Hintergrundgespräche und Berufsethos von Journalisten


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Hinhörer

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Aufhänger dieses Themas ist für mich folgende Wortmeldung eines geschätzten Forenmitglieds:

[...] Staatsjournalisten*) [...]

*) Jener Personenkreis, der zu einem sog. Hintergrundgespräch eingeladen wurde, bevor der Innenminister zu seinem Terrorwarnungs-Auftritt schritt. Ich betrachte diesen Personenkreis als nur noch bedingt journalistisch unabhängig, dud mr leid.

Gemeint war folgender Vorgang:

Welt online schrieb:
Der Minister hatte Freitag vorletzter Woche rund 20 Journalisten in seinen Berliner Amtssitz geladen, um sie über die terroristischen Bedrohungsszenarien und Hinweise von Geheimdiensten zu informieren. Das Hintergrundgespräch fand damals „unter 3“ statt, es durfte also kein Wort publiziert werden.

(Gesamter Artikel hier.)

Wer – wie ich – mit „unter 3“ nichts anfangen kann, wird z B hier erhellt:

Image Workshop schrieb:
»Unter 3« ist Fachchinesisch und bedeutet, eine Information wird zwar an die im Raum anwesenden Journalisten gegeben, darf aber nicht weitergegeben, also publiziert werden. Dieser etwas widersprüchliche Form von Kommunikation ist so etwas wie das Kerngeschäft des Berliner Presse Clubs, es ist das vertrauliche Hintergrundgespräch.

Hatte ich zunächst, als ich von besagtem Hintergrundgespräch las (und zwar von genau dem Journalisten, den K 6 im Zitat meinte), keine Bedenken, ob das ethisch sauber ist – schließlich ist Vertrauen eines Informanten gegenüber einem Journalisten die Basis dafür, daß letzterer überhaupt Informationen bekommt; einer geschwätzigen Person wird man höchstens einmal etwas Wichtiges sagen –, kommen mir doch langsam Zweifel, ob man sich damit nicht zu sehr korrumpieren läßt.

Hier hat sich schon jemand Gedanken dazu gemacht:

Meyer-Wellmanns Netzigkeiten schrieb:
Mein langjähriger “Hamburger Abendblatt”-Kollege Veit Ruppersberg pflegte Einladungen zu Hintergrundgesprächen stets mit der Bemerkung “Mich interessiert nur Vordergrund” abzulehnen. Das hatte vermutlich einen simplen Grund: Er wusste, dass von Politikern angebotene Hintergrundgespräche oftmals mehr den Politikern nützen als den Journalisten und ihren Aufklärungsinteressen.

Ganz neutral betrachtet sollen Hintergrundgespräche dazu dienen, dass ein oder mehrere Politiker einem oder mehreren Journalisten komplexe Sachverhalte erläutern und ihnen dazu mehr oder weniger vertrauliche Informationen geben. Zugleich verpflichten sich die Journalisten, über die in einem Hintergrundgespräch erlangten Informationen nicht zu berichten. Wer bestimmte Informationen in einem Hintergrundgespräch erhält, fühlt sich an die Zusicherung der Vertraulichkeit gebunden, selbst wenn er dieselben Informationen später aus anderer Quelle bekommt. So dient Politikern das Hintergrundgespräch indirekt auch als Mittel der Manipulation und Kontrolle von Journalisten.

Unten gibt es dazu einen Kommentar:

Mr. Jibeking schrieb:
Ich erspare mir alles zum Thema, ob Hintergrundgespräche journalistisch-ethisch vertretbar sind und ob alle Journalisten in die Hölle kommen, die sich auf Vereinbarungen mit Informanten einlassen. Dustin Hofmann und Robert Redford zum Beispiel. Ich verkneife mir auch die gemeine Frage, ob die Aufforderung “lassen Sie uns mal unter 3 reden…” häufiger von Medienleuten oder häufiger von Informanten kommt. Ihr würdet die Antwort nämlich nicht glauben.

Zum Hintergrundgespräch nur so viel: Das hat in Bonn funktioniert, Schleyer-Entführung / Mogadischu. 30 Jahre her. Wer heute noch auf die Vertraulichkeit des “unter 3″ vertraut, ist grenzwertig naiv. Wer in eigener Sache irgendwas “unter 3″ anbietet, braucht dringend einen guten PR-Berater (ob der im konkreten Fall noch hilft, weiß ich nicht). Ich glaube, “unter 3″ ist tot (was nicht bedeutet, dass es zwischen Journalisten und Informanten ein allgemeines und gleiches Vertrauensverhältnis geben muss). Wenn “unter 3″ tot ist, drohen Journalisten künftig weniger (gut) informiert zu sein (na gut, dann kommentieren sie am Mittwoch, warum das gar nicht eintreten KONNTE, was sie am Montag prognostiziert haben. Merkt kein Mensch). Wenn “unter 3″ tot ist, wird die Gefahr kleiner, dass Journalisten sich über den Tisch ziehen lassen. – Jeder treffe seine Entscheidung.

