DT64 / Jörg Wagner


lg74

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Ja, was fällt mir dazu ein?

Es war ein Freitag. An diesem Freitag hatte ich Bio-Konsultation fürs Abitur. Am Abend fand ich mich mit Infarktverdacht (ich war 18!) beim Notarzt wieder. In meiner Brust lag etwas, das sich wie ein Ziegelstein anfühlte und dumpf schmerzte. Der Arzt schaute mich an, stellte mir ein paar Fragen zu meiner aktuellen Lebenssituation und sagte dann wörtlich "Sie gehen jetzt nach Hause und in einer Stunde geht das weg". Ein EKG schrieb er nicht - er hatte kein EKG-Gerät in der Notfallambulanz (!). Ich tat wie geraten und so war es auch.

Die anderen Schmerzen blieben: die Schmerzen im ganzen Körper. Der Druck im Hals, als würde mich etwas würgen. Ich schleppte mich nach einem bis dahin recht unbeschwerten Leben und dem "besten Jahr ever" 1991 (gerne nochmal, aber bitte ohne die seitdem erlangten Erfahrungen) seit Januar 1992 mit massiven gesundheitlichen Problemen herum, die niemand diagnostizieren konnte oder wollte - es begannen für mich 11 Jahre der psychischen Finsternis, was ich damals freilich noch nicht wusste. Heute sage ich dazu: ich habe das Ende von DT64, das Verstummen jeglicher progressiver Stimmen in der Gesellschaft und die endgültige Machtübernahme und Erlangung der Deutungshoheit durch das dumpfprollige System zwischen BILD und MDR Life nicht verkraftet. Ich habe die Hässlichkeit und Arroganz von CDU und JU nicht verkraftet. Ich habe den Wegfall von ethischen Werten und ihre Substitution durch Kommerz nicht verkraftet. Ich habe die schönen Fassaden mit den hässlichen Absichten dahinter nicht verkraftet. Mir war meine Heimat fremd geworden. Fremd bis zur Gewissheit, dort Fremdkörper zu sein.

Für mich war DT64 bereits am 31.12.1991 weitgehend gestorben. Superradio 2000 O bekam ich freilich irgendwie mit, das meiste davon später, an besagtem Tag waren andere Dinge drängender. Ich habe Respekt vor der genialen Leistung des DT64-Teams, diese 12 Stunden mit "Inhalt" zu füllen - und es ist heute erschreckender als damals, wenn man erkennt, dass sie wirklich jeden Abgrund der neuen Frequenzbespieler vorausgesehen haben. Das war visionär, das ist eigentlich schon scary, wie präzise das war.

Und mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen. Ich gehe mal davon aus, dass Du Dich eher für technische Erklärungen etc. interessiert hast. Kann ich kaum liefern. Ist ja auch alles bekannt. Gefell UM70 als Mikrofone, Block E, Sendekomplex K6 in der Nalepastraße. 700er RFZ-Pult.

Ach so, doch noch was. Ein Bekannter von mir legt mit über 50 noch auf. Er bespaßt damit so etwa die Generation um die 50 und macht sich inzwischen einen Spaß daraus, die Werbung aus Superradio 2000 O zwischen die Tracks zu streuen. Und sagte letztens zu mir, er fasse es nicht: die Leute sind so degeneriert, die glauben teils wirklich, das wäre reale Werbung und er verdiene sich bissl Geld damit.

Mich wundert das alles gar nicht mehr.
 

Adolar

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Hallo Leute,
Jörg Wagner hat ein richtig dickes Brett ausgebuddelt.
Ich hab das mit offener Kinnlade geschaut.
Offene Kinnlade? Ja, wenn ich im Hintergrund dieses Archiv von Jörg Wagner sehe. Ist darüber etwas bekannt, was er da so angesammelt hat?

Ansonsten sind die Ausschnitte viel zu kurz. Da würde ich mir natürlich mehr zum Hören wünschen. :)
 

Philclock

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Da kann man doch einiges davon mitnehmen. Ich finde da einige Arbeitsweisen und auch die Organisation revolutionär. Die Truppe hatte ja eine richtige kleine Demokratie am Laufen, wo der Nachrichtenchef selbst gewählt wurde. Wo man wirklich als Team zusammen gearbeitet hat, zusammen gefrühstückt hat, Bier getrunken hat, eben zusammen auch Entscheidungen getroffen hat. Das ist ja heute alles undenkbar! Wo sich die Leute, die für den gleichen Radiosender arbeiten, teilweise gar nicht kennen. Jeder für sich alleine kämpfen muss und das kann doch nicht die Zukunft sein! Ich hab mir auch mal ein paar Namen heraus gesucht und da nach Lebensläufen geschaut. Was alleine dieser Herr hier hinter sich gebracht hat, ist ja irre: https://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_C._Deason-Tomory
 
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