Her mit der Quote fürs Radio!


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#26
Sassa: An der Sprache allein kann es nicht liegen, denn wenn man einen seichten deutschen Schlager in seichtes Englisch übersetzt, dann ist er plötzlich "viel besser !"
Es könnte an den Sprachkenntnissen liegen - die meisten Deutschen verstehen gar nicht allzu detailliert, was in englischen Texten steht - von daher fällt eine gewisse Seichtheit gar nicht auf. Ich habe mich schon öfter mit englischen "native speakers" darüber unterhalten - die finden Teile der englischen Musik eben genau wegen der flachen Texte schrecklich. In Deutschland merkt´s eben Keiner. Beste Beispiele sind gerade die englisch "singenden" Deutschsprachler wie Modern Talking oder DJ Bobo - aber auch unter den englischen und amerikanischen Interpreten gibt es genug Beispiele. Einer der Größten in dieser Hinsicht war sicherlich seiner Zeit der "englische Tony Marshall" Chris Andrews, der "Yesterday Man".


Aber wie sieht es eigentlich in Österreich und der Schweiz aus? Wird dort auch nach Quoten gerufen? Das wäre sicherlich mal interessant für die "deutsche" Diskussion - also, Nachbarn: Gebt mal Laut!
 
#27
Da hab ich doch ein sehr interessantes Interview gefunden - die taz im Gespräch mit Tim Renner, dem Deutschlandchef von Universal:
"Radio braucht wieder Vielfalt"

taz: Herr Renner, heute beginnt die PopKomm zum letzten Mal in Köln. Danach zieht die Messe nach Berlin. Warum?

Tim Renner: Wenn sie in einer Wohnung zu lange gewohnt haben, ist die oft so verbaut, dass es sinnvoller ist, umzuziehen.

Aber reicht denn ein Tapetenwechsel allein?

Die PopKomm muss Berlin nutzen, um sich grundsätzlich umzuorientieren. Angefangen hat man als Plattform, auf der sich kleine Labels austauschen konnten, mit Dieter Gorny, der von der Tanke Bier holte. Dann hat sie sich entwickelt zur großen Branchenfeier, was in Ordnung ist, wenn eine Branche unverschämt erfolgreich ist und was zu feiern hat. Jetzt hat sich die Welt verändert, wir sind eine ganz normale Branche mit allen ihren Nöten. Die PopKomm muss endlich die klassischen Funktionen einer Messe übernehmen: Geschäft muss stattfinden und zugleich Kommunikation für die Produkte generiert werden. Bislang wird anlässlich der PopKomm in den Medien nur über die Krise der Industrie berichtet, nicht über neue Platten oder Stars. Aber an den meisten Ständen kann man nicht einmal die Musik anhören.

Das allein wird kaum die Absatzkrise beenden. Brauchen wir die vom bayerischen Staatskanzleichef Erwin Huber propagierte Radioquote?

Wir brauchen wieder Vielfalt im Radio. Das Privatradio erhebt keine Gebühren, es muss von Werbung leben. Wenn ich von Werbung lebe, ist nicht der Hörer mein Kunde, sondern der Werbekunde. Dieser Kunde will eine möglichst hohe Reichweite, und deshalb sucht das Radio den kleinsten gemeinsamen musikalischen Nenner.

Deshalb sollen nur öffentlich-rechtliche Radios quotiert werden?

Das öffentlich-rechtliche Radio hat in seinem verfassungsmäßigen Auftrag Information und Vielfalt. Diesen Auftrag erfüllt es nicht mehr. Stattdessen dupliziert man mit Gebührengeldern, was eh umsonst zu haben ist. Interessant ist: Das Radio gewinnt in letzter Zeit Hörer hinzu, aber die Werbeeinnahmen sanken im letzten Jahr um mehr als 12 Prozent. Auch die Werbeindustrie erkennt, dass bei dieser Art von Programm die Aufmerksamkeit des Hörers nachlässt. Radio muss wieder relevant werden, dazu muss es relevante Inhalte senden.

