Radio Eins: Die lange AMIGA-Nacht vom 29.7.-30.7.2017


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#1
Na, da rollt kommende Nacht ja was auf uns zu: Radio Eins widmet dem DDR-U-Musik-Schallplattenlabel AMIGA zu dessen 70. Geburtstag eine lange Nacht. Es gibt thematische Sendungen ab Samstag, 29.7., 21 Uhr bis Sonntag früh 5 Uhr.

Den Auftakt bestreitet Anja Caspary ab 21 Uhr mit Dieter „Maschine“ Birr (Puhdys), Angelika Mann, Thomas Natschinski und André Herzberg (Pankow).

Dann folgen Marion Brasch und Lutz Schramm ab 23 Uhr mit einem Rückblick auf die Bands, die diesen unsäglichen Namen "die anderen Bands" bekamen. Zu Gast sind Kai-Uwe Kohlschmidt (Sandow) und Jan Kummer (AG Geige).

Diese beiden Sendungen werden live sein vom Dach des RBB-Fernsehzentrums.

Ab 1 Uhr beleuchtet Holger Luckas die östlichen "Bruderländer" der DDR und deren popkulturelles Schaffen. Da werden doch glatt Erinnerungen an die entsprechende Rubrik in der legendären "Schall und Rauch"-Nacht auf DT64 vom 23. auf den 24. Dezember 1991 wach.

Ab 2 Uhr kümmert sich Knut Elstermann um den Blues, der in der DDR ja auch eine teife Verwurzelung hat. Zu Gast sind Frank „Gala“ Gahler und - achtung - Leo Gehl, der einst "Bloß Blues" auf DT64 gestaltet hat und dann viele Jahre lang den Blues beim DLF in Köln betreute.

Bei Olaf Zimmermann wird es ab 3 Uhr elektronisch. Zu Gast ist Wolfgang „Paule“ Fuchs (P.O.N.D.).

Und ab 4 Uhr legt ex-AMIGA-Chef Jörg Stempel Platten in der "Blauen Stunde" auf. Und dann kommt ja auch schon wieder die Sonne hoch...

Und wenn es der RBB nun noch schaffen würde, das Soundprocessing in dieser Nacht gegen das von z.B. DLF Kultur oder SWR 2 einzutauschen, dann wäre das grandios.
 
#2
Danke für den Tipp. Die ersten Minuten - wenn musikalisch auch nicht so ganz "meine Zeit" - klingen sehr vielversprechend: guter Wille (der Moderatorin) und Spaß an der Sache sind erkennbar, das obligatorische "Stasi-Thema (Zensur)" ist auch schon durch, Authenzität und Faktenschärfe (...in diesem Zusammenhang Gruß an den weltbesten Super-Intellektuellen-Moderator und seinen etwas reduzierten Kenntnisstand zur Anzahl von Plattenlabeln in der DDR...) kommen dann vermutlich vollumfänglich ab 23 Uhr. Ich bin mal besonders gespannt auf die ehemalige DT64-Schiene.

Ach so: was macht der MDR-Hörfunk eigentlich zum Thema? Oder ist man zu sehr beschäftigt mit "kreativen Namen für Sendungen, die gar keine sind..."
 
#4
Ich habs hier leise über Lautsprecher mitlaufen, da ist der klebrige gepresste Sound noch bissl eher zu ertragen als über Kopfhörer. Dennoch hört man das Plattenknistern lauter als alles andere.

Aber die Sendung ist bislang großartig, finde ich. Eine überaus interessierte, witzige und sehr gut fragende Anja Caspary. Nix mit "Wessi von oben mit erhobenem Zeigefinger" - es würde kaum anders laufen, wäre AMIGA ein westberliner Rockmusiklabel gewesen. Jörg Stempel ist auch absolut präzise mit Antworten und Fakten, ich lerne gerade noch etliches dazu. Die von Kulti verlinkte MDR-TV-Doku ist auch richtig gut, einiges klang darin ja auch schon an und wird nun auf Radio Eins vertieft.

Das Thema Studiotechnik ist aber etwas bizarr. In der TV-Doku heißt es dazu, aus der DDR hätte "außer den Steckdosenleisten" nix brauchbares zur Verfügung gestanden an Studiotechnik. Ich kenne die Möglichkeiten des DDR-Rundfunks, um die beneidete man die Leute in der Nalepastraße auch international. Man konnte also sehr wohl aus Adlershofer RFZ-Technik umfangreiche Mischpulte mit allem drum und dran stricken. Die Mikrofonvorverstärker der 700er Serie vom RFZ sind heute noch begehrte Komponenten und werden in aktuellen Studios (Hörspiel 2, Studio P4) für aktuelle Produktionen genutzt. Die - allerdings erst in der zweiten Hälfte der 80er Jahre bereitgestellten - Monitorlautsprecher Geithain RL900 sind eine der anerkanntesten Schallwandler überhaupt.

