Radio und Coronavirus: Wirtschaftliche Auswirkungen


#1
Sondersendungen und Zusammenlegungen von Programmen ist wirklich was aus dem Krisen-Werkzeugkasten. Meiner Meinung nach, sind die mittel- und langfristigen Auswirkungen interessanter.

Der Werbemarkt ist teilweise zusammengebrochen. Die Prognosen für Facebook und Google sagen stark sinkende Werbeeinnahmen voraus. Wichtige Kundengruppen im Lokalmarkt haben geschlossen.

Ich bin gespannt, welche Sender den Corona Lockdown wirtschaftlich überleben werden und sie die Radiolandschaft in 1-4 Jahren ausschaut. Meine Ad hoc Prognose:
  • Die großen RMS-Sender werden in diesem Jahr vielleicht keine dicken Schecks für die Gesellschafter ausstellen. Ansonsten werden sie die Kurve kriegen.
  • Nicht so gut sieht es für die Beiboote und Frequenzverstopfer aus. Hier wären Kettenbildungen und Fusionen nicht überraschend.
  • DAB-Projekte waren schon vor Corona wirtschaftlich schwach aufgestellt. Die Folgen kann sich jeder ausmalen.
  • Lokalradio, viele Sender haben sehr geringe Einnahmen aus dem nationalen Markt. Die brechen auch noch weg. Der Lokalmarkt ist sowieso unter Druck. Auch hier sieht es düster aus. In NRW werden die Verlage die Corona Krise nutzen um aus unprofitablen Sendern auszusteigen bzw. keine Quersubventionierung mehr zu machen. Auch in Bayern sind Veränderungen denkbar.
  • Generell steigt der Druck auf alle linearen Programmangebote. Doch senderintern sind fast alle Kostensenkungsmöglichkeiten zumeist ziemlich ausgeschöpft. Das bedeutet, externe Lösungen werden gesucht.
  • Wenn es zu Fusionen kommt, sollte keiner überrascht sein. Der Radiomarkt ist immer noch zersplittert.
  • Denkbar wäre auch die Bildung von privaten nationalen Networks. Da werden die Medienanstalten wie in der Vergangenheit nicht mehr so alles ausbremsen können.
  • Das Schicksal von NRJ ist ungewiss. Ein weiter so halte ich für recht unwahrscheinlich.
Radio ist nicht allein auch die Printlandschaft wird umgepflügt. Voraussichtlich werden jede Menge Titel eingestellt. Die private TV-Landschaft ist nicht in Stein gemeißelt. Das war alles schon vor der Corona-Krise so gewesen, doch sinkende Werbeeinnahmen beschleunigen einen Markttrend. Das war schon in harmloseren Krisen so.

Wie heißt ein sogenannter chinesischer Fluch so schön: "Mögest Du in interessanten Zeiten leben". Also diskutiert hier gern über irgendwelche Sondersendungen und Änderungen im Programmschema.
 
#2
OT/ Für NRJ DE siehts wirklich nicht rosig aus - 2018 entsprach die Bilanzsumme fast den Verbindlichkeiten.
Das Durchfüttern wird die Mutter nicht mehr lange durchhalten... /OT
 
#4
OT/ Für NRJ DE siehts wirklich nicht rosig aus - 2018 entsprach die Bilanzsumme fast den Verbindlichkeiten.
Das Durchfüttern wird die Mutter nicht mehr lange durchhalten... /OT
Hast Du da alle Stationen berücksichtigt? Meines Wissens nach ist jede Station eine einzelne GmbH, dann gibt es noch NRJ Deutschland. Also, da nen Gesamtschuldenstand zu rechnen ist schon etwas schwierig.
 
#5
Ich sprach ja von NRG DE.
Berlin, Bremen, München und Sachsen stehen (ohne Fehl- oder Verlustbeträge) ganz gut da;
bei Hamburg, Nürnberg und Stuttgart siehts aber genauso schlecht aus wie bei NRG DE!
 