Die Unternehmerverbände fordern Deregulierung. Die Musikindustrie will ihr Geschäft mit einer neuen Regulierungsmaßnahme ankurbeln.

Das Problem bei Musik ist das Sendeprivileg. Wenn Sie einen Film drehen, darf den niemand ohne Ihre Genehmigung aufführen. Aber wenn ich ein Musikstück veröffentlicht habe, dann kann es jeder senden, wenn er die Gema-Normsätze zahlt. Das ist eine Zwangslizenz, die es bei keinem Foto, bei keiner TV-Reportage, bei keinem Text gibt. Für Musik wurde das 1968 eingeführt, um Vielfalt herzustellen, um sicherzustellen, dass nicht die Musikindustrie bestimmt, was gesendet wird. Dieses an sich positive Ansinnen hat sich allerdings verkehrt, die Vielfalt ist nicht mehr gegeben. Der Staat hat nun zwei Möglichkeiten: Entweder stellt er die Marktwirtschaft wieder her. Dann muss die Zwangslizenz weg. Wenn man aber nicht an die Selbstregulierung des Marktes glaubt, dann muss man regulieren, dass diese Zwangsregulierung nicht missbraucht werden kann.

Nun sitzen Sie mit CSU-Minister Huber im gleichen Boot.

Zumindest bei diesem Thema sind wir uns beide auf jeden Fall einig. Der Musikgeschmack von Herrn Huber ist tatsächlich nicht krachledern. Er kennt sogar die Sportfreunde Stiller.

Wie umgehen Sie den Vorwurf der Deutschtümelei?

Die Angst vor Deutschtümelei ist ein typisch deutscher Reflex. Aber: Wir wollen keinen Wettbewerbsvorteil für Deutsches, wir wollen nur Wettbewerbsgleichheit. Momentan hat man mit deutschsprachigen Titeln so gut wie keine Sendemöglichkeit. Denn zuhören sollen die Leute beim Moderatoren, der die Zuhörer an den Sender bindet, und bei der Werbung. Deutsche Sprache wird nicht gespielt, weil sie stört. Das Geschäftsprinzip des Radios hat zur Folge, dass deutscher Pop abgeschafft wird, und damit blockiere ich die kulturelle Identitätsfindung eines Landes.

So schlimm?

Wenn man nicht will, dass diese Gesellschaft auf ein McDonalds-Niveau verkommt, wenn man will, dass neue Impulse gesetzt werden, dann muss man dafür sorgen, dass die Kanäle offen bleiben und für Pop ist nun mal Radio der Kanal. Was wir hierzulande an großen Stars haben, hat seine Karriere ausnahmslos zu einer Zeit begonnen, als die Radiolandschaft noch eine vollkommen andere war. Ich kann mit jedem Taxifahrer und meinem Nachbarn über Grönemeyer reden, aber nicht über Rammstein.

Sind Ihre Bosse in New York begeistert von Ihrer Quotenforderung?

Das ist weiß Gott bei uns im Konzern nicht unumstritten. Da kommen ab und an schon mal spitze Fragen per Mail. Schließlich verdiene ich das meiste Geld, wenn ich Produkte, in die ich einmal Geld investiert habe, als Konzern weltweit vermarkte. Aber ich glaube, dass eine Musikwirtschaft nur dann auf Dauer global prosperieren kann, wenn sie multikulturell und multinational ist.

Die von Ihnen befürchtete McDonaldisierung muss aber nicht zwangsläufig eine Angloamerikanisierung sein?

Nein, dass kann auch eine Wienerwaldisierung sein.

Ihre Kollegen von der BMG haben bei der Quote die Möglichkeit, noch mehr "Superstars" zu lancieren.

Die singen Englisch …

… erfüllen aber die Voraussetzungen der Quote, weil das Produkt aus Deutschland stammt.

