• Diese Kategorie ist für Diskussionen rund um die Programminhalte der Sender gedacht. Über Frequenzen und Empfang kann sich unter "DX / Radioempfang" ausgetauscht werden.

Lieber Streamen statt Radiohören?

Mannis Fan

Benutzer
Ich greife dieses Thema mal außerhalb bestimmter Sender-Fäden auf, weil es hier um eine prinzipielle Frage geht: Viele Sender, vor allem aber die öffentlich-rechtlichen, begründen ihre inhaltliche Ausdünnung damit, dass sie nunmehr ihre Angebote digital aufbereiten, zum jederzeitigen Abruf per Streaming. Das sei ein toller Fortschritt gegenüber dem linearen Radio, denn nunmehr könne man zeitlich unabhängig, wann immer man wolle, seine Lieblingsthemen aufrufen und hören.
Soweit so richtig.
Aber kann das das Radio ersetzen?
Das linear gesendete Radioprogramm ist im Idealfall kuratiert, es wird zusammengestellt und überrascht seine Hörer mit Themen und Inhalten, die diese niemals proaktiv im Netz suchen würden. Für den Hörer hat dies den Reiz des Unerwartbaren, Unbekannten. Man bekommt etwas geboten. Man weiß nie so genau, was einen erwartet. Man wird überrascht. (Ich definiere hier einen Idealzustand, von dem sich viele Langweiler unter den ÖR-Programmen schon weit entfernt haben).
Auf jeden Fall ist es etwas völlig anderes, als das, was ich mir proaktiv selbst im Netz zusammensuchen muss. Dort nehme ich vorzugsweise das, was ich kenne und bewusst suche. Ich investiere sorgfältig ausgewählte Zeit, also will ich nicht lange herumirren.

Daher meine Arbeitsthese, die ich hier zur Diskussion stelle:
Ich glaube nicht, dass das eine (Streaming) die Alternative zum anderen (lineares Radio) ist. Vielmehr handelt es sich um zwei völlig verschiedene Dinge, so dass es auch ein Irrglaube ist, das eine durch das andere ersetzen zu können, wie es erklärte Strategie der ÖR ist. Das einzige was bei dieser Strategie passiert ist, dass man seine Kernkompetenz aufgibt, die Cah-Cow verludern lässt, die treuen Kunden vergrault und sich eines Tages überflüssig macht.
 
Also in meinem persönlichen Hörverhalten muss ich sagen, nimmt das Streaming tatsächlich eine immer größere Bedeutung ein. Sei es im Auto, wo ich Sender hören möchte, die nicht in meinem Sendegebiet, wo ich unterwegs bin (z.B. RadioEins, BremenZwei, SWR3). Gerade aber auch, weil mittlerweile ganze Musiksendungen als Podcast zur Verfügung stehen ertappe ich mich tatsächlich, dass ich Sendungen wie die SWR1 Musikclubs und auch einige RadioEins Musiksendungen immer öfter als Podcast nachhöre, weil ich das zeitlich einfach flexibler kann und auch bestimmte Passagen überspringen/vorspulen kann, die mich einfach nicht interessieren.

Tatsächlich ist Radio im klassischen Sinn immer mehr nur ein Hintergrundbegleiter, als ein bewusstes hören, außer vielleicht Zeitfunk Sendungen wie die Informationen am Morgen/Mittag/Abend oder Diskussionssendungen wie "Mitreden", wenn es um Aktualität geht.
 
@Mannis Fan:
Ich stimme dir vollumfänglich zu. :thumbsup:
Radio ist für mich lineares Radio.

Dass man die Möglichkeit hat, mal eine spezielle Sendung nachzuhören ist ein nettes ergänzendes Angebot, ersetzt für mich aber kein live produziertes Programm.

Webradio nutze ich, um (lineare) Sender zu hören, die ich nicht terrestrisch empfangen kann, so wie man früher dafür die Mittel- oder Kurzwelle genutzt hat.

Aber die terrestrische Ausstrahlung ist für mich alternativlos.
Sie ist der sicherste und beständigste Verbreitungsweg. Das Internet bietet aus meiner Sicht auch auf lange Sicht nicht die geforderte Zuverlässigkeit.

Außerdem ist das Streaming nach meiner Meinung auch aus ökologischer und ökonomischer Sicht keine Basis für Radio in der Breite.

