WDR3 streicht die Literaturkritik zusammen


schneeschmelze

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Berichteten heute SZ (S. 9) und Kölner Stadt-Anzeiger (S. 19) in Print bzw. hinter der Paywall. In der Sendung Mosaik soll es keine Literaturkritiken mehr als feste Rubrik geben. In der SZ heißt es:
Gerade erst hat der NDR das "Bücherjournal" abgeschafft, der HR sein Kulturprogramm "reformiert". Es herrscht die von Panik getriebene Lust nicht nur beim WDR, sondern tatsächlich - hier mehr dort weniger - bei den Öffentlich-Rechtlichen insgesamt: zu Emotionen, "Land und Leuten", der alltäglichen Straßenumfrage ("Haben Sie Angst vor Corona?"), bewusst ausgebauter Gefühligkeit. War das so gedacht, damals, nach dem Krieg, mit dem Rundfunkstaatsvertrag? Auf Anfrage sagte der WDR am Montag, er stelle seine Literaturkritik nicht ein, er wolle sie "vielmehr mit erzählerischen Darstellungsformen und Gesprächen lebendiger und abwechslungsreicher gestalten."
Und die Welt legt heute frei lesbar nach.
:(
 
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Maschi

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Das (halbe) WDR-Dementi:
und der offene Brief im Wortlaut:
 
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lg74

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Grundsäztilch ist der Trend zum Mainstream höchst besorgniserregend, erst recht bei den Kulturprogrammen.
Er grassiert aber seit vielen Jahren in vielen Kulturwellen. Mich wundert ehrlich ein wenig, dass überhaupt noch Protest kommt. Ich war davon ausgegangen, dass viele, die einst Kulturwellen nutzten, den Hörfunk außer zu Nachrichten längst nicht mehr nutzen. Es ist ja heute schon eine Kunst, noch anständig gelesene Nachrichten zu finden.
 

_Stefano

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Wir sollten uns die Frage stellen, wo man die anspruchsvollen Inhalte, die die rbb Kulturradio-Programmchefin Keysers "Elfenbeinturm der Hochkultur" nannte, im Radio bald bekommen wird, wenn immer mehr gespart oder ver-mainstream-t wird?
 

Tatanael

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Die Literaturberichterstattung bei WDR 3 steht nicht zur Diskussion, so WDR 3-Programmchef Matthias Kremin:

Ein Bericht dazu in der Dlf Kultur-Sendung "Fazit":
 

schneeschmelze

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Die FAZ kommentiert. Und bei change.org gibt es eine Petition, die man mitzeichnen kann (via Volltext, ebenfalls mir einem knappen Kommentar).

Wir sollten uns die Frage stellen, wo man die anspruchsvollen Inhalte, die die rbb Kulturradio-Programmchefin Keysers "Elfenbeinturm der Hochkultur" nannte, im Radio bald bekommen wird, wenn immer mehr gespart oder ver-mainstream-t wird?
Ich frage mich vor allem, was für ein Kulturverständnis hinter solchen Äußerungen stecken mag? Die Kulturwellen sind doch Programme für alle, denen Kultur Spaß macht! Die gern gute Musik hören, Hörspiele, Lesungen und die entsprechende Berichterstattung, kluge Gespräche und Features und Essays. Das hat für mich nie etwas von „Elfenbeinturm“ gehabt, sondern hat einfach zum Leben dazugehört. Das ist ein Teil von mir, und es ist schön, dass es auch Hörfunk für uns gibt. Das wollen wir erhalten!
 

lg74

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Die Petition ist geschlossen worden, da war man aber sehr voreilig. Hätte ruhig noch ein paar Wochen länger geöffnet sein können, man kann ja auch vorab einen Zwischenstand in den WDR bringen.
 

schneeschmelze

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Wahrscheinlich gab es Gründe, die Abstimmung zu beenden. Eine interne Zusage, dass die Abstriche beim Programm nicht erfolgen würden? Es würde mich freuen, denn für die Literaturkritiker/innen zählt ja mittlerweile jeder Auftrag. Man weiß es nicht.
 

Velbert2

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Ich finde, Literatur und Literaturkritik sollte man nach WDR 5 verlegen und sich bei WDR 3 mehr auf den musikalischen Bereich konzentrieren.
 