#7
Ich sprach ja von NRG DE.
Berlin, Bremen, München und Sachsen stehen (ohne Fehl- oder Verlustbeträge) ganz gut da;
bei Hamburg, Nürnberg und Stuttgart siehts aber genauso schlecht aus wie bei NRG DE!
Ich wollte nicht stundenlange nach den Anteilen suchen

  • NRJ Bremen ist Franchise, meines Wissens hat NRJ keine Anteile
  • NRJ Sachsen, NRJ hat Anteile, meines Wissens Frank Otto Hauptgesellschafter
  • NRJ Nürnberg + S'gart, NRJ ist wesentlicher Gesellschafter
  • Hamburg ist ein Sonderfall, immerhin wird UKW eingestellt.
  • Mit den Berlingewinnen hat man jahrelang schwache Sender gestützt.
  • Hamburg ist sowieso seit Übernahme ein Trauerspiel, da haben sich die GFs bzw. Stationsleiter die Klinke in die Hand gegeben. Kompetenz war da nicht unbedingt das erste Auswahlkriterium. Entsprechend war auch die Fluktuation im Verkauf. Im wirklich guten Lokalmarkt saß NRJ immer in der zweiten Reihe.
  • Allgemein, man will bei NRJ Coca-Cola sein und hat ein Management, dass nicht mal für nen kleinen Brunnenbetrieb qualifiziert ist. Oder besser: Der Känguru-Sender, mit nem leeren Beutel große Sprünge machen. Einige haben es sich in der Gruppe sehr gemütlich gemacht und folgen geschmeidig und beflissen allen Anweisungen und Kurswechseln aus Paris.
 
#8
OT/ Für NRJ DE siehts wirklich nicht rosig aus - 2018 entsprach die Bilanzsumme fast den Verbindlichkeiten.
Das Durchfüttern wird die Mutter nicht mehr lange durchhalten... /OT
Kannst du nicht auf La plus belle Radio NRJ verzichten?
An dem Programm ist doch überhaupt nichts mehr echt und das schon seit mindestens 20 Jahren.
Damals, noch zu Zeiten in der 39 de l'avenue d'Iéna wurde durchgehend live moderiert und irgendwann in den 90er Jahren entdeckte der Sender das grässliche Voice-Tracking. Das schönste an dem Programm ist vielleicht noch die Station-Voice Richard Darbois.
 
#9
Nee, ich kann darauf eeeiiigentlich nicht verzichten.
Für den Laden, der eben jenen plus belle Claim verschönert hat, habe ich nämlich mal gearbeitet.
Groetjes naar Nederland!
;)
 
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#10
Vielleicht kommen die bedrohten Sender ja auf die Idee, sich für systemrelevant" zu erklären (von wegen Demokratie und Meinungsvielfalt und Informationshokuspokus etc.)
 
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#11
  • Generell steigt der Druck auf alle linearen Programmangebote. Doch senderintern sind fast alle Kostensenkungsmöglichkeiten zumeist ziemlich ausgeschöpft. Das bedeutet, externe Lösungen werden gesucht.
Das wird wohl vielfach so sein, da man sich inhaltlich bei den Privatsendern auf das Abspielen irgendwelcher Musiklaufpläne verlegt hat und Spotify, YouTube und co. Musik personalisiert und damit besser können. Für Wetter, kurze Nachrichten, Witze, Verkehr/Navigation gibt es Apps. Und was bleibt dann noch, vom sog. "Programm"? Die variablen Kosten der Sender sind ja vielerorts nicht so hoch und in den letzten ca. 20 Jahren mächtig gestutzt worden. Man wird also vor allem versuchen, den fetten Fixkostenblock (Immobilien, Mitarbeiter, Ausrüstung) auf mehr Hörer (a.k.a. mehr Gebiete) zu verteilen (vielleicht mit Rahmenprogrammen/Vorgabe zur regionalen Auseinanderschaltung für Nachrichten). Dazu kommt, dass hinter vielen Sendern Zeitungsverleger stehen, deren Printeinnahmen in den letzten Jahren beachtlich gesunken sind - bei weiter steigenden Kosten. Die Zeiten, in denen man in goldenen Palästen residiert hat und (Lokal)politiker durch die Art der Berichterstattung nach der eigenen Pfeife tanzen lassen konnte, sind dort vorbei. Stattdessen haben die Verleger zuletzt ihre Rundfunkbeteiligungen finanziell kräftig ausgepresst, um die Ergebnisrückgänge aus dem Printbereich zu kompensieren.

  • Nicht so gut sieht es für die Beiboote und Frequenzverstopfer aus. Hier wären Kettenbildungen und Fusionen nicht überraschend.
Zustimmung.

