Reine DAB+-Programme treten ab...


#26
Ansonsten ist das leider so, daß die Strukturen des Hörfunkmarktes in Deutschland keinen dauerhaften Platz für unabhängige Programmanbieter bieten. Das liegt zum einen daran, daß sich um das Thema Werbezeitenverkauf ein Bollwerk, ein Quasi-Kartell gebildet hat. Selbst reine DAB Veranstalter mit MA Ausweisung haben aktuell keinerlei Chancen in die nationalen Kombis zu kommen.
Ja und nein. Am Ende entscheidet nun mal der Hörer bzw. die Kohle. An anderer Stelle habe ich es bereits gesagt, dass die meisten Radio Start-Ups drei eklatante Fehler begehen, die am Ende in die Insolvenz führen oder zur Aufgabe zwingen.

Es reicht eben nicht, dass ich eine "nette" Programmidee habe. Meist sind es dann noch Produkte, bei denen man das Gefühl hat, dass der oder die Gründer Programm für sich machen oder von dem sie glauben, dass es gefallen muss. Der Wurm muss aber nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch. Also macht es schon einmal Sinn zu überlegen, eine Marktforschung voranzustellen. Die muss nicht unbedingt teuer sein, sollte aber im Vorfeld gemacht werden. Dazu kommt, dass man zu sehr produktverliebt ist und dabei vergisst, wie Reichweiten in Deutschland erhoben werden. Richtig, erinnerungsbasiert. Und dazu muss ich das Handwerk beherrschen und bestimmte Regeln befolgen - egal, ob mir das gefällt oder nicht. Dazu gehört auch Marketing. Kostet aber Geld (siehe dritter Punkt). Tun aber die meisten nicht. Merke: Selbst eine gute Programmidee reicht noch lange nicht aus, um sich im Markt zu etablieren.

Der zweite vernachlässigte Punkt ist, dass man sich auf die Vermarktung Dritter verlassen will. Ich bin immer wieder entsetzt, wenn kleine Anbieter davon träumen, dass die RMS oder ASS sie vermarktet und alles gut ist. Vermarktung ist für viele Programmmacher ein Buch mit sieben Siegeln oder ein unangenehmes Muss, was man gerne wegdrückt. Doch der Glaube, dass es irgendwie von alleine läuft oder andere für einen laufen, ist ein Irrglaube. An anderer Stelle habe ich einmal grob dargestellt, was die Mini-Reichweiten der ausgewiesenen DAB+ Programme bei RMS oder ASS gibt. Davon wird man keinen Sender betreiben können. Insofern wird sich ein Newcomer in dem Markt zwangsläufig mit der Eigenvermarktung auseinandersetzen müssen - oder er sollte es besser bleiben lassen. Sich national in die Einzelvermarktung zu begeben ist bei den Reichweiten Selbstmord, da die Reichweiten nicht relevant für Medieagenturen sind. Bleibt die regionale Vermarktung, die nach wie vor sehr lukrativ ist. Dumm nur, wenn ich eine nationale Programmidee habe... Dass die RMS gesellschaftsrechtlich die Aufnahme in die Kombis nicht unbedingt begrüßt, was jedoch immer von der strategischen Situation abhängt (z.B. ob der Verlust der Marktführerschaft droht und damit eine Shareumkehr droht), trifft im Einzelfall zu. Aber nochmals, mit 100.000 Hörern kommt auch in der Super-Kombi, die rund 70% der RMS-Umsätze ausmacht, nix rum. Merke: Ohne Vermarktungskompetenz und -konzept sollte ich es besser lassen. Oder mir Partner suchen, die mit einsteigen und davon Ahnung haben.


Der dritte Aspekt ist, dass die meisten Anbieter nicht ausreichend kapitalisiert sind, um die ersten Jahre überhaupt zu überstehen. Der Glaube, dass es eine tolle Idee gibt und eine großflächige technische Verbreitung, die eine Hörerreichweite garantiert, entwickelt sich schnell zum Alptraum. Wer ohne Werbeeinahmen die ersten 3-5 Jahre nicht vollständig selbst finanzieren kann, der sollte es besser auch lassen. Ach ja, wer davon träumt, dass ein Weißer Ritter vorbeikommt und für die Idee viel Geld auf den Tisch legt, hat sich zumeist vergaloppiert. Die Zeiten sind vorbei.


Daher würde ich nicht die Fehler bei den "eingefahrenen" Hörgewohnheiten der dummen Hörer suchen, sondern eher bei einem selbst.
 
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#27
@Wanderdüne, stimme dir zu. Aber Radio war schon immer Idealismus pur. Leider ist es tatsächlich so, daß sich viele Veranstalter mit ihrer Programm-Idee nicht reinreden lassen wollen und teils inzwischen sogar in einer Parallel-Traumwelt leben, die dann nicht heißt "wir sind kurz vor der Insolvenz", sondern "wir sind großartig". Zumeist trifft es diejenigen, die zwar gute Programmmacher, aber ganz schlechte Kaufleute sind. Sprich: Sie wollen es nicht wahrhaben, pleite zu sein, bis der Insolvenzverwalter vor der Tür steht und den Sender schließt oder Media Broadcast den Saft abdreht. Und danach sind alle anderen Schuld gewesen, nur man selber nicht.

