Gedankenspiel: Der verstorbene Webradio-Moderator

Hallo zusammen,

mich treibt aus gegebenem (traurigen) Anlass ein Gedanke um, den ich nicht so richtig einordnen kann und vielleicht hilft mir diese Diskussion, bessere Argumente zu finden. Dabei beziehe ich mich nicht konkret auf den speziellen Anlass, sondern baue ein Gedankenkonstrukt an dessen Stelle.

Nehmen wir den Moderator Rebi. Keine große Nummer im Webradio-Geschäft, aber von einigen Einschalt-Hörern geschätzt und in diesen Kreisen bekannt, wenngleich ohne größere Fanbase. Man kennt und wertschätzt sich.
Rebi steht kurz vor der Verrentung, ist kinderloser Single und hat so gut wie keine Familienangehörigen (mehr). Seine Heimat ist das Radio und echte Freundschaften weiß er an einer Hand abzuzählen. Der Bekanntenkreis ist überschaubar und mit Social Media hat er fast gar nichts am Hut.

"Nach kurzer schwerer Krankheit", wie es oft formuliert wird, sprich: Nach einem Krankenhausaufenthalt infolge einer sich verschlimmernden Vorerkrankung verstirbt Rebi.
Doofe Sache, wird in Zukunft aber unter den "Boomern" öfter vorkommen.

Auf welchem Wege auch immer: Das Radio erfährt offiziell davon. Entsprechende Nachrufe und Vermerke auf der Senderseite finden sich bei vielen Webradios. Okay.
Seitens Rebis sonstigem Umfeld passiert nichts: Keine Todesanzeige in der regionalen Zeitung, kein Brimborium. Die Abwicklung eines Sterbefalls.
Unter den Hörern von Rebis Sendungen verbreitet sich die Nachricht über den "Flurfunk".

Bis dahin ist das alles vollkommen normal, finde ich. Oder nicht?

Nun entscheidet sich Rebis Ex-Sender, die Nachricht vom Tod und damit dem Verlust eines Moderators nicht nur auf seiner Homepage, sondern auch auf seiner Social-Media-Präsenz bekannt zu machen (wo Rebi selber nie groß vertreten war). Auf diese Weise geht der Nachruf eines Radio-Nobody viral und schlägt unerwartet hohe Wellen (in dem konkreten Anlass wurde mir von dritter Seite Beileid bekundet, obwohl der gar nicht wusste, ob ich von der Todesnachricht schon wusste und ob ich überhaupt noch Berührungspunkte mit dem Verstorbenen hatte).
Verboten ist das sicher nicht, aber ist es angemessen?

Vergleichen wir das mal mit den Print-Todesanzeigen: Je nach Bekanntheitsgrad des Verstorbenen gab es mehrere Todesanzeigen; neben der Familie auch der Arbeitgeber, sofern relevant, namhafte Vereine etc. pp. Das ist an sich nicht ungewöhnlich, erfolgte aber meist in Abstimmung.
Lebte der Mensch eher zurückgezogen, gibt es nicht so viele, die so eine Todesanzeige schreiben würden - und ohne Nachkommen bekommt das kaum jemand mit. Oder würde eure Hausgemeinschaft eine Todesanzeige für euch veröffentlichen?

Social Media ist, so finde ich, etwas anderes. Mit den klassischen Vorgängen im Print-Bereich nicht mehr vergleichbar. Und ich weiß nicht, ob es geschickt ist, Menschen auf die Art und Weise nochmal in die Öffentlichkeit zu ziehen.
In dieser Hinsicht habe ich kein Fingerspitzengefühl und kann nicht richtig einordnen, was falsch oder richtig ist.

Dass wir hier in den radioforen über prominente (Ex-)Moderatoren anlässlich ihres Todes sprechen: Kein Thema. Das sind Personen öffentlichen Interesses, denke ich mal.
Aber im Webradio-Bereich?