  • Denkbar wäre auch die Bildung von privaten nationalen Networks. Da werden die Medienanstalten wie in der Vergangenheit nicht mehr so alles ausbremsen können.
Das Problem wird dabei sein, dass die Gesetze in den Bundesländern teilweise ganz unterschiedliche Vorgaben enthalten und der Markt in den einzelnen Regionen auch durch regulatorische Maßnahmen unterschiedlich strukturiert ist. Grundsätzlich ist mit Fusionen auch immer die Frage der Marktordnung betroffen (Stichwort NRW, wo lokale Monopole politisch praktisch gewollt waren/sind), weil größere/finanzkräftige Sender gegenüber kleinen/lokalen Anbietern auch mehr Geld für Promotions, Marktforschung etc. ausgeben können. Hier wird die Politik gefragt sein, wo man denn hin will.

Ich vermute außerdem, dass wir demnächst drei weitere Phänomene sehen werden:

a) Die großen Privaten werden erneut ein Werbeverbot für die öffentlich-rechtlichen Sender fordern, oder zumindest die Eindampfung auf 14-49-Sender, in denen sie selber zumeist aktiv sind (Stichwort: Nationale Kampagnen). Natürlich alles nur zum Schutz der Demokratie und der Meinungsvielfalt, an denen Erhalt und Förderung sich die Privaten so reichhaltig beteiligen (Gründe siehe oben => Information der Bürger). Die Werbetreibende werden steigende Preise und sinkende Flexibilität nicht unbedingt mit mehr Werbeschaltungen honorieren - auch wenn es wieder bergauf geht, wann immer das sein wird.

b) Auf vielen Firmen lastet demnächst ein ernormer Absatzdruck (in einigen Produktsegmenten werden wir heftige Rabattschlachten sehen). Abzuwarten bleibt, ob Radio davon profitieren kann oder ob der Margendruck so hoch ist, dass die Werbeausgaben nicht überproportional hoch gehen.

c) Es wird private Sender geben, die nach dem Staat rufen (aus den oben genannten Gründen). Das ist natürlich in höchstem Maße problematisch, weil es in den Wettbewerb eingreift und auch aus demokratischer Sicht (Einfluss des Staates auf das Programm) nicht unbedingt geboten ist. Außerdem "bestrafen" Staatshilfen die, die solide und vorausschauend gewirtschaftet haben.

Munter bleiben!

Muted
 
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#16
Der weise Chinese spricht mir aus der Seele! Danke! Leider war ich in den letzten Tagen/Wochen ziemlich eingespannt, sodass ich nur flüchtig hier mitgelesen habe. Irritiert habe ich da was von Programmaktionen oder anderen Dingen gelesen, die aber derzeit eher nachrangig sein dürften. Es brennt doch etwas die Hütte.

Die Stornos gehen bei RMS/ASS und den Sendern reihenweise ein. Im Glücksfall machen die Kunden erst einmal nur von ihrem Schieberecht Gebrauch. Doch wir haben die umsatzstarken Monate vor der Sommerflaute vor der Brust. Was du jetzt nicht verdienst, holst Du später auch nicht rein. Wobei: Was ist eigentlich später? In ihrem Verhaltensmuster bieten derzeit Sender Nachlässe von 50% an. Getreu dem Motto, dass alles über den Preis zu regeln ist (Anmerkung: Worüber der größte Teil der Vetriebler im Hörfunk seit Jahren nur verkaufen kann, aber das ist ein anderes, sehr langes Thema...). Aber auch Nachlässe braucht derzeit kein Werbetreibender, wenn er dicht machen muss.

Dabei muss man nicht so weit in die Zukunft schauen. Es gibt neben mittel- und langfristigen Problemen ein sehr drängendes, kurzfristiges Problem. Bei einem so rapiden Umsatzrückgang ist kurz- und mittelfristig die Aufrechterhaltung der Liquidität das aktuelle Hauptproblem. "Anständige" Unternehmen bilden für unvorhersehbare Ereignisse Rücklagen. Die meisten Sender haben aber keine. Da kommen die Raffkes in den Reihen der Gesellschafter am Ende des Jahres und bedienen sich mit Ausschüttungen. Und steht das Jahresergebnis fest, dann holen sie die Staubsauger raus und gehen so richtig in die Ecken. Kurzum: Die wenigsten Sender dürften auch nur ansatzweise über soviel Rücklagen verfügen, dass sie die nächsten Monate überleben können - zumindest bei den jetzigen Kostenstrukturen. Kurzum: In den Teppichetagen herrscht derzeit blankes Entsetzen und Ungläubigkeit. Letzteres ist dem Schönwettermanagement in den meisten Sendern geschuldet. Da "Laschet" es, wo es besser "Södern" sollte. Erstaunlich (und auch eigentlich nicht) ist, dass derzeit nur über die Situation geredet wird, Wunden geleckt werden und Möglichkeiten eruiert werden. Schönwettermanagement halt.