Hier in Hamburg gab es schon ganz gute Radioideen. Profis haben immer kurz vorm Start den Schwanz eingezogen, weil es doch ein zu großes Risiko gewesen wäre. Alsterradio wollte hier einst 91,7 xfm zu einer bundesweiten Digital-Marke machen. Marktforscher haben es anaylisiert - und festgestellt, daß der Markt einfach zu klein dafür ist und es besser wäre die Marke webbasiert aufzubauen oder weiter regional auszurichten, was dann letztlich auch geschehen ist. Inzwischen wurde Alsterradio selbst von Antenne Bayern geschluckt :).

Wo ich tatsächlich in Deutschland noch Potential sehe, ist im lokalen Bereich. Aber auch nur, wenn ein lokaler/regionaler Platzhirsch dort nicht schon den Markt abdeckt. Wenn jemand heute Radio machen will, würde ich ihm dazu raten sich eine Kleinstadt zu suchen, sich bei der zuständigen Medienanstalt und der Netzagentur um eine UKW-Frequenz zu bemühen, diese selbst zu betreiben und den Werbezeitenverkauf klassisch mit "Klinken putzen" in die Hand zu nehmen. Das ist weit aussichtsreicher als der Versuch ein Nischenprogramm über eine Nischentechnologie (ja, das ist DAB immer noch) etablieren zu wollen.
 
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#28
@Gegenstromanlage: Na ja, bei Alsterradio ist von Anfang an viel falsch gelaufen. Zudem ist der Gesellschafter gelegentlich etwas - sagen wir einmal - sprunghaft. Aber Alsterradio ist ein ganz anderes und sehr langes Thema (was woanders, wenn ich mich recht erinnere, schon einmal diskutiert wurde). Die jetzige Lösung ist aber die Ultima Ratio des bisherigen (Leidens-)weges von Alsterradio. ABY hat Alster nicht geschluckt, sondern es ist ein "Deal". Rockantenne erhielt 49% an Alsterradio (jetzt Rockantenne Hamburg) und ermöglichte ABY damit den Zutritt zum Hamburger Markt über UKW. Umgekehrt erhielt die NWZ als bisheriger 100% Gesellschafterin von Alsterradio rund 17% (wenn ich mich recht erinnere) und Zugang zu einer im Aufbau befindlichen nationalen Marke. Wirtschafltlich wird sich der Deal für die NWZ rechnen. Ob er sich für 91,7 xfm gerechnet hätte, bezweifle ich.

Bezüglich lokaler Märkte: Ja und nein. Lokal ja, aber nur in wirtschaflicht potenten Räumen. Eine Stadt wie Karlsruhe ist für einen Lokalsender lukrativ, Bremen ist schon problematischer. Eine Kleinstadt sehe ich eher weniger, da der lokale Mittelstand in diesen Städten nicht ausreicht, um einen Sender zu finanzieren. Ein Großteil der lokalen Umsätze generieren Möbler und Automotive (Handel). Aber auch das ist problematisch, da hier ebenfalls Konzentrationsprozesse ablaufen, die am Ende wiederum diese Kunden bei Mediaagenturen landen lassen - mit allen Problemen. Bezüglich des Platzhirsches kommt es auf den Markt an. Es gibt Märkte, die sind groß genug für mehrere Anbieter. In anderen Märkten dürfte es in der Tat schwierig werden.
 
#29
Ich weiß gar nicht was die Leute alle mit anderen Ländern haben.

Ich finde die Sender dort sind genau so durch formatiert, z.b. Radio 10 Gold oder wie auch immer das heißt. Mag sein, dass da die Rotation verglichen mit den meisten Oldie Formaten hier recht groß ist, aber ich schlaf da leider auch vor Langeweile ein, weil die Musikauswahl mehr als seicht ist. Wir waren letztes Jahr mal in Holland und da war tatsäschlich eine große Masse an DAB+ Programmen, aber es gab keinen Sender, den ich jetzt unbedingt hätte hören wollen.

Auch in anderen Ländern geht mir das so. Die haben Alle einzelne Sender, die ganz interessant sind, wie z.B. FiP und France Bleu in Frankreich oder Radio 1 und 2 in Belgien, DR P6 Beat, was ja wohl demnächst abgeschaltet wird oder Virus und Swiss Jazz in der Schweiz oder FM4 in Österreich. Was mir aber auf fast allen ausländischen Sendern auffällt ist, dass der Wortanteil auf den öffentlich rechtlichen Popstationen da meist viel höher ist als hier. Das stört mich.

