Quo vadis, Deutschlandradio?

Quo vadis, Deutschlandradio?


  • Anzahl der Umfrageteilnehmer
    56

25 Jahre Deutschlandradio - aus Sicht eines Rias-Hörers:
Mal zur Auffrischung: Rias und DS Kultur waren 1993 voll etabliert, der Rias hatte eine gestandene Geschichte von einem halben Jahrhundert und einen treuen Hörerstamm. Rias- und DS-Hörer waren zudem von Haus aus politisch interessiert und schätzten die professionelle Berichterstattung ihres Senders.
Das wäre also der Maßstab gewesen, an dem sich Medienpolitik und die Leitung des Deutschlandradios bezüglich ihrer Einflussnahme in Berlin hätten orientieren müssen. Als eigentliche Frage drängte sich 1994 von Beginn an unter dem neuen Dach Deutschlandradio hingegen auf: Darf das Deutschlandradio Berlin überhaupt Hörer behalten oder gar neue anziehen oder ist nicht vielleicht das Gegenteil Ziel der Veranstaltung?

Uns Rias- und DS-Kultur-Hören war 1993 versichert worden, „Das Beste von Rias und DS-Kultur“ wird nach Zusammenlegung und Übernahme in die Länderverfügung selbstverständlich als programmliche Eigenständigkeit erhalten bleiben. - Wir wurden dahingehend gezielt getäuscht.
Das Bestehende aus dem jahrzehntelang soliden Hörfunkangebot widersprach offenbar den edlen Eigeninteressen der nun zuständigen Länder und wer weiß wem noch. Eigenständige Redaktionen (Aktuelles, Nachrichten, Unterhaltung), somit echte Meinungs- und Medienvielfalt aus v e r s c h i e d e n e n Blickrichtungen, wurde nach der Zusammenlegung sofort platt gemacht, begleitet von einer (man muss es so nennen) massiven Hörervertreibung auf Grund der inhaltlich knebelnden Vorgaben im Staatsvertrag unter dem vergifteten Begriff „Kultur“, woran die damalige Programmleitung von Deutschlandradio Berlin von Beginn an gebunden wurde.
Die mit diesen Rahmenbedingungen auferlegte Quadratur des Kreises war ganz sicher gewollt und von den Programmverantwortlichen in e i n e m Programm und mit d i e s e r Vorgabe überhaupt nicht zu stemmen. Und wir Hörer waren nur noch reine Verfügungsmasse der Medienfunktionäre. Ein Teil Hörer wurde z.B. darauf eingehegt, ihren präferierten Programmpart nachts zu hören, weil offenbar die unter dem „Kultur“-Deckmantel mit Hintersinn versteckte Gängelung tagsüber den nötigen Nachdruck zu erzeugen hatte, damit der Hörertransfer ohne großes Federlesen hin zu den seichten ländereigenen Angeboten zügig bewerkstelligt werden konnte.
Wer partout Hörer bleiben wollte, wurde seitens derer im Hause, die dennoch versuchten, für uns gewohntes Programm zu machen, auf VHS-Kassetten als Alternative verwiesen; man solle doch nachts mitschneiden, um den (ganz offensichtlich von Funktionären als störend betrachteten) populäreren Programmteil dann am Tag nachzuhören. Regulär wurden wir Hörer, die wir auf durchhörbares Programm mit intelligenten Moderatoren eingestellt waren, tagsüber mit völlig ungewohnten Musikbrüchen traktiert. „Kultur“ wurde brachial verordnet. Möglicherweise war das Ziel der Veranstaltung sogar die Entpolitisierung ganzer Hörerschaaren über dieses neu erdachte Konstrukt Deutschlandradio. Wie sonst soll man es verstehen, wenn man als Riashörer nun per solch "softem" Zwang zu MDR-Sachsen- oder MDR life konvertieren sollte – beides im Vergleich handwerklicher Standards sowie inhaltlich voll vernachlässigbar. DT64-Hörer, die über paar Umwege zu Sputnik nach Halle umgeleitet wurden, kennen das Gefühl mit Sicherheit auch.

Das heutige Herauskehren von Informationskompetenz durch die Kölner Führung mutet, nachdem man doch die große Masse an eben auch politisch interessierten Hörern beim Berliner Programm gleich zu Beginn 1994 weg-verprellt hat, doch sehr eigenartig an.
Mit der Abschaffung der tagesaktuellen Sendungen „Rundschau am Morgen / am Mittag / am Abend“ – als wegweisende und hochakzeptierte Magazinform für eine breite und interessierte Hörerschaft und zudem entwickelt und bewährt über Jahrzehnte – wurde dem Programm gründlich die Substanz entzogen. Die dann über Jahre provozierten Brüche bei den Moderatorenbesetzungen gaben den Rest, erst jüngst wieder unter dem Kölner Programmchef Weber; kann mich nicht erinnern, dass sowas Abruptes mal im DLF stattfand. Alle von Köln eingeleiteten Veränderungen wurden uns Hörern grundsätzlich übergestülpt, oft feige über Nacht.