Dass viele auch ör Programme inhaltlich verflachen ist leider ein anderes Thema.
 
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@Mannis Fan:

Dass viele auch ör Programme inhaltlich verflachen ist leider ein anderes Thema.
Führt aber leider dazu, dass sich Menschen vom linearen Radio verabschieden und sich die Inhalte anderswo herholen. Hier liegt das Problem: Lineares Radio überrascht eben nicht mehr. Und man hat das Gefühl, dass das gewollt ist. Lieber KI einsetzen, dann bleiben Ressourcen für digitale Angebote übrig. :rolleyes:
 
Und es führt auch zur Blasenbildung. Jeder bewegt sich nur noch in den Themen, die er gezielt sucht, bzw. die er kennt und mit denen er vertraut ist. Wir züchten auf diese Art und Weise auch intellektuelle Eindimensionalität.
 
Ich glaube nicht, dass das eine (Streaming) die Alternative zum anderen (lineares Radio) ist. Vielmehr handelt es sich um zwei völlig verschiedene Dinge, so dass es auch ein Irrglaube ist, das eine durch das andere ersetzen zu können, wie es erklärte Strategie der ÖR ist. Das einzige was bei dieser Strategie passiert ist, dass man seine Kernkompetenz aufgibt, die Cah-Cow verludern lässt, die treuen Kunden vergrault und sich eines Tages überflüssig macht.
Dem stimme ich zu.

Nun müssen wir aber unterscheiden, ob wir den zeitgleich laufenden Stream eines Programms meinen, den wir hören (der bei der MA zusammen mit der linearen Ausspielung ermittelt wird) oder das Nachhören auf Bestellung - on demand. Bei ersterem ist das Überraschen mit Themen und Musik gegeben, genau wie beim Hören der linearen Ausspielungen über UKW und DAB+. Kostet auch nur den anfallenden Traffic.

Bei letzterem sieht die Sache anders aus. Hier müssen wie beschrieben proaktiv Themen gesucht und gefunden werden. Podcasts verursachen zusätzlich Arbeit und damit Kosten. Wird die "Kernkompetenz" im Linearen aufgegeben, so fehlt sich auch im parallel laufenden Live-Stream. Da momentan ohnehin nur etwa zehn Prozent Hörer Radio im Netz hören, muss man auch noch diejenigen abziehen, die den parallelen Live-Stream eingeschaltet haben. Da glaubt man tatsächlich, dass Stammhörerzahlen "aufrechterhalten" und bei "Eroberungszielgruppen" (🤣) neue generiert werden können? Nein, man verzichtet sehenden Auges auf mehr als 90 % seiner Hörer.
 
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Unter 30-jährige fragen sich doch schon heute: "Lineares Radio, wat issn dat?". Die Sozialisierung findet bei Millenials und Gen Z in Social Media statt, das wird als primäre Nachrichtenquelle genutzt. Und Audioinhalte werden nach Lust und Laune konsumiert, niemand lässt sich mehr vorschreiben, was er wann und wo zu hören hat. Wer Bock auf Sportresultate und die Nachrichten oder das Wetter hat, fragt Alexa, die dann mal kurz die Spotify-Playlist unterbricht und Sportschau/Tagesschau in 100 Sekunden dudelt oder das regionale Wetter. Bei viel Zeit wird auch mal ein Podcast genutzt.

Das ist einfach die Realität, das klassische Radio stirbt nach hinten mit seinen Hörern weg und wird durch neue Audioformen ersetzt. Nach wie vor hohe Reichweiten erzielt das Radio nur noch in der Altergruppe 40+. Von daher ist es auch richtig, daß die ARD hier die Akzente neu setzt.

Mir schwebt als Idealform eine Besinnung auf alte Stärken vor: Eine Radioshow mit On Air Personality kann keine KI ersetzen, sie sollte aber auch in Zukunft primär per Abruf verfügbar sein, was nicht ausschließt, daß sie irgendwann auch nochmal linear ausgestrahlt werden kann. Aber die Prioritäten haben sich halt verschoben.

Daß selbst Radiosender, die mal Erfolg haben, ausgerechnet im Programm sparen und sich von Aushängeschildern verabschieden (wie Oldie Antenne) halte ich vor diesem Hintergrund für einen Fehler. Das macht das Radio nochmal verzichtbarer.
 