Damit zur Kernfrage: Würdet ihr als Radiobetreiber den Tod eines eurer Teammitglieder auch auf Social Media öffentlich machen, selbst wenn ihr damit die einzigen seid?
Falls ja: Warum bzw., bei Ablehnung, warum nicht?
Bitte bedenkt, dass viele Menschen zunehmend in einsamen Verhältnissen leben und die Produktion von Radiosendungen eine der wenigen öffentlichen Aktivitäten ist.

Ich bin gespannt, welche Richtung die Diskussion einnimmt. Vielen Dank.
 
Schwierig...
Mit dem Gedanken: "Man ist erst dann wirklich tot, wenn keiner mehr an einen denkt" würde ich sagen: ja, das kann man machen, aber es kommt auf den jeweiligen Menschen an.
Es stellt sich auch die Frage: welches von den 100ten Social Medias denn? (Boomer: wohl am ehesten Facebook). Auch das dürfte davon abhängig sein, wo denn die anzusprechenden Menschen sind, die ihn gekannt haben könnten. Auch wenn der Verstorbene selbst mit SM gar nichts am Hut hatte.

Ich habe obigen Gedanken mal bei Gemini eingegeben und bekam folgende Erwiderung:
"Dieses Zitat ist eine tiefgründige Aussage über die Bedeutung von Erinnerung und Nachwirkung. Es impliziert, dass unsere Existenz über den physischen Tod hinausreicht, solange wir in den Gedanken, Geschichten und Herzen anderer Menschen weiterleben.

Es ist eine schöne Vorstellung, die Trost spenden kann, da sie suggeriert, dass Liebe, Einfluss und das Vermächtnis, das wir hinterlassen, uns unsterblich machen können – nicht im körperlichen Sinne, aber in der Form, wie wir von anderen wahrgenommen und erinnert werden. Es betont die Kraft der menschlichen Verbindung und die bleibende Wirkung, die wir auf das Leben anderer haben können."
 
Auch das dürfte davon abhängig sein, wo denn die anzusprechenden Menschen sind, die ihn gekannt haben könnten.
Ich denke, das ist der Knackpunkt, von dem alles ausgeht, ja.
"Verbreite die Nachricht."

Nur: Sollte das die Angelegenheit des Radios sein? Klar, es könnte auch der Geflügelzuchtverein, die Freiwillige Feuerwehr, die Kleinpartei der Baumliebhaber sein...
Irgendwie fremdele ich mit dem Gedanken noch.

Mit dem Gedanken: "Man ist erst dann wirklich tot, wenn keiner mehr an einen denkt" würde ich sagen: ja, das kann man machen, aber es kommt auf den jeweiligen Menschen an.
Auch wenn, wie es so schön heißt, das Netz angeblich nichts vergisst: Das Gedenken an einen Menschen sollte in einem selbst innewohnen und nicht in einem SoMe-Kommentar, Meme oder GIF oder was man heutzutage da so postet.

Vielleicht bin ich aber auch aus der Zeit gefallen.
 
Nachrufe werden in der Regel von Leuten verfasst, denen der Verstorbene etwas bedeutet hat, sei es als Familienmitglied, Freund, Vereinsmitglied... Ich sehe da das Webradio gar nicht so anders wie den Skatclub. Es ist halt die eigene 'soziale Blase', egal ob online oder offline. Ich sehe da einen ganz normalen Vorgang, nichts außergewöhnliches.
 
Vielen Dank für diesen Gedanken. Vielleicht muss ich mich an diese Gleichstellung erst gewöhnen; eventuell habe ich einen verzerrten Blck auf das, was man heutzutage unter "Social Media" subsumiert. Tatsächlich sehe ich diese "Welt" etwas kritischer und mit deutlich mehr Abstand als früher. Das könnte der Faktor sein, der mich irritiert, in dem Fall würde es an mir liegen. Möglicherweise fehlt mir die Akzeptanz des vermeintlich selbstverständlichen.

Aber wenn mein Sender meinen Geburtstag auf seinem SoMe-Kanal breittritt, bekommen wir ein Problem. Auch wenn ich mich mich mit meinen Sendungen in der Öffentlichkeit bewege, aber...
 
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