Woran es klemmte, waren freilich Vielspurmaschinen und Effektgeräte. Vor allem, wenn es um Effekte ging, die "westkompatiblen" Sound fabrizieren sollten. Da fanden sich schon in der Frühzeit des DDR-Rundfunks Hallgeräte von EMT. Dürfte also beim VEB Deutsche Schallplatten ähnlich gewesen sein. Also nichts mit "nur die Steckdosenleisten" waren aus der DDR. Vieles andere auch. Das belegen auch die raren Filmaufnahmen aus dem AMIGA-Studio, die in der MDR-TV-Doku zu sehen sind.

Oh Mann, André Herzberg ist ja krass drauf. Die Torte... :wow:

Wäre das RBB-Fernsehzentrum nicht einmal durch die ganze Stadt und müßte ich nicht danach mit Nachtbussen zurück, hätte ich auch versucht, mir die ersten 4 Stunden live zu geben. Und wäre bislang nicht enttäuscht worden.

Und jetzt Sandow - "Born in the GDR". Das letzte mal im Radio gehört habe ich den im Sommer 2013 auf FM4 (!).
 
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#5
Aber die Sendung ist bislang großartig, finde ich. Eine überaus interessierte, witzige und sehr gut fragende Anja Caspary. Nix mit "Wessi von oben mit erhobenem Zeigefinger" - es würde kaum anders laufen, wäre AMIGA ein westberliner Rockmusiklabel gewesen. Jörg Stempel ist auch absolut präzise mit Antworten und Fakten, ich lerne gerade noch etliches dazu.
Ja, der Fairness halber: Erstklassige Sendung!

Und jetzt Sandow - "Born in the GDR". Das letzte mal im Radio gehört habe ich den im Sommer 2013 auf FM4 (!).
Sogar 2-mal hintereinander beim Blumenau, weil der erste Wünscher nicht mit dem Original, sondern einem Remix bedient wurde, worauf ein weiterer Wünscher das Original sowie weiteres hochinteressantes DDR-Alternativ-/Underground-Material einreichte. Aber das wird jetzt zu detailliert...

Wäre das RBB-Fernsehzentrum nicht einmal durch die ganze Stadt....
Es scheint, so Anja Casparay, auch (recht) voll zu sein, d.h. ggf. macht man die Fahrt ohne noch reinzukommen.

..., denn dann müßte man dort [MDR] ja journalistisch tätig werden...
Das wird schwierig und wir wollen doch auch niemand überfordern. Vermutlich fallen vorher Weihnachten und Ostern zusammen...
 
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#6
worauf ein weiterer Wünscher
Jaja, so war das... ;)

Martin Blumenau hat mehrere CDs bekommen, die ersten beiden von Sandow, die Parocktikum-LP, dazu auch den legendären "Life in Paradise"-Sampler, dessen Musik aus der DDR rausgeschmuggelt wurde, um sie "drüben" auf eine Ost-Untergrund-Platte zu pressen und die Bandnamen zu verschweigen. Blumenau entschied sich für "Sturm im Gepäck" von "Der demokratische Konsum". Wer das Lied kennt, weiß um die "Grenzverletzung" des guten Geschmacks. Hier ist die Playlist (die letzten 4 Titel): http://rogersandega.lima-city.de/zi559.html

Und jetzt Lutz Schramm. Sehr schön, ihn mal wieder zu hören. Da fällt auch nochmal mehr Licht auf die Zeit des Parocktikum (war bei uns 1991 Donnerstag abend im Schülerinternat Pflichtveranstaltung, gleich danach kam die "Spätvorstellung" mit Marion Brasch, die war auch Pflicht - Kontrastprogramm und die gleichen Leute haben es gehört).

Oh Gott, Keks - "Hasch mich, Mädchen...". Und das Processing zieht die Plattengeräusche hoch bis sonstwohin.
 
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#8
AG Geige - "Das Möbiusband". Geil! Legendärst! Wir waren an einer Mathematik-Spezialschule in Jena und feierten angesichts dieser Glanzleistung nur noch ab. Als die "Trickbeat"-Platte von AG Geige erschien, rannte ich sofort in den Laden und schlug zu. Den Parocktikum-Sampler konnte ich aber erst längere Zeit nach dem Mauerfall ergattern. Warum auch immer.

