Forschungen zur Frankfurter Schlagerbörse


Südfunk 3

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Wenn es um diese, ja, Kultsendung geht, dann gehen die Meinungen unter den Kennern auseinander: Der eine weiß, ab wann die Sendung lief, der andere weiß es besser und sagt, die hieß gar nicht Schlagerbörse, und so fort. Letzteres zum Beispiel wurde erhärtet durch die Tatsache, daß ein Themaband auftauchte, in dem eine Sendung namens Schlager-ABC angekündigt wird. Einiges wissenswertes dazu findet sich auf der sehr empfehlenswerten Website von Hartmut Stierling, die Informationen bleiben aber letztlich bruchstückhaft.

(Unumstritten jedoch ist die Tatsache, daß die Sendung stets von Hanns Verres moderiert wurde, die Legende sagt, 777mal, und er sich damit auch einen Status als Kultmoderator geschaffen hat.)

Um die Wurzeln der Schlagerbörse zu ergründen, müssen wir in der Historie ziemlich weit zurückgehen. Der Donnerstagabend war im Hessischen Rundfunk schon immer der leichten Musik gewidmet – jeweils mit wechselnden Vorzeichen; mal gab es Operettenmusik, mal Beliebte Potpourris oder zum Beispiel Musik aus Filmen. Nicht zu vergessen regelmäßig etwa alle vier Wochen Glück aus dem Äther – Die Hessische Funklotterie.

Erste Anzeichen für eine wiederkehrende Unterhaltungssendung gab es am

18. Oktober 1956: Da wurde zum erstenmal die Sendung Einmal um das Zifferblatt – mit leichter Musik aus aller Welt

ausgestrahlt, und zwar etwa dreimal monatlich, gerne auch abwechselnd mit einer Abwandlung: Einmal um das Zifferblatt – mit leichter Musik von deutschen Schallplatten. Ob, und wenn, von wem diese Sendung moderiert wurde, läßt sich anhand der vorliegenden Unterlagen nicht feststellen. Ab dem

23. Mai 1957 gab es etwas neues: Platten von heute – Erfolge von morgen? Das Neueste vom Schallplattenmarkt.

Es ist anzunehmen, daß diese Sendung moderiert war, der Titel ergäbe sonst recht wenig Sinn. Am

31. Oktober 1957 wurde sie von der Sendung Eine Stunde für alle Schlagerfreunde

– später ließ man das Wort „alle“ weg – abgelöst, und daraus entwickelte sich dann das neue Konzept: Am

5. November 1959 nämlich lief – immer noch unter dem Obertitel Eine Stunde für Schlagerfreunde – die „erste Sendung mit der neuen Hit-Parade: »Die Frankfurter Schlagerbörse«“

Da war sie nun endlich, die Schlagerbörse! Anfangs immer noch unter dem Obertitel Eine Stunde für Schlagerfreunde, später dann als solche. Nicht für allzulange jedoch: Gerade mal ein knappes halbes Jahr später wurde sie schon wieder abgekündigt: Die „letzte Ausgabe, mit Erinnerungen an diese populäre Sendereihe des Hessischen Rundfunks“ lief am

28. April 1960. Nachfolger auf dem Sendeplatz wurde Der Nächste bitte ...! Schlager, Stars und Sternchen.

Oha.

Aber offenbar hatte man die Rechnung nicht mit den Hörern gemacht: Ab dem

3. November 1960 stand Die Frankfurter Schlagerbörse

schon wieder im Programm! Doch wiederum ein halbes Jahr später war sie zum zweitenmal weg. Ab dem

4. Mai 1961 hieß es donnerstags ’ne runde Sache – Unsere Donnerstags-Plattensendung mit Hanns Verres.

Die Hörer schienen aber recht beharrlich Briefe zu schreiben, denn ab

5. November 1961 ging es mit der Frankfurter Schlagerbörse weiter.

Was aber ging in Hanns Verres bzw. den Programmverantwortlichen vor? Offenbar waren sie mit ihrer eigenen Schöpfung latent unzufrieden, denn auch diesesmal war der Sendungszeitraum nur von endlicher Dauer. Auf dem Programmplatz stand ab

3. Mai 1962 die Frankfurter Plattenlese – mit Randbemerkungen von Hanns Verres.

Und bald wiederum, man ahnt es schon, kommt ab

4. Oktober 1962 die Frankfurter Schlagerbörse wieder ins Programm.

Aber die kreative Erfolgssendungsverbannung geht weiter: Ab

9. Mai 1963 heißt sie Der Hessische Schlageranzeiger – Ein Notenblatt für Stadt und Land, herausgegeben von Hanns Verres.