Stimmt, aber die Quote wird nicht alle Probleme der Musikindustrie lösen. Solche TV-Formate wie "Deutschland sucht den Superstar" wird es immer geben, aber nicht in dieser Präsenz. Das reguliert sich von selbst. Ich kann da auch nicht richtig schimpfen, denn mit "Popstars" oder jetzt "Starsearch" sind wir selbst dabei.

Die gecasteten "Superstars" sind das einzige aktuell wachsende Marktsegment. Wird die Krise der Branche Dauerzustand?

Nein, wir haben enorme Zuwachsmöglichkeiten: Legale Nutzung des Internets, aber auch die individuell zusammengestellte Compilation-CD. In Lübeck und Rostock testen wir ein System, in dem ich mit einem PDA, der mit Kopfhörer und Touchscreen ausgerüstet ist, durch den Plattenladen gehe und mir per Scanner die Titel aussuche, die ich mag. Am Ausgang bekomme ich meine fertig gebrannte Individual-CD. Daran glaube ich: Das haptische Einkaufserlebnis samt seinen sozialen Kontakten mit der neuesten Technologie zu verknüpfen.

Das erhält Ihnen vielleicht die jetzigen Konsumenten, aber wo soll das Wachstum herkommen?

Wir gehen fälschlicherweise noch davon aus, dass sich der Konsument mit Ende 30 als aktiver Musikfan verabschiedet, dabei sind selbst 65-Jährige bereits mit Popmusik sozialisiert. Bei diesen Älteren hat die Industrie ein Defizit. Diese Klientel hat keine Zeit neben Job und Kindern im Plattenladen zu stöbern, will aber gleichzeitig ihre Individualität ausdrücken und ist deshalb nicht am üblichen Chartsfutter interessiert. Genau diese Leute sind zudem die Opinionleader, die die Märkte antreiben.

Was bedeutet das für die Plattenfirma der Zukunft?

Sie muss sehr viel exakter die einzelnen Acts kommunizieren. Denn in einem Markt, in dem die Distributionshürden wegfallen, wird es noch sehr viel mehr Player geben. Außerdem müssen wir schneller werden: Musikalische Impulse, neue Trends werden in einem primär nonphysisch betriebenen Markt viel schneller aufgenommen. Andererseits muss die Plattenfirma der Zukunft so aufgestellt sein, dass sie die unterschiedlichen Szenen stimmig bedienen kann.

Deshalb haben Sie das Münchner Volksmusiklabel Koch gekauft.

Koch ist der große Vergnügungsdampfer im Süden. Damit die nicht an Selbstständigkeit und an Stimmigkeit verlieren, haben wir die auch in München gelassen und nicht hier integriert. Hier in Berlin würde ich keine Menschen finden, die sich ausreichend für die alpenländische Kultur begeistern, und das würde man merken. Umgekehrt: Auch wenn ich kein HipHopper bin, will ich, dass der eine HipHop-Act, den ich höre, auch ein stimmiger Act ist. Das war vor 20 Jahren noch anders, da konnte man mit Industrie-Klonen wie Vanilla Ice Geld verdienen. Das funktioniert heute nicht mehr.

Die Industrie-Klone gibt es ja weiterhin, die werden sogar im TV vor aller Augen gecastet.

Das sind aber keine Vertreter einer bestimmten Szene. Es gibt nicht den international erfolgreichen HipHop-Act, der von einer Firma konstruiert und lanciert wurde. Heute will die Masse der Leute, ein echtes, originäres Produkt. Die, die Zuckerwatte wollen, die bekommen bei "Deutschland sucht den Superstar" echte Zuckerwatte.

Die Branche selbst führt mit den Casting-Shows noch dem blödesten Konsumenten die Mechanismen des Geschäfts vor. Lebt Pop nicht vom Glamour und dem Versprechen auf ein Geheimnis?