Im Prinzip können Senderchefs, wenn sie überleben wollen, nur zu drastischen Maßnahmen greifen. Reduzierung der (Sender-)Werbekosten auf Null (Events haben sich ohnehin komplett erledigt), Schieben von jeglichen Investitionen, sofortiges Setzen von Mitarbeitern auf Kurzarbeit. Die Verbände haben ja auch schon vor Tagen entsprechende Infos versandt. Alle Kosten, die sofort zu reduzieren sind (MaFo, Berater, Freie) kann man so weit wie möglich reduzieren.

Weitere Maßnahmen sind dann etwas langwieriger. Verhandlungen mit Dienstleistern (u.a. Sendernetzbetreibern, indem man die Mieten drückt, blöd wenn man den Mist vor einigen Monaten selbst gekauft hat, dann hat man noch die AfA an der Backe...). Fahrzeuge, Softwarelizenzen und und und. Die Liste ist lang. Nur auch langwierig. Hilft kurzfristig nicht bei der Liquidität. Natürlich kann man an Mitarbeiter rangehen, da sollte die Teppichetage allerdings mit gutem Beispiel vorangehen: 40% Verzicht von GFs und PDs und 30% in der 2. Ebene sollten da schon drin sein. Keine Sorge, sie werden überleben. Gut sogar ;)!

Hätte, hätte, hätte man doch etwas mehr Kohle in den Sendern gelassen, anstatt dass sie jetzt in schicken Porsche Cayennes, Jagden, Schiffchen und netter Golfausrüstung der Gesellschafter steckt. Die Kohle ist halt nicht weg, sondern nur woanders. Sinnvoll angelegt ;).

Sprachlich hat man den Modus jetzt ja auch schon festgelegt. Man ist plötzlich "systemrelevant", da man fünf Titel am Stück unfallfrei spielen kann und hübsch an- und abmoderieren kann. Dazu laufen die Drähte im Hintergrund heiß, dass man zumindest die Sender- und Leitungskosten finanziert bekommt. Programmsubvention ist natürlich beihilferechtlich schwierig. Aber wo ein Wille, da ein Weg. Und da waren sich die Verleger selten zu schade. Die eigentlichen Strippen ziehen da doch schon längst die Gesellschafter-Gesellschafter. Dort galt stets das Prinzip: Politisch sind wir schwarz, marktwirtschaftlich auf der Linie der FDP, aber die Absicherung unserer Profite folgt den streng sozialistischen Gesetzen der SED/PDS.

Der weise Chinese weist auf ein nettes Detail hin. Ich schilderte den normalen Ablauf, wie man verssucht, dass der Staat die Kosten sozialisiert und die Gewinne auf Verleger zufließen lässt. In diesem Fall kam es etwas zu plötzlich. Das kann damit enden, dass tatsächlich dem ein oder anderen Sender einfach zu schnell die Puste ausgeht, bevor das Establishment die Strippen ziehen kann. Und dann kommt es zur dringend gebotenen Marktbereinigung in unserem Föderalismus, über den man nach Corona sowieso einmal recht intensiv diskutieren muss.

Ach, ich liebe interessante Zeiten!
 
#17
Aber NRJ Hamburg hat bald keine UKW Frequenz mehr....
Davon gehe ich nicht aus. Wollten die nicht klagen? Am Ende bleiben die noch und es war alles nur heiße Luft oder ein Warnschuss, besseres Programm zu machen. GLaube ich nicht dass die tatsächlich von UKW verschwinden. Eher streichen vorher andere Anbieter die Segel (FluxFM?Klassikradio?) und es wird wieder eine Frequenz frei.