Heute schmücken sich diese Verantwortlichen mit einem angeblichen Drittel aller Hörer gehobener Kultur, die man verbuchen kann und verweisen auf Zuwachs hinter dem Komma. Also, was für ein medienpolitischer Witz, verglichen mit der Zeit vor dieser Konstruktion „Deutschlandradio“, als man im Sendegebiet des Rias ohne diesen Ballast an Funktionären mitzuschleppen eine Zehnerpotenz mehr Zuhörer hatte, und wie schon erwähnt, auch eine politisch und gesellschaftlich interessierte Hörerschaft. Wenn unter dem Kölner Dach bis heute gegenüber Rias-Zeiten im ehemaligen Rias-Sendegebiet geschätzte neunzehn Zwanzigstel (19/20) an Hörerpotential für immer weg ist, hatte der seinerzeit erteilte „Kulturauftrag“ in dieser Hinsicht eine Wirkeffizienz von A-Doppeldreiplusgut.

Dieser skandalöse Umgang der Medienverantwortlichen mit uns Hörern hat logischerweise sehr sehr tiefe Spuren hinterlassen. Und deshalb ist es überfällig, dass man die ausgesandten Experimenteure endlich nach Köln zurückholt und im selben Zug die zuständigen Länder die erforderlichen Korrekturen vollziehen und den dort angesiedelten teuren Überbau einstampfen. Das Land braucht ein von solcher Knebelung befreites überregionales informationsbetontes Vollprogramm - eigentlich nur machbar mit zwei Wellen. Die ausschließlich schmal versparteten Länderprogramme waren noch nie im Entferntesten ein Ersatz für den Rias und DS-Kultur.

Irgendwie erscheint es wie bei „Des Kaisers neue Kleider“, die Politik und ihre von Köln drüber gesetzten Gremien k ö n n e n gar kein richtiges Radio, höchstens welches für „ohne Hörer“.
Der DLF war ja in seiner jetzigen Form auch vor 1994 schon fertig entwickelt. Ihre vollen Fähigkeiten haben jene dann ausschließlich im Berliner Funkhaus ausgelebt, zu Lasten von uns Rias- und DS-Kultur-Hörern – bis heute tobt dieser Versuch – macht dem endlich ein Ende!

So können die verfügbaren Mittel wieder vollends für die Programme eigenständiger Funkhäuser bereitstehen. Das jedenfalls hatte jahrzehntelang funktioniert; dieser Nachweis war vor 1994 längst erbracht. Auch war bekannt, dass sich der DLF neben dem bereits etablierten Rias auch hatte entwickeln können. Es gab zu keiner Zeit irgendeine Notwendigkeit, uns Hörer ein Vierteljahrhundert lang mit diesem Konstrukt Deutschlandradio zu quälen.

Wenn ich mich nun seit der Totalvereinnahmung im Zuge der Umbenennung zu „DLF-Kultur“ zumindest am Tag als Hörer fast vollends verabschiedet habe, liegt es vor allem daran, es gründlich satt zu haben, mit der nächsten Reformkeule das nächste Brett vor den Kopf zu bekommen.

Ich schalte wieder ein, wenn der Stand Rias1+2 mit zwei Wellen vor 1985, also vor der rias2-Dudelwelle wieder hergestellt ist, also ein Programm aus Köln und zwei aus Berlin – hat früher bestens funktioniert, auch aus Berlin mit hochwertigem Informationsprogramm, Jugendprogramm und Kulturprogramm – und eigenen Nachrichten.

Für bundesweiten Hörfunk ohne politischen Hintergedanken wäre es medienpolitische Pflicht gewesen, Meinungspluralismus zu leben und mindestens zwei alternative Einrichtungen fortzuführen.
Wird aber vermutlich nichts werden, weil man, offenbar flankiert von Politik und Parteien, die personelle Kontinuität nach 1994 mutwillig und mehrfach zertreten hat.
 
Hat der Deutschlandfunk in letzter Zeit etwas an der Programmzuführung zu seinen UKW-Sendern verändert? In Baden-Württemberg wird der DLF auf einigen schwächeren Frequenzen gegenüber den großen "Brummern" nun etwas zeitversetzt ausgestrahlt: Z.B. hinken die 93.9 aus Tübingen, 96.7 aus Esslingen, 99.8 aus Göppingen und wohl auch die 96.0 aus Stuttgart der 80 KW starken 106.3 von der Hornisgrinde konstant ca. eine halbe Sekunde hinterher.
Die Stadtfunzeln untereinander laufen wieder synchron. Da die angesprochene 106.3 aber eine weite Strahlkraft hat und vielerorts noch in brauchbarer Empfangsqualität aushilft, ist das Hörerlebnis bei Überlandfahrten natürlich massiv eingeschränkt, wenn das Autoradio nach Lust und Laune hin- und herschaltet.

Aufgefallen ist mir diese Veränderung erstmals an Silvester 2018, sie kann aber auch schon länger greifen. Werden im Rest der Republik ähnliche Erfahrungen gemacht?
 
