Ich finde die Diskussion hier sehr interessant. In Bezug auf Radio bin ich zwar nur auf der Konsumenten-Seite unterwegs, aber da ich als wissenschaftliche Bibliothekarin an einer hessischen Uni-Bibliothek tätig bin, kann ich sagen, dass KI und ihre Einsatzmöglichkeiten auch die Welt der Hochschulen bereits ziemlich aufgemischt hat. Zum Beispiel ist da die Frage, was schriftliche Prüfungsleistungen eigentlich noch wert sind, wenn einem plötzlich Arbeiten vorgelegt werden, in denen die Hälfte der im Literaturverzeichnis genannten Fundstellen in Wirklichkeit gar nicht existiert. Und wenn in einem Artikel in einer renommierten Fachzeitschrift, der die übliche fachliche Begutachtung (das sog. "Peer Review") durchlaufen hat, die Einleitung mit dem Satz beginnt "Certainly, here is a possible introduction for your topic", wobei die Verwendung von KI in natürlich in keinster Weise gekennzeichnet wurde, was aber offenbar niemandem im gesamten Publikationsprozess aufgefallen ist, gibt einem auch das sehr zu denken ( siehe dazu
https://www.horizonte-magazin.ch/2024/06/06/ki-in-paper-erwischt/ ). Für uns als Bibliotheken stellt sich die Frage, wie wir in einem unserer ureigensten Aufgabengebiete - der Vermittlung von Informationskompetenz im Bereich der Literatur- und Datenrecherche - mit dem Thema umgehen, angesichts des Dschungels von verschiedenen, sich ständig wandelnden Tools, von (noch) kostenlos nutzbar bis teuer zu lizenzieren (wie z.B. der "AI Research Assistant", den Clarivate als Zusatzmodul für seine fachübergreifende Datenbank "Web of Science" anbietet), bei bisher noch recht dürftigen Richtlinien, was überhaupt erlaubt sein soll und was nicht, auch hinsichtlich des Datenschutzes, wohl wissend, dass alle Welt die ihr zugänglichen KI-Hilfsmittel ja sowieso schon an jeder Ecke nutzt, wahrscheinlich meistens ohne entsprechende Kennzeichnung. Ich denke, viele von uns sind damit aktuell mehr als überfordert.
Kürzlich war ich beim Bibliothekskongress in Bremen und hörte dort den interessanten Vortrag eines Kollegen von der UB Gießen mit dem Titel "KI-Kompetenzen praktisch vermitteln: Methoden und Tools für nachhaltige Schulungskonzepte" ( wen das im Detail interessiert, der findet hier ein Abstract und die Folienpräsentation:
https://opus4.kobv.de/opus4-bib-inf...archtype/simple/query/Waldschmidt/docId/19712 ). Er stellte unter anderem dar, dass er in einem Modul zum Informations- und Datenmanagement die Kursteilnehmer eine englischsprachige Podcast-Folge über seine Veranstaltung anhören und diese dann kommentieren ließ. Hier einer der Kommentare:
"Tiefer Einblick in den Kurs durch zeitgemäßen Podcast in Dialogform. Extrem gute Umsetzung, Hut ab! Als Student der Fachjournalistik würde ich tatsächlich geme mal wissen, wie die Podcast-Episode produziert wurde."
Einigen Teilnehmenden kam relativ bald der Verdacht, dass es sich um einen mittels KI generierten Podcast handeln könnte, andere konnten sich das überhaupt nicht vorstellen. Aber es war tatsächlich so, den Podcast hatte der Dozent mit NotebookLM erzeugt um bei den Studierenden die kritische Reflexion anzuregen (aus den Shownotes dazu: "Der Podcast wurde vollständig mit dem zu Google gehörenden KI-Tool NotebookLM generiert. Zur Erstellung wurden lediglich die Vortragsfolien als PDF hochgeladen. Diese wurden nicht speziell aufbereitet, d.h. das Gespräch selbst ist nicht besonders für den Podcast geskriptet. Bitte beachten Sie, dass nicht alle Folieninhalte korrekt wiedergegeben wurden und manche Informationen zwar plausibel klingen, es aber nicht unbedingt sind."). Ich selbst bin immer wieder baff, wie realistisch sich solche DeepFake-Stimmen anhören und wie elegant die eingefütterten Inhalte auf einen relativ simplen Prompt hin dialogisch dargestellt werden können, bis hin zu kleinen Lachern und Scherzen am Rande. Wer so was noch nicht gehört hat, der findet die vermeintliche Podcast-Folge aus der genannten Veranstaltung auf dieser Seite:
https://www.uni-giessen.de/ub/de/lern/tutku/infdm/infdm1/infdm1-zp
Das Beispiel zeigt aus meiner Sicht recht gut, wie wichtig die kritische Auseinandersetzung mit KI und ihren Anwendungsmöglichkeiten vor allem in Studium und Ausbildung ist, denn wenn wir von Studierenden reden, dann reden wir ja irgendwie auch von den Führungskräften, Lehrern, Journalisten, ... von Morgen, von denen ich eigentlich erwarte, dass sie mehr als nur gutes Prompten gelernt haben. Mal ganz zu schweigen von weiteren ethischen Aspekten einer ungebremsten KI Nutzung. Der enorme Energieverbrauch wird höchstens mal in einem Nachsatz thematisiert, die in der Regel miesen Arbeitsbedingungen der sog. "Datenarbeiter" in Billiglohn-Ländern wird selten bis gar nicht erwähnt (interessanter Beitrag hierzu siehe unter
https://www.tu.berlin/news/interviews/ohne-uns-keine-ki ). Aber ich persönlich bin leider nicht sehr optimistisch, dass sich da in ausreichendem Maße etwas tun wird.
Ich hoffe, das war jetzt kein ganz uninteressanter Exkurs und nicht zu weit vom Thema dieses Threads entfernt, aber ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus schadet ja meistens nicht.
