Quo vadis, Deutschlandradio?

Quo vadis, Deutschlandradio?


  • Anzahl der Umfrageteilnehmer
    51

25 Jahre Deutschlandradio - aus Sicht eines Rias-Hörers:
Mal zur Auffrischung: Rias und DS Kultur waren 1993 voll etabliert, der Rias hatte eine gestandene Geschichte von einem halben Jahrhundert und einen treuen Hörerstamm. Rias- und DS-Hörer waren zudem von Haus aus politisch interessiert und schätzten die professionelle Berichterstattung ihres Senders.
Das wäre also der Maßstab gewesen, an dem sich Medienpolitik und die Leitung des Deutschlandradios bezüglich ihrer Einflussnahme in Berlin hätten orientieren müssen. Als eigentliche Frage drängte sich 1994 von Beginn an unter dem neuen Dach Deutschlandradio hingegen auf: Darf das Deutschlandradio Berlin überhaupt Hörer behalten oder gar neue anziehen oder ist nicht vielleicht das Gegenteil Ziel der Veranstaltung?

Uns Rias- und DS-Kultur-Hören war 1993 versichert worden, „Das Beste von Rias und DS-Kultur“ wird nach Zusammenlegung und Übernahme in die Länderverfügung selbstverständlich als programmliche Eigenständigkeit erhalten bleiben. - Wir wurden dahingehend gezielt getäuscht.
Das Bestehende aus dem jahrzehntelang soliden Hörfunkangebot widersprach offenbar den edlen Eigeninteressen der nun zuständigen Länder und wer weiß wem noch. Eigenständige Redaktionen (Aktuelles, Nachrichten, Unterhaltung), somit echte Meinungs- und Medienvielfalt aus v e r s c h i e d e n e n Blickrichtungen, wurde nach der Zusammenlegung sofort platt gemacht, begleitet von einer (man muss es so nennen) massiven Hörervertreibung auf Grund der inhaltlich knebelnden Vorgaben im Staatsvertrag unter dem vergifteten Begriff „Kultur“, woran die damalige Programmleitung von Deutschlandradio Berlin von Beginn an gebunden wurde.
Die mit diesen Rahmenbedingungen auferlegte Quadratur des Kreises war ganz sicher gewollt und von den Programmverantwortlichen in e i n e m Programm und mit d i e s e r Vorgabe überhaupt nicht zu stemmen. Und wir Hörer waren nur noch reine Verfügungsmasse der Medienfunktionäre. Ein Teil Hörer wurde z.B. darauf eingehegt, ihren präferierten Programmpart nachts zu hören, weil offenbar die unter dem „Kultur“-Deckmantel mit Hintersinn versteckte Gängelung tagsüber den nötigen Nachdruck zu erzeugen hatte, damit der Hörertransfer ohne großes Federlesen hin zu den seichten ländereigenen Angeboten zügig bewerkstelligt werden konnte.
Wer partout Hörer bleiben wollte, wurde seitens derer im Hause, die dennoch versuchten, für uns gewohntes Programm zu machen, auf VHS-Kassetten als Alternative verwiesen; man solle doch nachts mitschneiden, um den (ganz offensichtlich von Funktionären als störend betrachteten) populäreren Programmteil dann am Tag nachzuhören. Regulär wurden wir Hörer, die wir auf durchhörbares Programm mit intelligenten Moderatoren eingestellt waren, tagsüber mit völlig ungewohnten Musikbrüchen traktiert. „Kultur“ wurde brachial verordnet. Möglicherweise war das Ziel der Veranstaltung sogar die Entpolitisierung ganzer Hörerschaaren über dieses neu erdachte Konstrukt Deutschlandradio. Wie sonst soll man es verstehen, wenn man als Riashörer nun per solch "softem" Zwang zu MDR-Sachsen- oder MDR life konvertieren sollte – beides im Vergleich handwerklicher Standards sowie inhaltlich voll vernachlässigbar. DT64-Hörer, die über paar Umwege zu Sputnik nach Halle umgeleitet wurden, kennen das Gefühl mit Sicherheit auch.

