Moderieren auf Lücke? Mit computergesteuertem Mikro? (Wo) Gab's das?


Mich plagt seit einiger Zeit eine Erinnerung aus den späten 90ern, von der ich nicht sicher bin, ob sie richtig sein kann. Vielleicht kann mir hier in der Runde jemand helfen.

Ich war damals mit einer Truppe junger Nachwuchsjournalisten bei einem Hamburger Radiosender zu Gast - ich bilde mir ein: irgendwas mit "Alster" im Namen. Und nach meiner Erinnerung schilderte uns der Moderator, dass er nur moderieren kann, wenn die Automatik ihm den Regler öffnet. Dann müsse er die vorgegebene Zeit füllen, aber rechtzeitig fertig sein, ehe das Mikro automatisch (!) wieder geschlossen wird.

Mich hat das damals irritiert. Heute scheint es mir irgendwie unglaublich. Und vielleicht habe ich da wirklich etwas missverstanden. Deshalb:

Gab es wirklich jemals Sender, in denen Moderatoren auf Lücke moderieren mussten, also wirklich in eine vollautomatisch zugestandene Mikrofonzeit hinein? Wenn ja: Wo war das so?

Ich freu mich über Hinweise.
 

Cavemaen

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Das ist praxisfremd, es gab aber für Dikussionsrunden eine Vorrangschaltung, damit nicht alle durcheinander und aufeinmal loslegen konnten.

Diese Schaltung kam aus der Konferenztechnik und bewährte sich wenig.

Aber in eine sekundengenaue Taktlücke plaudern müssen, ist mir absolut fremd und nur beim Film-Synchron üblich.

R.
 

Südfunk 3

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Woher soll denn die Automatik wissen, wieviel zu einem Beitrag zu sagen ist oder auch nicht? Die Automatik als solche gab es schon in grauer Vorzeit – Stichwort Asmos (dazu wäre irgendwann auch noch was zu sagen). Allerdings machte der Rechner auch dort lediglich das Mikrofon auf, der Sprecher konnte dann den Endimpuls zum Start des nächsten Bandes frei geben.
 

Funkminister

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Das halte ich auch für praxisfremd - und hochgradig stressig für den Moderator. Dazu inhaltlich fragwürdig, wie reagiert man denn dann programmlich auf Aktualität? Verkehrsservice, Rotmeldung?
Maximal für Nachrichten mit mehreren Abnehmern, wo sekundengenau gelesen werden muss.

Was @Cavemaen meint, würde ich als Automatik-Mixer interpretieren, bekannt von der Firma Dugan. Mittlerweile funktionieren die Dinger brauchbar, aber das ist eine andere Baustelle.
 

muted

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Auf die Beschreibung von @Unterstützer kann ich mir wenig Reim machen, zumal ich Alsterradio nie von innen gesehen habe.

Was es auch häufiger gibt, sind automatisierte Werbeblock-Umschaltungen bzw. Werberegionalisierungen. Im Vordergrund steht dabei natürlich auch das korrekte Backtiming.

Soweit mir bekannt (keine Ahnung, wie es heute ist) sendete z.B. Radio NRW die Werbung damals völlig automatisch. Das Sendestudio wurde automatisch von der Zuführung genommen, ein Schaltbefehl (auch an die Lokalsender) ausgelöst und der Hauptschaltraum übernahm zum jeweiligen Blendpunkt. Nach der Werbung wurde wieder auf das Sendestudio umgeschaltet, um den letzten Titel vor den Nachrichten zu spielen und dann den Nachrichten-Wetter-Verkehr-Block landesweit zu übertragen. Auf diese Weise war sichergestellt, dass die Moderatoren die Aktivierung der Haupteinnahmequelle nicht vergessen konnten.
 
Zuletzt bearbeitet:

thorr

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Soweit mir bekannt (keine Ahnung, wie es heute ist) sendete z.B. Radio NRW die Werbung damals völlig automatisch. [...] Auf diese Weise war sichergestellt, dass die Moderatoren die Aktivierung der Haupteinnahmequelle nicht vergessen konnten.
Ich war vor zig Jahren (kindlicher Leichtsinn) begeisterter Hörer meines heimatlichen NRW-Lokalradios. Ich habe damals auch so etwas vermutet (auch mit der Begründung). In den lokalen Stunden kam es ab und an mal vor, dass die Werbung reingrätschte, wenn der Moderator mal versäumt hatte, (richtig) zu backtimen.