Radiocat

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Ich finde feste Sendezeiten immanent wichtig. Wenn ich mich für Buchrezensionen interessiere, dann mag ich wissen, wann ich sie erwarten darf. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der ich blind am Radioprogramm nach spätestens 15 Minuten gewusst hätte, welcher Wochentag und welche Uhrzeit ist. Und zwar OHNE dass mir der Moderator dies ständig hinterherrief. Wenn um fünf vor sieben das geistliche Wort im Küchenradio ertönte, wusste ich: Bub, rein in die Turnschuhe, Ranzen auf, ab zum Bus, die Schule ruft. So etwas sind Konstanten.
Ich habe keine Lust, den ganzen Tag das Radio dudeln zu lassen, um dann vielleicht irgendwann mal die Rezension (oder einen sonstigen Programmpunkt) mitzubekommen. Vielleicht verpasse ich sie auch, weil ich grad die Dunstabzugshaube angestellt habe, der Staubsauger lärmt oder der Kleine vom Lokus ruft. Klar, dann kann ich im hochheiligen "Netz" alles nachhören. Mit dieser Argumentation kann der Rundfunk aber die linearen Programme gleich voll ganz streichen und den Strom für die Sender sparen und sich in die unendlichen Weiten des weltweiten Netzes zurückziehen. Das würde ich aus verschiedensten Gründen sehr bedauern. Ich kann nur dazu appelieren, an Einschaltprogrammen auf zumindest EINEM Kanal festzuhalten und den Hörerinnen und Hörern geliebte Konstanten in gewohnter Qualität und mit dem Tiefgang zu präsentieren, den ich für meine Rundfunkgebühren erwarten darf. Ob man manche Inhalte zwischen WDR3 und WDR5 verschiebt, darüber kann man ja noch diskutieren. Nachdem die anderen Programme fast vollständig "entwortet" und zu 24h-Nebenbeidudelkanälen degradiert wurden, dürfen es meines Erachtens von der grössten Landesrundfunkanstalt auch ZWEI Einschaltprogramme sein.
 
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Mannis Fan

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Literaturkritik im Radio bedeutet, jemand von dort sollte vorher Literatur gesichtet, gelesen, gut von schlecht geschieden und dann eine Auswahl der vorzustellenden Titel getroffen haben. Sehr viel Arbeit für eine vielleicht wöchentlich halbstündige oder maximal einstündige Radiorubrik. Aber genau deshalb sind die Öffentlich-Rechtlichen mit dem Geld der Gebührenzahler ausgestattet, dass sie sich gefälligst diesen Aufwand leisten, den sich sonst kein Anbieter leistet.
Wohingegen der Aufwand, den die privaten Anbieter für Sport, Talks, Krimis, Vorabend-Trash etc. erbringen, nicht in Doublette auch noch von den Öffentlich-Rechtlichen erbracht werden muss, das können sie sich ohne signifikanten Verlust für die Gesellschaft sparen.
 
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Maschi

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Um an den Threadtitel leicht verändert anzuknüpfen, das Hörspiel bekommt weniger Raum im linearen Programm und steht, nach der schon beim letzten Mal erfolgten Reduzierung auf 30 Minuten von Montag bis Donnerstag fast wieder da wie vor der Reform mit der es diesen prominenten Sendeplatz einst bekommen hatte:
Programm- und Schemaänderungen bei WDR 3:
Der WDR Rundfunkrat stimmt den ab dem 1. Januar 2022 geplanten Programmänderungen bei WDR 3 gemäß § 16 Abs. 6 Satz 1 WDR-Gesetz mit den unten stehenden Hinweisen und Anregungen zu. Diese Zustimmung ist unabhängig davon, ob die geplanten Änderungen des digitalen Angebots, die mit den Programmschemaänderungen bei WDR 3 einhergehen, eines weiteren Genehmigungsverfahrens (Dreistufen-test-Verfahren) bedürfen.

- Der WDR-Rundfunkrat unterstützt das Ziel der Programmdirektion NRW, Wissen und Kultur, das Genre
Fiktionales Audio / Hörspiel künftig für mehr und diversere Interessensgruppen zu entwickeln und dafür die Produktionen für Ausspielungen auf digitalen Plattformen zu verbessern sowie spezifischer aufzuarbeiten.

- Hintergrund ist, dass die digitalen Abrufe der Hörspiele in den letzten Jahren enorm zugenommen haben und die durchschnittliche Nutzung des Hörspiels im digitalen Bereich wesentlich höher liegt als im linearen Radio. Zudem erreicht der WDR mit fiktionalen Audioangeboten neue Zielgruppen und erfüllt damit seinen Programmauftrag, Inhalte für alle zur Verfügung zu stellen.

- Das Gremium erachtet als nachvollziehbar, dass für die neuen Aufgaben Ressourcen aus dem bestehenden linearen Programm gewonnen werden sollen.

- Da der Neuproduktionsanteil des WDR-Hörspiels insgesamt unverändert hoch bleiben soll, ist der Rundfunkrat damit einverstanden, dass das 30-minütige Hörspiel im linearen Programm von WDR 3 von Montag bis Donnerstag um 19:00 Uhr entfällt und dafür das Kulturmagazin ‚WDR 3 Resonanzen‘ um eine halbe Stunde erweitert wird. Als Quelle für die Tageszusammenfassung des Kulturgeschehens sollen nach Planung des WDR neben Beiträgen von WDR 3 und WDR 5 kostenfreie Übernahmen aus der ARD, DLF und DLF Kultur sowie Kolleg*innengespräche dienen.
Damals gingen die Resonanzen sogar noch volle 2 Stunden.
 
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ndrgast

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... es wird an kleinen Stellschrauben gedreht. Pech, wenn man so über einen Kippunkt abstürzt. ICH sehe ÖR-Radio im Freien Fall. Beispiel: NDR.
 
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