"Hallo, hallo" vom Funkerberg


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Ein Artikel aus der Berliner Zeitung von Dienstag, 17. August 2004
"Hallo, hallo" vom Funkerberg
Eine Stiftung will in Königs Wusterhausen wieder Rundfunk machen
Jens Blankennagel

KÖNIGS WUSTERHAUSEN. Die medientechnische Revolution leitete am 22. Dezember 1920 ein Postbeamter in Königs Wusterhausen ein. Der Funktechniker war der erste Moderator im Rundfunk und seine ersten Worte waren: "Hallo, hallo! Hier ist Königs Wusterhausen auf Welle 2 700." Danach folgte die eigentliche Sensation: Ein paar Musiker hatten ein paar Pferdedecken aufgehängt und spielten in diesem "Studio" das Weihnachtslied "Stille Nacht." Erstmals wurde an diesem Tag Livemusik im Radio übertragen. Zuvor diente der Rundfunk als Spielzeug der Militärs und der Wirtschaft zur Übertragung von Morsezeichen - Radiohören war für Zivilisten bei Strafe verboten. Bis 1995 wurde vom Funkerberg in Königs Wusterhausen - der Wiege des deutschen Rundfunks - gesendet.

Nun soll der Funkerberg wieder zum Radio-Standort werden. Bisher lockte das Rundfunkmuseum einige Technikfans an. "Wir wollen hier den Rundfunk unter dem Namen Radio KW wieder aufleben lassen", sagt Cornelia Gödecke. Sie ist einer von zwei Geschäftsführern des Lokalradios. Hinter dem Projekt steht die Stiftung Funkerberg, in der 13 Leute aktiv sind - vom Anwalt bis zum Unternehmer. "Ich habe keine Ahnung von Technik", sagt sie. "Ich mache ein Radio an und dann muss es funktionieren." Die Unternehmerin hat Geschichte studiert und will mit den anderen einfach den historischen Standort erhalten.

Drittes Regionalradio im Land

Eigentliches Ziel der Stifung war es, von der Telekom das riesige Gelände mit den sieben, nicht mehr genutzten Funkhäusern zu kaufen und wieder zu beleben. Immerhin wurde noch bis 1989 wurde von dort das Programm des "Berliner Rundfunks" ausgestrahlt. Wie wichtig der Rundfunk für Königs Wusterhausen war, zeigt sich noch heute am Stadtwappen, das aussieht wie das Logo eines Radioherstellers: Über dem Europa-Ausschnitt der Weltkugel ragen drei Sendemasten in den Himmel. "Das Areal ist ein Teil der deutschen Technikgeschichte", sagt Cornelia Gödecke.

Die Stiftung hat sich für drei freie Radiofrequenzen beworben: in Königs Wusterhausen, Fürstenwalde und Lübben. Geplant ist ein werbefinanziertes 24-Stunden-Regionalradio. Für die 15 Jobs liegen bereits 70 Bewerbungen vor. Mehrere hunderttausend Euro sind für den Sendestart nötig. Nun sucht die Stiftung nach Geldgebern.

Bis zum 28. Juli gingen bei der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB) 25 Anträge für 15 Frequenzen ein. "Es gibt bisher nur zwei private Radiosender in Brandenburg", sagt MABB-Sprecherin Susanne Grams. Das Potsdamer BB-Radio sendet landesweit und ist Markführer, dazu kommt der Regionalsender Radio Cottbus. Aber einige Berliner Privatsender hätten Ableger in Brandenburg. "Wichtigstes Kriterium bei der Frequenzvergabe ist, ob der Sender zur Programmvielfalt beiträgt und ob er ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept hat", sagt sie.

Die Chefin des einzigen vergleichbaren privaten Regionalsenders im Land hält das Projekt für sehr mutig. "Gerade in Berlinnähe ist die Konkurrenz der Hauptstadtsender stark", sagt Juliane Adam von Radio Cottbus. Deshalb gebe es in Brandenburg auch nur wenige Privatradios. "Aber es ist möglich, wenn man sich nur auf lokale Werbekunden stützt", sagt sie.

Der Bürgermeister von Königs Wusterhausen unterstützt den Sender und sitzt selbst im Kuratorium der Stiftung. "Neben dem Museum wollen wir ein Lokalradio zum Anfassen mit Nachrichten für die Urlauber und Kultur- und Wirtschaftsmeldungen aus der Region", sagt Stefan Ludwig (PDS). "Der Funkerberg liegt noch im Dornröschenschlaf, doch die Stiftung will ihn von der Telekom übernehmen und zum Weltkulturerbe entwickeln." Wenn alles klappt, wird sich die Stadt mit dem Areal um die Landesgartenschau 2012 bewerben.

"Im Januar soll Sendestart sein", sagt Cornelia Gödecke von Radio KW. "Aber vielleicht schaffen wir ja auch den historischen Termin vom 20. Dezember."


"Unterbinden Sie diesen Unfug"

Beginn: 1911 machte auf dem damaligen Mühlenberg in Königs Wusterhausen die Armee erste funktechnische Versuche mit Antennen an Ballonen. Ab 1915 morste die erste Funkstation Heeresberichte. Der Ingenieur Hans Bredow versuchte, auch Sprache und Musik zu übertragen. Vorgesetzte befahlen, "diesen Unfug" zu unterbinden. Bredow forcierte als späterer Staats-sekretär den "Rundfunk für jedermann".

Reste: Von den einst sieben Funkhäusern auf dem Funkerberg stehen noch vier. Zwar überstand das Areal den Krieg fast unbeschadet, doch die sowjetischen Truppen requirierten große Teile der Technik als Reparationsleistung. Heute steht noch ein mehr als 210 Meter hoher Sendemast, einst gab es ein Dutzend. Er gilt als ältester noch stehender historischer Mast dieser Größe in ganz Deutschland.

Museumsfest: Wer schon mal sehen will, von wo Radio KW senden möchte, der kann am 21. August ab 18 Uhr die 6. Museumsnacht auf dem Funkerberg besuchen. Normalerweise ist das Museum dienstags und donnerstags von 9 bis 15 Uhr und sonnabends und sonntags von 13 bis 17 Uhr geöffnet.

Weitere Infos im Internet unter:

www.funkerberg.de
 
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