Ansonsten muss ich sagen: Wenn in den Bundesländern, wo es zwei landesweite private Hitradios gibt, eines verschwindet weil man aufgeben muss, und dadurch dann neue Anbieter zum Zuge kommen wäre das im Sinne des Hörers garantiert nicht das schlechteste! Die landesweiten Ketten würde man trotz fortlaufendem DAB-Ausbau im Falle einer Insolvenz derProgramme nie im Leben ungenutzt liegen lassen. Dann kämen bei den verkrustetetn Strukturen wo man sich nach 30 Jahren Privatrundfunk nicht traut mal eine landesweite Kette an einen neuen Anbieter zu vergeben, doch endlich mal andere Sender zum Zuge. Und wenn z.B. statt PSR/RTL, AntenneTH/Landeswelle TH, FFN/Antenne, SAW/Brocken/890RTL, Antenne MV/Ostseewelle, usw. nur noch einer dieser Stationen dudelt oder die Regiocast ein paar ihrer Ableger (RSA, Delta?) einstellen müsste ist das für die Bevölkerung wirklich kein Verlust.

Vermutlich wird das aber nicht passieren. Eher wird man über Umwege den Steuerzahler für den Erhalt der Dudelfunker blechen lassen (dann kommt die seit langen geforderte Rundfunkgebühr für private Sender doch nocht). Das Klinkenputzen der Lobbyisten hat ja schon begonnen:

http://www.radiowoche.de/nlm-sieht-...dersachsen-in-gefahr-appell-an-bund-und-land/

"Die landesweite und lokale Berichterstattung durch private Sender ist besonders in Krisenzeiten unverzichtbar." :wow:

Vielleicht werden die Privaten Phil Collins-Dauerwiederholstationen ja bald in das immaterielle Weltkulturerbgut der Unesco aufgenommen. :censored:

Ich würde sagen weniger Dudelfunk muss nicht automatisch bedeuten, dass die Rundfunklandschaft schlechter oder ärmer wird.
Und wenn dann noch im Bundesmux ein paar Speicherplätze frei werden (ERF, Klassikradio, Absolute, usw.) das wären paradiesische Zustände für neue Bewerber und noch zu gründende Sender.

Die eingeschlafene Radiolandschaft Mitteleuropas steht gezungener Weise vor einem Umbruch, das muss man absolut als Chance sehen! jetzt wird sich zeigen wer gutes und erfolgreiches Programm macht. Die anderen werden gehen müssen. Eine Marktbereinigung ist imemr auch ein Neuanfang. Deutschland hat mit die meisten Stationen und trotzdem die wenigste Auswahl.
 
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#18
Was immer aus Hamburg wird - eines steht fest:
Verleger und Banken haben die bessere Lobby.
Wohl dem Radio, das einem der beiden (oder gar beiden) gehört, der auch beim Stimmrecht die Mehrheit hat!
 
#19
@Wanderdüne
Nun ja, ich würde lügen, wenn ich die sehr viele Radio-GFs nicht für Leichtmatrosen halten würde. Das Problem ist, sie stehen auf der Kommandobrücke, sind aber nicht seefest. Auf so etwas wie die Coronakrise kann man kein Unternehmen wirklich vorbereiten. Das muss man zur Ehrenrettung aller sagen.

Die DDR-Industrie hat nach der Vereinigung und der Übernahme 90% seiner Märkte verloren. Die Industriebrache sieht man heute noch. Das Problem ist die geringe Kostenskalierbarkeit. Ein Radiosender sitzt auf relative hohen Fixkosten und hat im Verhältnis einen geringen Anteil an variablen Kosten. Simpel gesagt. ob eine Sendestunde 10.000, 100.000 oder 400.000 Hörer hat, schlägt sich nicht in den Kosten nieder. Wenn also die Fixkosten abgedeckt sind, sind rund 85% der Einnahmen dann Rohgewinn. In guten Zeiten schön für die Gesellschafter. In Krisen? Ein Sender braucht eine Summe X um überhaupt Programmbetrieb zu machen. Ab einem gewissen Einnahmerückgang kann ein Sender einfach nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden.

Großes Sparpotential haben wenige Sender. Seit Jahren gibt es kaum noch finanzielle und programmlichen Reserven. Die Kapazitäten die es gibt, stecken zu 70% in der MoShow. Da kann der Mod die Sendung alleinfahren, Producer + Sidekick werden freigesetzt. Der Rest des Tages wird mit VC betrieben. Derweil senden die Öffis mit voller Mannschaft. Das geht nicht lange gut.