Ist dieser Titel nicht großartig?! – Nicht großartig genug, er hat nicht lange Bestand: Ab

3. Oktober 1963 feiert die Frankfurter Schlagerbörse fröhliche Urständ.

Nach deren x-ter Einstellung jedoch scheint eine gewisse Stetigkeit im Programm auf: Man hat wieder einmal etwas neues erfunden, nämlich ab dem

7. Mai 1964 wird nun Das Frankfurter Schlager-ABC ausgestrahlt!

Man ist dem ständigen Wechsel der Sendungstitel offenbar überdrüssig geworden, denn diese Ära wird satte zwei Jahre andauern, bis – ja, bis der „heilige“ Sendeplatz am Donnerstag als solcher eingestellt wird! Das Feature übernimmt, und es gibt ab dem

5. Mai 1966 keine Sendung mehr.

Es gab also auch damals schon Programmreformen. Und es gab Hörer, die sich dagegen wohl heftig verwahrten! Denn am

16. Februar 1967 steigt das Frankfurter Schlager-ABC

wie Phoenix aus der Asche. Respekt, liebe Hörer von damals! Respekt genauso aber auch den Programmverantwortlichen! Man entsinnt sich sogar liebgewonnener Traditionen und benennt die Sendung am

5. Oktober 1967 wieder in Frankfurter Schlagerbörse um.

Wer hätte das gedacht? Hanns Verres hält ganze drei Jahre durch, aber dann ist es soweit: Das Konzept der Schlagerbörse ist Geschichte, ihr folgt ab dem

15.10.1970 die Internationale Hitparade nach,

jedoch immer noch von Hanns Verres moderiert. Was ihm offenbar aber bald zu langweilig wurde, denn selbstironisch nennt er seine Sendung ab dem

13. Mai 1971 Immer Ärger mit Mr. Donnerstag,

in welcher auch die deutschsprachigen Interpreten wieder ihren festen Platz haben. Dessen nicht genug, er strapaziert seine – inzwischen jedoch unerschütterliche – Hörerschaft ab dem

14. Oktober 1971 mit einer Sendung namens Schlager, Hits und Schnulzen,

die er fast eineinhalb Jahre moderierte, am

1. März 1973 war die letzte Sendung.

Ja, und das war’s mit Hanns Verres auf diesem von den Hörern geliebten donnerstäglichen Sendeplatz. Ob es tatsächlich diese sagenhaften 777 Sendungen waren? Ich habe nicht nachgezählt, aber es waren sicher nicht nur Schlagerbörsen, sondern auch deren Derivate in die Rechnung eingeflossen. Hut ab jedoch vor diesem Urgestein der Radiounterhaltung!

Über Modalitäten usw. weiß Hartmut Stierling besser Bescheid – ich merke nur zwei Erkennungsmelodien an: „The Preacher“ vom Orchester Billy May für das Schlager-ABC sowie für die Schlagerbörse „Daydream“ mit dem Orchester Tony Hatch.

Ab dem 8. März 1973 dann die Hitparade – International mit Achim Graul. Doch das wiederum ist eine ganz andere Geschichte.
 
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Hannsfan

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Eines fällt auf an der ganzen Änderitis: Es wurde immer im April/Mai oder Oktober/November gewechselt. Das ist einer mir nie verständlichen HR-Regel der frühen Jahre geschuldet: Der Teilung in Sommer- und Winterprogramm. Man dachte regelmäßig über Stimmungsanpassungen nach. Dabei feierte wohl auch die kreative Lust am Vergeben neuer Sendungstitel fröhliche Urständ...
 

Grasdackel

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Vom BR gab es jahrzehntelang halbjährliche Programmübersichten mit den Planungen für alle Programme. Die wurden auch eingescannt und stehen auf den Unternehmensseiten. Dort wurde auch immer auf Unterschiede zwischen Winter- und Sommerprogramm hingewiesen.
 

count down

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Da müssen doch am Dornbusch über Jahre zwei Strömungen gegeneinander gewirkt haben: die einen für, die andere gegen die jeweilige Sendungsform.

Oder hatte ein einziger Abteilungsleiter Tanzmusik keinen klaren Plan? Das wäre ja noch schlimmer.
 

Hannsfan

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Möglich. Kann aber auch sein, daß die damalige Unterhaltungs-Chefetage ihre Launen auslebte. Die war zu der Zeit noch nicht mit dem Protagonisten besetzt.
 

Cavemaen

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Kann jemand sagen, was aus Achim Graul wurde?

Martin Hecht hört man vereinzelt mal in der Werbung...
 

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Südfunk 3

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Hier der Text des Artikels über die Frankfurter Schlagerbörse aus dem verschollenen rundfunkwiki.de:


Die „Frankfurter Schlagerbörse“ war eine von Hanns Verres ab 1957 moderierte Sendung im 1. Programm des Hessischen Rundfunks donnerstags um 19:30 Uhr.

