Songdichte


#28
Die Evergreens von heute sind...genau, die Hits von gestern. Von daher ist WDR 4 gewissermaßen schon ein Hitradio. Nur eben eines ohne aktuelle Hits. Aber Hit bleibt Hit, egal von wann er ist. Siehe Chartplatzierungen. Siehe Verkäufe.
 
#29
Wie bitte? WDR4 spielt keine aktuellen Hits? Von wegen! Die deutschen "Heulbojen" wie Bourani, Silbermond & Co. sind dort regelmäßig vertreten. Ein Glück, dass ich diesen Sender nur ab und an mal bei meinen Eltern im Auto ertragen muss....
 
#30
Aber es geht doch hier eher um die typischen Vertreter Richtung Hot AC wo sich die Rotation auf maximal 250 Titel beschränkt und jeder aktuelle Hit mehrmals am Tag läuft. Da würde ich WDR4 nicht zu zählen, das ist durchaus hörbar, wenn auch etwas langweilig, aber man hat keine Dauerrotation...
 
#32
Als hätte vor 20 Jahren mal einer auf nen Knopf gedrückt und seitdem verändert sich das Sounddesign bestimmter Genres nicht mehr.

[...]

Bin ich möglicherweise krank, weil ich das Alles schon seit 20 Jahren ganz furchtbar finde obwohl ich erst 33 bin?
Es ist tatsächlich so, daß ziemlich genau Mitte der 90er die Entwicklung der Musik (bzw. die Vermarktung von "Stars" über Audio und Video) stehengeblieben ist, und zwar auf einem ziemlich niedrigen Niveau.

Etwas, was 1995 produziert wurde, klingt praktisch exakt so, wie etwas, was 2019 auf den Markt kam. Dagegen gab es 1995 nicht eine einzige Neuerscheinung, die so klang, als wäre sie 1975 auf den Markt gekommen, und 1975 gab es nichts, was sich nach 1955 anhörte.
 
#33
Würde ich so jetzt auch nicht sagen. Weil genau 1996 war der Eurodance und Rave vorbei und ab 97 änderten sich die Charts dadurch drastisch. Es wurde viel R‘n‘B lästiger und vor Allem deutlich langsamer. Es waren fast nur noch R‘n‘B und Hip Hop angehauchte Stücke in den Charts und Dance war komplett an so langweiligem Ü30 Party House und Trance orientiert. Und da kam auch die große Hip Hop Welle. In meiner Jugend hörten die meisten Hip Hop oder Nu Rock. Da war der Sound schon ganz anders als 1995, wo die Charts übervölkert waren von Eurodance und Co. Aber danach ist nicht mehr viel passiert. So ab Anfang des Jahrtausends.
Und das stimmt schon. Das Sounddesign hat sich aufgrund der moderner werdenden Technik zwischen den 50er und 80er Jahren und vor Allem in den 80ern drastisch verändert. In den 90ern kamen wir langsam auf den Stand von jetzt, nämlich Musik mit Computer, ohne zusätzliche Instrumente und physische Hardware. Autotune ist z.B. Eine Erfindung der Mid 90s und wurde zum ersten Mal kommerziell in Chers Believe eingesetzt. Das würde heute tatsäschlich kaum anders klingen.

In den 80s hat man Computer nur als Bindeglied zum Steuern der Instrumente benutzt und heute emulieren Computer die Instrumente und Alles andere.

Was mir drastisch auffällt ist, dass musikalische Arrangements seitdem immer weniger variieren. In den Songs passiert einfach nix mehr.

Es gibt zwar Strophe und Refrain aber die weichen kaum voneinander ab, höchstens in ihrer Lautheit, aber Melodie und Harmonie ändern sich in den wenigsten Songs noch so, wie das früher war. Als würde Alles vereinfacht und minimalisiert und das wird immer drastischer.

Dieses Gefühl „Heute habe ich im Radio ein Lied gehört, das mich total umgehauen hat und das ich jetzt die nächsten Wochen erst mal lieben werde...“ wird immer seltener oder kommt praktisch bei neuen Titel fast gar nicht mehr vor.

Überrascht war ich bei der neuen Mark Forster Single 747, die ich durch Zufall bei meiner Mutter im Auto im Dudelfunk gehört habe, auch musikalisch erstaunlich schlau gemacht.

Oder Soak - Deja Vu, es gibt viele Indie Pop Bands, die sich jetzt wieder am Sounddesign der 80er auslassen und auch mit der Ästhetik spielen, was mir sehr gut gefällt.