Klar werden jetzt alle Ausgaben gestrichen. Vielleicht bringt das ja 20 - 30% geringere Kosten. Nur, die Stornos wachsen noch schneller. Schon vor Corona hat sich die Brutto-Netto-Schere zuverlässig jedes Jahr mehr geöffnet, wer jetzt auf'm Sender bleibt, der bekommt Rabatt und das nicht zu knapp oder er kann nicht verhandeln.

Ein perfekter Sturm, mit einem TV-Traumschiff Käptn auf der Brücke, ein paar Pinguinen als Offiziere und einer Mannschaft, dieman letztes Jahr auf'm Schulhof shanghait hat. Die Fischer auf der Andrea Gail verstanden wenigstens noch ihr Handwerk und hatten ein Motiv ein hohes Risiko einzugehen. Abgesoffen sind sie trotzdem.

Beim deutschen Privatradio ist es eine Mischung aus grauhaarigen, die ihr Golf-Handicap pflegen, und geschmeidigen Karrieristen. Das Problem, Manager sind es beide nicht und fürs Medium brennen sie schon lange nicht mehr. Wer soll denn Ideen entwickeln und gestalten? Die Macher wohl kaum und in den Verlagen sitzen Controller, deren Job es ist Kosten zu senken. Bevor man Geld nachschießt, wird man schnell verkaufen.

Ein Cash Cow ohne Cash ist keine Kuh sondern ein Dog. Dogs werden schnellstmöglich verkauft. Nur der Preis muß halbwegs stimmen. Das lernt jeder BWLer im 3. oder 4. Semester. Zumal in den Verlagen ist es selbst eng. Spätestens nach Pfingsten wird es los gehen. Wer glaubt, im Herbst scheint die Werbesonne wieder, der sollte jetzt schon Sonnencreme mit langer Mindesthaltbarkeit hamstern.

Die meedia Headline: "Bei P7S1 gibt es keine Vorstands-Soap, sondern ein Vortstand-Kettensägenmassaker" zeigt, was bei linearen Medien auf der Agenda steht. Die Innovationsschwäche es Radios rächt sich. Genauso wie die wirtschaftliche Zersplitterung.
 
#20
Grundsätzlich volle Zustimmung. Bei der Kostenskalierbarkeit allerdings ein paar Einschränkungen. Wenn ich mir die Senderstrukturen anschaue, dann gibt es erhebliches Einsparpotential. Es ist dem Kirchtumsdenken der Landespolitik und dem Selbstverständnis vieler Geschäftsführer, begünstigt durch Eitelkeiten und gegenseitigem Mißtrauen der Gesellschafter, geschuldet, dass die Sender einfach zu teure Kostenstrukturen haben.

So verfügen die Sender über Presssprecher oder "-abteilungen", da werden teure Technikabteilungen unterhalten, da halten sich GFs z.T. einen Hofstaat und Finanzabteilungen. Ja, ja, ich weiß: Das braucht man, das darf man sich nicht nehmen lassen. Am Ende steht natürlich auch die Frage, wo bleibe ich? Denn am Ende wird auch die Frage gestellt: Wofür braucht man in jedem Sender eigentlich einen GF? Und so stammt die heutige Struktur der Sender aus den 80igern.

In einem Network oder ein einem bereinigten Markt, wie wir ihn in den Staaten oder in anderen EU-Ländern vorfinden, ist die Entwicklung deutlich weiter.