17 Jahre und 777 Sendungen lang präsentierte Verres aktuelle Neuerscheinungen von den Beatles bis hin zu Roy Black. Verres selbst war Swing-Fan und konnte sich seiner oft böse-sarkastischen Meinung über die Musiktitel der Sendung nicht enthalten. Manch’ Platte musste leiden, wenn Verres versuchte, sie am offenen Mikrofon zu zerbrechen. Hanns Verres selbst sagte hierzu:

„Wir haben natürlich ständig irgendwas gemacht, und ich habe mich dann natürlich arglos, harmlos und blauäugig entschuldigt für irgendwelche Pannen, die passiert sind. Ja, wir hatten einen Hund mal mit, der konnte auf Kommando heulen, […] und wir haben einfach das Mikro aufgemacht, und nachdem der Roy Black angefangen hatte zu singen hat [der Hund] geheult. Und ich habe dann zunächst auch behauptet, das wäre nicht bei uns gewesen, das müsse in der Nachbarschaft gewesen sein. – Auch da entspannen sich dann wieder wundervolle Korrespondenzen…!“

Mit einem Augenzwinkern puschte Verres auch die hessische Beatband „The Petards“ aus Schrecksbach, die dank der Unterstützung der Schlagerbörse bis zu ihrem letzten Auftritt 1972 eine beispiellose Karriere mit Hunderten von Fanclubs erlebte. Für die damals junge Generation war die Schlagerbörse eine der wenigen Möglichkeiten im deutschen Radio, populäre Beatmusik zu hören – ein enormes Hörerecho war die Folge. Verres:

„Zweifellos war [die Frankfurter Schlagerbörse] die Sendung, die die meiste Hörerpost hatte. Das lag aber nicht daran, daß die Sendung so toll war oder der Moderator so toll war, sondern es lag an dem Umfeld, das fehlte. Es gab damals fast keine Sendung für junge Leute, es war im Fernsehen noch nichts los, es gab die ganzen Stars nicht, die das Fernsehen besetzt haben, von Gottschalk, Jauch und, und, und… Diese ganzen Leute.“

Zum geflügelten Wort wurde Verres’ Abmoderation am Ende der Sendung: „Und wenn Sie Freizeit haben, dann hüpfen Sie!“ Dazu Verres:

„Das heißt gar nichts. Ich habe mir irgendeinen Film angesehen, den man sehen mußte. Der Vorfilm war ein Trickfilm, in dem ein Mann mit seinem Hund die Hauptrolle spielten, und der Tagesablauf dieser beiden wurde geschildert, und dazu sagte der Sprecher, als sie immer so hochsprangen, alle beide: ‚Und wenn sie Freizeit hatten, dann hüpften sie.‘ Auch völlig sinnlos, im Grunde bescheuert. Und dieser Satz gefiel mir so gut, ich kann eigentlich gar nicht [sagen], warum – er hatte keinen Sinn. Viele Leute haben gegrübelt und haben gesagt ‚was kann der damit meinen?‘ Ich habe auch immer etwas geheimnisvoll getan, hab’ immer gesagt neinneinnein, ich verrate das nicht. Es hatte gar keinen Sinn.“

Verres moderierte die Schlagerbörse bis 1971 und etablierte dann die Sendung „Internationale Hitparade“, später „Hitparade International“, mit Achim Graul, welcher 1973 [sic] die Sendung wiederum an Werner Reinke übergab.

Über die Frankfurter Schlagerbörse schreibt der Musikjournalist und Moderator Klaus Walter in einem Interview:

„Als Kind habe ich immer mit meinen Eltern die Schlagerbörse gehört, und schon damals wurde mir klar, welche ‚Macht‘ Musik haben kann. Pop bedeutete damals Kulturkampf zwischen deutschem Schlager à la „Ganz in weiß“ und englischer Beatmusik. Mein Vater, der ja damals auch noch ziemlich jung war, regte sich auf: ‚Die Animals – wie die schon heißen! Die klingen auch wie die Tiere!‘ Hans Verres hatte es wunderbar verstanden zu polarisieren, er bekam viele Hörerreaktionen, Briefe undsoweiter.“

Noch einmal Hanns Verres selbst zu seiner Sendung:

„Der Trick war, daß das Haus mir gestattete, meine Meinung zu sagen. Ich habe auch Titel sauergekocht, ich habe Titel gelobt, man kann sagen, wir haben in dieser Sendung auch Gruppen ‚gemacht‘, auch Titel ‚gemacht‘. Wenn ich an die ‚Petards‘ denke, zum Beispiel – wir hatten viel Spaß mit solchen Geschichten. Und: wir ließen nationale Interpreten gegen internationale kämpfen. Ich machte mir keinen Hehl aus Abneigungen, sagte das auch natürlich, und das brachte schon die Post für die nächste Sendung. Die einen, die sich überschlugen mit Schaum vor dem Mund – Und bei anderen Interpreten, die andere lobten und ich nicht mochte, da war ich auch vergleichsweise freimütig mit den Titeln, die ja mitgeschnitten wurden, gerade von den jungen Leuten, die es hörten. Und als ich mich wegen einer Meniskusverletzung hier einmal ins Krankenhaus begab, sagte ein Operationsgehilfe: ‚Ach, Sie sind doch der, der immer in die Titel reingesprochen hat in den fünfziger Jahren, ich hab’ Sie mir immer schon mal hier im OP gewünscht!‘ Er hat mich dennoch gut behandelt.“
 
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