An das grüne "Fluchtweg"-Logo des Feeling B-Debutalbums erinnere ich mich aber noch - als Schaufensterdekoration einer kleinen Volksbuchhandlung in einer Ladenpassage in Jena-Lobeda West. Mal sehen, ob Feeling B noch kommt. Müßte eigentlich, sie haben ja ausgiebig im AMIGA-Studio Brunnenstraße Party gefeiert.

Etwas unsacht sind sie mit den Stunden-Enden. Könnte man die Musik nicht ausspielen und die Nachrichten entsprechend verschieben? Oder die Nachrichten gleich nur alle 2 Stunden bringen? Die Art schaffte es nichtmal bis zum Gesang.
 
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#9
Spielen die echt von Vinyl in der "Dach-Lounge"? Ich hätte ja erwartet, aus Gründen der Sendesicherheit vorab auf Datei umzuschneiden. Aber auch Feeling B springt, daß es eine Freude ist. Damit kanns ja fast nur live von Vinyl sein.
 
#13
Habe heute auch eine wenig begeisterte Stimme zu dieser Sendung vernommen - von einem einstigen DT64-Mitarbeiter (Frühzeit, längst Rentner). Die zwei Stunden mit Anja Caspary wären bis auf André Herzberg gut gewesen. Aber er fand es dann aber empörend, wie sich André Herzberg und Kai-Uwe Kohlschmidt benommen haben. Wie Jörg Stempel angegriffen wurde und wie hilflos / unfähig Marion Brasch gewesen wäre, diese Situation zu beherrschen. Auch von einigen der Gäste der Dach-Lounge wäre entsprechendes Mißfallen geäußert worden - und die Vermutung, die Eskalation wäre "geplant" gewesen durch Einladen der entsprechenden Gäste.

Wollte das nur mal als Kontrast zur allgemeinen Begeisterung anmerken.
 
#16
Ich bin auch gerade am Nachhören, nachdem dieser eigentliche Pflichttermin grandios an mir vorüber ging. Was für eine Schande.
Und ich bete zu den Göttern, dass vielleicht doch jemand über DVB-C/S mitgeschnitten hat und das zur Verfügung stellt. Solche "Sachen" gehören archiviert, genau so wie damals die Übernahmen von Lutz Schramm und Kuttner und Rottschalk und wie sie alle hießen.

Also bitte, liebe Leute: Hat jemand?
 
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#17
Die zwei Stunden mit Anja Caspary wären bis auf André Herzberg gut gewesen.
Dem kann ich nur zustimmen. Ich weiß auch nicht warum man zu solchen Anlässen immer wieder diesen Herzberg einlädt. Der hält sich ja nun schon seit geraumer Zeit für bedeutender als er eigentlich ist. Ich wüßte ganz andere aus der Liste der DDR-Rockbands der 80er, die es eher verdient hätten und die zudem auch wesentlich besser singen können als André Herzberg. Nur weil man Pankow das erste Album gestrichen hatte? Das ist unzähligen anderen Künstlern auch passiert. "Zwischen unbefahrenen Gleisen" von Silly würde mir spontan dazu einfallen. Lutz Kilian von Rockhaus wäre zum Beispiel ein mit Sicherheit angenehmerer Gast gewesen.
Das Anja Caspary es zuließ, das Herzberg in epischer Breite erzählen konnte wie er voller Lust dem Ex-Amiga-Chef eine Torte in Gesicht geworfen hat... nun gut. Sie hätte damit kontern können, dass die ach so systemkritisch sein wollende Gruppe Pankow durch Jürgen Ehle selbst stasi-verseucht war. Aber das hätte dann wahrscheinlich zu weit geführt....
 
#18
Du kannst die Sendung(en) alle auf der radioeins-Homepage nachhören.
Bild zum Ton gibt es übrigens in Form von Video-Mitschnitten, z.B. auf der Facebook-Seite von Radio Eins. Das gibt - zumindest ging es mir so - noch einen erweiterten Blick auf die hier angesprochenen "Eskalations"-Momente.