Unterstellt, die Gesellschafter der relevanten Sender würden sich zu einem Modell entscheiden, in dem sie Sender fusionieren. Sie geben also ihre Anteile von ffn, FFH, radio NRW, ABY, RPR/big.FM, der Regionalsender in Ba-Wü, einigen Berliner Sendern und von mir aus auch noch Regiocast (die ja in Teilen dieses so vor Augen hatte und mit einer solchem Strukturansatz vor Jahren begonnen hat) in eine "Deutsche Broadcastholding". Man könnte einen Großteil der Mehrfachstrukturen abschaffen bzw. reduzieren: Personal, Buchhaltung, Finanzen, Dispo, nationale Vermarktung. Alles Bereiche, die nichts mit dem Produkt zu tun haben, welche weiter auf den regionalen Markt ausgerichtet bleiben könnten. Aber all das kann man zentral mit einer Struktur realisieren. Oder sogar nach draußen geben. Buchhaltung ist keine Raketenwissenschaft. Vor Ort würde es noch (regionales) Programm geben und einen regionalen Verkauf. Statt GFs würde es noch "Niederlassungsleiter" und regionale Vermarktungsleiter geben. In anderen Bereichen könnte man einsparen, der Output würde aber deutlich steigen, da deutlich höhere Budgets zur Verfügung stünden. Das beträfe ausgerechnet den Digitalbereich. Hier wäre eine Unit mit den Budgets bzw. sogar weniger der o.g. Sender deutlich schlagkräftiger und für kompetente Mitarbeiter deutlich attraktiver (was das deutsche Radio nun mal leider nicht ist, was man auch an den "Digitalexperten" in den Sendern sieht). So hält sich jeder Sender einen Digitalbereich. Der eine einen technischen Leiter, der andere einen geschassten Mitarbeiter der 2. oder 3. Reihe aus dem Digitalbereich, bei einem anderen Sender macht es der Pressesprecher nebenher und in dem ein oder anderen Sender der, der der Einäuige unter den Blinden war. Auch im Programmbereich wären Skaleneffekte da: Z.B. Einkauf, Verpflichtung von echten Promis, die das Medium stärker nach vorne bringen statt drittklassiger Promis, die man vereinzelt verpflichtet und sich eben nur leisten kann. Oder auch nationale Programmstrecken. Gleiches gilt für den gesamten Einkauf, da man mit einer ganz anderen Marktmacht agiert. Oder sich auch in die Lage bringt, Dinge selbst zu machen. Bislang war man in den Sendern auch nur zu bequem. Für alles gab es ja externe Dienstleister, die die Arbeit machten (Sendernetzbetrieb, Digitales, Disposysteme u.s.w.). Man hatte einen Schuldigen, außerdem musste man nicht wirklich etwas von den Prozessen verstehen. Oder sich drum kümmern. Und die Gesellschafter taten es im Zweifel auch nicht. In zentralen Units könnte kosteneffizienter und professioneller agiert werden. Bislang war dies in den Teppichetagen der Sender das Horror-Szenario. Denn natürlich genießt man es dort, dass man als Platzhirsch der (Radio-)König im eigenen Bundesland ist. In einem fusionierten Modell (oder auch Networkmodell) wäre man allerdings nur noch kleiner Fürst im großen Kaiserreich.

Aber genau darin sehe ich derzeit eine Chance durch Corona. In die Entwicklung könnte deutlich mehr Dynamik kommen, die in den letzten Jahren einfach gefehlt hat. Einzig die Frage, ob es am Ende auch tatsächlich ein gutes Ergebnis geben wird, was zufriedenstellend ist, kann man kaum steuern. Stürmische Zeiten! Aber als Wanderdüne mag ich Sturm.
 
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#21
@Wanderdüne
Ich bin erstmal vom einzelnen Sender ausgegangen. Natürlich kann man Doppel- und Dreifachstrukturen abbauen. Vollkommen richtig wären echte nationale Programme mit erstklassigen Leuten, statt 10 - 20 mittelmäßige Teams.

Richtig auch, die Idee hatte ursprünglich die Regiocast. Aber, warum wurde mit Senderkettenbildung so spät begonnen. Warum leistet man sich die Vielzahl der Vermarktungsgesellschaften? Warum hat man nur die Kosten gesenkt, nicht aber den Output, sprich die Programmqualität, gesteigert? Wo sind die Innovationen?

Man kann über Linnebach denken was man will, er hatte wenigstens Ideen. Auch wenn die meisten nicht funktioniert haben. Herr P. brütet über seine Excel-Tabellen und hält das für Programming. Kein Wunder, dass die Regiocast kein interessantes Modell ist. Aus einer guten Idee ist ein Krämerladen geworden.

Das ist das Problem, wenn lineares Radio überleben will, dann nur doch Programmqualität. Das heißt Wort und Inhalte. Nicht Eigenpromotion und Musiköde. Genauso braucht es auch endlich einmal ein Talk- und Sportradio. Es könnte nur sein, dass das alles zu spät ist. Denn Corona wird ein Booster für alle digitalen Angebote.
 
