Schelte vom Ex-ORF-Hörfunkintendanten Manfred Jochum


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#1
Zeitgeistradio und totale Information
Das "Flächenradio" _ schon der Begriff sagt alles - als Abwehrstrategie gegen die kommerzielle Konkurrenz im Regional- und Lokalbereich "erfunden", zeigt mit seiner beängstigenden Banalität, mit seinem bewussten Verzicht auf jedes intellektuelle Wort, mit seinem öden Musikbrei und seiner provokaten "schulterklopfenden" Anbiederung an seine Hörer(innen), mit welchem Zynismus Radio heute (auch) gemacht wird.

Der dies schreibt, ist nicht irgendeiner, sondern immerhin der ehemalige ORF-Hörfunkintendant Manfred Jochum .

Seine Gedanken hat der 61-Jährige unter dem Titel "Bis uns Hören und Sehen vergehen" (Untertitel: "Stolpersteine auf dem Weg zu einer neuen Medienwirklichkeit") zusammengefasst, das Buch (Verlag Krenmayr & Scheriau, 22 Euro) ist ab sofort im Handel.

"Noch", merkt Jochum an anderer Stelle an, "haben die nationalen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter entsprechendes Kapital in Form journalistischer Professionalität, einer exzellenten Technik und eines Reservoirs an gut ausgebildeten Mitarbeitern, aber dieses Kapital wird zunehmend und leichtfertig verschleudert, ausgebeutet, frustriert und vertrieben. Gefragt sind allzu oft das schnelle Mundwerk und nicht intellektuelle Redlichkeit, muntere Wortfetzen anstatt kreativem Ernst, ,Sound und Klima´ anstatt recherchierter Berichte - eben ,Zeitgeistradio´, eine als Aktualität verkaufte Oberflächlichkeit."

Geharnischte Kritik am Sender Ö 3? Nein, antwortet er, mit Ö 3 setze er sich nicht d i r e k t auseinander: "Da musste und muss ich einfach zur Kenntnis nehmen, dass drei Millionen Hörer, die 45 Prozent der österreichischen Bevölkerung abdecken, offensichtlich zufrieden sind."

Es sei auch keine ORF-Beschimpfung: "Was soll das, nach 26 Jahren in diesem Haus? Vielmehr würde ich sagen: Es ist eine kritische Auseinandersetzung mit Begriffen wie Wissen, Bildung und Information. Ich bin auch nicht erst jetzt auf all das draufgekommen, sondern es ist eine Sammlung von Meinungen, die ich schon als Wissenschafts- und Hörfunkchef immer vertreten habe."

Auch die "totale Information" analysiert der Autor: "Was wissen wir auf die Frage ,Informiert bis zur Bewusstlosigkeit?´ zu antworten? Oder könnte es nicht auch heißen: ,Verspielt bis zum Bewusstseins-Verlust?´ Denn die Bildung in diesem Informationszeitalter spielt sich im Spannungsfeld von Mickey-Mouse und Bill Gates ab. Das Radio etwa, meine ich, könnte weiterhin als Bildungs- und Kulturvermittler gelten, schüfe man die entsprechenden Voraussetzungen."

Ungewöhnlich in Jochums Opus: "Sie finden als Zusatz eine lange, ausgeklügelte Medientheorie - unterm Strich. Wirklich bildlich gemeint. Auf jeder Seite können Sie unter einem Strich ein ,Buch im Buch´ lesen. Dort kommen auch die wilden Leute zu Wort, etwa Gerd Bacher, Peter Weibel, Marcuse - und frühere Wilde wie Goethe, Karl Kraus, Franz Werfel."

OÖNachrichten vom 20.08.2003
 
#2
"[...] Das Radio etwa, meine ich, könnte weiterhin als Bildungs- und Kulturvermittler gelten, schüfe man die entsprechenden Voraussetzungen."
Was hindert den ORF daran? Schließlich zahlt man ja genug Rundfunkgebühr.

@berlinreporter
Danke für den Buchtipp. Muß ich mir in den nächsten Tagen beschaffen, dieses Werk. Interessant, daß mal auch ein Ex-Intendant sich kein Blatt vor dem Mund, sondern unter den Griffel nimmt und ein Buch zu solchen Themen schreibt. ;)
 
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