Radio und Coronavirus: Wirtschaftliche Auswirkungen


Warum wundert mich nicht, dass dies im Radionaturschutzgebiet NRW mit seiner kleinteiligen Privatsenderstruktur und einem privaten Monopolverbund zuerst passiert? Wann zieht Bayern nach und wie sieht das überhaupt beihilferechtlich aus? Immerhin haben wir hier zwei progressive Ministerpräsidenten mit vielen Lokalsendern im jeweiligen Land am Ruder, die sich im Rennen um den besten Krisenmanager gegenseitig versuchen, zu überbieten (und vielleicht auf den Posten als Kanzlerkanidat schielen).

https://www.radioszene.de/143442/solidarpakt-lokalfunk-nrw.html

Wenn ich das richtig sehe, geht es hier tatsächlich um Beihilfen (vermutlich hat man die Distributionskosten hier als argumentative Basis genommen, damit man einen Einfluss auf das Programm verneinen kann) und nicht um Darlehn/Kredite. Ich sehe aber nicht, dass man das wirklich kann. Medienwirtschaftliche Literatur weist darauf hin, dass Distributionskosten nur einen kleinen Teil der Kosten von Radiosendern ausmachen. Der dicke Brocken sind die Programmerstellungskosten. Trotzdem: Wer Geld gibt und vermeintlich die Sender "rettet", erwartet vielleicht ein wenig Dankbarkeit. Vor allem nicht so viel Kritik, sollte ein zweites "Rettungspaket" äää "Distributionskostenübernahmeangebot" fällig werden, weil der Werbemotor nach dem Ende des Geldes noch stottert.

Das macht mich sprachlos. Wundern tut es mich aber nicht. Die Frage wird sein, wer diesen "Verhandlungserfolg" als erstes öffentlich (im Radio?) beklatscht.
 
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Neuere Zahlen habe ich nicht ad hoc zur Hand. Aber die Struktur ist relativ statisch

Kosten-Struktur des Gesamtaufwands landesweite Gesamt und Lokale Sender gesamt NRW/Bayern 2014
lw lokal NRW Bayern lokal
Personal 28,6% 37,6% 38,0% 41,9%
  • Freie Mitarbeiter 5,2% 6,9% 7,8% 6,0%
  • Programmeinkauf/Syndikation 1,1% 3,5% 2,7%
  • Sachkosten 63,4% 50,0% 49,3% 39,7%
    davon Programmverbreitung 10,1% 6,2% 4,3% 5,6%
  • Abschreibung/Steuern 1,7% 5,3% 0,3% 4,3%

Auffällig sind die wesentlich höheren Personalkosten bei Lokalstationen obwohl die Programmeinkaufskosten der Locals (in NRW wohl bewusst nicht ausgewiesen) dreimal so hoch wie landesweit sind. Schätzung: Die Programmeinkaufskosten (Radio NRW) müssten in NRW über dem lokalen nationalen Durchschnitt liegen.

Noch eine kleine Einschränkung, wie die Kosten für die Vermarktung ausgewiesen werden ist unklar. Eine externe Vermarktungsgesellschaft für mehrere Sender kann schwer auf einzelne Stationen runtergebrochen werden. Die Vergütung erfolgt ja über eine Vermarktungsprovision und wäre dann in Sachkosten enthalten.

Aber, eines ist klar, selbst wenn die Verbreitungskosten subventioniert werden. Das ergibt nur ein paar Prozentpunkte Kostenentlastung. Der größte Posten ist Personal zwischen ca. 35 - 48%
 
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Wenn ich das richtig sehe, geht es hier tatsächlich um Beihilfen (vermutlich hat man die Distributionskosten hier als argumentative Basis genommen, damit man einen Einfluss auf das Programm verneinen kann) und nicht um Darlehn/Kredite.
Die direkte Förderung von Rundfunk durch den Staat ist (aus gutem Grund) unzulässig. Daher versucht man den Weg über die Verbreitungskosten. Anteilig sind für die üblichen Programme (landesweite, regionale, lokale) Sender die Verbreitungskosten im Verhältnis zu den übrigen Kosten eher gering. Und es dürfte wohl Beihilferecht berücksichtigt werden müssen. In Summe dürfte also der Betrag, über den man sich in dem obigen Link gepflegt ausschweigt, also eher geringer sein. Es hört sich auch ein wenig so an, dass die Landesmedienanstalt dies als großen Erfolg (in eigener Sache) verkauft, die andere Seite schweigt mit Danksagungen. Eher ungewöhnlich. Offenbar hatte man sich dort mehr erhofft, aber natürlich nimmt man mit, was man kriegen kann .

