Kleine historische Notiz betr. Magnetofonmaschinen


#1
Aus einer internen technischen Dokumentation einer mittelgroßen Rundfunkanstalt im Zentrum der Republik:
September 1955
Am 1. 9. 55 wurde offiziell die Magnetofonbandgeschwindigkeit von 76,2 cm/sec auf 38,1 cm/sec umgestellt. Man verspricht sich davon eine enorme Bandersparnis. Diese kann jedoch nur dann eintreten, wenn die Archivbänder auf lange Zeit noch mit 76,2 cm/sec abgespielt werden können und nur Neuproduktionen mit der neuen Bandgeschwindigkeit aufgenommen werden. Man kann die alten Archivbänder nicht auf die neue Norm umspielen, wenn man nicht jetzt mehr Band verbrauchen will als vorher.
Deshalb wurden neu beschaffte Maschinen mit zwei Bandgeschwindigkeiten ausgerüstet. Diese beiden Bandgeschwindigkeiten können auch heute [1978, Südfunk] noch von den Magnetofonmaschinen, die umschaltbar sind, bedient werden. Ja es geht schon seit Jahren der Trend auf eine weitere Herabsetzung der Bandgeschwindigkeit auf 19 cm/sec hin. Doch 38,1 cm/sec ist bei den Rundfunkanstalten der Standard geblieben.
Es können jedoch auf 19 cm/sec aufgenommene Bänder ohne Schwierigkeiten umgespielt werden, da in den Funkhäusern die notwendigen Einrichtungen vorhanden sind. Gesendet werden nur 76,2 bzw. 38,1 cm/sec-Bänder.
[…]
Die Umstellung der Magnetofonmaschinen auf die neue Bandgeschwindigkeit geht nur zögernd voran, da die beteiligten Firmen Telefunken und Vollmer die Ersatzteile nur schleppend liefern.

[…]

Februar 1956
[…]
Im Tonträgerraum H wurde ein neues M 5-Laufwerk (Telefunken) mit den Bandgeschwindigkeiten 38/19/9,5 cm/sec eingesetzt. Bei diesem Gerät können Spulen von Reportergeräten und Spulen mit Normalbobbies verwendet werden. Dadurch entfällt die Umspulung. Das bedeutet wieder Zeit- und Arbeitsersparnis.

[…]

Juni 1956
Die Umstellung der Magnetofonmaschinen auf 38,1 cm/sec Bandgeschwindigkeit ist soweit durchgeführt, daß in allen Räumen Aufnahmen auf 38,1 cm/sec möglich sind. Auch Studio Kassel und Studio Rhein/Main können jetzt auf 38,1 cm/sec aufnehmen.
[…]
Der Hörspielregieraum wurde mit zwei Telefunken T 9µ [sic] auf 38,1 cm/sec Bandgeschwindigkeit umschaltbare Magnetofone [sic] ausgerüstet, die für Aufnahme und Wiedergabe dienen sollen.
Ebenso wurde im Tonträgerraum Hörspiel eine umschaltbare Volmer-Maschine [sic] eingesetzt.
Der Tonträgerraum D wurde auch auf verringerte Bandgeschwindigkeit umgestellt.
Wer hat noch „76,2 bzw. 38,1 cm/sec-Bänder“ parallel gefahren und eventuell auch einmal das Umschalten vergessen?

Bemerkenswert für mich die Aussage von 1978:
Diese beiden Bandgeschwindigkeiten können auch heute noch von den Magnetofonmaschinen, die umschaltbar sind, bedient werden.
Die beschafften M15- (gebaut ab 1971) bzw. dann überwiegend eingesetzten M15A-Maschinen (ab 1976) waren nicht mehr auf „76,2 cm/sec“ umschaltbar. Hier irrt der Chronist offensichtlich, denn der weitaus überwiegende Teil der Archivbänder war zu jener Zeit dann doch auf „38,1 cm/sec“ umgeschnitten.
 