Wenn der Blödeste nicht mehr darauf reinfällt, dass Stars blöde platziert werden, dann muss das gesamtgesellschaftlich ja nicht das Schlechteste sein. Aber es gibt nicht nur durchschaubare Mechanismen, es gibt drei Millionen Mechanismen, Künstler zu positionieren. Aber es stimmt: Es wird da sehr viel entmystifiziert. Der Mythos vom Star bröckelt, bekommt eine Kälte, und damit lässt die emotionale Bindung an den Star nach. Andererseits: Noch nie hatten wir so viel Platz für Musik im Fernsehen. Selbst der Bertelsmann-Sender RTL, der sich vorher nie an Musik herangetraut hat, merkt nun, dass es ein überwältigendes Interesse an Musik gibt.

taz vom 14.8.2003, Seite 5, Interview: DANIEL BAX / THOMAS WINKLER
 
#28
Jetzt tat auch der FFH-Chef seine Meinung zm Thema kund - u.a. in der "Frankfurter Neue Presse" von gestern:
Radio FFH gegen Quoten für deutschsprachige Musik
Frankfurt (dpa) Der Sender Radio FFH hat Forderungen aus der Musikindustrie nach einer Quote für deutschsprachige Musik im Rundfunk zurückgewiesen. «Was die Branche verlangt, klingt wie das Pfeifen im Walde. Die Radiosender sind für die schlechte Lage der Musikindustrie nicht verantwortlich», sagte der Geschäftsführer des Marktführers im hessischen Privat-Hörfunk, Hans-Dieter Hillmoth, in einem dpa-Gespräch, unter Hinweis auf die Umsatzeinbrüche bei den Musikkonzernen.

Eine angemessene Quote für deutschsprachige Musik in den Hörfunksendern hatte der Chef der Universal Music Group (Berlin), Tim Renner, angeregt. Er will damit das Musikspektrum der Sender verbreitern, um auch neuen Sängern und Gruppen Chancen zu geben. Einen Vorstoß in dieselbe Richtung haben der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) und der bayerische Staatskanzlei-Chef Erwin Huber (CSU) unternommen.

Hillmoth warf dagegen der Musikindustrie vor, jahrelang die deutsche Musik vernachlässigt zu haben. «Die Konzerne haben es versäumt, neue Künstler aufzubauen.» Der FFH-Chef wies den Vorwurf zurück, die Radiosender spielten nur noch die Chart-Titel der Hitparaden. «Natürlich müssen wir das spielen, was die breite Masse interessiert. Aber abends wechselt unsere Hörerschaft. Da kann man neue Titel ausprobieren und aufbauen.» Hillmoth verwies darauf, dass der Sender jährlich 500.000 Euro ausgebe, um den Musikgeschmack seiner Hörer zu erforschen.

Derzeit spielt der Sender rund 90 Prozent englischsprachige und etwa 10 Prozent deutschsprachige Musiktitel. «Die Affinität der Hörer zu deutschsprachiger Musik hat zugenommen», sagte Hillmoth. Jetzt seien auch junge Gruppen gefragt, nachdem lange Zeit das Spektrum nur von Udo Lindenberg bis Herbert Grönemeyer gereicht habe.
 
#29
Und nun auch noch die "Frankfurter Rundschau":
Es geht um Kohle, nicht um Kultur
Die Forderung nach einer Quote für deutsche Musik im Radio ist wie Herpes: Äußerst ärgerlich, immer wiederkehrend - und vollständig sinnlos
Von Stefan Müller

Mit der Quote ist das eben so eine Sache...
(ddp)
Im jamaikanischen Slang ist der "Selector" ein Musikliebhaber, der die neuesten und besten Scheiben auflegt und damit die "Dancehall" zum Kochen bringt. "Selector" - so heißt zufälligerweise auch die gängige Musiksoftware für Hit-rotierende Radiosender. Dieser Selector ist allerdings ein willfähriger Automat: er lässt sich mit aktuellen Hits füllen und spuckt diese in regelmäßigen Abständen wieder aus; wenn gewünscht, zehnmal am Tag. Das Prinzip dieser Hit-Rotation stammt aus den USA und hat deutsche Privatradios und öffentlich-rechtliche Popwellen im Sturmlauf erobert.