Bei Meister Kohlschmidt hatte ich durchaus den Eindruck, dass der glasige Blick (und sprachliche Aussetzer) nicht nur eine Folge des Rotwein-Genusses war(en), mit Marion Brasch hätte ich in diesem Moment nicht tauschen wollen. Ihr oft hilfesuchender Blick zu Lutz Schramm wiederum zeugte auch nicht unbedingt von kompletter Souveränität, zumal der Schwerpunkt dieser 2 Sendestunden durch sie weniger in "70 Jahre AMIGA" gesetzt schien, als vielmehr in einer Fokussierung auf die Präsenz des Parocktikums bzw. DT64 als (vermeintlicher) "Schrittmacher" der DDR-Alterntivmusikszene. Bezeichnend dafür die Kontroverse zwischen Jörg Stempel und Lutz Schramm...("Widerstand" in der DDR waren nun beide mit Sicherheit nicht, insofern m.E. befremdlich dieses nachträgliche "Schaulaufen")

Dass ich trotzdem bis 1 Uhr am Empfänger geblieben bin, die Sendung wirklich fesselnd fand, heißt nicht, dass ich diese Widersprüche, diese ganzen Missverständnisse, diese teilweise eigenartigen Entwicklungen und manche nicht ganz nachvollziehbaren, heutigen Sichtweisen auf das eigene Wirken nicht bemerkt hätte oder gar goutieren würde.
 
#20
Bei Meister Kohlschmidt hatte ich durchaus den Eindruck, dass der glasige Blick (und sprachliche Aussetzer) nicht nur eine Folge des Rotwein-Genusses war(en), mit Marion Brasch hätte ich in diesem Moment nicht tauschen wollen.
Das bleibt mir nun mangels breitbandigem Internet erspart. Mir reichte dann schon das als Atmosphäre, was im Radio zu hören war zu diesem Thema. Mir zeigt es: auch in dieser Szene ist die Trauerarbeit in den Jahren nach 1989/90 nicht erfolgt, die nötig gewesen wäre. Und so gärt und schwelt es weiter...
 
#21
Ich fand die Sendung angesichts der Umstände recht gelungen. Ich hatte am Anfang als Maschine auflief ja ein wenig die Befürchtung, das es ein schulterklopfendes Erzählen von netten Schnurren aus der patinabehafteten Vergangenheit wird aber da Andre gleich am Anfang auf die Torte gestrullt hat kam doch etwas Fahrt auf ( Stichwort Stempel O-Ton bei AMIGA gab es nachweisslich keine Stasi Mitarbeiter). Man kann von Herzberg ja halten was man will, aber den Rock'nRoll und damit meine ich nicht nur die musikalische Seite, hat er von den grösseren Ostbands der letzten DDR Dekade bei weitem am besten verkörpert. Ich erinnere mich gern an Pankow Konzerte bei denen die Freunde von der grünen Minna welche zur Beobachtung des Publikums abgestellt waren herzhaft von der Bühne aus beleidigt wurden. Und die Stasi Jürgen Geschichte ist ja inzwischen gefühlt 100 mal erzählt und betrachtet worden (auch von Herzberg). Die letzten beiden Stunden entglitten zum Ende etwas was sicher auch mit dem Alkoholgenuss (eines Teilnehmers) zu tun hat. Lutz hat seine Rolle eigentlich auch sehr gut beschrieben und auch eingeräumt das es Musiker gab (Stichwort Olaf Tost von "die Anderen) welche es abgelehnt haben sich in ihre Kunst reinreden zu lassen. Auch das Thema Selbstzensur wurde da angesprochen und mal ehrlich fast jeder der in diesem (östlichen) Teil Deutschlands aufgewachsen ist weiss bestimmt noch wie schmal der Grad zwischen Anpassung und Rebellion manchmal sein konnte. Und im milden Abendlicht der Rückschau strickt sich dann gern jede Seite seine Legende. Auch das konnte man wunderbar zwischen den Zeilen raushören. @Radiocult Killian heißt Mike mit Vornamen.
 
#22
Und ich bete zu den Göttern, dass vielleicht doch jemand über DVB-C/S mitgeschnitten hat und das zur Verfügung stellt. Solche "Sachen" gehören archiviert, genau so wie damals die Übernahmen von Lutz Schramm und Kuttner und Rottschalk und wie sie alle hießen. Also bitte, liebe Leute: Hat jemand?
Du kannst dir die Sachen direkt von der Website runterladen. Habe ich auch gemacht.
 
#23
@Radiocult Killian heißt Mike mit Vornamen.
Stimmt auffallend. Keine Ahnung wie ich da auf Lutz gekommen bin.
Ansonsten hast du wohl Recht. Im seichten Lichte des Blicks nach Gestern redet man sich manches schöner als es tatsächlich war. Gerade die Ehle-Geschichte ist da ja ein wunderbar passendes Beispiel für... Sei es drum, das ist alles lange her. Und zurück kommt die Zeit auch nicht. Gut so!
 
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