Für die Grundentscheidung in NRW war sicherlich förderlich, dass man eine gute Presse in diesen Zeiten für einen, sagen wir einmal etwas unglücklich agierenden, Ministerpräsidenten benötigt. Ach ja, und es sitzt ja noch Minister Holthoff-Pförtner, im wirklichen Leben relevanter Gesellschafter der Funke Medien Gruppe, im Kabinett. Ein Schelm und so weiter.

Sollte ich bzgl. der Höhe nicht ganz falsch liegen, dann wird das kleine Geschenk nicht wirklich helfen. Es wird das Leiden allenfalls ein wenig verlängern. Die spannende Frage wird eher sein, wie sich der (Werbe-)markt in den nächsten Monaten entwickeln und ausrichten wird und welche Auswirkungen dies auf den Hörfunk haben wird. Da unterschätzt der ein oder andere Radiomann die Folgen der Corona-Krise. Nicht nur was die Budgetplanungen für das noch laufenden Jahr und 2021, sondern auch die Spendings für die einzelnen Gattungen anbelangt.

Und in der Nach-Corona Zeit dürfte man dann sicherlich auch noch einmal die einzelnen Fördermaßnahmen in Deutschland aufarbeiten. Da wird man sicher auch auf den Privatfunk kommen (wie man hört, soll es in einigen anderen Bundesländern auch Beihilfen für die Privaten geben). Besonders spannend wird die Frage sein, wie man mit Dividenden (=Gewinnausschüttung) und den Boni (=Gehälter des Führungspersonals) in den Stationen umgegangen ist im Förderjahr. In anderen Branchen ist es ja schon vor Förderung Thema. Dann wird der ein oder andere Handelnde in der Aufarbeitungsphase dann in Anbetracht der eher geringeren Fördersumme denken, dass es manchmal doch besser ist, wenn man mal einen Deal liegenlässt ;).
 
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@Wanderdüne
Ich offen gestanden sehr überrascht, wenn ein Sender keine Förderung mitnehmen würde. Du hast genau den Kernpunkt erwähnt, wie sieht der Werbemarkt in der Zukunft aus. Die Sender haben zwischen 33% - 48% Personalkosten. Ziemlich viel Bambus würde mein Onkel Nr. 3 aus Kwong Chow sagen. Das vor dem Hintergrund, dass seit zig Jahren Personal abgebaut bzw. durch Praktis + Volos ersetzt wurde. Wir reden auch nicht darüber, dass bei einigen Sendern eine Live-Sendung eher zur Ausnahme gehört. Natürlich kann man noch mehr via VC senden, spart auch ein paar Euronen ein.

Ich kann beim besten Willen kaum neue Ansätze in der Vermarktung erkennen. Es sind die dich ewig gleichen Folien mit den ausgelutschten Ideen, die seit Jahren vom Verkauf präsentiert werden. Bis Corona hat das auch gut geklappt. Nur was ist danach? Welche Story will Radio als Medium erzählen?

Zumal, mache wir uns nichts vor. Wenn Privatsender verschwinden, es gibt genug Gebührenprogramme, die sich nicht viel anders anhören. Also, Entzugserscheinungen sind da nicht besonders wahrscheinlich.

Ich denke mal, wenn im Sommer "White Christmas" auf vielen Sendern gespielt wird, ist es so weit...
 
Verstehe ich in Bezug auf NRW also richtig : Wenn die Werbewirtschaft nicht mehr so anspringt, wie "man" es bräuchte, werden die Lokalsender künftig über die Haushaltsabgabe finanziert ?
 