Das heutige Herauskehren von Informationskompetenz durch die Kölner Führung mutet, nachdem man doch die große Masse an eben auch politisch interessierten Hörern beim Berliner Programm gleich zu Beginn 1994 weg-verprellt hat, doch sehr eigenartig an.
Mit der Abschaffung der tagesaktuellen Sendungen „Rundschau am Morgen / am Mittag / am Abend“ – als wegweisende und hochakzeptierte Magazinform für eine breite und interessierte Hörerschaft und zudem entwickelt und bewährt über Jahrzehnte – wurde dem Programm gründlich die Substanz entzogen. Die dann über Jahre provozierten Brüche bei den Moderatorenbesetzungen gaben den Rest, erst jüngst wieder unter dem Kölner Programmchef Weber; kann mich nicht erinnern, dass sowas Abruptes mal im DLF stattfand. Alle von Köln eingeleiteten Veränderungen wurden uns Hörern grundsätzlich übergestülpt, oft feige über Nacht.

Heute schmücken sich diese Verantwortlichen mit einem angeblichen Drittel aller Hörer gehobener Kultur, die man verbuchen kann und verweisen auf Zuwachs hinter dem Komma. Also, was für ein medienpolitischer Witz, verglichen mit der Zeit vor dieser Konstruktion „Deutschlandradio“, als man im Sendegebiet des Rias ohne diesen Ballast an Funktionären mitzuschleppen eine Zehnerpotenz mehr Zuhörer hatte, und wie schon erwähnt, auch eine politisch und gesellschaftlich interessierte Hörerschaft. Wenn unter dem Kölner Dach bis heute gegenüber Rias-Zeiten im ehemaligen Rias-Sendegebiet geschätzte neunzehn Zwanzigstel (19/20) an Hörerpotential für immer weg ist, hatte der seinerzeit erteilte „Kulturauftrag“ in dieser Hinsicht eine Wirkeffizienz von A-Doppeldreiplusgut.

Dieser skandalöse Umgang der Medienverantwortlichen mit uns Hörern hat logischerweise sehr sehr tiefe Spuren hinterlassen. Und deshalb ist es überfällig, dass man die ausgesandten Experimenteure endlich nach Köln zurückholt und im selben Zug die zuständigen Länder die erforderlichen Korrekturen vollziehen und den dort angesiedelten teuren Überbau einstampfen. Das Land braucht ein von solcher Knebelung befreites überregionales informationsbetontes Vollprogramm - eigentlich nur machbar mit zwei Wellen. Die ausschließlich schmal versparteten Länderprogramme waren noch nie im Entferntesten ein Ersatz für den Rias und DS-Kultur.

Irgendwie erscheint es wie bei „Des Kaisers neue Kleider“, die Politik und ihre von Köln drüber gesetzten Gremien k ö n n e n gar kein richtiges Radio, höchstens welches für „ohne Hörer“.
Der DLF war ja in seiner jetzigen Form auch vor 1994 schon fertig entwickelt. Ihre vollen Fähigkeiten haben jene dann ausschließlich im Berliner Funkhaus ausgelebt, zu Lasten von uns Rias- und DS-Kultur-Hörern – bis heute tobt dieser Versuch – macht dem endlich ein Ende!

So können die verfügbaren Mittel wieder vollends für die Programme eigenständiger Funkhäuser bereitstehen. Das jedenfalls hatte jahrzehntelang funktioniert; dieser Nachweis war vor 1994 längst erbracht. Auch war bekannt, dass sich der DLF neben dem bereits etablierten Rias auch hatte entwickeln können. Es gab zu keiner Zeit irgendeine Notwendigkeit, uns Hörer ein Vierteljahrhundert lang mit diesem Konstrukt Deutschlandradio zu quälen.

Wenn ich mich nun seit der Totalvereinnahmung im Zuge der Umbenennung zu „DLF-Kultur“ zumindest am Tag als Hörer fast vollends verabschiedet habe, liegt es vor allem daran, es gründlich satt zu haben, mit der nächsten Reformkeule das nächste Brett vor den Kopf zu bekommen.

Ich schalte wieder ein, wenn der Stand Rias1+2 mit zwei Wellen vor 1985, also vor der rias2-Dudelwelle wieder hergestellt ist, also ein Programm aus Köln und zwei aus Berlin – hat früher bestens funktioniert, auch aus Berlin mit hochwertigem Informationsprogramm, Jugendprogramm und Kulturprogramm – und eigenen Nachrichten.

Für bundesweiten Hörfunk ohne politischen Hintergedanken wäre es medienpolitische Pflicht gewesen, Meinungspluralismus zu leben und mindestens zwei alternative Einrichtungen fortzuführen.
Wird aber vermutlich nichts werden, weil man, offenbar flankiert von Politik und Parteien, die personelle Kontinuität nach 1994 mutwillig und mehrfach zertreten hat.
 
Oben