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Das sei ein toller Fortschritt gegenüber dem linearen Radio, denn nunmehr könne man zeitlich unabhängig, wann immer man wolle, seine Lieblingsthemen aufrufen und hören.
Soweit so richtig.
Richtig? Technisch vielleicht, Rundfunkpolitisch nicht. Wobei gegen das Nachhören niemand etwas sagen kann. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, Radio, also den ÖR, abzuschaffen. Durch eine "tote Mediathek" zu ersetzen.

Denn dann darf man ruhig konsequent sein. Wir brauchen keinen ÖR, um die größten Hits der 80er Jahre zu dudeln. Als bloßes Rauschen im Hintergrund.

Für das lineare Radio bleibt dann nichts mehr übrig. Schon wieder höre ich das klassische Argument der ÖR-Gegner, es habe ja keiner mehr Zeit, Radio zu hören. War das früher eigentlich auch schon so? Was machen die Menschen heute eigentlich so anders als früher? Ach ja, starren den ganzen Tag aufs Handy. Und sonst?

Dann kann, nein sollte man den ÖR als lineares Radio abstellen.

Die Berichterstattung, die noch in letzten Fetzen stattfindet, überlassen wir den Privaten (na dann,...gute Nacht) .

Die ARD unterhält nur noch eine ordentliche Mediathekt, aus welcher der Einzelne nach Lust und Laune und - wenn er eben Zeit hat - seine Beiträge auswählt.

Der Rest wird beerdigt. Kein ÖR mehr. Nur noch eine ARD-Mediathek, mit Audiobeiträgen.

Ach ja, ich höre gerade DLF Kultur, mit einem interessanten Beitrag. Wahrscheinlich bin ich der einzige, letzte Hörer, der doch tatsächlich noch ein laufendes Programm hört.

Alle anderen haben ja keine Zeit mehr.
 
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Unter 30-jährige fragen sich doch schon heute: "Lineares Radio, wat issn dat?". Die Sozialisierung findet bei Millenials und Gen Z in Social Media statt, das wird als primäre Nachrichtenquelle genutzt. Und Audioinhalte werden nach Lust und Laune konsumiert, niemand lässt sich mehr vorschreiben, was er wann und wo zu hören hat.
Ja, sehe ich genauso. Traurig ist es trotzdem, denn die absolut wilde "Nachrichtenauswahl" nach Lust und Laune führt unversehens in eine Filterblase. Da sitzt dann eben niemand mehr im "Sender", der nach journalistisch-ethischen Kriterien Information kuratiert und mit geschultem, hoffentlich nicht einseitigem (!) Blick Meldungen durchlässt oder als Schwachsinn erkennt und abblockt.

Ich kann als Netznutzer wunderbar alles an Inhalten auf mich einprasseln lassen, was mich in meinen Ansichten bestärkt und bei denen ich mich komplett wiederfinde. So stelle ich mir meine eigene schiefe Welt zusammen und muss mit dem Gehirn gar nicht mehr aus meiner Ideologie-Haustür heraustreten. Die "Sicht der Dinge" verschiebt sich und durch die permanente Bestätigung durch die eigene Blase besteht die Gefahr, dass sich meine Denke verhärtet.
Wie orientiere ich mich also in dieser "Infokalypse" (Bertolaso, DLF)? Vermutung: nach cremiger Eingängigkeit der Information und vor allem nach Bestätigung meiner eigenen Auffassung. Es ist ja so bequem, nicht über den Rand seiner eignen Mupfel hinauszudenken.

Sicher, auch das lineare (ÖR)-Radio, dem man zutrauen könnte, (vermeintlich) absolute Objektivität in der Information zu produzieren, ist wahrlich nicht framing-frei. Es gibt genug Beispiele, bei denen man erkennt, welche "Haltung" eine Redaktion oder ein einzelner Redakteur auf den Sender gibt. Das empfinde ich fast als schändlich. Denn es ist nicht Aufgabe des (Nachrichten-)Journalisten, den Hörern zu erzählen, was sie zu denken haben. Aber im Großen und Ganzen bietet mir lineares Radio immer wieder die Möglichkeit, über die sachliche Information meine Ansichten einzuordnen, gegebenenfalls zu hinterfragen und in einen Gedanken-Diskurs mit dem Gesagten zu treten - mit dem Ergebnis, im Idealfall näher am Gesamtbild zu sein.
Dass jemand als Nicht-Linear-Nutzer sich auf so etwas überhaupt noch einlässt, wage ich stark zu bezweifeln - mit allen Folgen für die Objektivität.
 
