Ich glaube, dass sind mit die Gründe, weshalb viele Radioprofis die Radioforen inzwischen meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Was du schreibst, ist sicherlich nicht falsch und eigentlich bedauerlich, aber warum soll es beim Radio anders sein als in Social Media oder beim Flurfunk im Büro? Ich kenne eigentlich keinen gesellschaftlichen Bereich, in dem es immer richtig und vor allem gut läuft. Eher das Gegenteil ist auch leider meine Erfahrung. In Workshops, in der Schule, an der Uni, durch Medien usw. wird den Menschen erstmal allgemein immer ein gewisses Wertekonstrukt oder -gefühl vermittelt. Demnach soll man fair sein, offen, divers, tolerant, umsichtig, rücksichtsvoll, kommunikativ, nicht egoistisch und sozial kompetent.
Wer mit diesem Mindset dann den Blick auf die Realität richtet, dürfte feststellen, dass diese Werte tatsächlich kaum gelebt werden. In Wirklichkeit herrscht Ellenbogenmentalität, Meinungsführerschaft, der Stärkere nutzt den Schwachen aus usw., Vitamin B, Mobbing, Ausgrenzung, Intoleranz, gewisse eigene Ideologien, Machtstreben und Rücksichtslosigkeit.
Und das schlägt sich auch in der Kommunikation nieder. Wer sich im Nachrang sieht, hat nunmal keine gute Meinung. Und vielleicht liegt es insbesondere in Deutschland auch daran, dass wir ein schlechtes Unrechtsbewusstsein haben, eine schlechte Fehlerkultur und häufig in absoluten Kategorien denken. Einerseits wird gesagt, aus Fehlern lernt man. Passieren diese aber tatsächlich, kommt doch kein Chef und sagt, "ist schlecht gelaufen, machen wir beim nächsten Mal besser". Da gehts um Geld oder Verantwortung oder beides. Und so ist man wohl auf dem Papier formell ein Team, in Wahrheit wurstelt aber jeder vor sich hin, weil Angst herrscht, gekündigt zu werden oder davor, vor den Kollegen blamiert zu werden usw.. Es redet keiner ehrlich drüber. Und Chefs auch nicht. Da wird über andere geredet, aber nicht miteinander.
Ich behaupte, wenn man Kommunikation nicht immer erst führt, wenn diese gezwungenermaßen erforderlich wird (z. B. bei einer drohenden Insolvenz oder so etwas) und man dies immer macht, da bräuchte man die ganzen "Gründe" für das gegenteilige, schlechte Verhalten gar nicht. Wäre jeder ehrlich, bräuchte es kein Misstrauen, Überwachung, Machtkämpfe. Die Menschen reflektieren im Grunde die äußere Umstände und sagen sich, warum soll ich jetzt plötzlich fair usw. sein, wenn ich selbst am Ende der Trottel bin. Und so kommt eins zum anderen und es steigert sich hoch. Dass kein Unternehmen gerne Kritik liest, ist doch klar. Aber man müsste mal versuchen, obs nicht auch mit besseren Bedingungen zum Gegenteil reichte. Dies wird m. E. kaum versucht. Denn wenn Menschen gut behandelt werden, haben sie meist auch ein besseres Bild von sich aus, z. B. bei Kommentaren. Aber statt man solche unschönen Situationen mal in Angriff nimmt, ist es natürlich leichter, vermeintliche Meckerfritzen des Platzes zu verweisen.
Ich will keinesfalls abstreiten, dass es auch menschliche Abgründe gibt, nur warum ist dann immer der Maßstab das Schlimmste und Schlechteste? Man könnte ebenso Positivbeispiele heranziehen. Sieht man ja auch in der Politik. Flaches Beispiel: Anschlag = mehr Schutzmaßnahmen = mehr Polizei = zufriedener Bürger. Sehe ich gar nicht so. Die Ursachen bleiben dieselben, aber man tut so, als würde sich daran etwas ändern. Das liegt auch an der Bevölkerung, weil eine ehrliche Aufarbeitung eben manchmal bedeuten kann, dass manche Lage doch nicht so einfach und wenig komplex ist, wie es manchem erscheinen mag. Und das auszuhalten, darin sind viele Menschen nicht geübt.
Die eigene innere Position macht häufig die Qualität von Problemen aus, nicht ausschließlich die tatsächliche äußere Lage. Nur sind viele nicht geübt, a) Fehler zuzugeben, b) diese auch zu lösen, c) sich ggf. Hilfe zu suchen, sondern bei uns hat immer alles "perfekt" zu laufen. Und deshalb sind dann auch die von dir vorgebrachten Verhaltensweisen aus meiner Sicht naheliegend, weil die Leute in sich einen Standpunkt entwickeln, der subjektiv gesehen, jeweils unumstößlich ist. Kommt dann die Absage, empfinden das die Bewerber als Herabwürdigung und dann wird eben gehetzt im Netz. Eine besserer Umgang auch mit solchen Situationen würde letzteres im Grunde erübrigen. Aber daran müssten letztlich alle arbeiten. Eine ganze Gesellschaft und jeder Einzelne im Besonderen. Und jetzt motiviere mal jeden dazu? Vermutlich dauert es keine 2 Minuten, bis die ersten darauf schon keinen Bock mehr haben. Und meckern ist ja auch immer leichter als sich konstruktiv einzubringen. Aber die Gründe dafür zu erfassen, das wäre Schritt 1. Und im nächsten Schritt bedarf es der Ermittlung, weshalb Menschen das so sehen (die eigenen Erfahrungen/Erlebnisse) usw. Es ist kompliziert.
Was du schreibst, beschreibt vielleicht nicht nur die Radiobranche. Auch andernorts liegt viel im Argen. Einerseits soll Internet und Social Media usw. zu besserer Kommunikation führen, Leute vernetzen, helfen. Das geht in gewisser Weise. Aber die Nachteile, die du u. a. beschreibst, sind nicht von der Hand zu weisen und gefühlt werden es immer mehr. Und es liegt vielleicht auch daran, dass Menschen, die kritisieren, sich wohl leichter tun im Netz gegenüber einem Programmverantwortlichen, weil es schlicht mehr sind. Auf Fairness wird wohl nicht so geachtet. Und dass dann der eine, der es gut meint, irgendwann in die Knie geht, ist logisch. Dieser bräuchte dann Unterstützung und so arten dann Debatten in Meinungskämpfe aus und Ideale und sonstwas und jeder sieht sich im Recht, dabei ging es im Ursprung vielleicht nur um Dialog. Und dass am Ende keiner mehr Lust darauf hat, ergibt sich. Wie also soll man es machen? Mein Tipp, vielleicht eher immer eine Sachebene wählen, persönliche Beleidigungen, Beschimpfungen weglassen und bei Dingen, die einem nicht oder weniger gefallen, Vokabular überhalb der Gürtellinie benutzen. Wäre vielleicht ein Anfang.