Ich saß damals sogar mal zu Besuch im Studio. Mir erzählte der Moderator, dass die Lokalstationen für die Werbeblöcke um xx:5x:xx eine sekundengenaue Uhrzeit bekamen, zu der sie ihr Programm übergeben mussten (bzw. hatten sie die Wahl zwischen einem angenehmen Übergang und einer Grätsche). Da der letzte Song vor den Nachrichten um Punkt, der dann schon aus Oberhausen gespielt wurde, immer mit ins Backtiming eingeplant war, ergaben sich stark schwankende Übergabezeiten. Wenn man in der Stunde verrutscht war, klang's grässlich - oder man musste als Moderator seine Improvationskünste unter Beweis stellen.

Im Normalfall konnte man aber mit Musik mehr oder weniger weich backtimen, da die Formatradiofibel wahrscheinlich sowieso nicht vorsieht, dass vor der Werbung (um Gottes Willen!) noch geredet wird. Den Tag über gab es aber von xx:23:00 bis xx:33:00 eine lokale Option im Rahmenprogramm, die die Lokalstationen für lokale Werbung und lokale Inhalte nutzen konnten. Die Lokalnachrichten um Halb mussten also auf die Sekunde um xx:33:00 schließen. Da muss dann schon auf die Sekunde genau gesprochen werden.

Wie ist das mit den Lokalnachrichten auf WDR 2? Werden die nicht auch meist auf die Sekunde genau gesprochen? Und mir fällt auch auf, dass im Deutschlandfunk erstaunlich selten ein Backtimer zu hören ist. Ähnliches vermute ich dort.
 

Funkminister

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Und mir fällt auch auf, dass im Deutschlandfunk erstaunlich selten ein Backtimer zu hören ist.
Denen unterstelle ich tatsächlich fortgeschrittene Handwerkskunst. Ich schwitze ehrlich gesagt oft beim Hören mit, wenn in vormittäglichen Sendungen mit Gästen bis auf die letzte Rille an die Nachrichten heran diskutiert wird, manchmal mit der (freundlich-vehementen) Absage des Moderators schon auf der Nachrichtenkennung. Dabei ist mir kein Fall in Erinnerung, wo das schief gegangen wäre.
Ich habe auch den "Verdacht" dass statt eines Backtimers eher noch ein Programmtipp gesendet wird, wenn eine Sendung mal ungeplant zu kurz ist.
 

Radiolicht

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Beim NDR ist das jede Nacht so. Die Nachrichten von den NDR Zentralnachrichten dauern genau 3:05 Min, danach startet bei NDR Info automatisiert eine weitere Nightlounge-Folge
 

thorr

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Ich habe auch den "Verdacht" dass statt eines Backtimers eher noch ein Programmtipp gesendet wird, wenn eine Sendung mal ungeplant zu kurz ist.
Das ist immer ein schöner Bluff! Erst denke ich: Ha, diesmal ist anscheinend doch noch Zeit hinten raus übrig geblieben - auch der Dlf ist nicht unfehlbar. Und dann schließt der Programmhinweis auf die Sekunde genau zu den Nachrichten hin...
 

Funkminister

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Genau - Handwerklich eben doch einfach gut gemacht.
danach startet bei NDR Info automatisiert eine weitere Nightlounge-Folge
Das funktioniert über einen Impuls, den der Nachrichtensprecher geben muss.

Da wir hier schon über (halb)automatisiertes reden: mit der Umstellung der Abend-/Nachtschiene in den NDR 1 Wellen gibt es zukünftig von 21:05 - 23:00 neben der Musikstrecke von NDR 90,3 und den Zentralnachrichten einen zentralen Verkehrsservice aus Hamburg. Der wird per Ducking-Funktion in der Audiokreuzschiene auf die programmzuführenden Leitungen geschaltet, und kann damit jederzeit Meldungen verlesen.
 
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