Es gibt nämlich auch oft neue Songs, wo ich mir denke „eigentlich ganz schön, aber das miese Arrangement und das Autotune macht mal wieder Alles kaputt, wenn das jetzt klingen würde wie 1986 wäre das viel schöner.“

Und so ging’s mir auch Ende der 90er, ich fand fast Alles scheisse und auch im Nachhinein ist es außerhalb Deutsch Rap und ein paar Rock Sachen für mich ganz schwierig, da mehr als ein Mixtape aus einem Jahr hin zu kriegen. Für 1994 sieht es da z.B. ganz anders aus, da ist schon in den Jahrescharts genug Stoff für mehr und in den Jahrzehnten davor sowieso.

Auch die Videos der späten 90er und frühen 2000er sind für mich ganz schwer zu ertragen, hat Alles so einen billigen Computerlook.

Ich fand die Attitüde der 80s Bands auch immer viel geiler, die Videos sehen cooler aus und irgendwie konnte ich mich damit immer besser identifizieren. Nur blöd als Jugendlicher, wenn das außer Dir Alle scheisse finden.

Hier im Forum ging’s kürzlich mal um Globus Guld aus Dänemark. Das höre ich seit einigen Tagen und da entdecke ich jede Menge „Neues“, weil die Dänen in den 80s auch einen tollen Sound hatten, wovon ich Vieles noch nicht kenne. Bei einem Sender, der 2000er aufwärts spielt, würde mit das nicht passieren - nicht in der Masse.

LG Tobi
 
#35
Ja aber es war ja auch das technische Design... wenn ich mir jetzt so alte Kataloge von namhaften Herstellern angucke sind auch die Qualitätsprodukte unfassbar hässlich und ich hab das auch damals so empfunden.

Walkmans, Videorecorder oder Stereoanlagen, Ghettoblaster sahen plötzlich aus wie Kinderspielzeug. Es musste immer möglichst unsymmetrisch, rundlich und verspielt sein und auch ganz Hip waren so Neon Elemente im Plastik. Ich erinnere mich an Walkmans und MiniDisc Walkmans mit so eingearbeiteten Neon Kleksen aus Plastik, weil ja Ende der 90er auch das Walkman Logo neu kam, das sah dann so ähnlich aus wie der Nickelodeon Klecks.

Es gab damals echt ganze Hefte, wo ich optisch Alles scheisse fand. Geht mir auch heute noch so. Dieses „es muss Alles wie aus nem UFO aussehen, aber so wie wir es uns jetzt vorstellen und da muss son Bisschen Matrix Style aber verspielter, damit die Kiddies unsere 250 Mark teuren Walkmans kaufen“ hat mich tierisch genervt.

Wenn ich an die MacBooks von damals denke, die sehen aus wie ein Malkasten für Kindergarten Kinder. Ich fand das wirklich nie schön.

Ich fand’s immer ne billige, hässliche Optik und ich wollte den Walkman DD 33 auch nur, weil es nix Anderes gab. Die Vorgängermodelle waren viel schöner, designtechnisch hat man diese Ikone damit auch völlig entstellt und sie dem „aerodynamischen Look“ angepasst, wie Alles Andere.

Ich mag bis heute das 80s Design viel lieber. Ich bin auch irre froh, dass Technik heute wieder wie Technik aussieht und nicht wie Spielzeug. Ich hatte echt ganz lange Zeit so ne Phase wo ich Alles scheisse fand und dachte, dass das früher eigentlich Alles besser gewesen sein muss, weil ich mich mit Mode, Design, Musik usw. nie identifizieren konnte.

Ich mochte zwar Deutsch Rap, konnte mich mit der Hip Hop Kultur an sich aber nie so richtig anfreunden. Ich hatte nix gegen mp3 und fand auch toll was man mit Computern machen konnte, mich hat aber tierisch gestört, dass sowohl damalige Computer, als auch Zubehör und auch so Sachen wie mp3 Player und Lifestylezeugs komplett hässlich und eklig für mich war. Ganz ätzende Zeit.

Auch diese ekligen angeklatschten kurzen Haare bei Frauen im Wet Look, dazu dieses dunkle Makeup... irgendwann, als es noch zdf.kultur gab, ist mal Chart Attack wiederholt worden, mit Mike Diehl. Da hatte ich wieder dieses Kotzgefühl von damals. Alle sahen komplett Scheisse aus, die Musik war Scheisse und die ganze Sendung mit ihrer damals total modernen Hin-Her-Zickzack Kameraführung und den schnellen Schnitten hat einfach nur total genervt.

