• Diese Kategorie ist für Diskussionen rund um die Programminhalte der Sender gedacht. Über Frequenzen und Empfang kann sich unter "DX / Radioempfang" ausgetauscht werden.

Hire and fire - Fairness im Umgang mit Freien

Liebe Leute,

ich habe länger mit mir gerungen, ob das hier als Thema passt. Heute allerdings gibt es eine aktuelle Berichterstattung, bei der vor allem die Reaktionen aus der Branche in den Kommentarspalten doch sehr aufschlussreich sind. Zwar geht es im konkreten Fall um den TV-Bereich, aber wir wissen ja, dass auch im Radiosegment gespart wird, und das nicht zu knapp.


Ich wollte, weil es mich gedanklich schon einige Zeit beschäftigt, doch mal allgemein fragen: Nehmt ihr das im Radiobereich auch so wahr, dass der respektvolle Umgang immer mehr zu wünschen übrig lässt? Kennt ihr das, dass berufliches Ghosting, sei es aus Spardruck oder unterschiedlichen Ansichten hinsichtlich der Zusammenarbeit, mittlerweile als legitimes Mittel in dieser Branche angesehen wird? Selbst wenn man zuvor lange zusammen gearbeitet hat?
 
Ich habe immer so ein bisschen den Eindruck, dass unter falschen Voraussetzungen an die Sache herangegangen wird. Dem Begriff des freien Mitarbeiters wohnt doch bereits inne, dass es sich eben nicht um einen Festangestellten handelt, dessen Beschäftigungsbedingungen z.B. auf einem Vertragsregelwerk für Tarifbeschäftigte basieren und der, wie im öffentlichen Dienst des alten Westdeutschlands immer noch üblich, nach 15 Jahren beim selben Arbeitgeber und Erreichen des 40. Lebensjahres ordentlich unkündbar wird. Warum also sollte man eine Zusammenarbeit mit einem freien Mitarbeiter nicht auch mal irgendwann beenden? Aus dem verlinkten Artikel lese ich sehr viel gekränkte Eitelkeit heraus.
 
Ich kenne es aktuell nur aus der Zeitungsbranche. Da sind die "Freien" mehr oder weniger rechte- und schutzlos. Die Bezahlung wird von Jahr zu Jahr gnadenlos zurückgefahren und die Zeitungen, die ohne ihre Freien einpacken könnten, sind längst aus allen verpflichtenden Arbeitgeberverbänden ausgestiegen (was sie freilich nicht daran hindert, feurige Kommentare zu schreiben, wenn andernorts Gewerksachaften oder Betriebsräte ausgebootet werden).
 
Ich bin selbst freier Mitarbeiter mit Rahmenvertrag im öffentlich-rechtlichen Hörfunk gewesen. Leider gab es für mich damals keine andere Möglichkeit, einen Fuß in die Tür bekommen. Über die Bezahlung konnte ich mich nicht beklagen. Ich habe sehr, sehr gut verdient. Trotzdem fühlte ich mich wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen. Ich musste jeden "Auftrag" annehmen, um nicht in Ungnade zu fallen. Wenn ich mich mal vorsichtig beschwerte, hieß es: "Was willst Du denn sonst machen?" Und natürlich war mein Vertrag auf zwei Jahre gegrenzt.

Trotzdem finde ich es schwierig, pauschal von "hire and fire" zu sprechen. Manche wollen sogar lieber frei arbeiten, um problemlos mehrere Auftraggeber bedienen zu können. Letztlich muss jeder für sich entscheiden, wie wichtig Sicherheit ist. Auffallend finde ich aber, dass Aufgaben, die früher tendenziell von Festen übernommen wurden, immer stärker an Freie vergeben werden. Wenn ein "Redakteur" frei mit Ein-Jahres-Vertrag arbeitet, hat das schon etwas von einem prekären Beschäftigungsverhältnis.
 