Noch ein Sturmlauf: Der größte jamaikanische Popstar seit Bob Marley heißt Sean Paul. Der 28jährige Sänger tummelt sich mit seinem aktuellen Dancehall-Hit Get Busy seit Wochen in den Top-Ten der weltweiten Charts. Eine erstaunliche Erfolgsgeschichte für eine Musikrichtung, der bis vor kurzem keinerlei Mainstream-Kompatibilität zugetraut wurde. Vielen Radiosendern war die Musik von Sean Paul zu "undergroundig", andere Stationen gingen auf Nummer Sicher und spielten Get Busy erst, als es sich als sicherer Hit entpuppt hatte. Ähnlich lief die Sache vor einem halben Jahr mit dem schrägen Mundian To Bach Ke des indischstämmigen Briten Panjabi MC. Der exotische HipHop-Hybrid setzte sich wochenlang auf Platz zwei der deutschen Hitparade fest und wurde als "erfolgreichster Newcomer" prämiert. In beiden Fällen hatte das Radio als Trendbarometer versagt - ausschlaggebend für den Erfolg waren zunächst die Clubs und später die Videoclips.

Seit dem prophetischen 81er Hit der Buggles Video killed the radiostar weiß jedes Kind: Die Hits werden nicht mehr vom Radio gemacht, sondern von den Clipsendern MTV und Viva. Die Gründungsphase des deutschen Musikfernsehens Viva fiel vor knapp zehn Jahren zusammen mit einem regelrechten Boom an deutschsprachigem HipHop, allen voran Stuttgarts Vorzeige-Rapper "Die Fantastischen Vier" und Frankfurts Inderin Sabrina Setlur. Den warmen Geldregen saugten die an Viva beteiligten Majorlabels gern auf.

Doch nun ist die Euphorie verflogen. Die Geschäfte laufen so schlecht wie noch nie, und plötzlich sind die Radiosender mit schuld an der Misere, so Gerd Gebhardt, Chef der deutschen Phonoverbände. Jetzt wird der öffentlich-rechtliche Kulturauftrag angemahnt und nach ambitionierten Programmen verlangt, "die es sich noch auf die Fahnen schreiben, gute Musik bekannt zu machen". Was der Mann unterschlägt: im ARD-Verbund gibt es eine Fülle solcher Angebote mit dem gewünschten "entschieden subjektiven Geschmack". Gerade sind die deutschen Bands "Wir sind Helden" und "Virginia Jetzt" - auch durch Airplay mutiger Jugendsender - als Hoffnungsträger der Branche durchgestartet. Hessens Radio XXL sorgte mit einer speziellen Version aus Hits von Eminem und Nena für Furore - die beteiligten Plattenfirmen verschliefen jedoch die Chance, diesen exklusiven, todsicheren Chart-Knaller zu platzieren.

Die Musikbranche befindet sich in der Defensive und muss sich unbequeme Fragen gefallen lassen: Warum haben die Majorlabels ihren Sender für innovative und unbekanntere Musik, Viva Zwei, durch die poppige Mainstream-Variante Viva plus ersetzt? Wo es doch darum ging, "dringend Plattformen für deutschsprachige Musik" (Gebhardt) zu schaffen? Man besitzt praktisch einen Abspielkanal, nutzt ihn aber nicht. Die hausgemachte Misere sollen nun andere Medienkanäle wieder hinbiegen und zwar mit Hilfe der Politik. "Die Musikwirtschaft hat sich entschlossen, eine Quote für Musik im öffentlich-rechtlichen Radio zu fordern" - eigentlich eine olle Kamelle, aber so eröffnete man geschickt einen Nebenschauplatz und spannte sich eine illustre Politikerriege vor den Karren, von Ex-Kulturstaatssekretär Julian Nida-Rümelin über Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) bis Bayern-Staatsminister Erwin Huber (CSU). Welche Radiosender diese Herren bevorzugen, ist nicht überliefert, ebensowenig, ob sie überhaupt dem Äther lauschen.