Ich glaube der Trugschluss bei so manchem Entscheider, insbesondere beim ÖR, liegt in den Definitionen. Mit Streams (und damit auch mit der Anzahl derselbigen) werden bei Spotify und Co nur einzelne Songs verbunden. Da ein Radioprogramm aber nunmal nicht nur aus einzelnen Songs besteht, ist der Vergleich damit mindestens unlauter. Beim (linearen) Streaming, sprich einem fortlaufenden Programm, haben auch dort die klasssichen Radiosender die Nase deutlich vorn. Die ausschließlich per Internet verbreiteten linearen Programme haben da ein überdeutliches Nachsehen. Bei den sogenannten Podcasts sind wiederum "Lanz & Precht", "Ronzheimer", "Hotel Matze" und noch einige andere die Dauerbrenner, sprich Podcasts, wo es in einer seriösen Form um allgemein gesellschaftliche Themen geht, für die sich die Leute ganz offensichtlich interessieren. Die Frage die bleibt ist, warum man inbesondere bei den ÖR genau das im Programm nicht mehr stattfinden lassen möchte. Bei nüchterner Betrachtung eigentlich ein komplettes Agieren gegen jeden Trend.
 
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Aber im Großen und Ganzen bietet mir lineares Radio immer wieder die Möglichkeit, über die sachliche Information meine Ansichten einzuordnen, gegebenenfalls zu hinterfragen und in einen Gedanken-Diskurs mit dem Gesagten zu treten - mit dem Ergebnis, im Idealfall näher am Gesamtbild zu sein.

Deshalb wäre es ja wünschenswert wenn im öffentlich-rechtlichen Diskurs wieder mal ein wenig die Fetzen fliegen, Opposition und Regierungsparteien klare Kante zeigen und nicht immer alles weichspülen würden, um im linksliberalen Dunstkreis der ARD/ZDF- Redaktionen befürchten zu müssen bei deutlicherer Aussprache vom Sender verbannt oder ausgeladen zu werden.

Wenn auch der harte Kern der Rechtsnationalen in der AfD und ein paar radikalere Elemente vom linken Rand ihre Meinung in den ÖR Medien artikulieren dürften - heftigste Widerrede von der Gegenseite ist ja erwünscht - wären auch wieder mehr Menschen versucht ihre Filterblasen zu verlassen und wären somit zwangsläufig genötigt, ihre eigenen Fixierungen zu hinterfragen. Andernfalls bespielen die Politikformate von ARD und ZDF nur noch ihre Fanbase, und die wird zunehmend kleiner - die Talkshows werden ja ohnehin immer mehr zu Einschlafhilfen.

Wie soll ein gesellschaftlicher Diskurs funktionieren, wenn ein aus Redaktionssicht verpönter, aber relevanter Teil des Meinungsspektrums ausgeblendet wird? Wenn Herr Höcke sich mit seiner Argumentation nie in Debatten bewähren muss, betoniert er sich immer mehr in seiner Weltsicht ein. Will man wirklich warten, bis die AfD im Osten die Absolute holt?
 
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@lg74 hat im BR-Schlager-Faden etwas sehr richtiges bemerkt:
Wenn es sich um kein lineares Angebot mehr handeln sollte, das eben einfach nur als Webstream läuft, sondern künftig eine "Komponentenwüste" aus einzelnen anklickbaren Inhalten geplant ist, geht gar nichts mehr mit einem Internetradio. Dann muss man eine App oder einen Browser nehmen und sich Element für Element aus dem Angebot rausfischen. Eine einzelne Sendung, eine Show, ein Special, ...
Wohl wahr!
 