Also, ich möchte hier einmal eine Lanze für DLF Nova brechen. Auch wenn ich als Mittfünfziger gewiss nicht mehr zur Kernzielgruppe gehöre, bin ich immer wieder begeistert von der Art, wie dort Radio gemacht wird. Unaufgeregte, sachliche Moderatoren präsentieren ein abwechslungsreiches Programm, das einen, dank der Programmstruktur, sogar durch den Tag durch begleiten kann. Die spezielle Art auch tagesaktuelle Themen für die Hörer einzuordnen, gefällt mir dabei sehr. Als Vielhörer bin ich zudem dankbar, das Musik dabei ist, die jenseits des Mainstreams ausgewählt wird. Alternative Programme in der Art wären vielleicht egofm oder Cosmo, können aber meiner Meinung nach dem DLF Nova nicht das Wasser reichen.
 
Ein IMHO unverzeihlicher Faux-pas passierte ausgerechnet in den DLF-Nachrichten
nach dem Attentat in Strasbourg:
Steif und fest wurde der Täter als Marokkaner bezeichnet, obwohl längst öffentlich bekannt war,
dass er aus Algerien stammt...
 
Zuletzt bearbeitet:
Musikrotation sollte in einem Kulturprogramm nicht vorkommen. Es gibt genügend Musik, daß man jeden Tag ein spannendes und überraschendes Musikprogramm fahren kann !
Trotz der ständigen Werbung für ihre hausinternen Apps und Podcasts gibt es auch in den Wortbeiträgen oft Wiederholungen. Wenn das Ziel eine Durchhörbarkeit sein soll, ist dies vermeidbar.
Zu einem Kulturprogramm gehört auch Kleinkunst, Kabarett und Satire. Diese findet so gut wie gar nicht statt. Es könnte evt. mit der DLF Sendung getauscht werden.
 
Musikrotation muss ja nicht automatisch eine schlechte Musikauswahl bedeuten. Radioprogramme funktionieren heutzutage gar nicht mehr anders. Abgesehen davon gibt es bei den Kulturwellen, auch DLF Kultur zähle ich dazu, noch genügend Sendeplätze für Autorensendungen. Hier ist der Moderator in der Regel auch der Programmgestalter und sucht seine Musik selbst aus. Sendungen mit Kleinkunst und Kabarett gehören auch für mich zur DNA eines Kulturprogramms. Hier ist wohl Bayern 2 ein gutes Beispiel, was die steigenden Hörerzahlen eindrucksvoll beweisen.
 
Oh Mann, habe gerade mal diesen Link geklickt und ein bisschen in tichyseinblick gestöbert.
Parolen, Parolen, Parolen. Liberal? Nach wessen Definition? Konservativ? Diese Gazette lässt den Begriff "konservativ" sehr links da stehen. Und wer dort schreibt: Oswald Metzger, Steinhöfel, Vogg ...

Es erinnert mich sehr an die taz. Eben nur andersrum extrem.
Gefällt mir beides nicht (nur mal so gesagt). Aber ich bin trotzdem froh, dass wir Presse- und Meinungsfreiheit haben!
 
Danke für das Beispiel, Chinese. Das ist die merkliche, schleichende Verflachung des Qualitätsfunkes. Das Programmschema und die Rubriken bleiben formal erhalten, aber die Ausgestaltung ändert sich. Ob das plappernde Kollegengespräche bei WDR5 sind, die nicht auf den Punkt kommen oder ob, wie hier, im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit und der Stimmenvielfalt statt eines Wissenschaftlers eine TV-bekannte Köchin zum selben Themenkomplex sprechen darf/soll. Es wird immer wieder eine Spur beliebiger, mehr Plauderei statt Fakten...nur nicht anecken. Denn das belastet den Hörer ja. Am Schluß muss ja immer das Thema rund sein und man möchte möglichst locker und gelöst übergeben. Da übergebe ich auch, mich selbst beim Zuhören und schalte daher immer häufiger ab, wenn ich meine Leberwurst aufs Brötchen streiche.
 
Schade, beim Tag der offenen Tür heute in Berlin gab es keine Informationen zum neuen Programm. Es wurden noch Flyer mit dem alten Sendeschema ausgelegt...
 
@92_4 Mhz
Nur mal so zum Thema Steinhöfel, der treibt Facebook + Twitter vor sich her und hat schon etliche wichtige Urteile zur Meinungsfreiheit erwirkt.
@Radiocat
Ach, wenn es nur Verflachung wäre. In einem Medium, dass ohne wirtschaftliche Zwänge existiert, setzt sich immer mehr Gesinnungsjournalismus durch.

Es ist schon immer wieder putzig, wie geframt wird und wie Interviewpartner ausgewählt werden. Na ja, ich kann mich gut an die AK und den Rundfunk der DDR erinnern. Da musste man auch immer zwischen den Zeilen lesen können. Tja, jetzt haben wir es in der Light-Version auch in diesem unseren Land.
 
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