Bedarf an mehr Mundartsendungen im Hörfunk?


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#1
Hallo zusammen!

Der NDR hat noch plattdeutsche Sendungen im Programm, im BR nimmt man es mit dem Hochdeutschen zuweilen auch nicht so genau, im Rest der Republik sind Dialekte und Mundarten bei den meisten Sendern eher Mangelware. Schauen wir z.B. hingegen zu unseren Nachbarn in die Schweiz, so ist es mit der Schriftsprache dort außerhalb von Nachrichten und Verkehrsfunk oft ziemlich schnell vorbei.
Natürlich verwische ich hier gerade schamlos die Grenzen zwischen Dialekten und eigenständigen Sprachen, linguistische und historische Unterschiede sind zur Genüge vorhanden - klar. Dennoch beobachte ich landauf landab, dass die verschiedensten O-Ton-Geber im Hörfunk zwar reden dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Von den Radiomachern selbst wird jedoch feinstes Hochdeutsch erwartet - einige rühmliche Ausnahmen bestätigen die Regel.

Nun wurde ich vor einigen Tagen angeschrieben, ob ich nicht eine Petition für mehr in Mundart gehaltene Sendungen (in diesem Fall im SWR) unterschreiben wolle. Im Petitionstext ist die Rede von einem "gesellschaftlichen Willen nach mehr Identifikation mit unserer sprachlichen Vielfalt" die Rede.
Was denkt Ihr: besteht dieser breite Wille in unserer Gesellschaft? Ist auch die "sprachliche Gleichmacherei" ein Grund dafür, dass regionale Unterschiede in den Hörfunkprogrammen immer weniger werden? Oder sollten wir in Zeiten der Globalisierung, die auch vor dem Medium Radio nicht Halt macht, gerade Wert auf solche Vereinheitlichung legen und sprachliche Barrieren möglichst hinter uns lassen?

Vielleicht entsteht zu diesem Thema hier ja eine anregende Diskussion...
 
#3
Wenn schon die ausgewiesenen Regional- und Lokalradios ("Wir sind von hier - einer von euch - aus der Region für die Region") es nicht einmal fertigbringen, im Verkehrsfunk die Namen der Ortschaften richtig auszusprechen, und wenn die Moderatoren dieser Sender glattgebügelt hochdeutscheln und einer wie der andere klingt, wenn der Moderator oder Redakteur mit regionalem Zungenschlag gleichzeitig wegen dieses Zungenschlages für zweitklassig und ungeeignet für höhere Aufgaben angesehen wird, dann kann man lange Petitionen unterschreiben. Wird nichts!
 
#4
rbb und mdr machen täglich über mehrere Stunden hinweg sorbisches Programm zusammen. Und auf beiden Sendern laufen noch eigenständige Programme, unterteilt in nieder-und obersorbisch.
 
#5
Sowas sehe ich eindeutig in den regionalen oder "Einser"-Wellen. Gern dann auch auf Regierungsbezirke regionalisiert weil man ja 20km weiter (hinter dem Berg) schon wieder einen anderen Dialekt spricht. Paradebeispiel in NL ist Omrop Fryslân.

kick!fm bietet auch Dialektsendungen. Meistens am Samstagabend ab 22.00 Uhr :D
 
#6
Nein, ist es nicht. denn dort spricht man keinen Dialekt, Friesisch ist eine eigenständige Sprache. Klasse, daß sie dort noch über längere Zeit auf dem Sender zu hören ist. Bei uns sind die weiteren Dialekte der friesischen Sprache so gut wie bereits ausgestorben, Saterfriesisch hat nur noch 2000 Sprecher und ist (EDIT: war?) wenigstens auf der Ems-Vechte-Welle ("Middeeges") wöchentlich 2 Stunden hörbar, das Nordfriesische sprechen immerhin noch 10000-15000 Leute, der NDR gönnt dem 3 Minuten pro Woche. Ob es noch irgendwo im SH-Bürgerfunk läuft, weiß ich nicht, vermute es aber mal.

Das weiter verbreitete Plattdeutsch (auch eine Sprache mit div. örtlichen Dialekten) würde ebenfalls mehr Präsenz im Radio verdienen, es ist bereits auf dem absteigenden Ast. Bislang gibt es nur 1 Std. wöchentlich beim NDR und werktägliche 3 Minuten Nachrichten bei Radio Bremen. Auch dieses Jahr werden bei RB zusammen mit dem NDR 8 plattdeutsche Hörspiele produziert.
Wenn's nach mir ginge könnte ruhig mehr Platt ins Radio, auch Musik in der Sprache. Von der gibt es mittlerweile auch mehr als Shanties, Volksmusikalisches und "Liedermacher". Z.B. Hiphop und Rock.
Mit dem ostfriesischen Platt kann man sich übrigens auch im Groninger Land recht gut verständigen.
 