Klar ist es gut ein Programm mit hohem Wortanteil zu haben, aber ebenso ist es mir als Tagesbegleiter ein Programm mit hohem Musikanteil zu haben und da ist es dort so wie hier... denn viel Musik, aber immer die gleiche läuft auf den Privaten oder es ist dann wieder so dieses überintellektuelle „Wir spielen nur Musik, die Redakteure aus der Spex gut finden“ Gehabe.

Sowas wie Schwarzwaldradio gibt’s in Holland höchstens Online (Extra Gold NL)

LG Tobi
 
#30
Ich finde, dass die DAB Szene in anderen Ländern interessanter ist. Beispiel NL:
Im Dezember 2018 war ich einen Nachmittag in den Niederlanden und hörte via DAB+ etwa eine halbe Stunde lang NPO 3FM Alternative; mein Eindruck: NDR-Blue-ähnlich, kann man ertragen. Ich vermute, die anderen DAB+-Programme dort kann man wohl vergessen, oder was übersah, äh, überhörte ich?
 
#33
„Kann man ertragen“ ist aber nicht revolutionär und viel besser als hier. NDR Blue erinnert mich irgendwie so an VH-1 in den 90ern oder Deluxe Music. Das richtet sich angeblich an den versierten Musikliebhaber. Dann ist da in Allem was die spielen aber so eine Seichtheit, mit Musik, die für mich einfach total Nichtssagend ist. Wenn Prince kommt dann halt die öden Sachen aus den 90ern oder der späte Joe Cocker, Tina Tuner oder Simply Red, Chris Rea und Sade. Bei Deluxe wird das tagsüber so nach und nach gegen adäquate neue Acts ausgetauscht, aber genau so öde und soft. Das sind auch so Leute, die auf Parties gerne Jamiroquai oder die neuen Sachen von Kylie Minogue auflegen und dann voll drauf abgehen, wo ich immer denke, das Einzige was da zum Tanzen anregt ist der Beat, der Rest bringt mich eher zum Einschlafen.

Das ist und war Musik, die hab ich nie verstanden, fand ich schon immer langweilig und das ist dann auch kein Sender für mich. Genau so klingt übrigens über lange Strecken häufig Dlf Kultur, natürlich nicht mit oben genannten Acts aber eben genau solchen, die Musik machen, die mich genau an diese Seichtheit erinnert, aber da entdecke ich hin und wieder wenigstens noch einen Leckerbissen und das Programm ist informativ und unterhaltsam gestaltet.

Als Sender, der mich den ganzen Tag begleitet und den ich nebenbei an der Arbeit höre ist mir das aber viel zu anspruchsvoll, dann lieber R.SA oder Schwarzwaldradio, bei Schwarzwaldradio fehlt mir dann aber leider der Informationsanteil außerhalb der Nachrichten gänzlich. Aber gerade morgens bei Schminke hab ich häufig das Gefühl, dass der zum Wachwerden viel AOR und Classic Rock dazwischen streut oder auch mal einen NDW Klassiker, das schafft eine ganz andere Klangfarbe und geht schon in die richtige Richtung.

Nicht so rocklastig wie BOB! und befreit von diesem Wannabe Hard Rock Sound der letzten Jahre, aber nicht so seicht wie hr1 oder NDR Blue...

Aber zu meckern gibt’s immer was.
 
#34
Mich wunder immer, dass Lulu FM zurechtkommt.
Noch. Die sehe ich schon aufgrund ihrer Ausrichtung (Nische auf Nischentechnologie) als nächste tickende Zeitbombe. Beim Fernsehen hat das mit einem Gay-Sender auch nichr geklappt, Timm ist ins Internet abgewandert.
Was aber auch etwas mit den übertriebenen Kosten hierzulande zu tun hat, die das Betreiben eines TV-Senders auf herkömmlichem Wege so mit sich bringen. Die Verbreitungswege sind anderswo teils erheblich günstiger als hier.
 
#35
Bei timm kam immer so ne Animationsserie Rick & Steve - Das schwulste Pärchen auf der Welt oder so ähnlich, das war mit so Playmobil Figuren, die in einem Dorf wohnten, nur Schwule, Lesben und Transgender lebten... das war irrsinnig lustig.

Ich weiß gar nicht warum man für sowas einen eigenen Kanal braucht, das hätte wunderbar in die Adult Swim Schiene gepasst und war auch für Heteros super unterhaltsam.

LG Tobi
 
#37
TIMM ist mitten in der Weltfinanzkrise zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt gestartet und hatte ein viel zu ambitioniertes Programm: Wenn sich selbst die großen Vollprogramme keine Nachrichten mehr leisten wollen, wie soll dann ein Spartensender täglich eine 20-minütige Sendung füllen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass solch ein Sender mit zugekauften Produktionen von LOGO und schwulenaffinen Serien und einem geringeren Eigenproduktionsanteil als damals heute funktionieren könnte. Inzwischen gibt es ja auch eine Reihe von TV-Kleinstsendern, die mit minimalen Marktanteilen gut über die Runden kommen.
 
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