Nach über 30 Jahren gibt Delta Radio (Anfangs noch Alpha Radio) im Herbst ja nun freiwillig seine UKW-Frequenzen in Schleswig-Holtein ab. Damit wird die 2. Privatfunkkette im hohen Norden zum "DAB Only Programm". Bisher einmalig in Deutschland.
Anders als bei Radio Bob oder DLF sind in der Versorgung bisher richtige "Sahne-Frequenzen" dabei - z.B. 107,4 Hamburg und der Speckgürtel, 105,9 Kiel und Umland.
Wie seht Ihr die Erfolgsaussischten künftig für das junge Radio aus Kiel, wenn sie ausschließlich den DAB-Weg gehen. Kann das MA-technisch gut gehen? Droht vielleicht sogar langfristig das Ende des Senders? Oder ist die junge Zielgruppe eh nur noch an DAB und Alexa interessiert beim Thema Empfang?
Freue mich auf Diskussion.
Bitte keine Pro/ Contra - DAB-Plus-Diskussion daraus machen! Es geht mir konkret um dieses Beispiel.
Du übersiehst hier meines Erachtens die eigentliche Raffinesse dieser ganzen Konstellation, die sich da im hohen Norden vollzieht, und demonstrierst dabei auf geradezu exemplarische Weise jene oberflächliche Betrachtungsweise, die so charakteristisch ist für das gemeine Radioforum-Publikum, welches sich in der trügerischen Gewissheit wiegt, mit ein paar markanten Frequenzzahlen bereits die Komplexität sowohl der Ausbreitungstechnik als auch der dahinterliegenden Marktstrategien durchdrungen zu haben. Was du als mutigen Schritt in die digitale Zukunft interpretierst, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als ein durchaus elegantes Manöver der RegioCast-Führung, sich eines seit Jahren schwelenden Problems zu entledigen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren oder gar unliebsame Fragen der Landesmedienanstalt provozieren zu müssen.
Dass du ausgerechnet die 107,4 MHz als "Filetstück" bezeichnest, offenbart eine Unkenntnis der tatsächlichen Gegebenheiten, die beinahe schon wieder rührend anmutet in ihrer naiven Schlichtheit. Jeder, der sich auch nur rudimentär mit den Ausbreitungscharakteristika dieser Frequenz auseinandergesetzt hätte, wüsste selbstverständlich, dass der Sendestandort Kisdorf - weit nördlich der Hansestadt gelegen - mit seiner bemerkenswerten Richtcharakteristik gen Süden zwar durchaus ambitionierte Versorgungsansprüche hegt, diese jedoch in der Realität der Hamburger Empfangslandschaft an den physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Wellenausbreitung und den nicht minder restriktiven Interferenzen des dicht belegten UKW-Bandes scheitern müssen. Hamburg, diese metropolitane Frequenzwüste par excellence, in der sich die Sender gegenseitig in einem wahren Tanz der Nachbarkanal-Störungen zerfleischen, ist nun wahrlich nicht der Ort, an dem eine Frequenz aus dem fernen Kisdorf ihre volle Strahlkraft entfalten könnte.
Die Richtcharakteristika, diese technischen Fesseln der Ausbreitungsgeometrie, sorgen dafür, dass das, was du so euphemistisch als "Sahne-Frequenz" bezeichnest, in der Hamburger Empfangsrealität zu einem wahren Stochern im technischen Nebel verkommt, wobei sich die Feldstärken in den urbanen Schluchten der Hansestadt derart unvorhersagbar verhalten, dass selbst ein nominell starker Sender aus Kisdorf gegen die lokalen Giganten wie NDR 2 oder die Privaten vom Funkturm Billwerder einen aussichtslosen Kampf führen muss. Die Topographie, diese unerbittliche Herrscherin über die Wellenausbreitung, lässt die elektromagnetischen Wellen auf ihrem Weg gen Süden durch Reflexionen, Beugungen und Mehrwegeausbreitungen derart maltretieren, dass von der ursprünglichen Signalqualität nur noch Fragmente beim Empfänger ankommen.
Aber vielleicht ist gerade diese wohlkalkulierte Unzulänglichkeit der Versorgung das eigentlich Geniale an der ganzen Konstruktion gewesen - Delta Radio war doch niemals als ernstzunehmender Konkurrent zu R.SH konzipiert worden, sondern vielmehr als eine Art Feigenblatt der Meinungsvielfalt, gerade alternativ genug, um den Anschein von Konkurrenz zu wahren, dabei aber stets so harmlos und quotentechnisch bedeutungslos, dass es dem Flaggschiff des Konzerns niemals hätte gefährlich werden können. Diese Gratwanderung zwischen scheinbarer Alternative und tatsächlicher Belanglosigkeit ist über Jahrzehnte hinweg meisterhaft inszeniert worden, wobei man sich stets darauf verlassen konnte, dass die Hörerzahlen in jenen Sphären verharren würden, die eine Auswertung gerade noch rechtfertigen, ohne jedoch jemals wirklich ins Gewicht zu fallen.
Die technischen Limitationen der Frequenzverteilung spielten dabei dem strategischen Kalkül perfekt in die Hände - während R.SH von seinen erstklassigen Sendestandorten aus mit optimalen Antennendiagrammen und Leistungen das Land flächendeckend versorgen konnte, musste sich Delta Radio mit den Resten begnügen, mit jenen Frequenzen und Standorten, die zwar auf dem Papier durchaus respektabel erschienen, in der Praxis jedoch durch ihre Ausbreitungseigenschaften niemals zu einer echten Bedrohung werden konnten. Eine Meisterleistung der strategischen Mittelmäßigkeit, möchte man fast sagen, bei der die Gesetze der Funktechnik als stille Komplizen fungierten.
Nun präsentiert sich die Gelegenheit, dieses seit langem als Ballast empfundene Konstrukt unter dem gesellschaftlich durchaus akzeptierten Banner der Digitalisierung und Innovation zu transformieren - wer könnte schon etwas gegen den Mut zur technischen Avantgarde einwenden? Dass dabei gleichzeitig jene vermeintlichen "Sahne-Frequenzen" frei werden, die in Wahrheit nie das gehalten haben, was ihre Nomenklatur versprach, eröffnet natürlich völlig neue Möglichkeiten für das Portfolio, ohne dass man sich dem Vorwurf der Marktbereinigung aussetzen müsste. Vielleicht ein Sunshine Live auf UKW mit optimierter Sendetechnik, vielleicht etwas gänzlich Neues - die Optionen sind Legion, und alle deutlich vielversprechender als das bisherige Konstrukt aus technischen Kompromissen und strategischer Selbstbeschränkung. Die junge Zielgruppe als Begründung für diesen Schritt anzuführen, zeugt von einer gewissen Naivität bezüglich der tatsächlichen Motivlage, denn die wahren Beweggründe liegen doch auf einer ganz anderen Ebene der strategischen Überlegungen, fernab von DAB-Penetrationsraten und Streaming-Gewohnheiten.