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#8
Das weiter verbreitete Plattdeutsch (auch eine Sprache mit div. örtlichen Dialekten) würde ebenfalls mehr Präsenz im Radio verdienen, es ist bereits auf dem absteigenden Ast.
Vor zwanzig Jahren wurde noch in Altenwerder Platt gesprochen, vor dreißig Jahren sogar "auf" St. Pauli.

Heute spricht man an den Landungsbrücken "Hamburger Slang" (Dialekt?) Marke Steffen Henssler und Altenwerder ist im wahrsten Sinn des Wortes platt - plattgemacht.
 
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#9
Dialektsendungen grenzen aus - und andererseits einen sie. Die verschworene Gemeinschaft, die das selbe Idiom spricht, fühlt sich angenommen und vom Sender gut bedient. Alle anderen verstehen im schlimmsten Fall überhaupt nicht, worum es geht.

Nehmen wir Hessen, meinen "Beritt". Ein Land mit mehreren völlig unterschiedlichen Dialekten. Das "echt" gesprochene Kasselääänerische versteht ein Hörer in, sagen wir, Neckarsteinach an der Grenze zu BaWü nur mit viel gutem Willen.

Was machte also ein Sender wie der hr, der die unterschiedlichen Landstriche zu bedienen hat? Er nutzte für seine Dialektsendungen ("Heiner, Philipp und Babett" u.ä.) ein konsenstaugliches "Euro-Hessisch", das irgendwie nach Frankfurterisch klang, aber so angehochdeutscht war, dass auch der Hörer in Korbach ganz im Norden noch was davon hatte. Diese Sendungen sind schon lange Geschichte.
Lustigerweise gelang aber gerade über diese doch eher südhessisch geprägte Landfunk-Sendung eine sehr starke Identifikation mit Sender und Land.
Später gab es kurze Einspieler, in denen die einzelnen "echten" Dialekte vorgestellt wurden (als hr4 noch Wortbeiträge sendete, die einen das Radio lauter drehen ließen).
Auch das mit großer Publikumsresonanz.
Fazit:
Die Leut', es zu hören und zu goutieren, wären da. In den massentauglichen Begleitprogramm wird so etwas aber leider nicht mehr vorkommen. Ausschaltimpuls!
 
#12
das Nordfriesische sprechen immerhin noch 10000-15000 Leute, der NDR gönnt dem 3 Minuten pro Woche. Ob es noch irgendwo im SH-Bürgerfunk läuft, weiß ich nicht, vermute es aber mal.
Ja, Friisk Funk, vormittags im Offenen Kanal Westküste. Erwähnenswert finde ich noch, dass die drei wöchentlichen Minuten Friesisch des NDR in den Abendstunden laufen, wenn also sowieso kaum jemand zuhört. :D
...auch Musik in der Sprache. Von der gibt es mittlerweile auch mehr als Shanties, Volksmusikalisches und "Liedermacher". Z.B. Hiphop und Rock.
Genau. Künstler wie die Schkandolmokers oder Blowm & Maddin wären, wie ich finde, auch radiotauglich. Aber wie "oft" läuft sowas im NDR...
Natürlich verwische ich hier gerade schamlos die Grenzen zwischen Dialekten und eigenständigen Sprachen.
...Oder sollten wir in Zeiten der Globalisierung, die auch vor dem Medium Radio nicht Halt macht, gerade Wert auf solche Vereinheitlichung legen und sprachliche Barrieren möglichst hinter uns lassen?
Verwische ruhig schamlos die Grenzen. Eine klare Unterscheidung zwischen Dialekt und Sprache gibt es doch sowieso nicht. Vereinheitlichung oder nicht? Das ist keine Entweder-oder-Frage (mehr). Auf seinen mittlerweile acht Frequenzketten dürfte bspw. dem NDR genug Sendezeit zur Verfügung stehen, um mehreren Sprachgruppen gerecht zu werden.
Sowas sehe ich eindeutig in den regionalen oder "Einser"-Wellen.
Dachte ich auch mal. Allerdings sind es bei NDR und RB gerade die Einser-/Landeswellen, die nach der Marktführerschaft streben. Konsequenterweise wird sprachlichen Minderheiten dort nur sehr wenig Raum gegeben. (Leider vesteht nur etwa die Hälfte der Norddeutschen gut Platt.) Plattdeutsch wird dort - habe ich so den Verdacht - zwar gern zur Imagepflege oder als Symbol regionaler Kompetenz eingesetzt. Hörenswerte, journalistische, relevante Inhalte zu guter Sendezeit sind aber eine große Ausnahme.
 
