Rush Limbaugh ist wieder da


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Aus der FAZ:
Rattenkönige im Radio
Von Matthias Rüb, Washinghton

08. Dezember 2003 Rush Limbaugh ist wieder da. Der König aller politischen Radio-Talkshows, geschätztes Einkommen fünfunddreißig Millionen Dollar jährlich, hatte sich einer fünfwöchigen Entziehungskur in Arizona unterzogen. Der Abschied von seiner treuen Hörergemeinde, geschätzte zwanzig Millionen täglich auf sechshundert lokalen und regionalen Rundfunkstationen im ganzen Land, war tränenreich: Ja, gestand er in seiner letzten Sendung vor der Entziehungskur (F.A.Z. vom 17. Oktober), er sei in der Tat seit Mitte der neunziger Jahre abhängig von Schmerzmitteln, die ihm nach einer Rückenoperation zunächst von einem Arzt verschrieben worden waren. Die Rückenschmerzen hätten sich aber immer wieder eingestellt, und immer wieder habe er sie mit Medikamenten betäubt. Schließlich habe er nicht mehr ohne die Tabletten leben können.

Aufgeflogen war Limbaughs Medikamentenabhängigkeit, nachdem eine frühere Haushälterin berichtet hatte, sie und ihr Mann hätten dem Moderator die Medikamente regelmäßig auf dem schwarzen Markt besorgt. Warum Limbaugh sich die Pillen nicht in der Apotheke besorgte, ist unklar. Er habe seine Sucht zu verbergen versucht, sagt er. Er habe zudem Geld sparen wollen, weshalb auch ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Geldwäsche gegen ihn eingeleitet worden sei, sagen seine Gegner. Rush Limbaugh hatte mehrfach Bargeldbeträge in Höhe von 9990 Dollar von seinem Konto abgehoben - knapp unter jener Grenze, jenseits welcher Banken Barabhebungen gemäß Gesetz zur Bekämpfung von Geldwäsche an die Bankaufsicht melden müssen.

Haß nach Herzenslust

Jedenfalls ist Rush Limbaugh wieder da, tablettenfrei und angeblich genesen, und er macht wie eh und je, wofür ihn seine Hörer lieben: Er haßt nach Herzenslust und in langen Tiraden die Linken, die in Amerika "liberals" heißen. Die Erfolgsgeschichte Limbaughs und anderer konservativer Radio-Talkmaster begann in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre. Damals war zwar Ronald Reagan Herr im Weißen Haus, aber im Kongreß und in den meisten Medien waren die Demokraten dominierend. Die groß angekündigte "konservative Revolution" des Newt Gingrich, des späteren republikanischen "Sprechers" im Repräsentantenhaus, steckte noch in den Kinderschuhen.

Weil sie ihre Weltsicht weder in den maßgeblichen Zeitungen noch von den großen Fernsehanstalten repräsentiert sahen, entdeckten die Rechtskonservativen das Nischenmedium der politischen Talkshows, die in der Regel auf Mittelwellen-Programmen ausgestrahlt wurden. Das typische Mittelwelle-Rauschen, in welches die bald schon vertrauten Stimmen verpackt waren und sind, ist als Indiz einer technologischen Rückständigkeit gegenüber den Ultralkurzwellensendern und dem Fernsehen zugleich das Wiedererkennungsmerkmal für jene, die sich vom liberalen Establishment ausgestoßen und vom Diktat der "political correctness" geächtet fühlen. Deshalb geben sich die konservativen Talkmaster bis heute als Rebellen, auch als Rabauken, die dem Volk außerhalb der Machtnetzwerke von Washington aufs Maul schauen und nach dem Munde reden. Mit Bill O'Reilly, Sean Hannity, Gordon Liddy und Martin Savage fand der nach wie vor unangefochtene Übervater Rush Limbaugh bald eifrige Schüler, von denen einige inzwischen auch Karriere bei dem konservativen Nachrichtenfernsehkanal "Fox News" von Rupert Murdoch gemacht haben.

Dummkopf! Dummkopf! Dummkopf!

O-Ton Martin Savage, dem vielleicht rabiatesten der rabiaten Linkenhasser: "Sie sind ein Dummkopf! Idioten wie Sie sind dafür verantwortlich, daß dieses Land in Flammen aufgeht. Dummkopf! Dummkopf! Dummkopf!" Oder: "Ihr Ratten! Ihr stinkenden Ratten, die ihr euch in den Abwässerkanälen versteckt!" Die Zahlen der regelmäßigen Zuhörer der von den Linken als "Haßradio" gebrandmarkten Sendungen gehen in die Millionen: zwanzig bei Limbaugh, zehn bei Hannity, sechs bei Savage. Deshalb fließt viel Geld der Werbeindustrie in die kommerziellen Radiostationen, deren Ziel letztlich der Profit bleibt.