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Ich habe immer so ein bisschen den Eindruck, dass unter falschen Voraussetzungen an die Sache herangegangen wird. Dem Begriff des freien Mitarbeiters wohnt doch bereits inne, dass es sich eben nicht um einen Festangestellten handelt, dessen Beschäftigungsbedingungen z.B. auf einem Vertragsregelwerk für Tarifbeschäftigte basieren und der, wie im öffentlichen Dienst des alten Westdeutschlands immer noch üblich, nach 15 Jahren beim selben Arbeitgeber und Erreichen des 40. Lebensjahres ordentlich unkündbar wird. Warum also sollte man eine Zusammenarbeit mit einem freien Mitarbeiter nicht auch mal irgendwann beenden? Aus dem verlinkten Artikel lese ich sehr viel gekränkte Eitelkeit heraus.
Es geht nicht um die voraussehbare Tatsache, dass irgendwann die Zusammenarbeit mal endet. Es geht um das "Wie". Wie wird es kommuniziert, gibt es wenigstens ein Dank für das bisher geleistetet und ein "sorry. dass es nicht weitergeht?" Ob ehrlich gemeint oder nicht, es geht um Anstand und Respekt. Hier lässt sich meiner Beobachtung und auch Interpretation anderer Aussagen nach schon eine Verrohung feststellen. Die mag mit dem größeren Druck zu tun haben, der in der Branche herrscht, es ist aber vielleicht auch genereller Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung, dass Wertschätzung einfach kein moralisch bedeutsamer Wert mehr zu sein scheint. Sie sollte meines Erachtens jedenfalls nicht auf Festangestellte beschränkt sein. Und Ghosting ist schon im privaten zwischenmenschlichen Bereich meist ein Arschl**h-Move, bei Arbeitgebern finde ich es aber ebenso widerlich.
 
Ich war selber viele Jahre selbstständig als Handwerker tätig. Und da gab es auch keinen Mindestlohn oder ein Arbeitszeitgesetz, das für mich gegolten hätte, meine Arbeitswoche hatte meistens 60 Stunden, ohne, dass sich eine Gewerkschaft oder ein Betriebsrat dafür interessiert hätte oder in diesem Zusammenhang von Überstunden oder Freizeitausgleich die Rede gewesen wäre. Da gab es keinen Urlaub, auf den ich gesetzlichen Anspruch gehabt hätte. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Fehlanzeige. Und auch von arbeitgeberseitig finanzierten Beiträgen zur Renten- und Krankenversicherung konnte ich nur träumen. Und wenn mal ein Kunde seine Rechnung einfach nicht bezahlt hat, dann war erstmal kein Geld in der Kasse, aber meine Leute wollten pünktlich ihr Geld, genau so wie das Finanzamt und die Versicherungen. Dem musste ich dann aber oft langwierig hinterherlaufen, habe in den meisten Fällen am Ende aber sowieso keinen Cent gesehen, weil bei den Leuten angeblich nichts zu holen wäre und bin noch auf den Kosten für Inkasso, Rechtsanwalt und Gericht sitzengeblieben. Man muss sich seine Kunden eben gut aussuchen, bekam ich mal als „heißen Tipp“.

Aber es hatte auch viele Vorteile: Ich musste keinem nach der Pfeife tanzen und war niemandem Rechenschaft schuldig, konnte mir mehr oder weniger meine Zeit selbst einteilen und habe immer selbst entschieden, was ich mache und was anderen meine Arbeit wert zu sein hat. Und mit ein bisschen Geschäftssinn und einem ausgewogenen Mix aus Vorsicht und Risikobereitschaft war es am Ende finanziell doch sehr auskömmlich, auch ohne die „Vorteile“ eines festen Anstellungsverhältnisses.

Wird bei den „freien“ nicht anders sein…
 
Danke für deinen Beitrag. Es geht mir per se aber nicht um die Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile des Freiendaseins gegenüber einer Festanstellung. Ich habe beide Situationen gehabt. Mit zunehmendem Alter schätze ich jetzt allerdings die Festanstellung, gerade weil man da eben nicht ohne weiteres so abgehalftert werden kann - was dir mit Überschreitung deines MHD aber irgendwann passiert, weil ja auch das Radio immer alles frisch und maximal dynamisch haben will, dabei aber bitte möglichst billig.

Die Freiheit als Freier ist eben auch relativ, wenn man sich die Entwicklung der Branche anschaut, wo vernünftig bezahlte Jobs und Aufträge, die eine gewisse Verlässlichkeit haben / mit denen man rechnen kann, eben auch immer rarer werden. Ich versuche nur zu ergründen, ob dieses zunehmend unanständige Verhalten von Auftraggebern eine subjektive Wahrnehmung, oder eben tatsächlich ein Trend ist. Und was die Gründe dafür sein könnten.
 
Ich versuche nur zu ergründen, ob dieses zunehmend unanständige Verhalten von Auftraggebern eine subjektive Wahrnehmung, oder eben tatsächlich ein Trend ist. Und was die Gründe dafür sein könnten.
In meiner Wahrnehmung trennt sich die Spreu vom Weizen immer stärker. Einerseits freiberufliche Top-Stars wie Schöneberger und Raab, die irre Honorare kassieren und dann der gewöhnliche Freie, der mehr denn je strampeln muss, um über die Runden zu kommen.

Und leider kann es sich gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr denn je leisten, unsichere Beschäftigungsverhältnisse anzubieten. Die Nachfrage ist trotzdem groß, weil eine Anstalt des öffentlichen Rechts immer noch als besserer Arbeitgeber gilt als eine "Privatfunkklitsche".
 
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