#13
Ja, ich will die schwäbische Stunde zurück, die früher ein oder zweimal im Monat auf SDR und SWF lief, die dann aber wie so vieles andere der Fusion zum Opfer fiel.

Übrigens ist bei Sprachfärbungen meinem Eindruck nach ausgerechnet der Deutschlandfunk sehr tollerant. Gerade Moderatoren mit schwäbischer Sprachfärbung hört man dort häufiger, aber auch ein Friedbert Meurer spricht alles andere als akzentfreies Hochdeutsch, und das finde ich gut.
 
#15
Übrigens ist bei Sprachfärbungen meinem Eindruck nach ausgerechnet der Deutschlandfunk sehr tollerant. Gerade Moderatoren mit schwäbischer Sprachfärbung hört man dort häufiger, aber auch ein Friedbert Meurer spricht alles andere als akzentfreies Hochdeutsch, und das finde ich gut.
Denis Scheck hat auch einen schwäbischen Dialekt und arbeitet beim DLF. Die Schweiz ist beim Thema Mundart sehr engagiert, NRJ übersetzt dort immer wieder die Playlist ins schwiizerdütsch. In Deutschland sind die Bemühungen seit dem Berlin wieder Hauptstadt ist stark zurück gegangen, wobei ich darüber nicht so traurig bin. So gerne wie ich schwiizerdütsch, österreichisch oder auch den rheinischen Dialekt höre, so unangenehm empfinde ich die Nord- und Ostdialekte inkl. Berlinerisch.
 
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#16
Oh ja, Friedbert Meurer! Personality! Die Sprachfärbung gehört zu ihm - wie seine souveräne Berichterstattung. Great Job! :)
Dass Noch-TT-Chefkommentator Sigmund Gottlieb und Reporterlegende Alexander Niemetz einst das Heute-Journal moderierten - beide rollen bravourös das R und bedienen sich auch sonst zahlreicher landestypischer Sprachmerkmale - mag man heute kaum noch glauben. Unter dem Reichtum der Deutschen Sprache verstehe ich auch deren phonetische Fülle und Vielgestaltigkeit, aber leider führten gerade die in Deutschland ausgeprägte Mobilität und Urbanisierung zur sprachlichen Einebnung und zum dadurch bedingten Verlust der regionalen Identität, die sich nun mal in erster Linie über die Sprache mitteilt.

Ganz anders sieht es im englisch- oder italienischsprachigen Raum aus, wo Akzentabweichungen positiv besetzt sind und als Ausweis der Vielfalt geschätzt werden. Da gibt es keine SWR-Sprachpolizei, die jeden Rest schwäbischer oder hohenlohischer Sprachfärbung beinhart wegpoliert.
 
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#17
Ich bin mir nicht sicher, ob es beim SWR noch Radiomoderatoren gibt, die originären Dialekt sprechen könnten. Michael Branik würd ichs noch zutrauen. Typen wie Hans-Dieter Reichert, Oscar Müller, Willi Seiler, Willi Reichert u.a. die gibt's nicht mehr. Die waren aber programmprägend für den damaligen Spätzles-Sender in der Neckarstraße. Auf der anderen Seite: Die artifiziellen und gehörnten Programmformate bekommen eh Pickel in den Ohren wenn mal wieder ein Reporter aus der hintersten Ecke des Sendegebiets mit einem grummelnden Dialekt und S-Fehler einen wichtigen Bericht absetzt. Da gab's auch mal die Idee eines Mundart-Jugendradios... sowas setzt sich aber irgendwie net durch.
 
#21
Die artifiziellen und gehörnten Programmformate bekommen eh Pickel in den Ohren wenn mal wieder ein Reporter aus der hintersten Ecke des Sendegebiets mit einem grummelnden Dialekt und S-Fehler einen wichtigen Bericht absetzt. Da gab's auch mal die Idee eines Mundart-Jugendradios... sowas setzt sich aber irgendwie net durch.
Da lob' ich mir den BR:

 
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