Wenn ich Musiksendungen aus den 80ern sehe empfinde ich das nicht. Da denke ich zwar auch manchmal „Gott sieht der scheisse aus.“, aber meistens doch eher „irgendwie Mega stylisch“, wenn die Bands mit ihren Synthesizern und Elektroschlagzeugen auf der Bühne stehen.

Selbst Acts wie Milli Vanilli, Tiffany, Irgendwas von Stock Aitken Waterman oder sowas damals eigentlich billiges, als Papa Bear oder Nana oder irgend ne Boygroup der späten 90er, zumal ich mich in den 80ern zu großen Teilen auch bei den schlechten Acts oft noch mit der Musik anfreunden kann.

LG Tobi
 
#36
Was mir drastisch auffällt ist, dass musikalische Arrangements seitdem immer weniger variieren. In den Songs passiert einfach nix mehr.

Es gibt zwar Strophe und Refrain aber die weichen kaum voneinander ab, höchstens in ihrer Lautheit, aber Melodie und Harmonie ändern sich in den wenigsten Songs noch so, wie das früher war. Als würde Alles vereinfacht und minimalisiert und das wird immer drastischer.
Ist ja auch klar, wieso:

Dank der technischen Möglichkeiten (Spotify & Co.) muß ein Song heute in den ersten 10 Sekunden liefern, und wenn er das nicht tut, wird ge-skipped und die Beteiligten gehen (finanziell) leer aus.

Folglich lohnt es sich gar nicht erst, Spannungsbögen aufzubauen, großartig zwischen Strophe und Refrain zu unterscheiden, oder aufwändige Arrangements zu schreiben, verbunden mit dem Risiko, dass diese möglicherweise polarisieren.
 
#37
Wohl wahr. Anderseits haben die von Komponisten gern favorisierten "Aufbaunummern", die sich erst im letzten Drittel mit vollem Arrangement entfalten, auch in der Vor-Spotify-Ära noch nie größere Chancen gehabt. Spätestens bei 1:30 muss der gewiefte Musikredakteur das Potential eines neuen Titels erfasst haben.
 
#38
The Jesus And Mary Chain - April Skies. :)
Ein schöner Titel, dazu noch ein Achtziger.
Aber nein, solche fast unbekannten, "neuen" Titel wollen die Sender nicht spielen.
Der Hörer könnte neugierig werden, sich woanders nach Musik umhören und
damit der Radiogemeinde abhanden kommen. Da feiern die Sender doch lieber
sich selbst und ihren Musikkosmos, der sich dann als spießiger Musikkleingarten
entpuppt.
 
#39
Frag doch mal was die Meisten so hören. Es heißt immer „ich hör Alles so...“ und wenn du fragst was „Alles“ bedeutet, ist es halt nur das, was aktuell in den Charts ist.

Die Leute jagen immer nur dem nach, was grad im Trend liegt und wenn es dann abgenutzt ist, ist es auch automatisch nicht mehr interessant.

Wenn ich was neu entdecke ist es mir egal, wie alt das ist, es ist für mich dann trotzdem neu, andere hören das aus Prinzip nicht. Kommt auch oft vor, dass wenn ich sage „ich höre gerne ältere Sachen.“ so en Reaktion kommt wie „Das hört meine Oma.“

Genau so reagieren Leute oft, wenn man sagt, dass man ältere Schlager mag. Da ist dann immer so ne Fremdscham und Ablehnung drauf, ich bin deswegen schon richtig gebasht worden. Schlager ist für die oft nur das, was aktuell als solcher bezeichnet wird. Oder auch, wenn die sowas sonst ja gar nicht hören. Dann heißt es halt „Eigentlich hör ich sowas ja nicht, aber wenn ich 10 Bier drin hab ist mir das egal...“, oder wenn plötzlich Helene Fischer auf Platz 1 ist, dann ist es völlig legitim zu sagen „Schlager ist scheisse, aber das find ich gut.“ und wenn son alberner Tim Toupet mit nem Kindergartenlied in den Charts ist und die Leute sich in Grossraumdissen zum Affen machen ist auch das ok, weils ja Alle machen und dann ist es nicht mehr peinlich, aber DAFÜR schäme ich mich dann fremd!

LG Tobi
 
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