#22
Der ORF hat gestern über das Thema berichtet, wenn auch mit Schwerpunkt Printmedien. Von 40-50 % Stornierungen der Werbebuchungen war da die Rede, Kurzarbeit allerorten, der "Standard" bittet um Spenden, die Rundfunksender sehen kaum Einsparmöglichkeiten...

@Wanderdüne
Die Kapazitäten die es gibt, stecken zu 70% in der MoShow. Da kann der Mod die Sendung alleinfahren, Producer + Sidekick werden freigesetzt. Der Rest des Tages wird mit VC betrieben. Derweil senden die Öffis mit voller Mannschaft. Das geht nicht lange gut.
Wenn die Privaten ihr On-Air-Personal ausdünnen, wird manche öffentliche Anstalt dankbar folgen. Die Nachteile für den Privatfunk bleiben somit begrenzt.

Und immerhin hat sich die MA-Befragungswelle mit dem Beginn der Viren-Welle kaum überschnitten. Wobei natürlich auch interessant wäre, ob sich das Hörverhalten dadurch überhaupt wesentlich geändert hat.
 
#23
Unser ehemaliger Erster Bürgermeister hat sich zu Wort gemeldet mit etwas, was ich recht gut teilen kann, die Krise beschleunigt die Digitalisierung. Aber, lieber Ole von Beust, dann doch nicht DAB, sondern eher Streaming, Podcasts, Personal Audio. Nach der Krise ist der Launch eines neuen, klassischen, linearen Radiosenders und das dazu nur auf DAB ohne UKW-Stütze Harakiri. Aber da wollte der gute Ole es wohl bei seinen Mandanten nicht zu sehr verscherzen.

https://www.teltarif.de/ole-von-beust-digitalradio-dab-plus/news/80097.html

Also ich denke, es geht in zwei Richtungen. Alt-hergebrachtes (UKW) wird ebenso Gewinner aus der momentanen Krise sein wie progressives, digitales (Streaming Audio). Die alt-etablierten UKW-Wellen werden das schaffen, sie sind gut aufgestellt und können auch mal ein halbes bis ein Jahr Flaute überbrücken. Radio Hamburg werden wir auch 2022 noch haben. Auch nationale Werbekunden werden durchhalten sind in der RMS gut abgesichert. Bei den Beibooten wird man sehen, ich erwarte hier, dass das ein oder andere auf den Prüfstand kommt. Klar, die Frequenzen will man weiter besetzen, aber dann wird zumindest nochmal stark ausgedünnt. mehr als eine moderierte Morgenschiene an Werktagen sehe ich da nicht mehr.

Großer Verlierer der Krise werden eindeutig die DAB only-Programme sein und die Übergangstechnologie DAB generell. Wenn man so will, wird die Digitalisierung das "Digitalradio" nach der Krise regelrecht auffressen, genau so, wie es doch die kommerziellen Sender auch immer gewünscht haben. DAB-Sender haben ja schon vor Corona geächzst und werden bis spätestens Ende 2020 alle von der Bildfläche verschwunden sein. Ich bin mal gespannt, ob die ARD dann auch ein Einsehen hat und endlich auf eine marktgerechte, digitale Zukunft setzt. Mit der Audiothek und echt guten Podcast-Angeboten hat man damit ja auch schon angefangen.
 
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#25
Probleme sehe ich übrigens auch eher im Lokalfunk. Ich habe aus Niedersachsen gehört, dass es bereits einige Stornierungen gab, andere nutzen ihr Spotkontingent aktuell für "Haltet durch", obwohl sie nix selbst verkaufen können. Alles hängt nun davon ab, wie lange die Maßnahmen anhalten. Ich rechne vor Mai/Juni nicht damit, dass auch nur ein einziger Laden wieder aufmacht und danach wird man erst mal mit sich selbst beschäftigt sein. Ob dann noch Geld für Radiowerbung vorhanden ist? Da bin ich skeptisch. Besser gestellte Lokalradios werden den Rotstift ansetzen und bei Programm und Verbreitung einsparen - DAB als Luxus und Zuschußgeschäft kann sich dann keiner mehr leisten, wenn es nicht von anderswo finanziert wird. Für ganz kleine Sender wie in Niedersachsen 90.Vier oder Radio Mittelweser sehe ich spätestens 2020 das Aus, so leid es mir für die engagierten Macher auch tut.
 
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