Dem wollen die "liberals" jetzt etwas entgegensetzen, pünktlich zum Wahljahr 2004. Eine Investorengruppe, die der Demokratischen Partei nahesteht, wird nach Medienberichten in den kommenden Wochen Rundfunkstationen in fünf der zehn wichtigsten Städte und Ballungsräumen kaufen, um ein linkes, unterhaltsames und zugleich kommerziell erfolgreiches Netz von Talk-Radios zu gründen. Verhandlungen für Sender in New York, Los Angeles, San Francisco, Philadelphia und Boston stünden kurz vor dem Abschluß, Radiostationen in anderen wichtigen Märkten des Landes sollten bald folgen. "Progress Media", so heißt das neue Unternehmen, will im kommenden Frühjahr, rechtzeitig zum Beginn der heißen Phase des Wahlkampfes, mit den täglichen politischen Talkshows auf Sendung gehen.

Präsident von "Progress Media" ist Jon Sinton, ein Veteran im Radiogeschäft und bekannter "liberaler" Demokrat. Die Erstinvestoren Sheldon und Anita Drobny, wohlhabende Demokraten aus Chicago und persönliche Freunde von Bill Clinton und Al Gore, sollen ihre Anteile inzwischen an den New Yorker Investor Evan Cohen verkauft haben. In New York soll bereits das Studio in Bau sein, in dem die meisten der Sendungen produziert werden. Wieviel Geld "Progress Media" schon ausgegeben hat und noch ausgeben will, weiß man nicht. Es heißt, eine Radiostation mit einer gewissen Reichweite samt dazugehörigem Hörerstamm koste bis zu dreißig Millionen Dollar. Als "Showmaster" ist neben anderen der politische Satiriker Al Franken vorgesehen, dessen Buch über die rechten Medien mit dem Titel "Lügen und die lügnerischen Lügner, die sie erzählen" inzwischen in mehr als einer Million Exemplaren verkauft wurde und auf manchen Bestseller-Listen noch vor den Ausarbeitungen Michael Moores steht. Zudem sollen Mitarbeiter der politisch-satirischen "Daily Show" des Kabelsenders "Comedy Central" gewonnen werden.

Extreme wie nie zuvor

Es gab schon früher Anläufe, der rechten Übermacht in den politischen Radio-Talkshows etwas vom linken politischen Spektrum entgegenzusetzen. Der frühere demokratische Gouverneur von New York, Mario Cuomo, scheiterte aber bald als Talkshow-Gastgeber an mangelnden Hörerzahlen. Ob es diesmal anders sein wird, kann niemand voraussagen. Zwei grundlegende Schwierigkeiten bleiben bestehen: "Linke" Hörer sind offenbar weniger an der repetitiven Bestätigung ihrer politischen Überzeugung interessiert als konservative und stillen ihren Informationsbedarf etwa beim nichtkommerziellen öffentlich-rechtlichen "National Public Radio" (NPR). Zweitens leben Limbaugh und seine Nachahmer wesentlich von ihrer Rolle als zornige "Underdogs", die ihre An- und Einsichten auf den Nachrichtenkanälen und -sendungen im Fernsehen - von ABC über CBS und NBC bis zu CNN - ebensowenig zu Gehör bringen können wie bei den im ganzen Land zu empfangenden Radiosendungen von NPR.

Die große Chance für linke Talk-Radio-Programme gerade jetzt könnte dagegen sein, daß die Polarisierung des politischen Lebens in Amerika derzeit so extrem ist wie kaum je zuvor. Die Linke haßt Bush, weil er Al Gore die Wahlen gestohlen, einen Krieg unter falschem Vorwand im Irak geführt und Amerika weltweit isoliert hat. Die Rechte haßt die Bush-Hasser, weil sie noch von ihrem Haß auf die "Clintonites" zehrt und die lang ersehnte "politisch-moralische Wende" mit einer zweiten Amtszeit von George W. Bush verstetigt sehen will. Möglich also, daß es im Wahljahr zu einem heiteren Wettbeißen der Al Frankens und Rush Limbaughs im Radio kommt. Das könnte das Publikum begeistern - auf beiden Seiten des politischen Grabens.
 
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