Die kommerziellen Sender jedenfalls dürfen weiterhin ihre Hits rotieren lassen. Schon kursieren im Internet Seiten von aufgebrachten Radiohörern wie "Rotationsverbot.de", die sich für eine Abschaffung der "Dauerrotation" einsetzen. Währenddessen stellen sich die Internet-Freaks längst per DSL-Flatrate ein weltweites Radio-Lieblingsprogramm zusammen. Keine Spur von lästiger Hit-Rotation: On-demand lassen sich beispielsweise die Glanzlichter unter den BBC-Radiosendungen nach Hause holen. Ein Paradigmenwechsel deutet sich an, redet hier jemand noch von einer Quote?

"Den Befürwortern einer Quote geht es nicht um Deutschtümelei", beruhigte Nida-Rümelin kürzlich in der Süddeutschen Zeitung, "sondern um kulturelle Vielfalt und künstlerische Kreativität". Bei Phonoverbands-Mann Gebhardt heißt es: "Wir brauchen die Radioquote zur Stärkung unserer nationalen Musikkultur." Doch was verbirgt sich genau hinter dieser "nationalen" Musikkultur? Man denkt mit Grausen an Küblböck und Co. Im Zweifel definieren die Plattenfirmen ja immer selbst, was sie für wirtschaftlich relevant halten. Und da liegt auch der zum Himmel schreiende Anachronismus ihrer Quoten-Forderung: es geht in Wirklichkeit um Kohle, nicht um Kultur. Noch süffisanter: In der DDR existierte einst eine 60-Prozent-Quote für Musik aus den Ostblock-Ländern. Herr Thierse, wollen Sie uns das noch einmal antun ? Nein, die Koalition aus Politik und Industrie will "Minderheiten-Schutz" und "Artenvielfalt". Konkret: jeder zweite gespielte Musiktitel soll eine Neuheit sein, die Hälfte davon wiederum soll auf deutsch gesungen werden.
WDR-Musikredakteur Tom Petersen findet es hingegen "wunderbar", wenn der Kölner Reggaestar "Gentleman" auf Patois singt, dem jamaikanischen Dialekt, und "wenn RZA mit Xavier Naidoo rappt". Man merkt schnell: es gibt gar keine rein-deutsche Musikkultur mehr. Daher sei die verordnete Quote eine "veraltete, sinnlose Sache" (Petersen), die nur die Hilflosigkeit der Industrie zeige. Und Eins-Live-Kollege Wolfram Kähler ergänzt: "Bei uns herrscht eine große Offenheit und weitreichendes Engagement, was deutsche Produktionen angeht." Radiomacher Klaus Walter (Der Ball ist rund in hr3) meint: "Was wir brauchen, sind unabhängige Radio-DJs, die ihren Job mit Enthusiasmus machen und von den Radiostationen dazu die nötige Rückendeckung erhalten."
In einer ohnehin globalisierten Musikwelt kann es sich der US-Rapstar RZA vom Wu-Tang-Clan erlauben, sein aktuelles Album mit den "deutschen" (aber in Wirklichkeit multikulturellen) Gastsängern Xavier Naidoo, Curse, Afrob und Cool Savas auszustaffieren und ausschließlich in Europa zu veröffentlichen. Der aus Polen stammende Berliner Diskjockey DJ Tomekk hat sich ebenfalls prominente Verstärkung aus der US-HipHop-Szene geholt. Ein Schachzug, der in Frankreich schon vielfach erprobt ist: dort sind einheimische Rapper regelmäßig als Gäste bei US-Größen an Bord. So umgehen die Amerikaner geschickt die seit neun Jahren geltende französische Radioquote.

"Die deutsche Szene wird sich auch ohne Radioquote etablieren", davon ist Herbert Grönemeyer überzeugt. Eine gesetzlich festgeschriebene Quote führt in eine Sackgasse. Gefragt sind mutigere Musikredakteure, die ihre Automaten auch freiwillig mal mit Blumfeld statt Catterfeld füttern. Keine Angst vor guter Popmusik, das wissen auch die musikliebenden Selectors aus der jamaikanischen Dancehall.
 