Das linear gesendete Radioprogramm ist im Idealfall kuratiert, es wird zusammengestellt und überrascht seine Hörer mit Themen und Inhalten, die diese niemals proaktiv im Netz suchen würden. Für den Hörer hat dies den Reiz des Unerwartbaren, Unbekannten. Man bekommt etwas geboten. Man weiß nie so genau, was einen erwartet. Man wird überrascht
Und es hat etwas "Bequemes", wenn man weiß, dass auf einem bestimmten linearen Programm zu bestimmten Zeiten etwas erwartbar hochwertiges, das einen interessieren könnte (und meist interessieren wird) angeboten werden wird. Ich habe so etwas sehr geschätzt - sowohl bei reinen musikjournalistischen Angeboten als auch bei bestimmten "wortlastigen" Angeboten (Reportagen Features etc.).

Wenn ich mir das einzeln im Netz zusammensuchen muss, ist das so aufwendig, dass ich inzwischen längst für mich festgestellt habe, dass ich es gleich gar nicht erst suche. Ich gehe ja auch u.U. in eine Pizzeria, statt mir Einzelzutaten zu kaufen und den Abend mit Teig kneten, Belag schnippeln und Backen zu verbringen. Klar kann man das machen, aber oft ist da für mich nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel.

Früher habe ich lineare Sendungen teils im Netz nachgehört, weil ich den Anfang verpasst hatte oder weil ich es archivieren wollte (ich habe z.B. so einige Sendungen Bayern 2 Radiowissen auf Festplatte). Da war die Online-Nutzung der linearen Nutzung nachrangig bzw. wurde erst von dieser ausgelöst. Heute, mit dem Wissen um verwässerte Programme, um Inhalts-Häppchen statt langer Strecken mit Inhalt ohne "Füllmusik", schalte ich gar nicht mehr ein, suche aber auch nicht proaktiv nach entsprechenden Inhalten im Netz.

Online höre ich trotzdem ab und an - allerdings "Musikdudel" und nicht von der ARD. Da läuft dann z.B. Radio Paradise Mellow Mix (auch die haben eine Rotation, die durchaus spürbar ist), aber ohne Werbung und - das muss ich zugeben - ohne Nachrichten, die ich egal zu welchem Thema nicht mehr ertrage, weil ich die Kollektivpsychose der Menschheit nicht mehr ertrage, ist das hin und wieder für eine Stunde ganz angenehm. Oder es läuft mal ByteFM, bevorzugt mit Sendungen alter öffentlich-rechtlicher "Radiohelden".

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat mich inzwischen so gut wie komplett verloren. Das letzte, was ich da nutzte, waren 16 Einzelsendungen über elektronische Klangkunst, die von DLF Kultur ab Herbst 2025 einmal pro Woche ausgestrahlt wurden - um Mitternacht. Das waren Wiederholungen vom Rundfunk der DDR, ich hatte da zu einigen Protagonisten eine Verbindung und habe mir die Sendungen online aus dem Angebot geschält (Download unerwünscht, Darreichung als HLS, also Umweg über die Webseiten-Analyse mit den Firefox-Entwicklertools). Es wird einem also selbst noch erschwert, das zu nutzen. Einfach nur lästig, ich mache sowas deshalb nur noch im Ausnahmefall besonders hohen Interesses.
 
Das Argument: Du bist zeitlich unabhängig, kannst ganz deinem Geschmack folgen, hörst nur, was du wirklich gezielt aussuchst, brauchst nicht mehr quälend lange und unberechenbare Sendungen anzuhören etc. etc. ist die Hauptkeule, mit der ÖR den Umbau seiner Angebote vom linearen ins digitale Angebot begründet.
Bei Lichte betrachtet ist es aber das, was alle Dienstleister machen: Die Arbeit, den Aufwand und das Entscheiden vom Anbieter auf den Kunden zu verlagern.
 
Deshalb wäre es ja wünschenswert wenn im öffentlich-rechtlichen Diskurs wieder mal ein wenig die Fetzen fliegen
Ich glaube, das ist gar nicht so das Problem.

Die Ausdünnung des Programmes, das mittlerweile - bis auf wenige Ausnahmen - nur noch als begleitende Geräuschkulisse stattfindet, wo man also nur noch hellhörig wird, wenn doch tatsächlich mal wieder ein Lied auftaucht, das man schon ewig nicht mehr gehört hat, ist ja kein politisches Konzept.

Aber es ist zweifellos richitg: Wirkliche Diskussionen würden mal wieder etwas Leben in die drögen Programme zurückbringen.