@antonia-123

Nein, es handelt sich nur um einmalige Hilfen für 3 Monate. Voerst. Wenn die NRW-Lokalradios danach noch mehr Knete brauchen, wird man sicherlich nochmal nachlegen.
Für mich völlig unverständlich, wieso man hier so agiert. Die Lokalsender in NRW haben ein Monopol und auch die Quoten sind gut. Trotzdem reicht es hinten und vorne nicht für den wirtschaftlichen Betrieb. Daran sieht man doch, dass das NRW Modell von Anfang an auf sehr wackligen Füßen steht. Ich sehe das sehr kritisch, dass man jetzt mit Steuergeldern versucht das System künstlich am Leben zu erhalten. Natürlich versucht man das in anderen Bereichen derzeit auch, aber der NRW-Lokalfunk ist in meinen Augen weder systemrelevant, noch hängen dort besonders viele Arbeitsplätze dran. Mal abwarten wie es da weitergeht.
 
An 45(!) Lokalradios und einem Rahmenprogramm, allesamt mit besserer Personalausstattung als bei vergleichbare Sendern (gut, welcher Sender ist schon mit NRW vergleichbar?) und mit Bezahlung weit über dem Branchendurchschnitt, hängen also nicht viele Existenzen? Ich sehe das Konstrukt auch kritisch und bin erstaunt, wie schnell die Big Player in die Knie gehen. Aber das ist doch alles lange kein Grund, die Fakten auf den Kopf zu stellen, auch wenn du klarer Freund gefühlter Wahrheiten bist.
 
Es reicht doch völlig, sich vor Augen zu führen, welche Partei diesen Privatfunk seinerzeit haben wollte und durchgesetzt hat und welche Partei ihren Landesvater mit Kanzlerambitionen möglichst positiv dargestellt haben will, weil ihnen der örtliche ÖR immer noch zu rot ist.
 
Ministerpräsident NRW 20.09.78 - 26.05.1998. Sendestart erste Locals in NRW abApril 1990,Politik: Kabinett Rau III 05. 07.1985- 12.06.1990, SPD Alleinregierung. Der Lokalfunk ist eine reine SPD Erfindung, nur noch Grüne und Die Linke kämen auf irrere Mediengesetze. Zwei Säulen Modell und Radio nach Kreisgrenzen, darauf muss man erstmal kommen. Politisch würde das durch das Verlegermonopol bei der Vermarktung erkauft. In der Veranstaltergesellschaft mischt via Sparkassen und gesellschaftlich relevante Gruppen auch gern die Politik mit.

Wer tatsächlich glaubt, das Privatradio noch irgendwelche politische Präferenzen beeinflusst, der glaubt auch das Zitronenfalter Zitronen falten (so, das hat hoffentlich jetzt keine Schneeflocke hier unangemessen aufgeregt und ist auch PC-konform). Wer die nicht jugendfreies Version lesen will, soll mich anschreiben.

Nein, ist typisch Politik und etablierte Mainstream-Medien: Die Strukturen, so überkommen sie auch sind, sollen erhalten werden. Was will man von einem Bundesland erwarten, das im realen Leben schon fast an die Wand gefahren wurde. Das soll ausgerechnet in der Mini-Mini-Branche Privatradio reformfreudig sein???

Wobei sich beim Sendenetzwerkbetreibe u.a. einige "alte Bekannte" dabei sind: Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling, Helmut Markwort, Nikolaus Starzacher (Vergleichsportal Verivox ) und die Regiocast.
 
An 45(!) Lokalradios und einem Rahmenprogramm, allesamt mit besserer Personalausstattung als bei vergleichbare Sendern (gut, welcher Sender ist schon mit NRW vergleichbar?) und mit Bezahlung weit über dem Branchendurchschnitt, hängen also nicht viele Existenzen?
Wieviele sind es denn pro Lokalstation? Nachrichten, Werbung, Musik und Gewinnspiele kommen doch eh aus Oberhausen. Lass es pro Station dann mal 15-20 Leute sein. Dann kommen wir auf weniger als 1000 Arbeitsplätze, die dann noch auf ganz NRW verteilt sind. Da hat jede Bäckereikette in einer Großstadt oder einem Landkreis deutlich mehr Angestellte, als das jeweilige Lokalradio und ist dabei teilweise noch systemrelevanter als der örtliche Hitdudler.

Natürlich ist das für jeden der seinen Job verlieren würde sicherlich dramatisch. Privatwirtschaft ist aber nunmal auch nicht gänzlich risikolos. Darüber muss man sich auch im Klaren sein.
 