#30
1. Wer Marktwirtschaft haben will, kann nicht die Quote fordern.

2. Wer allerdings zur Erkenntnis kommt, daß man den Markt nicht alles regeln lassen sollte, muß schon ein gesellschaftliches Konzept präsentieren, das nicht bei der deutschen Musik halt macht.

Dann bitte auch Schutz vor Dudel-Privatfunk und Boulevard-Presse durch Einführung einer Maximal-Grenze. Dann bitte auch Schutz vor Ärzten und Pharmakonzernen, die den Profit höher schätzen als die Gesundheit. Dann bitte auch eine Schulpflicht, die nicht Ausfallstunden und Dummheit befördert, weil sie der kranken Sparzwangmentalität zum Opfer fällt, usw. usf. Herr Nida-Rümelin war schließlich Staatsminister im Dienst der SPD, die für sich entschieden hat, daß die Verbindung sozial und Marktwirtschaft irgendwie zu teuer geworden ist. Wenn das so ist, brauchen wir auch den besonderen Schutz deutscher Musik nicht.

3. Wenn es nur um die Profite der deutschen Unterhaltungsindustrie geht, so pfeif ich drauf.
 
#31
Meine Meinung zum Thema "Quote für Radiosender"

Wir sollten endlich mehr Rückgrad zeigen, wenn es um nationale Dinge geht. Das wir den Krieg von fast 60 Jahren verloren haben, darf einfach keine Rolle mehr spielen, sich blind in amerikanische Wertvorstellungen zu stürzen.
 

Tom2000

Gesperrter Benutzer
#32
"sich blind in amerikanische Wertvorstellungen zu stürzen"

Was ist das denn für eine Aussage???

Nur zur Erinnerung: Die USA sind die führende Macht der westlichen Zivilisation und unverzichtbar für das Überleben des Westens ingesamt, aber auch für Deutschland im Speziellen. Die zweitgrösste Einwanderergruppe kam/kommt aus Deutschland. Kaum ein zweites Land ist den Deutschen auf Anhieb so vertraut.

Es wird niemand in Deutschland gehindert, deutsche Musik im Radio zu spielen.
Vielleicht will keiner das, was an deutschen Liedern produziert wird, hören.
War bis in die 80er mal anders, weil es ein für die Masse ansprechendes Angebot an deutschen Titeln gab.

Das "Problem" hat also mit Hörigkeit in Richtung USA gar nichts zu tun. Zumal die englischen Titel unserer Hitwellen oft sogar mehrheitlich aus Europa kommen, was auch ein Blick auf die Playlists deutscher und amerikanischer Sender zeigt.
 
#33
Also ich beteilige mich jetzt und hier nicht an der weltpolitischen Diskussion - aber Toms letztem Satz stimme ich zu. Was kriegen wir denn dauernd auf die Ohren? Englischsprachig - aber von den Kübels, Bohlens, Bobos oder Ötzis.
 

Ernie

Gesperrter Benutzer
#34
@ Tom2000

>>Das "Problem" hat also mit Hörigkeit in Richtung USA gar nichts zu tun. Zumal die englischen Titel unserer Hitwellen oft sogar mehrheitlich aus Europa kommen, was auch ein Blick auf die Playlists deutscher und amerikanischer Sender zeigt.<<<


Die "Hörigkeit" besteht vielleicht in finanzieller Art. Wem gehören denn die multinationalen Entertainment - Firmen ??
Jedefalls weiß ich von vielen deutschen Musikern die sagen: Wenn ich zu Sony, EMI oder überhaupt auf den internationalen Markt meine CDs unterbringen möchte, muß ich mich nach deren Wünschen richten und eben englischen "Weltpop" produzieren.

Ich bin schon älter und weiß noch wie es umgekehrt war: Da produzierte die Amerikanerin Connie Francis in New York (!) deutschsprachige Schlager. Da wurden in die MGM Studios nach New York die deutschen Begleitorchester für diese Aufnahmen eingeflogen. Der Grund: Man wollte im deutschsprachigen Raum auch die Schallplatten verkaufen und so produzierte man eben mit amerikanischen Sängern AUCH in Amerika in deutsch.
Interessanterweise, als die großen deutschen Schallplattenfirmen immer mehr in ausländische finanzielle Hände gelangten, hörte sich das auf.