Ich habe das z.B. im Vorfeld der jüngsten Landtagswahlen vermisst, auch wenn während der "Leute-Sendung" eingeladene Politiker zwischen den vielen "größten Hits aller Zeiten" ein paar kurze Sätze sagen durften. Journalismus ist das schon lange nicht mehr.
Das Argument: Du bist zeitlich unabhängig, kannst ganz deinem Geschmack folgen, hörst nur, was du wirklich gezielt aussuchst, brauchst nicht mehr quälend lange und unberechenbare Sendungen anzuhören etc. etc. ist die Hauptkeule,

Das scheint aber nur für das Radio zu gelten - die Sportschau, der Tatort oder Markus Lanz haben ja auch noch feste Sendeplätze im TV.

Ich vermute mal, dass mehrere Faktoren zusammenwirken:

Information, gerade auf regionaler Ebene, wurde ins Fernsehen verlagert. Hörgewohnheiten haben sich zweifellos geändert.

Radioinhalte werden extrem ausdgedünnt und entsprechend ihrer Thematik bzw. Zielgruppe konzentriert: eine Welle für die Infos, eine für Kultur (meist aufgefüllt mit sehr viel Klassik), der Rest ist Gedudel - hier und da reicht es noch für ein paar dürre Regionalnachrichten. Und dieser Rest wird als Popwelle, Oldiewelle oder Jugendprogramm präsentiert.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ÖR-Radio in DE in nicht allzu ferner Zukunft sich so anhört, wie heute schon in Kanada, den USA oder Neuseeland - alleine schon wegen der ständigen Diskussionen um die Gebühren.

Dort gibt es maximal zwei Wellen: Eine (fast) reine Wortwelle mit all dem, was der Rundfunkauftrag vorsieht, mit Ausnahme von "Unterhaltung", die ja nicht identisch mit Musik sein muss. Und vielleicht noch eine zweite, Kulturwelle, mit Klassik und am Rande anderen Musikrichtungen - Opernball, Konzertsaal und Musikjournalismus statt Oldieshows und Hitparaden..
Für den Rest ist dann der private Rundfunk zuständig. Oder findet im Internet statt. Das Radio der Zukunft!
 
Ich frage mich immer, ob die streamenden jungen Leute nicht auch das Bedürfnis nach einer Begleitung, einem Gefühls- oder vielleicht auch Einsamkeitsmanagement haben?

Kommt ich abends in die einsame Wohnung und schaltet NDR 2 an, läuft POP-Die Abendshow: Gefällige Musik, aber auch jemand der live unterhält, zusammen mit anderen Hörern, die auch den Tag hinter sich gebracht haben (beim ARD-Abend natürlich in ähnlicher Weise). Dieses Bedürfnis nach Begleitung oder in gewisser Weise auch Teilhabe an etwas finde ich in den letzten Jahren immer wichtiger: Lieber höre ich ein Live-Programm mit Musik, die mir nicht so zusagt, als einen Stream oder auch ein unmoderiertes Radioprogramm mit Musik, die mir mehr gefällt.

Das muss doch eigentlich mehreren Leuten so gehen. Ich hoffe deshalb, dass mindestens die ö-r- Anstalten auch in Zukunft durchgehend live moderierte Programme anbieten.
 
Lieber höre ich ein Live-Programm mit Musik, die mir nicht so zusagt, als einen Stream oder auch ein unmoderiertes Radioprogramm mit Musik, die mir mehr gefällt.
Selbst ein unmoderneres Programm, wie z.B. Swiss Pop würde ich dem Streaming vorziehen. Denn beim Streaming würde es mir höchstwahrscheinlich so gehen wie beim Abspielen der eigenen Musiksammlung: "Oh, der Titel ist ja ganz gut, aber ich höre doch jetzt lieber etwas anderes. Hmm, das ist auch nicht schlecht, aber gucken wir mal was wir noch so haben.“ Das Ende vom Lied: Ich würde höchstwahrscheinlich mehr Zeit damit verbringen anzuspielen und weiterzuskippen, als dann tatsächlich das "Programm" laufen zu lassen.