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#3
Wer hat noch „76,2 bzw. 38,1 cm/sec-Bänder“ parallel gefahren und eventuell auch einmal das Umschalten vergessen?
Meine Antwort geht zwar ein bisschen an der Frage vorbei, aber ich habe zwei Sendungsmitschnitte von WDR 2, jeweils aus den späten 80ern und den sehr frühen 90ern, in denen für die „Oldieshow“ 76er-Bänder aus dem Archiv in die Sendung gegeben worden waren, man dann aber kurz vor deren Einsatz bemerkte, dass die ja gar nicht mehr aus der WDR2-Regie gespielt werden konnten. Es ist dann einer der zwei diensthabenden Techniker in ein anderes Studio in einem höheren Stockwerk gelaufen und hat eine 38er-Kopie angefertigt, um den Song doch noch in der Sendung spielen zu können. Es ging dabei um die 30jährigen Rückschauen auf die Hitparaden, also um Bänder aus den späten 50ern bzw. frühen 60ern.
 
#4
Ich habe ja nur noch die letzten Zuckungen des Magnetbandbetriebes miterlebt, und hatte in dieser Anstalt hier nie eine M15A vor mir, die 76/38 umschaltbar war.
Auch die 24-Spur M15A in Studio 1 (Big Band...) machen 38/19, und gerade bei Mehrspurbetrieb hat sich 76cm/s ob des besseren Signal/Rauschabstandes länger gehalten, um keine 24 Dolby A oder Telcom-Rauschunterdrückungen mitkaufen zu müssen.
Die Umstellung bei dieser norddeutschen Anstalt muss in etwa in demselben Zeitraum stattgefunden haben, denn auch richtig alte Archivbänder aus den späten 50er Jahren habe ich nie in 76cm/s gesehen - können natürlich umgespielt worden sein.
Ob und wo bei uns die technische Entwicklung dokumentiert wurde, ist eine interessante Frage...

Eine 76cm/s M15A steht bei einem guten Freund daheim, die von der Deutschen Grammophon kommt - woher genau die stammt, und ob damit aufgenommen oder Archivmaterial umgespielt wurde, ist unklar. Allerdings ist die Aufnahmefunktion nicht deaktiviert (Kartenträger voll bestückt für 76/38), was ein Indiz dafür ist, dass damit tatsächlich produziert wurde.
 
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#5
Ich korrigiere das Erstellungsdatum der Schrift auf ca. Ende 1972. Insofern muß ich dem Autor Abbitte leisten, da zu jenem Zeitpunkt die ersten M15-Maschinen vermutlich gerade erst ausgeliefert worden waren.
 
#6
Bei Telefunken stellte man damals fest, dass ein netzsynchronlaufender Tonmotor bei langsameren Geschwindigkeiten "Sauereien" machte, wenn der Anker ins Feld gezogen und aus diesem wieder herausgerissen wurde.

Man behalf sich damit, an der oberen Halslagerbuchse eine Madenschraube so fest zu drehen, dass der TM mit etwa 25% seiner Kraft beaufschlagt wurde und so wesentlich ruhiger lief.

So konnte man nicht nur 38cm, sogar 19cm Bandgeschwindigkeit benutzen und führte das System mit der M10 ein, später entwickelte Papst den Außenläufer (M10A und ab M5A aufwärts) und die Telefunken T9 wurde umgebaut mit polumschaltbaren Tonmotor und das Geschoß hieß dann T9u.

(meine erste T9 damals hatte noch aufsetzbare Buchsen für die Capstanwelle, um auch noch 76cm und 100cm (RRG-Bänder) abspielen zu können)

Leider habe ich im Service T9en auf dem Tisch gehabt, an denen mann mit Hammerschlägen den Läufer auf dem Gehäuse herausschwartete und das obere Halslager aufbohrte (und zu Schrott verarbeitete), statt die Madenschraube unter dem Lackpunkt zu lösen....

Später wurde das mit dem nachgesteuerten DC-Motor der M15 billiant gelöst...
 

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#7
Nachtrag:

August 1956
[…]
Endlich bestehen in allen Räumen des Hörfunks Aufnahmemöglichkeiten für 38,1 cm/sec Bandgeschwindigkeit. Deshalb wird kein F-Neuband mehr benötigt. In Zukunft werden nur noch FR-Bänder für Aufnahmen bei 38,1 cm/sec benötigt und LGS-Bänder für Aufnahmen bei 19 cm/sec (transportable Geräte).
 
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