Wer weiß schon, daß "Die Liebe ist ein seltsames Spiel" in New York produziert wurde ?
 
#35
Stimmt, Ernie, mir fällt da spontan Cliff Richard ein.....
Rote Lippen soll man küssen, denn zum Küssen sind sie da.
Rote Lippen sind dem siebten Himmel ja so nah.
Ich habe dich gesehen, und ich hab mir gedacht,
so rote Lippen soll mann küssen Tag und Nacht.

Darap darara, Darap darara,
Darap darara, oh-oh-oh-oh!
Darap darara, Darap darara,
Darap darara, oh-oh-oh-oh!
Ein schöner Beweis dafür, dass englische Titel mit der Übersetzung nicht zwangsläufig besser werden:D

Also, Britney: Bitte nicht nachmachen!
 
#36
@ Ernie:

Sony ist ein japanisches Unternehmen, EMI ein britisches. Da sehe ich keinen amerikanischen Hegemonismus. Ansonsten hast Du natürlich recht; früher hat sich die Musikindustrie mehr auf den jeweiligen Markt eingestellt und sogar die Beatles haben bekanntlich zwei Songs in Deutsch aufgenommen. Aber war das tatsächlich so toll?

Ob angloamerikanische Künstler, die irgendwelche Dummtexte auf Deutsch dahinradebrechen, die Rettung deutscher Kultur und Sprache brächten, darf wohl bezweifelt werden.
 

Ernie

Gesperrter Benutzer
#37
Es geht weniger darum ob, es amerikanische Unternehmen sind, auf alle Fälle sind es ausländische und die produzieren für den amerikanischen und internationalen Markt und in deren Augen ist der deutsche Markt nicht mehr eigenständig und es ist billiger den Deutschen den internationalen Geschmack aufzuzwingen als ihnen etwas Eigenes zu lassen oder gar zu fördern.

Die obigen Beispiele sollen nicht darstellen, daß deutsche Texte qualitativ besser wären, nein überhaupt nicht ! Ich wollte nur demonstrieren, daß man damals sogar in internationalen Produktionsfirmen an den deutschen Sprachraum überhaupt GEDACHT hat und eben sogar die Beatles deutsch singen ließ !
Die Qualität ist jetzt nicht diskutiert sondern nur:
Wenn sogar internationale Überseemusiker in deutsch singen, dann hat es doch ein deutscher Musiker auch leichter, auch einen deutschen ( qualiltätsvollen) Titel unterzubringen.

Weil es schlechte deutsche Titel gibt, kann man doch nicht sagen, daß deutsch überhaupt ungeeignet ist. Es gibt auch sehr gute deutsche Titel und die haben ( im Gegensatz zu früher) auch keine Chance mehr, weil das Image deutsch = schlecht zu Unrecht aufgebaut wurde.
 
#38
Original geschrieben von SPD-Freak
Schaut Euch mal die französischen Hitparaden an. Die 40%-Quote, an die sich die Sender dort halten müssen, hat dort sehr viel verändert. Auch ich habe hier an der französischen Grenze Florent Pagny oder Indochine sehr schätzen gelernt.
Genau. Die hat dazu geführt, das immer mehr amerikanische Musiker mit Franzosen zusammen ein Stück aufnehmen, letztere 3 Worte rappen dürfen, damit die Quote erfüllt ist und gut ist ;) Für die Völkerverständigung sicherlich gut, das Niveau hat es nicht gehoben.
 
#39
Ein weiterer Artikel ist auch im Progrqammmagazin der Deutschlandradio - Programme zu lesen, allerdings habe ich ihn nicht auf den Internetseiten von www.dradio.de gefunden. Hat vielleicht jmd. die Zeit danach zu suchen ?
 
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