Das muss doch eigentlich mehreren Leuten so gehen. Ich hoffe deshalb, dass mindestens die ö-r- Anstalten auch in Zukunft durchgehend live moderierte Programme anbieten.
Das wird auch mit Sicherheit so sein.
Aber zum Beispiel wäre für mich ein KI-unterstützter Verkehrsservice schon ein Grund solch ein Programm dankend abzulehnen. So etwas alle halbe Stunde zu hören könnte ich nicht aushalten. Da reichen schon die Ausschnitte hier im Forum um aggressiv zu werden.
Und weil die ARD sich mit dieser Art von Verlehrsservice ja so überaus geil fühlt, wäre ich mir da nicht so sicher, ob es in ein paar Jahren nachts noch ein Programm mit echten Moderatoren gibt.
Der ARD traue ich mittlerweile alles zu.
 
Man muss hier aber unterscheiden, um welche Angebote es sich handelt.

Meistens höre ich "live" Radio, aber gewisse Dinge, wie das Tagesgespräch auf Bayern2 oder WDR5 oder den "ARD Musikclub" von SWR1 streame ich immer nachträglich, weil ich weiß, dass diese Angebote auch noch zur Verfügung stehen, wenn ich sie mal nicht höre bzw. verpasst habe.

Außerdem kann ich beim Musikclub aussuchen, was mir gefällt, kann ich linear nicht. Aber hier ist das Problem, was Mannis Fan angesprochen hat: Dann sucht man sich halt nur die "Rosinen" raus und spult vor, wenn einem etwas nicht gefällt. Ist natürlich auch nicht so schön, weil man ja eventuell was verpassen könnte, was vielleicht von Relevanz wäre.

Hat alles seine Vor- und Nachteile.
 
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Für mich ist einer der größten Pluspunkte einer Live-Sendung, dass man dabei mit den Hörern in Interaktion treten kann. Ich war ein riesengroßer Fan der hr1 Song Connection, als es sie noch gab, weil man das Programm selbst mitgestalten und gleichzeitig durch die Wünsche der anderen Hörerinnen und Hörer jede Menge neue Musikschätze für sich entdecken konnte. Ich war regelrecht süchtig danach und versuchte mit großem Ehrgeiz, in jeder Sendung einen Song zu platzieren, um zu hören, wie meine Verknüpfung und mein Namen vorgelesen wurden. Und am tollsten war es natürlich, wenn man es geschafft hatte, die Dreier-Wunschbrücke zum Thema der letzten Stunde zu liefern, oder den allerletzten Song um kurz vor Mitternacht, mit dem die Songkette dann in der nächsten Sendung fortgesetzt wurde. Als die Sendung der sogenannten "Reform" zum Opfer fiel und Tommy Stärker seine letzte Song Connection moderierte, hatte ich am Ende vor Rührung Tränen in den Augen, weil er meinen Vorschlag - "You can't always get what you want" von den Stones - als letztes Lied ausgewählt hatte. Will sagen: mehr an Hörerbegeisterung und Kundenbindung als hier ist schlicht nicht möglich.

Noch heute fehlt mir diese Sendung sehr, und auch die Community, die jede Woche bei Facebook gemeinsam am Spiel teilnahm. Es kann mir doch keiner weismachen, dass man mit ähnlichen Konzepten nicht auch jüngeres Publikum begeistern könnte. Es gelingt jungen Menschen durchaus, zu bestimmten Zeiten präsent zu sein und einzuschalten, wenn nur der Anreiz stimmt. Schließlich verabreden sich die Kids ja auch regelmäßig mit ihren Freunden zum gemeinsamen Zocken von irgendwelchen Online-Games. Aber statt das man hier mal versucht, neue innovative Konzepte zu entwickeln, auch unter Einbeziehung der Möglichkeiten, die Social Media bieten, schafft man lieber möglichst viele Musikwunsch-Sendungen ab (bei hr1 z.B. die Song Connection und das Mixtape) und setzt statt dessen lieber auf leblose, aufgezeichnete Inhalte aus der Konserve ohne jegliche Möglichkeit der Partizipation. Sorry, aber ich versteh's einfach nicht.
 
Sorry, aber ich versteh's einfach nicht.
Eigentlich ist es doch leicht zu verstehen, auch wenn es schmerzt. Man lese nur das unaushaltbare Gesülze, das eine Frau Vernau diese Woche ablies:


Und dann versuche man sich in Radiomenschen hineinzuversetzen, die noch nicht völlig ihre Würde und Berufsehre abgelegt haben. Die sollen bei ihren Chefs und Entscheidern dann also mit Vorschlägen, wie von dir angedacht, vorstellig werden?
 
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