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@Neper
Das NRW-Modell ist halt besonders auf Schönwetter = guter Werbemarkt angewiesen, denn es teuer und ineffizient. Das kann man gut oder schlecht finden, es ist aber der politische Wille der SPD gewesen.

Kleiner Tipp oder 1. Semester Kommunikationstheorie, es kommt nicht darauf an was ein Absender gemeint (gedacht) hat, sondern, wie es der Empfänger aufgenommen (verstanden) hat. Außerdem Helmut Kohl ist nicht nur schon lange tot, an einem so irrem wie NRW-Lokalradio hat er nun wirklich keine Schuld, das hat die NRW-SPD sich ganz allein ausgedacht. Kleiner Tipp: Einfach mal ins Archiv gehen...

Rundfunk ist Ländersache. Wenn ein Bundesland keinen Privatfunk wollte, hätte es keinen einführen müssen. Bremen hat das z.B. sehr spät getan. Wir diskutieren hauptsächlich über Radio, nicht TV.

Ansonsten, hier geht es nicht um das wann, wie und wo des Privatradios, hier geht es um wirtschaftliche Konsequenzen und Auswirkungen des Corona Lockdowns. Private Medien müssen sich halt über den Markt refinanzieren und leben nicht gesetzlich verordnete Zwangsgebühren.

In einer Wirtschaftskrise und dem technologischen Umbruch stellt sich schon sehr die konkrete Frage der Refinanzierung bzw. die nach der Funktion eines Mediums. Wer Sender und Vermarktungsabteilungen von innen kennt, der weiß, was im Moment auf der Agenda steht. Ich habe schon einige Kenntnisse, was gerade auf Kunden- und Agenturseite abgeht. Das ist wahrlich nicht besonders gemütlich, wenn das Controlling den Etat um 30 - 60% kürzt, denn Geld wächst bekanntlich nicht auf Bäumen. Zu denken, überall wird gekürzt, nur die Budgets für Funkwerbung bleiben stabil, ist schon mehr als steil.

Wie hier schon ausdiskutiert, Privatradio ist eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte und die Gesellschafter haben prächtig verdient. Nur, sie haben relativ wenig reinvestiert und auch keine Reserven gebildet. Das wird Konsequenzen haben und zu Veränderungen führen. Welche das sind, das ist offen. Aber genau das ist auch das spannende bzw. diskussionswürdige.

Das Dir persönlich Privatradio wohl nicht gefällt ist Deine Sache, nur warum schreibst Du dann hier?
 
Ich war bisher der Meinung, das spezifische - und sicher von der SPD ausgeheckte - Modell der Lokalfunklandschaft in NRW wäre eine SPD-Abwehrreaktion gegen den unter der Kohl-Regierung für Privatanbieter geöffneten Radiomarkt gewesen und hätte es in dieser Form erst gar nicht gegeben, wenn Privatfunk (Radio und Fernsehen) nicht von der Kohl Regierung gewollt und gefördert worden wäre (wobei die Ausgestaltung dann jeweils den Ländern überlassen blieb).
Wenn die historische Wahrheit hier nach allgemeiner Ansicht eine andere ist, dann habe ich wohl in den 1980er Jahren nicht richtig aufgepasst.
 
Nette Diskussion hier. Aber es ist zu ideologisch.

Dieses kranke Lokalfunksystem ist anders zustande gekommen. Der WDR hatte Mitte der 80iger nicht wirklich Interesse an landesweitem Privatfunk. Er hat viel dazu beigetragen, dass er weiter rot, versumpft und verschlafen weiter vor sich hin dämmern konnte. Das würde aber hier zu weit führen. Eigentlich ist es ja immer noch so. Nur, dass es nicht mehr rot ist. Pleitgen war noch rot, aber Steinbrück hat mit seinem Nein zur GEZ-Erhöhung es sich verscherzt. Danach ging Pleitgen mit Rüttgers wandern, den er mit Hilfe seiner Programme vor der Wahl in den Vordergrund gestellt hat. Piel war nichts (auch politisch), Buhrow ist zwar auch nichts, politisch aber schwarz. Gleiches gilt für Schönenborn und Weber kommt aus Bayern. Als "rote Valerie" wäre sie bei Antenne Bayern sicherlich nichts geworden. Die Zeiten des roten WDR sind schon länger vorbei. Allein die anbiedernde Hofierung des kleinen Mannes aus Aachen in den letzten Wochen in den WDR-Programmen zeigt dies ganz deutlich.