Und nun kommt Ihr. Wie sollte man Eurer Meinung nach mit einer Einladung zu einem „Hintergrundgespräch“ umgehen? Sich nicht darauf einlassen – auch auf die Gefahr hin, wichtige Informationen nicht zu bekommen – oder hingehen und sich der Gefahr aussetzen, manipuliert zu werden?
 

Mannis Fan

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AW: Hintergrundgespräche und Berufsethos von Journalisten

Das Dilemma ist doch: Wenn ich zu einem Hintergrundgespräch komme, und man teilt mir dort "unter 3" etwas mit, was ich vorher schon längst wusste, - dann ist damit meine vorausgegangene Recherche und mein Informationsvorsprung kaputt gemacht.
Ebenso verhält es sich, wenn ich nach dem Hintergrundgespräch aus anderen Quellen die selben Informationen bekomme.

Wenn ein Hintergrundgespräch dazu dient, eine Information zu lancieren, nur der Informant will anonym bleiben, dann haben beide Seiten einen Nutzen.
Wenn das Hintergrundgespräch aber dazu dient, eine Information unter dem Deckel zu halten, dann hat nur der Informant etwas davon.
Hintergrundgespräche, die Informationen mit einer Sperrfrist liefern - und diese Sperrzeit ist plausibel begründet (z.B. Sicherheitsinteressen, Gefährdung eines Wirtschaftsdeals etc.) - halte ich für seriös und hilfreich, sofern die Sperrfrist nicht bis zum St. Nimmerleinstag reicht.

Man sieht, ein Patentrezept für den Umgang mit Hintergrundgesprächen gibt es nicht. Aber man ist als Journalist gut beraten, sich genau zu überlegen, auf welche Hintergrundgespräche man sich einlässt, und auf welche nicht. Das hängt sicher von den Personen ab, die solche Hintergrundgespräche anbieten. Und wer da Missbrauch treibt (bei Bürgermeistern mit Lokalpresse habe ich solche Erfahrungen gemacht), den sollte man schnellstmöglich aus dem Kreis der seriösen Partner streichen.
 

K 6

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Noch etwas allgemeiner:

Irgendwann weiß man mehr Dinge, als man publik machen kann, wenn man nicht seine Quellen selber zuschütten will. Damit muß man umgehen und abwägen, auch mal auf einen ach so tollen Knaller zu verzichten.

Abwägen heißt dabei übrigens nicht, auf solche investigativen Dinge ganz zu verzichten. Mancherorts scheint es ja schon als Ungeheuerlichkeit zu gelten, etwas anderes als wortwörtliche Übernahmen von Pressemitteilungen zu bringen.

Unangenehm wird es für mein Empfinden nun, wenn diese Sache formalisiert und institutionalisiert wird. Ich formuliere mal ganz spitz: Wer zu einem formalen „Hintergrundgespräch“ eingeladen wird (im Gegensatz zum kleinen Schwatz am Rande usw.), sollte erschrecken, denn dann ist es eigentlich schon zu spät.

Und die Berichterstattung über die Bundespolitik braucht man sich ja nur mal anzuschauen. Nicht nur in diesen bunten Spalten grenzt das oft an billigen Kaffeeküchenratsch. Man merkt, wer da zur Szene gehört.

Lokaljournalismus ist dann noch ein anderes und oft sehr, sehr finsteres Kapitel.
 

Kobold

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AW: Noch etwas allgemeiner:

Mich widert diese Verlogenheit und Tratschkultur richtig an. Ich glaube nicht einmal mehr den sog. seriösen Medien ihre Unabhängigkeit. Das ist hier inzwischen ein solch dermaßen fieser Filz aus materiellen Prioritäten und Auflagesteigerungen und andererseits aus lancierten Informationen als Opium für das Volk, dass man sich nicht lange genug schämen kann.

Armes Deutschland Ende 2010. Der Journalismus hat sich verkauft. Wirtschaftliche Interessen machen ihn nicht eben glaubwürdiger. Aber da kann man dennoch auf Partys abtanzen und sich selbst feiern. Ich finde es komisch, wenn sich selbst beerdigte Prinzipien eigene Grabfeiern liefern mit Saus und Fete.
 
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