ich würde ja gerne mal eines ausprobieren.
Ich hatte mal 4 oder 6 Stück davon vor mir liegen. Gravur "Studiotechnik Rundfunk". Anschluss nachträglich vom alten Tuchel-ähnlichen Schraubstecker auf XLR umgebaut - in mehreren unterschiedlichen mechanischen Realisierungen. Manche sahen aus wie die Stufen einer Rakete.

Das Problem: es ist nicht nur der Stecker. Es ist die Betriebsspannung. 12,6 Volt bei der Originalvariante, 48 Volt wären es bei Phantomspeisung. Das Exemplar, das ich dann öffnete, hatte keinerlei Schaltungsanpassung. Hätte man das an einen heutigen Preamp angeschlossen, hätte man riskiert, den Hescho-Hybridschaltkreis zu himmeln.

Es gibt professionelle Umbauten (und wie ich letztens lernte, auch entsprechende Adapterkabel, die auch die Spannung aufbereiten).

Aber wenn schon in der Kapsel was herumklappert, ist ohnehin mehr fällig. Dann wird das Schnäppchen schnell dreistellig im mittleren Bereich. Machbar ist alles. Kapseln macht Gefell oder Herr Thiersch gleich nebenan, Elektronik Gefell oder auch manch andere. Für lau bekommt man das freilich alles nicht. Eine Generalüberholung kommt schnell auf den Preis eines Neumann TLM 102. Und dann überlegt man sich das mindestens zweimal.

Das originale UM70 rauscht vernehmlich. Die erste nachwende-Version mit modernisiertem MV692 (schon mit P48) hat 18 dB-A Ersatzgeräuschpegel nach IEC im Datenblatt stehen, die Version mit elektronischem Symmetrierübertrager UMT70 dann schon 14 dB-A. Beim M930 standen dann schon nur noch 7 dB-A im Datenblatt - genau wie beim Neumann TLM 103. Da liegen mehr als 10 dB zwischen den 1980er Jahren und heute! Das ist, als wenn du Dolby B beim Tapedeck zuschaltest!

Im direkten Vergleich zwischen meinem UM70 mit Nachwende-MV692 und einem 40-EUR-Kleinmembranmikrofon Thomann SC140 offenbart sich bei gleichem Ausgangspegel des Vorverstärkers etwa 7 dB Unterschied im Grundrauschen. Das UM70 klingt freilich deutlich "edler" (das SC-140 klingt etwas ruppig-spitz), dafür ist es als Niere rückseitig deutlich empfindlicher als das SC-140.


Kapsel_UM70_1.jpg Kapsel_UM70_2.jpg Kapsel_UM70_3.jpg Verstärker MV692_1.jpg Kapsel_UM70_4.jpg Verstärker MV692_2.jpg Verstärker MV692_3.jpg Verstärker MV692_4.jpg

Also ja was ist aus der ganzen Technik geworden, ist das wirklich alles in die Tonne gewandert?
Manches kam abhanden, bevor es überhaupt verwendet wurde. Ich kenne die Geschichte von Panasonic-DAT-Recordern, die 1991 noch fürs Funkhaus gekauft wurden und wohl im Originalkarton verschwanden. Ob das stimmt oder ob das Wichtigtuerei des Erzählenden war? Manche recht neue Technik wurde von den neuen Ost-Anstalten übernommen (MDR, ORB, NDR Ost), das DT64-Mischpult kam zum Studentenradio Ilmenau und wurde dort entkernt und umgebaut. Einiges kam mitsamt den Räumen in Block B oder A zu den neuen Nutzern und ist dort heute noch vorhanden. Vieles wurde einfach brutal rausgerissen und verschwand in dunklen Kanälen. Das Pult aus Hörspiel 2 wurde noch viele Jahre am originalen Ort für Hörspielproduktionen genutzt und kam wohl gegen 2010 ins technische Museum Berlin. Das große Mischpult aus Hörspiel 1 (einsatzbedingt eine komplexe Anlage) fand sich zum Beispiel... ach, sieh selbst:

Steinke-Herzog - Seite 131.jpg
(Steinke / Herzog: "Der Raum ist das Kleid der Musik", S. 131)

Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass die Verantwortlichen für diese Verbrechen an der kulturellen Substanz Ostdeutschlands, so sie noch leben sollten, vor Gericht gehören. Aber was will man denn erwarten angesichts der Tatsache, dass die Annektion vom Ostvolk letztlich selbst sehnlichst herbeigewünscht wurde?
 
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Was den Verbleib der technischen Einrichtung betrifft, habe ich zumindest aus erster Hand die Erzählung, dass einiges eine zeitlang vor Ort verkauft wurde - vornehmlich mobiles Kleingerät wie Mikrofone.
Etliches sei aber auch im Schrottcontainer gelandet, wo es wohl nicht lang geblieben sein dürfte, denn der berichtende Kollege meinte, sie hätten ihre „Einkaufstour“ relativ schnell beendet, als sie den Inhalt der Schrottcontainer entdeckt hatten...
Die Technik in den Studios in den Bezirken hat mindestens im späteren NDR-Sendegebiet deutlich länger überlebt, damit wurde teils noch bis Ende der 90er Jahre gesendet. Geplündert wurde da kein Studio, die waren durchgehend in Betrieb.
Artefakte davon finden sich immer noch im Betrieb: Mikrofone, vorwiegend seinerzeit importiere West-Typen wie MD421 oder U87.
Ausgerechnet das einzige MV692 P48 + M70 Kapsel das wir besitzen ist schon mit Microtech Gefell GmbH belabelt ;)
Und museal erhalten ist bei uns im Haus ein Barkas B1000 Ü-Wagen mit Originalausstattung.
 
Gefällt mir: lg74
Ich habe von den drei Ur-U87 schon an anderer Stelle berichtet, die laut Seriennummer vor 1975 auf die Welt kamen, leider weiss keiner mehr welches Kerbholz die haben - vermutlich sind sie aus dem ehemaligen Bestand des "alten" Studio Rostock.
Die gehen erfreulicherweise wahrscheinlich demnächst in kundige Hände zu einer Überholung.
Ob der Barkas noch läuft, weiss ich allerdings nicht :D
 
@lg74

Das ist wirklich sehr interessant, vielen lieben Dank für deine vielen Ausführungen.
Ich werde mal probieren das Buch zu bekommen.
Das muss ja in den 90er Jahren total abgedreht zugegangen sein,
aber das hab ich auch aus meiner Branche mit atemberaubenden Geschichten verdeutlicht bekommen.

Hatte man im Funkhaus eigentlich eigene Bauarten von Studioplattenspiellern oder wurde
hier alles mit Bändern abgewickelt?
Ich hab bei den ganzen Aufnahmen erst ab Anfang der 90er Jahre Plattenspieler gesehen.

Mal sehen, mit etwas Zeit wird sich schon ein UM70 mit dem passenden Verstärker anfinden.
Die Preise bei Ebay sind ja schon ganz schön ordentlich, zum Glück hab ich keine Not.

Hier kann man eine sehr schöne Aufnahme, aus einem Studio in Russland, hören.


Ich finde es total lustig, sogar in Japan beschäftigt man sich mit dem Nachfolger des M70 :


Also vielen Dank nochmal für die ganzen, sehr lesenswerten, Ausführungen.:thumbsup:
 
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