Und dann der gute, alte Bruder Johannes. Alles irgendwie einigen. Darunter leidet dieses nach wie vor dieses Bundesland bis heute. Wie Kleister hat sich das "Wir in NRW" über das Land gelegt und gelähmt. Aber auch das würde zu weit führen. Es gibt Gründe, warum in diesem NRW alle Brücken zur gleichen Zeit kaputt sind, alles irgendwie schäbig aussieht und das Land so schlecht dasteht. Wer das verstehen will, der muss in die Zeit von Bruder Johannes zurückbegeben. Die eigentlichen Fortschritte des Landes sind von seinen Vorgängern, schwarz wie rot, eingeleitet worden, die der gute Johannes dann verdaddelt hat. Aber wie gesagt, eine andere Geschichte.

Mitte der 80iger machten sich die Unionsländer auf und führten privaten Rundfunk ein. In NRW tat man das, was man dort zwischen Rhein und Weser (Achtung, Insider!) bestens kann: Vor sich hindämmern! Als ein smarter Chef der Staatskanzlei von Bruder Johannes engagiert wurde, der den Laden in Düsseldorf mal endlich auf Vordermann bringen sollte, wunderte sich dieser. Denn UKW-Frequenzen für landesweiten Funk gab es nicht mehr. So blieb nur noch die Option, privaten Lokalfunk einzuführen. Da standen aber Interessen der damals noch mächtigen Tageszeitungsverleger den Interessen der SPD-Parteibasis gegenüber. Letzteren schwebte ein "Bürgerradio", werbefrei und lokal orientiert vor, den Verlegern ein Monopol. Dummerweise stand hier Kartellrecht entgegen. Bruder Johannes, alter Skat-Zocker und trinkfest, vereinte auch diese Interessen. Sein Credo halt. Und so kam die Scheiße raus, die wir in NRW heute immer noch besichtigen dürfen. Man schaffte ein wundervolles Paradies für die Verleger und besänftigte die SPD-Basis. Mit Bürgerfunk und VG (als Preis für das Bürgerradio) auf der einen Seite, auf der anderen Seite dann auf Vermarktungsseite die ehrpuseligen Verleger. Scheiß auf Publizistik, was zählt ist die Kohle. So hat man es auch schon bei den Anzeigenblättern gehalten. Schön kaschiert in anderslautenden Gesellschaften, denn mit dem publizistischen Dreck, mit dem man Kohle verdiente, wollte man doch nicht in Zusammenhang gebracht werden.

Und so wurde als Sturzgeburt dieser wundervolle Lokalfunk in die Landschaft gesetzt. Da man ja auch die Lokalpolitiker irgendwie noch unterbringen musste, orientierte man sich nach Kreisgrenzen. Da durften dann die Kommunen Vertreter in die Veranstaltergemeinschaft entsenden, in der Betriebsgesellschaft saßen die Kommunen direkt oder indirekt (über Spaßkassen oder Stadtwerke). wDas diese zum Teil nach der Gebietsreform Mitte der 70iger weder Lokalidentität beinhaltete, interessierte keinen Menschen. Warum auch. Der Hörer war ja egal. Überbewertet. Daher können heute noch Sender wie Radio Köln mit Stundenreichweiten von unter 4% Stundenreichweite vor sich hin senden.

Alle Beteiligten hatten am Ende dieser Sturzgeburt (oder war es eine Qualgeburt?) das, was sie wollten. Der WDR keine landesweite Konkurrenz. Dafür schickt noch heute bei seinem beschissen gemachten Breitenprogrammen jeden Abend ein Stoßgebet Richtung Himmel. Die Verleger, da sie auch weiterhin ungestört 30 Jahre (!!!) Kohle verdienen dürfen. Gut, man muss nur viel heulen, dann glaubt man tatsächlich wie unprofitabel das ganze Geschäft doch ist. Und die Verleger in NRW stehen nicht in Verdacht, dass sie rot sind. Ich habe mal einen konservativen Verleger erlebt, der Wolfgang Clement in einer Veranstaltung als "Bolschewistensau" bezeichnet hat. Zu dem Zeitpunkt war Clement Wirtschaftsminister im Bund und mental schon längst in der FDP eingetreten.

Was ich sagen will: Dieses Modell ist krank, es ist sozialistisch und hat nichts mit Unternehmertum oder Privatradio zu tun. Aber die Interessen decken sich. Es hat nichts mit politischer Ideologie zu tun. Man hat hier Interessen zusammengeführt, die damals sehr unterschiedlich waren. Verleger und SPD-Basis waren zufrieden. Bis heute verdienen die Verlage gut am Lokalfunk. Ohne störenden Wettbewerb. Durch die Abwahl der Sozialdemokraten haben sich stark CDU-Leute in den Veranstaltergemeinschaften etabliert. Alle glauben, sie hätten Einfluss. Und in der Tat, die Lokalsender sind zum Teil noch das einzige Sprachrohr, was vor Ort die Verlautbarungen der lokalen Politiker oder auch Landtagsabgeordneten verbreiten kann und will. Diese Veranstaltergemeinschaften, Arbeitgeber der Redaktionen und Lizenzinhaber, sind plural organisiert kraft Gesetzes. Das macht sie aber auch gefährlich für die, die etwas ändern wollen. Einerseits nahezu alle im Rentenalter (daher viel Zeit und sehr engagiert). andererseits über alle relevanten Institutionen und Parteien verdrahtet. Dreht irgendwer am System, laufen die Interessensvertreter Amok und das hat Wirkung. Parteiübergreifend, über alle Institutionen und sehr flächendeckend.

Dieses kranke Gebilde ist also nicht parteiideologisch geprägt (das war es durchaus mal), aber es ist halt irgendwie da und keiner weiß, wie man es ohne großen Stress entsorgt. Es ist also ein etwas parteiübergreifendes Etwas, was mehreren Interessen dient. Gut, auch den Hörerinteressen. Aber die kennen ja auch kaum Alternativen.

Zu den anderen Punkten:

Pro Station gibt es in der Regel 6-8 redaktionelle Mitarbeiter (im Schnitt!). Macht großzügig gerechnet bei 45 Sendern 400 Mitarbeiter landesweit. Dazu kommen geschätzte 100 Mitarbeiter bei radio NRW (Antenne hat um die 60; also käme ungefähr hin). Macht 500 Mitarbeiter. Dann kommen für Vermarktung und Verwaltung in den sogenannten Servicegesellschaften rund 150-200 Mitarbeiter hinzu (dürfen weniger sein). Diese meist ohne Tarif. Macht 650 bis 700. Die Lokalfunkpropaganda arbeitet immer mit 1000 Mitarbeiter. Man liebt Übertreibungen. Die Freien würde ich mit den Hungerhonoraren nicht mit einrechnen. Wer das tut, sollte sich dann auch der Diskussion bzgl. der Höhe der Honorare einmal stellen. Zu wenig zum Leben, zuviel zum Sterben. Unabhängig davon, dass lokaler Privatfunk aus meiner Sicht wirlklich nicht systemrelevant ist, es gibt auch wirtschaftlich relevantere Branchen und Unternehmen, die wirklich notleidend sind.

Und zur Profitabilität? Habe zufälligerweise bei North-Data was gefunden. Die Holding der sieben Lokalfunkbeteiligungen des Dumontverlages. Von 2006 bis 2014 werden da Gewinne (!!!!) in Höhe von 2,1 bis 3,1 Mio. Euro pro Jahr genannt. Sollte das stimmen, wäre das Betteln der Lokalsender nach Geld wegen Corona schon (moralisch) Subventionsbetrug. Wer es nicht glaubt, hier der Link: https://www.northdata.de/ZAP+Geschäftsführungs+GmbH,+Köln/HRB+19347
 
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Es sind EUR in Tausend, nicht in Mio.
Dementsprechend sind auch Deine anderen Ausführungen zu bewerten...
 
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Du hast recht. Ist wohl die Komplementärin, die eigentlichen Gewinne fallen ja in der KG an. Muss man wohl noch einmal suchen. Irgendwo findet sich bestimmt noch was zu Gewinnen und Verlusten einzelner Sender.
 
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